Salzkörner

Donnerstag, 31. August 2017

Wie kann Integration gelingen?

Der Ansatz des Projekts Alpen.Leben.Menschen (A.L.M.)

Das Gemeinschaftsprojekt Alpen.Leben.Menschen (A.L.M.) von Malteser Hilfsdienst e. V. und dem Deutschen Alpenverein hat sich zum Ziel gesetzt, die Integration von Geflüchteten im bayerischen Alpenraum voranzubringen. Aber wie kann Integration im ländlichen Alpenraum gelingen, wie können Vereine mit Geflüchteten umgehen und die neue Vielfalt als Chance sehen?

Ansatz: Integration durch Interaktion

Hierzu wird im Rahmen des Projekts A.L.M. der Ansatz der "Integration durch Interaktion" verfolgt. Es sollen Menschen zusammengebracht werden, die zwar im gleichen Ort leben, sich aber im Alltag im Regelfall nicht bewusst begegnen. Langfristiges Ziel ist es, die Integrationsarbeit im Alpenraum zu verstetigen und eine Benefit-Benefit-Situation für alle Alpenbewohner und ihre alpine Umwelt zu schaffen. Das Projekt soll allen Beteiligten die Chance geben, neue Freundschaften zu knüpfen, ihre (neue) Umgebung und Bewohner aus einer neuen Perspektive kennen und schätzen zu lernen sowie junge Menschen für Umweltthemen zu sensibilisieren. Der zugrunde liegende Leitsatz des Projekts lautet hierbei: "Alles, was man kennt, schätzt man. Und alles, was man schätzt, schützt man auch."  Dies trifft sowohl auf die sensible Umwelt des Alpenraums als auch auf seine neuen wie alteingesessenen Bewohner zu. Integration ist ein langfristiger Prozess und das Projekt A.L.M. möchte hierzu einen konkreten Beitrag leisten.

Entstehung der Projektidee

Es ist ein glücklicher Umstand, dass sich die beiden Organisationen Deutscher Alpenverein (DAV) und Malteser Hilfsdienst gefunden haben, um das Projekt A.L.M. gemeinsam zu gestalten. Der DAV kennt sich in den Bergen aus und steht für Offenheit und Toleranz, während sich die Malteser seit Jahrhunderten für Bedürftige einsetzen. Dass es das Projekt A.L.M. in seiner heutigen Form gibt, beruht auf einem zufälligen Treffen bei einem Workshop der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Berlin. Hier wurde schnell klar, dass man bei dem Thema Integration von Flüchtlingen und Toleranz gegenüber Betroffenen auf einer Wellenlänge liegt und dass beide Verbände gemeinsam in diesem Feld aktiv werden möchten. Neben Eigenmitteln der Vereine wird das Projekt A.L.M. aus Mitteln der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) bis August 2018 gefördert.

Together to the Top: Integration am Gipfel

Seit Oktober 2016 konnten im Rahmen von A.L.M. erste Erfahrungen in der Region Garmisch-Partenkirchen gesammelt werden. Seit März 2017 ist das Projekt A.L.M. nun im gesamten bayerischen Alpenraum vom Boden- bis zum Königsee in vier Teilregionen, mit insgesamt 47 DAV-Sektionen und fünf Malteser Dienststellen, aktiv. Was die Geflüchteten im Rahmen des Integrationsprojekts erleben, hängt von den Angeboten der lokalen DAV-Sektionen ab: Manche gehen gemeinsam wandern und haben dabei ihre neue Umgebung zum ersten Mal von oben oder in weiß gesehen, andere waren beim Klettern und Bouldern,  dem Klettern ohne Kletterseil und Klettergurt an Felsblöcken, Felswänden oder an künstlichen Kletterwänden in Absprunghöhe. Wiederum andere haben sich an Arbeitseinsätzen der Sektionen beteiligt. Während der Pilotphase wurde auch deutlich, dass eine Ausrüstungsbörse in jeder Region unabdingbar ist, damit die Geflüchteten während der A.L.M.-Aktion gut ausgerüstet sind. Viele verfügen selbst über kein bergtaugliches Schuhwerk, sodass das Angebot der Malteser Dienststellen gern angenommen wird. Derzeit werden – aufgrund der hohen Nachfrage – noch bergtaugliche Schuhe in den Größen 40 bis 44 benötigt. Der übrige Bedarf konnte dank Spenden aus der Bevölkerung und vom Bayerischen Roten Kreuz sowie von den beiden Outdoor-Herstellern Vaude und Ortovox gedeckt werden. 

