Salzkörner

Montag, 9. März 2015

Wie man die störenden Neuen effektiv los wird

Eine nicht ganz ernst gemeinte Anleitung

Gremien haben oft ein großes inneres Beharrungsvermögen und Scheu vor Neuem und Neuen. Pfarrgemeinderäte bilden hier keine Ausnahme. Aber ohne Neues und Neue gibt es auch hier keinen Weg in die Zukunft.

Meine Entwicklungstätigkeit in den Pfarreien bringt mich viel mit Pfarrgemeinderäten in Kontakt. Vor ein paar Jahren traf ich einen engagierten jüngeren Mann, den man anhand der Sinus-Milieus wohl als "Modernen Performer" einstufen würde. Er kam anfangs hoch motiviert mit Ideen, als er aber merkte, dass es kompliziert wird, hat er nach einem halben Jahr das Handtuch geworfen. Neue tun sich in einem Pfarrgemeinderat und damit in der Pastoral immer wieder schwer. Sie passen sich offenbar nicht so einfach ein. Gerade neue Mitglieder stören das Gewohnte. Darin liegen aber wichtige Hinweise für die Arbeit im Pfarrgemeinderat.

Gehen wir es doch zunächst einmal von der verkehrten Seite an: Wie wird man die Störenfriede am besten wieder los?

Diese Störer!

Gerade für die Unerfahrenen und Neuen, meist auch die Jüngeren sind Gremien wie ein Pfarrgemeinderat zunächst eine Herausforderung. Zugleich stellen die Neuen häufig Dinge in Frage oder bringen neue Blickwinkel und Anliegen ein. Und ganz besonders interessant wird es, wenn im Pfarrgemeinderat verschiedene Milieus aufeinander treffen, wenn sich z.B. ein "Moderner Performer" in eine Gruppe "Traditionsverwurzelter" verirrt hat. Es ist meistens viel leichter zu arbeiten, wenn man sich von vornherein gut "riechen" kann oder wenn es eine wohlige Gemeinschaft ist, am besten eine Gruppe, die seit langem zusammengeschweißt ist. Was also tun? Da lassen sich einige Strategien finden, um Neue richtig einzusortieren oder ihr wirkliches Interesse zu prüfen oder, falls das alles nichts hilft, sie bald wieder loszuwerden.

Die Wurst-Preis-Strategie

Bei diesem Ansatz gehen sie am besten möglichst bald dazu über, das übliche Programm des Jahres abzuspulen. Zentral ist natürlich das Pfarrfest, für das spätestens ab der Zeit nach Weihnachten am meisten Raum reserviert wird. Natürlich sollten sie noch ein paar Andachten während der Fastenzeit oder auch das Fastenessen dabei nicht vergessen. Aber bis das Pfarrfest organisiert ist – das dauert. Und am besten nehmen sie sich eine halbe Sitzung lang Zeit, um nochmals die Preise für den Wurstverkauf zu diskutieren. Sie zeigen den Störenden damit, was zu tun ist und was wichtig ist.

Die Christbaum-Strategie

Sehr wirksam ist das Christbaum-Prinzip. Ein Christbaum wird erst dadurch schön, dass an ihm viele Kugeln und Kerzen hängen. So kann man es auch mit Ehrenamtlichen machen. Gerade die Neuen müssen noch "behängt" werden. Da findet sich im bisherigen Tätigkeitsspektrum des Pfarrgemeinderats sicherlich genügend, das man von den Neuen erwarten und fordern kann. Schließlich sollen ja nicht nur die Alten arbeiten.

Die Kreativ-Strategie

Spannend ist es auch, wenn eine Sitzung wenig vorbereitet ist. Entweder haben sie gar keine Tagesordnung oder nur eine grobe und unklare und sie wissen eigentlich noch nicht, was das Ziel der Sitzung ist. Dann bleibt viel Spielraum für Gespräche, die sich an gewissen Punkten entzünden. Alternativ geht auch, dass die Sitzungsleitung zwar eine Tagesordnung vorlegt, aber das Gespräch nicht zielführend moderiert.

Die kommunikative Strategie

Wohltuend ist es in einer Sitzung immer, wenn man einfach mal locker quatschen kann. Das verhindert zu viel inhaltliche Diskussion, die meistens irgendwie anstrengend wird, weil man wieder etwas reflektieren, verändern oder neu organisieren soll. Hilfreich ist dazu, dass sie regelmäßig am besten gleich zu Beginn der Sitzung einen ausführlichen Punkt "Rückblick" einfügen.

