Salzkörner

Freitag, 5. November 2010

Welche Einheit wollen wir?

Unterschiedliche Zielvorstellungen behindern ökumenischen Fortschritt
Der Zweite Ökumenische Kirchentag liegt hinter uns, nicht aber die Frage vieler Menschen in unseren Gemeinden: Wie lange müssen wir noch auf die Einheit warten? Warum geht es in der Ökumene nicht recht voran? Eine der Hauptursachen sind unterschiedliche Vorstellungen über das Ziel des ökumenischen Weges.

Der Ökumenische Kirchentag in München hat deutlich gemacht, dass die Kirchen in Deutschland gewillt sind, auf dem Weg der Ökumene voranzuschreiten. Die spürbare Beteiligung der Orthodoxen und die Ausrufung des Ökumenischen Schöpfungstages haben neue Akzente gesetzt. Dennoch war in München keine Aufbruchstimmung spürbar. Woran liegt das? Sicher sind die Ursachen vielfältiger Art. Ein wesentlicher Grund dürfte darin liegen, dass die Kirchen sich nicht einig sind über das Ziel der Ökumene. Solange das Ziel unklar ist, fällt es schwer, die nächsten Schritte zu tun. Was aber ist das Ziel des ökumenischen Weges?

Spiegel des Kirchenverständnisses

Die Antwort scheint zunächst einfach: Die Einheit der Christen ist das Ziel. Aber wie soll diese Einheit aussehen? Was ist als gemeinsame Basis unabdingbar? Welche Vielfalt ist tragbar? Welche Strukturen braucht eine geeinte Kirche? Hier geben Orthodoxe, Katholiken und Protestanten ganz unterschiedliche Antworten. Aus protestantischer Sicht ist es für die Einheit der Kirche ausreichend, wenn Übereinstimmung in der Verkündigung des Evangeliums besteht und die Sakramente gemäß der Hl. Schrift gespendet werden. Orthodoxe und Katholiken stimmen diesen beiden Kriterien zu, betrachten jedoch zusätzlich das kirchliche Amt, insbesondere das Bischofsamt, als ein unverzichtbares Merkmal der Kirche. Die Katholiken unterscheidet dabei von den Orthodoxen, dass sie dem Bischof von Rom eine besondere Rolle als "Hirte der universalen Kirche" zuschreiben. So ist das Einheitsverständnis der verschiedenen Konfessionen in der Regel ein getreues Abbild des eigenen Kirchenverständnisses.

Einigungsmodelle

Vor diesem Hintergrund haben sich in der Geschichte der ökumenischen Bewegung verschiedene Einigungsmodelle entwickelt. Dabei lassen sich drei Grundtypen unterscheiden: (1) Das kooperativ-föderative Modell ist ausgerichtet auf die praktische Zusammenarbeit und das gemeinsame Zeugnis der Kirchen. Dieses Modell ist in Deutschland beispielsweise in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen umgesetzt. (2) Das Modell gegenseitiger Anerkennung basiert auf dem reformatorischen Einheitsverständnis und wird häufig mit dem Slogan "Einheit in versöhnter Verschiedenheit" umschrieben. Es ist beispielsweise in der GEKE, der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa realisiert, die 1973 durch die Leuenberger Konkordie begründet wurde. (3) Das Modell der Vereinigung bzw. Wiedervereinigung ist eng mit dem anglikanischen, katholischen und orthodoxen Verständnis von Einheit verbunden. In der Anfangsphase der ökumenischen Bewegung sprach man von "organischer Union", wie sie beispielsweise in den Unionskirchen in Kanada oder Südindien umgesetzt wurde, die vielfach mit anglikanischer Beteiligung entstanden. Auch das später entwickelte Modell der "konziliaren Gemeinschaft" von Kirchen, das stärker die Einheitsvorstellung der Orthodoxen aufgreift, gehört zu diesem Grundtypus. Wenn das Ökumenismus-Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils die "Wiederherstellung der Einheit aller Christen" als das Ziel der ökumenischen Bewegung bezeichnet, deutet dies darauf hin, dass auch die katholische Kirche das dritte Grundmodell befürwortet.

Wie soll man mit den unterschiedlichen Zielvorstellungen und Einigungsmodellen umgehen? Wenn man sie für "nicht kompatibel" erklärt, wie es die EKD in ihrem 2001 publizierten Dokument "Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis" getan hat, ist der weitere Weg verbaut, weil das eigene Verständnis von Einheit zum Maßstab möglicher Fortschritte gemacht wird. Dasselbe gilt, wenn von katholischer und orthodoxer Seite das in apostolischer Sukzession übertragene Bischofsamt zum entscheidenden Kriterium dafür reklamiert wird, ob man von "Kirche im eigentlichen Sinne" sprechen könne. Die Anerkennung des Kircheseins darf nicht von einem historischen Urteil (der lückenlosen Kette der Handauflegungen) abhängen, sondern ist Sache eines "geistlichen Urteils", wie es die Internationale lutherisch-katholische Dialogkommission in ihrem jüngsten Dokument empfiehlt ("Die Apostolizität der Kirche", Nr. 293). Wenn alle Fortschritte in der Ökumene von der "Amtsfrage" abhängig gemacht werden, geraten wir auf einen falschen Weg. Denn in der Kirche geht es nicht um einzelne Personen, sondern um die gelebte Gemeinschaft in Christus.

