Salzkörner

Montag, 31. Oktober 2011

ZuMUTungen

Das Konzil und die kirchliche Glaubwürdigkeitskrise

Vom 16. bis 20. Mai 2012 findet in Mannheim der 98. Deutsche Katholikentag statt. Unter dem Leitwort "Einen neuen Aufbruch wagen" wird er auch des 50. Jahrestages der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils gedenken und nach seiner Bedeutung für die Kirche im Heute fragen.

In unsicheren Zeiten steht Mut hoch im Kurs. Wir sind es gewohnt, Menschen daraufhin zu taxieren, welches Risiko sie eingehen und wie sie es bewältigen. Je größer dabei der Mut, desto stärker ist der Eindruck. Wir bewundern Menschen, die im Leben aufs Ganze gehen wie den Bergsteiger, der Free-Solo die Direttissima der Großen Zinne klettert, oder die Medizinerin, die in Katastrophengebieten Menschen hilft und die dabei ihr eigenes Leben nicht schont. Fehlender Mut wird dagegen kritisch vermerkt und dreister Übermut macht sogar Angst. Das notorische Zaudern der Regierungschefin gilt daher den meisten als Führungsschwäche. Und die deregulierte Tollheit der Finanzmärkte bringt nicht nur einen vor kurzem noch bewunderten Berufsstand in Verruf, sondern ganze Wirtschaftszonen ins Schleudern.

Mutlosigkeit?

Wie steht es mit dem Mut in der Kirche? Für eine stetig wachsende Zahl von Menschen fehlt es an Mut, sich an die Lösung von allseits bekannten Problemen zu machen, die seit Jahrzehnten als dringend erfahren werden. Dabei hilft es wenig, dass die meisten kirchlich Engagierten davon ausgehen, dass auch die Bischöfe von der Überfälligkeit überzeugt sind, auch wenn sie es offiziell nicht zugeben. Diese Menschen mahnen immer lauter eine ehrliche Auseinandersetzung mit den wahren Ursachen der Kirchenkrise an und sie lassen nicht ab, einen Dialog der mutigen Schritte einzufordern. Ein Abwiegeln zögerlicher Nichtzuständigkeit und päpstliche Vorschläge, sich stattdessen als Kirche weiter zu entweltlichen, greifen nicht. Sie verstärken eher den Eindruck, dass es an Mut fehle, bei sich selbst nach den Ursachen der Probleme zu sehen und nicht nur wohlfeil die anderen darin zu verstricken.

Konzil als Gegenprogramm

Es gibt jedoch ein Gegenprogramm, das die Kirche sogar selbst aufgestellt hat. So hat das Zweite Vatikanische Konzil der Kirche zugemutet, über sich hinaus zu wachsen. An dieser Zumutung laboriert sie immer noch, worauf hinzuweisen die notorisch konzilsfeindlichen Piusbrüder nicht müde werden. Sie liegen dabei gar nicht einmal so falsch. Allerdings war das Konzil nicht eine Zumutung, wie es die Piusbrüder gerne gebrandmarkt sähen, vielmehr ist es eine Zumutung. Dieser Wechsel von der Vergangenheit in die Gegenwart macht einen entscheidenden Unterschied. Betrachtet man die Zumutung bloß als vergangene Größe, dann ist es Zeit, sie endlich hinter sich zu lassen, also das Konzil ad acta zu legen. Das ist der Weg derer, die sich von der konziliaren Konfrontation bei den eigenen Schwächen ertappt sehen und sich herauswinden wollen. Erfasst man die Zumutung jedoch mit der Gegenwart, dann stiftet das Konzil dazu an, gerade den Fragen von Menschen und just den Problemen der Kirche nicht auszuweichen. Aus der Zumutung wird dann eine Quelle des Mutes.

Katholikentagsprojekt

Auf dem Katholikentag in Mannheim geht es um diesen zweiten Aspekt. Das Hauptpodium "ZuMUTungen des II. Vatikanischen Konzils – Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute" stellt in den Mittelpunkt, welche Ermutigung von Menschen heute ausgeht und wie jetzt die Zumutung des Konzils wirkt. Zeitzeugen und Nachgeborene sind eingeladen, ihre jeweiligen Erfahrungen mit dem Zweiten Vatikanum zu schildern und jenen Wechsel von der Konfrontation in die Ermutigung mitzuteilen, der für sie vom Konzil ausgeht. Das lässt nicht zuletzt das Spektrum der Veränderungen abschätzen, die durch das Konzil zwar angestoßen wurden, denen aber danach wieder ausgewichen wurde. Es fällt schließlich allen in der Kirche schwer, über sich hinauszuwachsen, und das gilt besonders dann, wenn sich Verunsicherung breit macht. Und doch wird der Kirche nicht weniger als das von ihrem eigenen Konzil zugemutet.