Praxisbeispiel: A.L.M. in der Praxis

Bei der Organisation und Aktionslogistik werden die Ehrenamtlichen von der zentralen Projektkoordination sowie den Regionalkoordinatoren unterstützt. So wird beispielsweise die Auswahl der Geflüchteten, Fahrdienste zum Treffpunkt oder auch die Ausrüstung der Geflüchteten übernommen. Zudem werden spezifische Anforderungen hinsichtlich Sprache, Religion, Geschlecht und Weltanschauung situationsbedingt berücksichtigt. Dafür wird eng mit Ehrenamtlichen, wie den Malteser-Integrationslotsen oder den lokalen Helferkreisen Asyl, sowie unterschiedlichen Umweltbildungsträgern, wie der ANU Bayern oder dem Nationalpark Berchtesgaden, zusammengearbeitet.

Eine gelungene A.L.M.-Aktion fand im Spätherbst 2016 im Wettersteingebirge statt. Die DAV-Sektion Garmisch-Partenkirchen führte mit der Unterstützung von drei Flüchtlingen, welche vom Malteser Hilfsdienst pädagogisch vorbereitet wurden, eine Aktion für nachhaltiges Skibergsteigen durch. Unter dem Motto "Gemeinsam schaffen wir es" wurde eine bisher einmalige Lösung für Schneesportler im alpinen Raum gefunden, um einen sensiblen Naturraum auch im Winter zu schützen. Das beliebte Tourengebiet an der Alpspitze stellt einen Lebensraum für vom Aussterben bedrohte Vogelarten dar. Um gute Lebensbedingungen auch für die schutzbedürftigen Wildtiere im Winter zu erhalten, wurden gemeinsam sogenannte Skischneisen ausgeholzt. Damit wurde ein nicht nur ein Beitrag zur naturverträglicheren Ausübung der Winter-Bergsportarten in der heimischen Bergwelt, sondern auch für gelebte Integration geleistet

Erfahrungsrückschau: Ein Jahr A.L.M.

Für viele Geflüchtete stellt eine Bergwanderung etwas völlig Neues dar, welche sie aus ihren Kulturen in dieser Form nicht kennen. Einerseits wird in vielen Herkunftsländern während der Woche körperlich hart gearbeitet, sodass die Freizeitgestaltung am Wochenende eher durch non-sportive Elemente geprägt ist. Andererseits ist das anstrengende Besteigen eines Berges aus reiner Freude daran und ohne messbares Motiv, wie beispielsweise Versorgung oder Hüten von Nutztieren, vielen unbekannt. Dennoch zeigen die strahlenden Gesichter auf der A.L.M.-Website, dass das Angebot von allen Teilnehmern durchweg positiv angenommen wird. Vor allem die Geflüchteten nehmen das Angebot als willkommene Abwechslung zum Unterkunftsalltag und als Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse anzuwenden, wahr. Aber auch die "Einheimischen" geben bis dato nur positives Feedback und freuen sich über die interkulturellen Begegnungen auf dem Berg. Hier erleben sie ihre gewohnte Umgebung aus einem anderen Blickwinkel und realisieren häufig, wie privilegiert sie sind – sowohl durch ihr Lebensumfeld, wo es Wasser in ausreichenden Mengen, eine intakte Umwelt etc. gibt, als auch durch die Lebensumstände in Deutschland mit seinen demokratischen Strukturen und den nicht vorhandenen existenziellen Nöten.

Fazit

Das Projekt A.L.M. existiert nun seit knapp einem Jahr. In dieser kurzen Zeit, hat sich gezeigt, dass eine wesentliche Grundvoraussetzung für ein gesellschaftliches Miteinander der regelmäßig stattfindende Austausch auf Augenhöhe darstellt. Dieser gelingt im Rahmen vom Integrationsprojekt A.L.M. durch gemeinsame Erlebnisse in alpinem Umfeld, an welchen bereits mehr als 500 Personen beteiligt waren. Neben gemeinsamen Wanderungen organisieren die Ehrenamtlichen beider Verbände zahlreiche andere Veranstaltungen, wie Hüttenabende, Schneeschuhwanderungen oder Geocaching-Touren, bei welchen immer das Miteinander im Vordergrund steht.

Weitere Informationen, auch wie Sie sich konkret beteiligen können, finden sich unter www.alpenlebenmenschen.de

 

 

 

 

 

Autor: Anna Schober Zentrale Projektkoordination Projekt A.L.M., Malteser Hilfsdienst e. V.

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