Salzkörner

Montag, 25. Oktober 1999

Zeit als Chance

Aufbruch in das neue Jahrtausend
Der Katholikentag des Jahres 2000 findet vom 31. Mai bis 4. Juni in Hamburg statt. Er wird vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das ihn gemeinsam mit der Ortskirche veranstaltet, als Zeitzeichen mit appellativem Charakter verstanden und vorbereitet. Carpe diem – pflücke den Tag – tu etwas mit deinem Tag, mit deiner Zeit! In diesem Appell antiker Philosophie spiegelt sich die menschliche Erfahrung, dass Zeit ein Nichts ist, wenn in ihr nichts geschieht, und dass die Zeit, die dem Menschen zur Verfügung steht, begrenzt ist. Der Hörer dieses Wortes verstand: Ich muss meine Zeit nutzen. Das Jahr 2000, die Jahrtausendwende, zieht den Blick der Menschen unter lautstarker Begleitung der Medien auf ihre Zeit. Hoffnungen und Ängste liegen nahe beieinander. Fragen nach Vergangenheit und Zukunft haben Hochkonjunktur. Der Auftrag bleibt der alte: Nutze deine Zeit! "Ja!" antworten die Menschen damals wie heute – "Aber wie?" Katholikentag als Zeitansage In diese Zeit hinein und auf die Frage des "Aber wie?" gibt der Katholikentag 2000 in Hamburg eine Antwort mit seinem Leitwort: "Sein ist die Zeit"; und verbindet diese Antwort mit dem Zeichen der Computer-Sanduhr. Das ist keine einfache Antwort. Leitwort und Signet verdeutlichen eine grundsätzliche Spannung. Die Sanduhr, gleich ob als Stundenglas oder – wie sie uns heute häufiger begegnet – als Computersymbol, steht für die ablaufende, die begrenzte Zeit, die Zeit des Menschen. Sie signalisiert: Du Mensch bist nicht das Maß der Zeit. Du bist in die Zeit geworfen, ob du willst oder nicht. Aber du kannst mit dieser Zeit umgehen, was draus machen. Gleichzeitig ist die Sanduhr ein den Menschen entlastendes Zeichen, macht sie doch auch klar, dass der Mensch, allein oder in Gemeinschaft, nicht alles wird tun können, was zu tun er sich wünscht. Es gibt Grenzen für sein Tun. Es bleibt immer noch etwas zu tun übrig – für sich selbst, für den Nächsten und letztlich immer für Gott. Liturgie der Osternacht "Sein ist die Zeit" sagt eine andere Zeit an, eine Zeit die sich durch Gottes Handeln verändert hat. In der Liturgie der Osternacht, der das Leitwort entnommen ist, verkünden die Christen, was geschehen ist. Der ewige Gott ist durch seinen Sohn Jesus Christus zu den Menschen in die Zeit gekommen. Er hat sich die Zeit der Menschen zu eigen gemacht. Er wurde geboren, hat in der Zeit gelebt und ist am Kreuz gestorben. Durch seine Auferstehung hat er für alle Menschen den Tod überwunden, der Zeit ihren Stachel genommen. Dies bekennt in der Osternacht die Gemeinde, wenn der Priester auf der Osterkerze das Zeichen des Kreuzes einritzend spricht: Christus, gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega, Sein ist die Zeit und die Ewigkeit; Sein ist die Macht und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen. Die Welt konkret mitgestalten So wird das Bekenntnis "Sein ist die Zeit" zur Antwort der Christen auf die Frage: "Wie nutze ich meine Zeit". Jesus Christus hat die Antwort vorgelebt. Er ist mit den Menschen, besonders mit den Armen, Kranken und Verfolgten, durch ihre Zeit gegangen. Er hat sich den Problemen der Welt ausgesetzt. Er hat die Menschen aufgerufen: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Er hat ihnen gesagt: Deine Zeit hat sich verändert; denn das Reich Gottes ist bereits angebrochen. Er gab seinen Jüngern den Auftrag, diese Botschaft allen Menschen zu bringen. Der 94. Deutsche Katholikentag ruft dazu auf, diese Verpflichtung gerade an der Schwelle zum neuen Jahrtausend ernst zu nehmen. Mit seinem Leitwort und dem Sanduhr-Signet lädt das ZdK ein, gemeinsam mit allen Menschen darüber nachzudenken, wie die Welt konkret zu gestalten, wie die Zeit zu nutzen ist, die uns Gott geschenkt hat. Leitwort und Signet verkünden eine geistliche und politische Botschaft, die lautet: Als solidarische und kritische Zeitgenossen wollen sich Christen einmischen, wenn es darum geht, Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu verwirklichen.

Autor: Theodor Bolzenius, Pressesprecher des ZdK und des Katholikentags

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