Salzkörner

Donnerstag, 27. April 2017

Werben für das Geschenk des Lebens

Das deutsche System der Schwangerschaftskonfliktberatung hat sich bewährt.

Bestimmte Gruppen fordern von Zeit zu Zeit unter Berufung auf das Bundesverfassungsgericht, das geltende System der Schwangerschaftskonfliktberatung zu überprüfen. Es sind dies regelmäßig jene Kreise, denen die gegenwärtige Regelung insgesamt ein Dorn im Auge ist, und die sich, soweit katholisch verortet, nachdrücklich gegen die Beteiligung der katholischen Beratungsstellen hieran gewendet haben und die nun die Arbeit von donum vitae ablehnen.

Liest man freilich die in Bezug genommene Entscheidung  vom 28. Mai 1993, so bleibt kein vernünftiger Zweifel daran möglich, dass das geltende Konzept den Schutz des ungeborenen Lebens eindeutig am besten erreicht und deshalb auch beizubehalten ist. Das BVerfG führt dort zunächst aus, die vielfältigen strafrechtlichen Regelungen, vom vollständigen Verbot seit 1871 bis zur differenzierten Indikationenlösung von 1976, hätten sämtlich nicht verhindert, dass Abtreibung eine Massenerscheinung blieb. Es hält dann fest: Schon dem Ungeborenen kommt bereits ab der Empfängnis Menschen- würde zu. Der Staat hat es deshalb grundsätzlich auch gegen seine Mutter zu schützen. Diese ist bis auf Ausnahmelagen rechtlich verpflichtet, das Kind auszutragen. Der Abbruch der Schwangerschaft ist grundsätzlich rechtswidrig und vom Staat unter Strafandrohung zu verbieten.

Es folgt die Erkenntnis, dass ein wirksamer Schutz des ungeborenen Lebens nur mit der Mutter, aber nicht gegen sie möglich ist. Folgerichtig ist der Gesetzgeber zum gelten- den Beratungskonzept übergegangen, mit dem laut BVerfG "die Schutzwirkung für das werdende Leben maßgeblich durch die beratende Einflussnahme auf die einen Schwangerschaftsabbruch erwägende Frau erreicht werden soll". Ein grundlegender Paradigmenwechsel also: Werben für die Annahme des werdenden Lebens statt Strafandrohung. Sowohl im Vergleich mit den vielfältigen früheren deutschen Regelungen wie auch im internationalen Vergleich hat sich dieses Beratungskonzept nachhaltig bewährt. Es ist nicht erkennbar, welches andere Schutzkonzept auch nur annähernd vergleichbar wirksam sein sollte. Die eine Überprüfung fordernden Kreise legen jedenfalls keine überzeugende Alternative vor, so dass man den Eindruck gewinnen könnte, es gehe mehr um die reine Lehre als den bestmöglichen Schutz des einzelnen Ungeborenen. Die deutschen Bischöfe hatten die mit der Beratungspflicht verbundene Chance erkannt, im Gespräch mit der Schwangeren für die Annahme des werdenden Lebens zu werben. Aus demselben gutem Grunde haben sie sich weitgehend gegen den angeordneten Rückzug gewehrt. Umso dringender war es die Aufgabe der katholischen Laien, diesen historischen Fehler ihrer Kirchenleitung durch den Aufbau von donum vitae auszugleichen. Mit der Bereitschaft, eine zum Leben hin ermutigende Beratung gegebenenfalls auch zu bescheinigen, wahrt nun donum vitae die Chance, in doppelter Anwartschaft für das werdende Leben – das sonst häufig keinen Fürsprecher findet – und für die Schwangere zu einer Annahme dieses Geschenks des Lebens die entscheidende Hilfestellung zu leisten. Naturgemäß findet diese Beratung in einem bergenden Raum statt, damit die Schwangere sich dort öffnen und ihrer Verantwortung stellen kann. Sie kann nicht so plakativ wirken wie Forderungen nach strengeren Gesetzen, Aufmärsche mit Kreuzen oder die Verteilung von Plastikembryos. Müssen wir aber nicht die Fragen des Weltenrichters, wie sie sich in den sieben Werken der Barmherzigkeit widerspiegeln, ergänzen: Ich war schwanger, und ihr habt mir zur Seite gestanden; ich war ungeboren, und ihr habt mir zum Leben verholfen? Und wo könnten wir das dann besser tun als im unmittelbaren Beratungsgespräch mit der Schwangeren, als im Werben um das Ja zum Geschenk des Lebens? Das geltende Recht eröffnet uns diese Chance.

 

Autor: Dr. Olaf Tyllack Rechtsanwalt, stellv. Bundesvorsitzender donum vitae

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