Salzkörner

Samstag, 15. September 2012

Wie der Dialog gelingen kann

Sieben Thesen des ZdK-Präsidenten Alois Glück

Der Dialogprozess in der katholischen Kirche geht mit dem zweiten Jahrestreffen, das unter dem Thema "Die 'Zivilisation der Liebe' – unsere Verantwortung in der freien Gesellschaft" steht, am 14./15. September 2012 in Hannover in seine entscheidende Phase. Vor zwei Jahren war es ein großer und mutiger Schritt der Bischofskonferenz und ihres Vorsitzenden, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, einen solchen Prozess anzustoßen, und es war ein gelungener Auftakt, als sich 350 Delegierte im vergangenen Juli in Mannheim zum ersten Treffen versammelten. Der Rahmen steht, das Vertrauen ist da, alle Akteure sind willig, jetzt wird sich zeigen, ob es unsere Kirche in Deutschland schafft, Wege der Erneuerung zu gehen, die diesen Namen verdienen und die durch handfeste Ergebnisse belegbar sind. Anderenfalls wären Stagnation und Enttäuschung nach innen und ein negatives Signal in die Gesellschaft die Folge. Davor kann ich nur warnen. Ich sehe Chancen und Herausforderungen, die ich in sieben Thesen zusammenfassen will.

1.   Als Kirche den Menschen dienen

Unsere Kirche muss eine dienende Kirche sein. Sie ist, um es mit den Worten von Kardinal Frings zu sagen, "für die Menschen bestellt". Als Volk Gottes tut sie es längst, sie "dient" in Gestalt vieler Menschen, Institutionen, Werke, Sozialstationen, Verbände und Räte den Menschen in unserem Land: den Armen, den Kranken, den Benachteiligten. Unsere Kirche ist – auch andere Kirchen und andere Institutionen wären zu nennen – Teil jener großen gesellschaftlichen Kraft, die unser Land im Inneren zusammenhält. Unsere Kirche folgt darin ihrem Gründer: Jesus Christus kam nicht, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen. Darum gehört "Dienstbereitschaft" im weitesten Sinne zu den Grundhaltungen unserer Kirche. Unser Auftrag ist es, den Menschen in unserem Land die Frohe Botschaft Gottes von seiner grenzenlosen Liebe anzubieten. Das betrifft uns alle gemeinsam: Bischöfe und Laien, Priester und Ordensleute, Männer und Frauen, Menschen mit Ämtern wie einfache Gläubige.

Der Dialogprozess muss zuallererst dazu beitragen, sich dieses gemeinsamen Grundauftrags zu versichern. Der Dialogprozess ist eine ausgestreckte Hand von uns allen, um gemeinsam als Kirche den Menschen zu dienen und das Evangelium zu verkünden und so Gott die Ehre zu geben.

2.   Als Kirche in der Welt präsent sein

Die "diakonia", der Dienst am Menschen und an der Gesellschaft, ist ein zentrales Wesensmerkmal unserer Kirche. Das hat Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika "Deus caritas est" 2006 noch einmal herausgestellt: "Der Liebesdienst ist für die Kirche nicht eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könnte". Für den Dienst am Menschen muss die Kirche, müssen die Christen mitten in der Gesellschaft und mitten im Leben stehen. Die Sendung der Kirche in der Welt und die gemeinsame Verantwortung aller Christen sind uns durch das II. Vatikanische Konzil aufgetragen und wurden für die Kirche in Deutschland in der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland sowie der Pastoralsynode der Katholischen Kirche in der DDR konkretisiert. Die Würzburger Synode hat mit Blick auf den "Lebensraum der Menschen als Handlungsraum der Kirche" formuliert: "Die Kirche muss unter Wahrung ihres eigenen Auftrags in der Gesellschaft präsent sein. Sie darf nicht neben ihr existieren." Sie vollzieht ihren Dienst am Menschen und an der Gesellschaft in der sozialen Diakonie, zum Beispiel in der Caritas, aber auch in der kulturellen Diakonie mit Bildungsangeboten, Kirchenmusik und vielem mehr und in der politischen Diakonie durch die politische Beteiligung und Anwaltschaft oder durch das Eine-Welt-Engagement. Anders gesagt, der Dienst in der Caritas-Kleiderkammer, die Leitung der Pfarrbibliothek oder die politische Arbeit im Stadtrat sind unterschiedliche Formen des einen und zugleich vielfältigen diakonischen Dienstes der Kirche.

