Salzkörner

Montag, 11. Juli 2011

Wie leben mit Erinnerungen, die man kaum erträgt?

Zu den psychosozialen Folgen von Systemunrecht

Auch zwanzig Jahre nach dem Ende des Kommunismus und seiner Herrschaftsformen sind zahllose Menschen auf unterschiedliche Weise mit deren Folgen konfrontiert. Die Opfer staatlicher Repressionsmaßnahmen hatten das schwerste Schicksal zu ertragen. Soll Versöhnung gelingen, müssen Opfer – neben der individuellen Rehabilitierung und Entschädigung – aktiv in den Prozess der gesellschaftlichen Aufarbeitung einbezogen werden.

Zwar waren etwa in der DDR nach der Ära des Stalinismus, vor allem aber nach der Einigung auf die Grundsätze der Schlussakte von Helsinki der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) im Jahr 1975 physische Formen von Gewaltanwendung kein Mittel der Wahl mehr, wenngleich eine derartige Praxis damit noch lange nicht gänzlich endete.

Zersetzung der Person

Psychische Gewalt in ihren subtilen wie brutalen Erscheinungsformen wurde dafür von den Betroffenen umso häufiger erlebt, etwa in Konzeptionen zur "Zersetzung" einer Person, die auf deren soziale Isolierung, Desorientierung und auf ihre Diskreditierung gerichtet waren. Die Anwendung solcher Methoden hatte in vielen Fällen lange nachwirkende psychische Schädigungen zur Folge. Berufliches Fortkommen und eine annähernd normale Lebensführung wurden auch für diejenigen vielfach unmöglich, denen Inhaftierung und Gefängnisstrafen erspart blieben. Nach dem Ende der DDR ergaben sich daraus bleibende Benachteiligungen, die durch eine strafrechtliche Rehabilitierung und Versuche, mit Hilfe entsprechender Gesetze einen Teil des erlittenen Unrechts zu entschädigen, nicht ausgeglichen werden können.

Verstrickung

Überaus schmerzliche Wunden blieben aber auch bei manchen Menschen zurück, die die Staatsmacht nicht so sehr als ihnen feindliches Gegenüber erlebten, sondern in die Kooperation mit deren Organen ebenso systematisch wie schleichend verstrickt wurden. Die Überzeugung, im Sinne einer guten Sache zu handeln, stand nicht selten am Beginn dieser Art von Zusammenarbeit; wurde später das Ausmaß deutlicher, in welchem man dadurch an systembedingtem Unrecht beteiligt wurde, gelang es jedoch meist nicht mehr, sich daraus zurückzuziehen. Wer aber realisiert, dass er sein Handeln mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren kann, gerät in eine innere Situation, die ihn als moralisches Subjekt zu zerbrechen vermag. Wo Verdrängungsmechanismen nicht mehr weiterhelfen, kann es sehr schwer werden, mit einer solchen Situation auf Dauer zu leben. Gerade die Techniken der Verstrickung bedeuten damit einen besonders nachhaltig schädigenden "Angriff auf die Seele".

Am Phänomen der Verstrickung wird zudem deutlich, wie sehr etlichen Zusammenhängen, in denen Menschen sich vorfanden, tragische Züge zukommen. Der Versuch, im eigenen Handlungsrahmen Unrecht und Leid wenigstens zu mindern, konnte darauf hinauslaufen, auf andere Weise dem Unrecht aufzuhelfen. Erfahrungen von Ausweglosigkeit und Ohnmacht prägen die Erinnerung unzähliger Menschen, zugleich damit ihr Lebensgefühl in der Gegenwart.

Dem stehen manche Indifferenz auf Seiten derer, die in diese Rolle nicht gerieten, sowie die Rechtfertigungs-strategien der Verantwortlichen für das geschehene Systemunrecht gegenüber. Solche Strategien beruhen nur teilweise auf ideologischen Begründungsmustern; vielmehr muss beunruhigen, in welchem Ausmaß ein Handeln, das zur Zerstörung einer Persönlichkeit geführt haben kann, als unter den obwaltenden Systemzwängen konsequent und unvermeidlich interpretiert und womöglich subjektiv tatsächlich so wahrgenommen werden kann. So lässt sich die Erfüllung der jeweiligen funktionalen Aufgabe im Systemzusammenhang mit der Überzeugung verbinden, persönlich keine unehrenhaften Motive gehabt und im Einzelfall vielleicht sogar manche Milderung bewirkt zu haben.

