Salzkörner

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Weniger Stress, mehr Freude

Projekt "Kess-erziehen" stärkt Elternverantwortung

Unter der Überschrift "Eltern unter Druck" hat die Konrad-Adenauer-Stiftung 2008 eine Studie über die Lebenssituation von Eltern veröffentlicht. Auf der Grundlage der Sinus-Milieus® wurde dabei den Fragen nachgegangen, wie es Eltern geht und was sie brauchen. Die Studie zeigte u. a., dass sich Eltern quer durch die Milieus oft überfordert fühlen, sie jedoch unterschiedlich darauf reagieren: Eltern "gehobener" Milieus delegieren vielfach Erziehung an "Profis" in KiTas, Schulen und anderen Institutionen, Mütter und Väter aus "prekären" Milieus hingegen ziehen sich überwiegend zurück. Beides kann nicht zufriedenstellen und führt zur Frage, wie Mütter und Väter ihrer Erziehungsverantwortung gerecht werden können.

Bereits seit 2001 qualifiziert die Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung (AKF) Fachkräfte der Familienbildung nach dem Konzept "Kess-erziehen". "Kess" ist auch die Abkürzung für die Grundhaltung, die hinter dem Konzept steht: kooperativ, ermutigend, sozial, situationsorientiert. Eine Grundlage des Konzeptes liegt im individualpsychologischen Ansatz von Alfred Adler und dessen pädagogischer Umsetzung durch Rudolf Dreikurs. Danach hat jedes Kind soziale Grundbedürfnisse, und in seinem Handeln strebt es von Anfang an danach, dass diese gestillt werden. Das stärkste Grundbedürfnis ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Jedes Kind will dazugehören, sich geliebt fühlen. Jedes Kind möchte Bedeutung haben und sich geborgen und sicher fühlen. Dazugehören und wertgeschätzt werden: Daraus erwächst das, was Alfred Adler als "Gemeinschaftsgefühl" bezeichnet.

Weniger Stress, mehr Freude

Dieser Ansatz wurde zunächst im Kurs "Kess-erziehen: Weniger Stress – mehr Freude" operationalisiert. Mütter und Väter mit Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren werden u. a. darin unterstützt, ihrem Kind wertschätzend zu begegnen und Vertrauen in seine Fähigkeiten zu setzen. Sie lernen, weshalb Kinder bestimmte störende Verhaltensweisen zeigen und wie sie darauf situationsorientiert reagieren können. Und sie werden ermutigt, Grenzen respektvoll zu setzen und dem Kind die logischen und fairen Konsequenzen zuzumuten, die aus seinem Verhalten resultieren. Die Evaluierung des Kurses in den Jahren 2008 bis 2010 bestätigt, dass durch die Kursteilnahme entwicklungshemmende psychische und physische Verhaltensweisen von Eltern abgebaut werden und Problemlösefähigkeiten sowie entwicklungsförderliche Verhaltensweisen von Müttern und Vätern zunehmen. Zwei Drittel der Eltern fühlten sich hinsichtlich der Erziehung weniger gestresst, konnten Konflikte mit ihren Kindern besser lösen und notwendige Grenzen besser setzen. Insgesamt wurde dadurch die Eltern-Kind-Beziehung gestärkt. Besonders erfreulich ist, dass diese Ergebnisse auch nach einem Jahr noch Bestand hatten.

Ausweitung

Ursprünglich war nur dieser Kurs geplant, doch er hat an der Basis eine Dynamik ausgelöst. Sie hat nicht nur dazu geführt, dass mit "Kess-erziehen: Abenteuer Pubertät", "Kess-erziehen: Von Anfang an" oder "Kess-erziehen: Staunen – fragen – Gott entdecken" weitere Kurse entwickelt wurden. Mindestens genauso bedeutend ist, dass Kursleiterinnen und Kursleiter vor Ort klassische Strukturen der Familienbildung verlassen und in Kooperation mit lokalen Trägern (KiTas, Erziehungsberatungsstellen, Jugendämtern, Caritaseinrichtungen) auf Mütter und Väter zugehen. So werden beispielsweise in Zusammenarbeit mit Fachkräften der sozialpädagogischen Familienhilfe Mütter (und Väter) aus unteren sozialen Schichten erreicht.