Darum muss der Dialogprozess jetzt noch einmal unmissverständlich sagen: Wir sind in dieser Gesellschaft präsent, wir sind in unser Welt aktiv, wir stehen mitten im Leben und wir engagieren uns in dieser konkreten sozialen Wirklichkeit.

3.   Das Verhältnis von Kirche und Staat diskutieren

Es ist an der Zeit, offensiv über Kirche und Staat zu sprechen. Der Dienst der Christinnen und Christen am Gemeinwohl ist für unser Gemeinwesen von unschätzbarem Wert. Förderliche Rahmenbedingungen im Staat-Kirche-Verhältnis dienen beiden Seiten. Als Kirche sollten wir uns (auch) aus diesem Grund umsichtig und offensiv, jedenfalls nicht nur in einer defensiven Verteidigungshaltung, mit den zunehmenden politischen Anfragen an das bestehende Staat-Kirche-Verhältnis auseinandersetzen.

Insbesondere das kirchliche Arbeitsrecht, die Kirchenfinanzierung, aber zum Beispiel auch die Einführung des islamischen Religionsunterrichts und ähnliche Themen werden in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert.

Diese Fragestellungen sind nicht isoliert zu betrachten, sondern müssen in den größeren Zusammenhang der Neubestimmung der Rolle der Religion(en) in der weltanschaulich pluralen Gegenwartsgesellschaft gestellt und – auch im Rahmen des Dialogprozesses – von Bischöfen und Laien gemeinsam beantwortet werden.

4.   Den politischen Katholizismus mobilisieren

Ein wichtiger und unverzichtbarer Wesenskern unserer Kirche ist das Engagement der katholischen Laien. Kirche lebt durch das Volk Gottes, wir Laien machen – in der ganzen Vielfalt unseres Engagements – Kirche präsent, wo sie nur durch uns präsent sein kann, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der sozialen Gruppe, in der Nachbarschaft, in der Gemeinschaft vor Ort. Das gilt auch für den öffentlichen Raum, wie auch die Konstitution "Gaudium et spes" des II. Vatikanischen Konzils hervorhebt. Wir als Christen dürfen nicht zuschauen, sondern wollen mitgestalten. Unsere Antwort auf die Herausforderungen in Kirche, Staat und Gesellschaft ist nicht Resignation, sondern Engagement.

Im Dialogprozess werden darum zwei Aufgaben für uns Laien noch deutlicher sichtbar. Wir setzen uns dafür ein und wir müssen es im Dialogprozess verstärken, dass möglichst viele Menschen sich mit ihren Überzeugungen und Talenten in die öffentlichen Belange einbringen. Wir haben aus unserem Glauben heraus einen Beitrag zur Gestaltung des Miteinanders in unserem Land zu leisten. Wenn Christinnen und Christen sich nicht in großer Zahl im öffentlichen Leben engagieren, wenn sie keine politische Verantwortung übernehmen, wenn sie die "Option für die Armen" nicht mehr einbringen, dann wird das Diakonische in unserer Kirche schwächer.

Der Dialogprozess ist also der Ort, dass wir Laien uns verstärkt zum öffentlichen Engagement bekennen, dass wir Laien uns verstärkt bereit zeigen zum Einsatz in der Gesellschaft. Freilich gehört auch dazu, dass wir Laien durch die kirchliche Verkündigung hierin bestärkt werden. Dies gilt – ausdrücklich und insbesondere – auch im Hinblick auf die Bedingungen einer pluralen Gesellschaft und die damit oft verbundene Notwendigkeit kompromisshaften Handelns.

Der Dialogprozess muss dazu beitragen, den politischen Katholizismus zu mobilisieren.

5.   Die vielfältigen Begabungen der Laien in der Kirche zur Geltung bringen

Der zweite Teil der deutlicher werdenden Aufgaben für uns Laien besteht darin, dass unser Mitwirken in den kirchlichen Gemeinden sehr viel stärker gefragt sein wird als bisher – aber dass ihm auch deutlich mehr eigenständiger Raum gegeben werden muss. Die Entwicklung zu immer größeren pastoralen Einheiten, die sich zumeist nur an der Zahl der zur Verfügung stehenden Priester und an finanziellen Ressourcen orientiert, ist bedrückend. Für viele Menschen ist das mit einem Verlust von Heimat verbunden – und oft auch mit der Empfindung, dass die Charismen und Fähigkeiten von Laien gering geschätzt werden.

