Salzkörner

Donnerstag, 27. April 2017

Wo beginnt die Diktatur des Zeigbaren?

Über das Korrektiv einer Gesellschaft

Es ist eine Schlüsselszene in "Taxi", dem Film des mit Berufsverbot belegten iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der auf der Berlinale 2015 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde: Hana Saedi liest ihrem Onkel die Regeln für einen "zeigbaren" Film im Iran vor, die ihre Lehrerin der Klasse für ein schulisches Filmprojekt mit auf den Weg gegeben hat. Zu diesen Regeln gehören skurrile Spitzfindigkeiten – die Guten dürfen niemals Krawatte tragen – ebenso wie selbstwidersprüchlich anmutende Vorschriften. Filme sollen die Realität zeigen, aber nicht, wenn sie hässlich ist, denn dann ist es "Schwarzmalerei". Der "zeigbare" Film ist ein Werkzeug in den Händen der Herrschenden zur Instandhaltung eines politisch gewünschten Menschen- und Gesellschaftsbildes.

Wie weit kann, darf, muss Kunst gehen und wo ziehen wir, wenn überhaupt, Grenzen künstlerischer Freiheit? Diese Fragen beschäftigten spätestens nach den von Islamisten verübten Anschlägen auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo ganz Europa.

Jafar Panahis Film legt eine andere Perspektive nahe: Statt zu fragen, wo die Freiheit der Kunst endet, sollten wir vielleicht zunächst darüber nachdenken, wo die Diktatur des Zeigbaren beginnt. Sie beginnt dort, wo die künstlerische Freiheit mit einem "Aber" versehen wird, hinter dem politische Machthaber, gesellschaftliche Gruppen oder auch Einzelne ihr Terrain für sakrosankt erklären und diejenigen, die diese Grenzen nicht respektieren, Repressalien befürchten müssen. Eben deshalb traf der Anschlag auf ein Satiremagazin ganz Europa ins Mark: weil die Angst um Leib und Leben, die von solchen Attacken ausgeht, die effektivste Form einer Diktatur des Zeigbaren und Sagbaren in den Köpfen verankern kann – die Selbstzensur.

Die Freiheit der Kunst ist die Freiheit des Künstlers, ein "Aber" ohne Furcht zu ignorieren. Das bedeutet nicht, dass Kunst alles darf. Wo die Kunstfreiheit mit anderen demokratischen Grund- und Freiheitsrechten in Konflikt gerät, müssen im Zweifel Gerichte abwägen und entscheiden. Und selbstverständlich müssen Künstler, die mit ihren Werken und Äußerungen provozieren, auch Widerspruch und Kritik ertragen. Doch eine Kunst, die sich festlegen ließe auf die Grenzen des politisch Wünschenswerten, eine Kunst, die den Absolutheitsanspruch religiöser Wahrheiten respektierte, die das überall lauernde Risiko verletzter Gefühle scheute, die gar einer bestimmten Moral oder Weltanschauung diente – eine solchermaßen begrenzte oder domestizierte Kunst würde sich nicht nur ihrer Möglichkeiten, sondern auch ihres Wertes berauben.

Gerade Deutschland, das sich Demokratie und Freiheit nach der nationalsozialistischen Barbarei mühsam wieder erarbeiten musste, hat die Freiheit der Kunst aus gutem Grund in den Verfassungsrang erhoben. Die Kunstfreiheit – das ist die Lehre, die wir aus zwei Diktaturen gezogen haben – ist wie die Meinungsfreiheit konstitutiv für eine Demokratie. Kreative und Intellektuelle sind das Korrektiv einer Gesellschaft. Mit ihren Fragen, ihren Zweifeln, ihren Provokationen beleben sie den demokratischen Diskurs und sind so imstande, unsere Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie und damit auch vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu bewahren. Nicht umsonst fürchten jene, die ihre Macht dem bösen Spiel mit diffusen Ängsten und niederen Instinkten verdanken, nichts so sehr wie die gewaltigen Kräfte der Kunst: die Fähigkeit der Kunst, zu berühren; ihre Kraft, Schweigen und Tabus zu brechen; ihr Vermögen, die Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach einer besseren Welt zu wecken; ihren Ehrgeiz, nicht Rädchen, sondern Sand im Getriebe der Politik zu sein.

Allein schon deshalb lohnt es sich, die Spannungen auszuhalten zwischen der Freiheit der Meinung und Verunglimpfung, zwischen der Freiheit der Presse und Verleumdung, zwischen der Freiheit der Kunst und verletzten (religiösen) Gefühlen.

Nicht zuletzt das Erstarken der Populisten jedenfalls sollte uns den fundamentalen Wert unserer Freiheitsrechte für die Demokratie einmal mehr bewusst machen. Denn – so befand der Dichter Jean Paul schon vor 200 Jahren: "Eine Demokratie ohne ein paar Widerspruchskünstler ist undenkbar."

 

 

 

Autor: Prof. Monika Grütters MdB | Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin Sprecherin des Sachbereichs "Bildung, Kultur und Medien" des ZdK

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