Erinnerung – Gerechtigkeit – Versöhnung

Die Folge besteht in einer tiefgreifenden Zäsur der Lebenswelten, die Menschen, die zu Opfern von Systemunrecht wurden, von jenen trennt, die dieses verantworteten oder stillschweigend akzeptierten. Letzteren gelingt es meist, nach Wendezeiten in der unter neuen politischen Vorzeichen entstehenden gesellschaftlichen Realität wieder Fuß zu fassen. Menschen, die unter den Systembedingungen der Diktatur ausgegrenzt und verfolgt wurden, sehen sich dagegen erneut marginalisiert und von der großen Mehrheit weitgehend isoliert, schon deswegen, weil kaum jemand von ihren Erfahrungen und ihrer Lebenssituation Kenntnis nehmen will, der diese nicht selbst in ähnlicher Weise leidvoll erfahren hat.

In einer solchen Situation verbietet es sich, Kategorien wie diejenigen der Vergebung und der Versöhnung kirchlicherseits vorschnell in einen politisch-ethischen Gesprächszusammenhang einzuführen. Aufarbeitung von Systemunrecht muss sich an der Trias "Erinnerung – Gerechtigkeit – Versöhnung" orientieren. Dabei gilt es zu vermeiden, dass die Bedeutung, die dem Bemühen um eine authentische Erinnerung an das Geschehene und dem Streben nach Linderung der Folgen erlittenen Unrechts zukommt, von der Versöhnungsfrage her relativiert wird: Auch wo letztere bis auf weiteres offen steht, haben solche Bemühungen einen unverzichtbaren Eigenwert. Denn die Arbeit daran, zu authentischem, also nicht selektivem und damit verfälschendem Erinnern vorzudringen, beugt nicht nur der späteren Legendenbildung vor. Vielmehr ist sie selbst ein Beitrag dazu, ein Stück Gerechtigkeit für die Opfer von Unrechtsstrukturen und -handlungen zu schaffen und ihre verletzte Würde wieder aufzurichten: indem verhindert wird, dass die Verursachungsfaktoren und Verantwortlichkeiten für das ihnen zugefügte Leid dem kollektiven Vergessen anheimfallen.

Opfer einbeziehen

Zu den Aufgaben wiederherstellender Gerechtigkeit gehört es, jenseits individueller Rehabilitierungen und Entschädigungen die gesellschaftliche Situation von Opfern zu verändern, indem sie aus der von ihnen empfundenen Isolation befreit und aktiv in den Prozess der gesellschaftlichen Aufarbeitung einbezogen werden. Denn nicht zuletzt wird diese Wahrnehmung dadurch verstärkt, dass es ihnen unmöglich ist, über das Erlittene zu sprechen – sei es, weil die Tiefe der eigenen Verletzungen dies verwehrt, sei es, weil die lebensweltlichen Plausibilitäten der Gegenwart hierfür keinen Ort mehr zu bieten scheinen. Durch Zeitzeugengespräche, öffentliche Ehrungen der Opfer, Gedenkstättenarbeit, historisch wie didaktisch mit Sorgfalt konzipierte Publikationen, Medienarbeit und überhaupt die Thematisierung dieser Problematik im Bereich von Erziehung und Bildung kann es gelingen, geeignete Formen kollektiven Erinnerns zu entwickeln und sie zugleich vor politischer Manipulation zu schützen. Sie lassen sich im weiteren Sinne als Akte der Rehabilitation und der Entschädigung ansehen. Denn sie zielen darauf, gegen das allmähliche Vergessen anzuarbeiten, das über Zeit die Opfer ein zweites Mal zu Opfern werden lässt.

Geschützte Räume

In diesen Zusammenhang sind auch konkrete, in der karitativen bzw. diakonischen Arbeit der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland realisierte psychosoziale Hilfsangebote für Menschen zu stellen, die durch die Erfahrungen von politischer Repression traumatisiert wurden. Die Beratungstätigkeit im Rahmen dieses Projekts, die seit 2004 dezentral in den ostdeutschen Bundesländern durchgeführt wird, will den Betroffenen einen "geschützten Raum" eröffnen, in dem sie Formen der alltagspraktischen Lebensbewältigung zu entdecken und die dazu notwendigen Kraftressourcen in sich zu erschließen vermögen. Dieses niedrigschwellige Angebot kann auch solche Menschen erreichen, deren Kirchenbindung weniger stark ausgeprägt ist oder gänzlich fehlt. Der bisherige Verlauf der Beratung zeigt den Bedarf an solcher Hilfe auf. Es ist daher dringend zu wünschen, dass sie auch künftig bereitgestellt werden kann.


(Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung aus der gemeinsam von Renovabis und ZdK herausgegebenen Zeitschrift" Ost-West Europäische Perspektiven" 12. Jahrgang 2011, Heft 2, das sich dem Themenschwerpunkt "Bleibende Wunden – Psychische Folgen des Kommunismus" widmet.)

Autor: Prof. Dr. Thomas Hoppe Professor für katholische Theologie, Universität der Bundeswehr, Hamburg

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