Im Dialogprozess und durch ihn muss sich dies entscheidend verändern, ja es muss ins Gegenteil verkehrt werden. In manchen Diözesen braucht es geradezu eine "kopernikanische Wende." Für die pastoralen Planungen sind die vielfältigen Begabungen der Laien von besonderer Bedeutung. Getauften und Gefirmten kann man, muss man endlich entsprechende Verantwortung übertragen – für die Kirche vor Ort und in der Kirche vor Ort. Dazu gehört, auch die Charismen von Frauen anzuerkennen und zu fördern. Gerade weil Frauen schon heute diakonische Arbeit auf vielfältige Weise leisten, erinnern wir an unsere Überzeugung, dass Frauen als Diakoninnen für die Verkündigung, für die Präsenz des Glaubens und der Kirche in den verschieden Lebensbereichen eine große Bereicherung sind.

Ein wichtiges Ergebnis im Dialogprozess sind die Arbeitsthesen eines Beirates der "Gemeinsamen Konferenz" von ZdK und Bischofskonferenz zum Zusammenwirken von Charismen und Diensten im priesterlichen, prophetischen und königlichen Volk Gottes. Das Zusammenwirken von Priestern und Laien will, so heißt es da zu Recht, kultiviert, gelernt und geistlich durchdrungen sein. Auf beiden Seiten.

Der Dialogprozess muss Wege in die Zukunft weisen: mit weniger Priestern, mit mehr beauftragten Laien in größerer Verantwortung, Männern und Frauen, die "Kirche vor Ort" verbindlich repräsentieren, die im Auftrag des Bischofs, zusammen mit Priestern und Ordensleuten, mitten unter den Menschen – und im öffentlichen Raum der Stadt oder des Dorfes – als Kirche leben und Verantwortung tragen.

6. Lebenswirklichkeiten neu bedenken

Der Dialogprozess kann nur dann erfolgreich sein, wenn er die von vielen Gläubigen – und auch von der Öffentlichkeit – empfundene große Diskrepanz zwischen kirchlicher Lehre und der Lebenswirklichkeit vieler getaufter und gefirmter Katholikinnen und Katholiken vermindert.

Darum muss im Dialogprozess auch mit großer Sensibilität die Lebenssituation der Menschen angesprochen werden. Vorrangig denken wir dabei an wiederverheiratete Geschiedene, die sich oft von ihrer Kirche verlassen fühlen. Hier zu gemeinsamen öffentlich erläuterten pastoralen Lösungen zu kommen, wäre ein wichtiger Schritt, nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für unser öffentliches Bild als barmherzige Kirche.

Wir denken auch an konfessionsverbindende Paare, die nicht gemeinsam zur Eucharistie gehen können. Wir denken an den ganzen Bereich von Sexualität und Sexualmoral. Diese Themen mögen langen Atem brauchen. Wir sprechen sie an, weil sie vielen den Weg zur Botschaft der Liebe Gottes verbauen, weil sie den Blick auf die Strahlkraft unserer Kirche verstellen, weil ihretwegen nicht so, wie eigentlich möglich, sichtbar ist: Unsere Kirche ist ein Schatz, für die Menschen und für die Gesellschaft.

7.   Bereitschaft zu Reformen

Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind für die Stellung der Kirche in unserer Zeit enorm wichtig. Die engagierten Christinnen und Christen können nur dann gesellschaftlich und politisch wirksam sein, wenn die Institution Kirche glaub- und vertrauenswürdig ist, wenn sie wegen ihres Handelns und wegen ihres Erscheinungsbildes Respekt und Wertschätzung genießt.

Insbesondere die schrecklichen Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs haben das Vertrauen gegenüber der katholischen Kirche beschädigt. Doch auch die anhaltende Dominanz innerkirchlicher Streitfragen und Widersprüchlichkeiten behindert die gesellschaftliche Wirksamkeit des Engagements im Namen der Kirche.

Darum ist der Dialogprozess eine große Chance zu zeigen: Wir sind bereit und fähig zu kompetentem Dienst in unserer Gesellschaft. Wir sind bereit zur Reform. Und dies alles aus einer tiefen Beziehung zum Evangelium heraus und aus einer tiefen Beziehung heraus zu dem uns alle tragenden, uns zu einer großen Gemeinschaft verbindenden, Leben spendenden Gott.

 

 

Autor: Alois Glück Präsident des ZdK

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