Wie wird Gemeinschaft erfahrbar

Das Ökumenismus-Dekret konstatiert, dass es zwischen allen Getauften "eine gewisse, wenn auch nicht vollkommene Gemeinschaft" gibt (UR 3). Die Frage ist, wie diese bereits existierende Gemeinschaft erfahrbar werden kann. Unmittelbar nach dem Konzil wurde als signifikante Änderung erfahren, dass es möglich wurde, bei der Trauung eines konfessionsverschiedenen Paares einen Seelsorger der anderen Kirche zu beteiligen. Seither sind sich die Kirchen in vielen Glaubensfragen nähergekommen, wie die zahlreichen ökumenischen Dokumente, die von offiziellen Dialogkommissionen erarbeitet wurden, verdeutlichen. Allerdings wurde es versäumt, praktische Konsequenzen aus der Übereinstimmung zu ziehen, die in diesen Texten zum Ausdruck kommt. Wenn beispielsweise Katholiken und Lutheraner sich im Verständnis der "Mitte des Evangeliums" einig sind, wie es 1999 in der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" festgehalten wurde, warum stellt dann der Prediger- oder Kanzeltausch (nicht als Regelfall, aber zu besonderen Anlässen) immer noch ein Problem dar? Und wenn wir die in den anderen Kirchen gespendete Taufe für gültig erachten, wie es 2007 in Magdeburg in der Erklärung zur wechselseitigen Taufanerkennung festgehalten wurde, warum gibt es dann immer noch Schwierigkeiten mit der Übernahme des Patenamtes in einer anderen Kirche? Sicher begründen die erwähnten Erklärungen noch keine "vollkommene" Gemeinschaft zwischen den Kirchen, aber sie ist zumindest weniger "unvollkommen" als zuvor – und das sollte auch in "konkreten Gesten, die das Herz erfassen und die Gewissen aufrütteln", zum Ausdruck kommen, wie Papst Benedikt XVI. sie in seiner ersten Rede vor den Kardinälen nach seiner Wahl zum Papst gefordert hat.

Zwischenschritte

Das Ziel der vollen Kirchengemeinschaft ist in der Tat noch weiter entfernt, als manche es in der ersten Euphorie nach dem Konzil erhofft hatten. Deshalb brauchen wir Zwischenschritte auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft, die das gewachsene Miteinander erfahrbar werden lassen. Das, was auf protestantischer Seite mit der Leuenberger Konkordie erreicht wurde, ist aus katholischer Sicht ein solcher Zwischenschritt, aber noch nicht das Ziel. Diese Feststellung darf jedoch nicht dazu führen, sich in der Ökumene ganz auf das letzte Ziel der Ökumene, die volle Gemeinschaft in der Feier der Eucharistie, zu fixieren. Weil volle Kirchengemeinschaft in absehbarer Zeit noch nicht erreicht sein wird, brauchen wir Modelle "gestufter Kirchengemeinschaft". Dass auch aus katholischer Sicht Abstufungen in den Formen gelebter Kirchengemeinschaft denkbar sind, belegen Vereinbarungen über eine begrenzte Sakramentsgemeinschaft zwischen der römisch-katholischen und der syrisch-orthodoxen Kirche (1984) und zwischen orthodoxen Assyrern und katholischen Chaldäern (2001). Die entscheidende Frage ist, ob vergleichbare Regelungen auch für Christen innerhalb der westlich-abendländischen Tradition denkbar wären. Das Kirchenrecht (can. 844, § 5) bietet durchaus Spielraum für differenzierte Lösungen, der von einigen Bischofskonferenzen (Großbritannien, Kanada, Südafrika) bereits genutzt wurde, um eigene Bestimmungen für konfessionsverbindende Paare zu erlassen.

Festzuhalten bleibt: Die Ökumene darf sich nicht in ökumenischen Dokumenten und gemeinsamen Erklärungen erschöpfen, sondern muss auch für die Gläubigen erkennbare Fortschritte mit sich bringen, wenn sie lebendig bleiben soll. Das Konzept der gestuften Kirchengemeinschaft bietet hierzu den notwendigen theologischen Rahmen. Auf dieser Basis brauchen wir Zwischenschritte auf dem Weg der Ökumene, die das gewachsene Miteinander sichtbar werden lassen.

Autor: Dr. Johannes Oeldemann, Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik, Paderborn

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