Die Aktiv-Strategie

Manche Pfarrgemeinderäte sind auch in der Weise erfolgreich, dass sie ein fixes Programm für das Kirchenjahr haben oder es gibt eine riesige Menge an Aktivitäten, die sie jede Sitzung dringend abhaken müssen. Sie legen am besten eine lange Liste mit Tagesordnungspunkten vor, die in kürzester Zeit abgehandelt werden müssen. So bleibt keine Luft mehr für andere Themen und damit auch keine Luft für Störungen.

Die Ermüdungsstrategie

Erfolgreich ist auch die Strategie, Sitzungen möglichst lange zu machen. Beginn um 20 Uhr und offenes Ende, am besten nie die 22-Uhr–Marke erreichen, sondern frühestens gegen 22.45 Uhr oder noch später erst zum Ende kommen! Sehr passend dazu ist es, einen wichtigen Punkt ans Ende der Tagesordnung zu stellen.

Die Aufwärm-Strategie

Jugendarbeit kann nie gut genug laufen. Das ist immer ein Gespräch wert und es lässt sich auch mit vielen anderen Themen verknüpfen. Geben sie ein wertendes Stichwort und die Diskussion kann losgehen. Auch Jammern hilft. Häufig schafft man es, dieses Thema jede zweite oder dritte Sitzung nochmals zu lancieren.

Der andere Weg: Vom Wert der Störenden!

Gehen wir den nicht ganz ernst gemeinten Strategie-Vorschlägen nochmals nach. Wie agiert ein Pfarrgemeinderat nun am besten, damit er seinen Auftrag erfüllt, Pfarrei und Kirche mitzugestalten?

Will der Pfarrgemeinderat die Pastoral der Pfarrei mit gestalten, muss er einerseits sein Tun am Evangelium und damit am Auftrag orientieren und andererseits den Menschen nahe sein und Raum lassen, um sein Handeln zu reflektieren. Einen Tag lang in einer gemeinsamen Klausur innehalten und das eigene Tun neu ausrichten ist da hilfreich.

Setzen sie sich also Ziele und planen sie die Umsetzung, um die Dinge innerhalb eines kürzeren oder längeren Zeitraums in die Umsetzung zu bringen. Und trauen sie sich auch etwas! Machen sie ihre Ziele nicht zu klein.

Bauen sie den Pfarrgemeinderat nicht als Clique sondern als Netzwerk-Knotenpunkt auf, mit dem alle Gruppen vernetzt sind. Dazu gehört auch die Kooperation mit nicht-kirchlichen Einrichtungen.

Stören die Störenden denn wirklich? Es ist eine Erkenntnis aus der Milieu-Forschung, dass es zwischen den Milieus Abgrenzungsmechanismen gibt, z.T. auch Abneigungen. Genau diese unterschiedlichen Sichtweisen tun aber einem Pfarrgemeinderat gut. Neue Mitglieder im Pfarrgemeinderat sind ideal, um neue Anregungen und Gedanken, auch theologische, zu bekommen. Die sogenannten "Störer" haben möglicherweise etwas wahrgenommen, das es wert ist zu vertiefen. Es kommt lediglich darauf an, ernsthaft und wertschätzend mit diesen Störungen umzugehen.

Achten sie auf die Ehrenamtlichen. Sie sollten ihre eigenen Ideen und Anliegen einbringen, selbst aktiv sein und auch ihre Grenzen individuell setzen können. Dazu zählt wesentlich, dass sie mitverantworten dürfen. Die Tendenz zum Christbaum-Prinzip sollte nicht passieren, um Motivationen nicht zu beschädigen.

Sitzungsgestaltung und -leitung ist gar nicht so unwesentlich. Schon allein die Vorbereitung im Vorstand ist die halbe Miete. Einladung, klare Ziele, klare Tagesordnung mit Zuständigkeiten, genügend Zeit pro Punkt, klare Gesprächsregeln, zielgerichtete Moderation, Beteiligungsmöglichkeiten an wichtigen Themen der Pastoral wie auch ein klares Sitzungsende sind z.B. zu beachten.

Und machen Sie den Pfarrgemeinderat nicht zu einem Festausschuss! Natürlich müssen wichtige Punkte eines Festes ggf. im Pfarrgemeinderat diskutiert werden. Aber versuchen sie in Ausschüssen oder Arbeitskreisen zu arbeiten.

Effektive Gremien brauchen durchdachtes Handeln ähnlich den ausbaufähigen Beispielen. Das gilt ebenfalls für den Pfarrgemeinderat. Auch manch unbedachtes Handeln kann strategisch wirken - aber wahrscheinlich nicht so wie sie es wollen.

 

 

 

Autor: Dr. Thomas Wienhardt Referent für Gemeindeentwicklung im Bistum Augsburg

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