Die einzelnen Treffen beginnen jeweils mit einem Frühstück, um Müttern und Kindern die Erfahrung des gemeinsamen Essens zu ermöglichen. Während danach die Kinder betreut werden, gehen die Kursleiterinnen situationsorientiert auf die spezifische Lebenslage der jeweiligen Väter und Mütter ein. Diese erleben sich vielfach als unfähig und äußern häufig zu Beginn die Selbstbeschreibung: "Ich bin eine schlechte Mutter". Hier gilt es, Situationen zu entdecken, in denen sie sich in Sachen Erziehung als kompetent erleben können. Ermutigung der Eltern ist hier ein bedeutsames Stichwort. Unterstützt durch Kursmaterialien in 11 verschiedenen Sprachen finden auch Kurse für Mütter und Väter mit Migrationshintergrund statt. Als weiteres Beispiel sei schließlich auf das "Coesfelder Bündnis für Erziehung" hingewiesen. Angestoßen vom Rat der Stadt haben sich unter Federführung der katholischen Familienbildungsstätte 28 verschiedene Akteure – von KiTas bis zu Schulen – zusammengeschlossen. Kernanliegen ist es, Eltern in ihrem Erziehungsverhalten zu unterstützen. Alle beteiligten Einrichtungen bieten Informations-, Gesprächs- und Beratungsmöglichkeiten und die kostenfreie Teilnahme am Kess-erziehen-Kurs an.

Elternarbeit

Nicht nur Kinder haben die oben erwähnten sozialen Grundbedürfnisse, sondern alle Menschen. Vor diesem Hintergrund lässt sich nicht nur durchbuchstabieren, welche Konsequenzen dies für die Erziehung von Kindern in verschiedenen Altersstufen hat. Es lässt sich auch die Frage stellen, welche Bedeutung die sozialen Grundbedürfnisse für die Elternarbeit und die Elternbeteiligung in KiTas und Schulen haben. Wie können Mütter und Väter erleben, dass sie für die KiTa und die Schule bedeutsam sind? Wie können sie erfahren, dass sie in KiTa und Schule etwas bewirken können? Verschiedene berufsspezifische Weiterbildungen, die auf Kess-erziehen aufbauen, tragen dem Rechnung.

ErzieherInnen

In der Fortbildung für ErzieherInnen werden diese zum einen in einer "erforschenden" Haltung bestärkt, die den Blick darauf richtet, was die Mütter und Väter an Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen, welche individuellen Erfahrungen und Erkenntnisse sie aufgrund ihrer Lebensgeschichte gemacht haben und als Ressource nutzen können. Und die Frage zu stellen, wie sie beteiligt werden können. Diese respektvolle Haltung trägt dazu bei, dass die Zusammenarbeit zwischen Eltern und ErzieherInnen gestärkt wird, ErzieherInnen ihr professionelles Handeln leichter kommunizieren und gemeinsame Absprachen besser getroffen werden können. Und durch die Verbindung von "kessen" Fortbildungen von ErzieherInnen und "Kessen" Elternkursen entstehen weitere neue Möglichkeiten, Erziehungspartnerschaften zwischen KiTa und Eltern zu stärken.

Lehrer

Auch die schulische Realität hat sich verändert: Lehrkräfte sind zunehmend in ihrem Erziehungsauftrag gefordert. Sie müssen Kinder und Jugendliche zu mitverantwortlichem Tun anleiten, Verbindlichkeiten schaffen, auf die Einhaltung von Klassenregeln achten, "Störer" integrieren, mit Müttern und Vätern kooperieren. Vor diesem Hintergrund haben das Referat Schulpastoral der Erzdiözese Freiburg, das Familienreferat im Erzbischöflichen Seelsorgeamt und die AKF das Projekt "KidS – Kess-erziehen in der Schule" gestartet, in dessen Rahmen Lehrkräfte weitergebildet und schulinterne Fortbildungstage durchgeführt werden.

Perspektiven

Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen lassen sich mindestens zwei weitere Herausforderungen benennen.
Die Stärkung von Erziehungspartnerschaften: Neben der Weiterentwicklung von KiTas zu Familienzentren sind verstärkt Schulen in den Blick zu nehmen. An ausgewählten Schulen könnte das auf Kess-erziehen basierende pädagogische Konzept installiert und das Zusammenwirken von "KidS – Kess-erziehen in der Schule" und "Kess-erziehen in der Familie" modellhaft erprobt werden.

Und die Stärkung von Müttern und Vätern in prekären Lebenssituationen: Der Bildungserfolg von Kindern ist nach wie vor entscheidend von der sozialen Situation von Müttern und Vätern abhängig. Über das Bundesprogramm "Elternchance ist Kinderchance", an dessen Umsetzung sich die AKF zusammen mit der katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft von Einrichtungen der Familienbildung im Rahmen eines Trägerkonsortiums beteiligt (www.familienbildung-ist-zukunft.de), werden ElternbegleiterInnen qualifiziert, Mütter und Väter nicht nur in Erziehungsfragen, sondern auch in Bezug auf die Bildungsbiografie ihrer Kinder zu unterstützen.

Abschließend sei schließlich auch darauf hingewiesen, dass auch die Chancen für die Kirche bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind, die in einer Verknüpfung des Ansatzes von "Kess-erziehen: Staunen – fragen – Gott entdecken" und dem katechetischen Handeln liegen können.

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Hubert Heeg Geschäftsführer der AKF - Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung e. V.

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