Es nimmt schließlich die Katholiken in die Pflicht der Menschheit und Gottes. Es verlangte deshalb von ihnen als Kirche, Zeichen und Werkzeug für deren heilvolle Verbindung zu sein (Lumen gentium 1). Wir sind also genötigt, uns mit nicht weniger als allen Menschen zu befassen, die es nun einmal heute gibt, gleich welche säkularen Schwächen sie haben und sogar jenseits einer Antikirchlichkeit, selbst wenn sie begründet vermutet werden kann. Die Menschen von heute sind vor Gott und dem Evangelium von ihren Stärken her zu gewichtigen, also ihren Freuden und Hoffnungen, Trauer und Ängsten (Gaudium et spes 1). Die natürlich ebenfalls vorhandenen Schwächen sind kein Grund, sich von ihnen abzuwenden; denn Gott ist nun einmal mit ihren Stärken verbunden. Gemäß dem Konzil kann sich deshalb keine Kirche, die Kirche Jesu Christi sein will, auf die beschränken, die keine Zumutung für sie darstellen. Der wehmütige Blick auf die, die der Kirche in der Vergangenheit ohne lauten Protest gefolgt sind, und die Sehnsucht nach der kleinen Zahl, derer die in der Zukunft habituell noch zu dem kirchlich präferierten Milieu passen, genügen für ein Volk Gottes nicht.

Das aber ist schwer, weil die Stärken der anderen, die man sich zumutet, mit den eigenen kirchlichen Schwächen konfrontiert und den fehlenden Mut, über sich hinauszuwachsen, umso schmerzlicher vermissen lassen. Für die katholische Kirche ist das sogar doppelt schwer, weil es ihrem Selbstverständnis als "perfekte Gesellschaft" zuwiderläuft, das sie vor dem Konzil auszeichnete.

Spätestens in den Skandalen des sexuellen Missbrauchs hat sich diese Strategie als Bumerang einer Selbstgerechtigkeit erwiesen, die eine Diktatur der Relativierung der eigenen kirchlichen Fehler und Schuld offenbart. Seither ist die Glaubwürdigkeit der Kirche in der Öffentlichkeit ihrer Zeitgenossen nachhaltig erschüttert. Es zeigt sich ebenso hart wie klar, dass Kirche von Voraussetzungen lebt, die sie gerade nicht selbst garantieren kann, und dass die Geltung der Menschenrechte in ihrem Innern dazu gehört. Aber deshalb wird diese Geltung ihr unausweichlich von außen abgefordert werden.

"Auftreten statt austreten"

Dieser kirchlichen Glaubwürdigkeitskrise stellt sich ein weiteres Hauptpodium, das sich ebenfalls der Ermutigung verschrieben hat. Mit dem Fanal "Auftreten statt austreten – Einstehen für eine glaubwürdige Kirche" wird der Weg zurück in die Glaubwürdigkeit verhandelt. Er wird möglich, wenn und weil sich Menschen in ihr ebenso aufmerksam wie entschlossen mit den Fragen und Sorgen heutiger Menschen solidarisieren. Aus dem Handlungsdruck, der von der Kirchenkrise ausgeht, lassen sich weder ein Kerngeschäft deduzieren, das Kirche unangreifbar machen würde, noch eine Reduzierung überflüssiger Vernetzungen induzieren, die ihr Reinheit garantieren würde. Vielmehr birgt gerade der Druck, der Bedeutung der eigenen Botschaft gerade dann nicht auszuweichen, wenn sie selbstverschuldet verdeckt wird, eine Fülle von Überraschungen, die den Mut zum Evangelium anstacheln.

Auch das ist eine konziliare Zumutung, weil das Evangelium jenseits der Zeichen der jeweiligen Zeit nicht wirklich zu verstehen ist. Diese Zeichen aber können von der Kirche nur entdeckt werden; sie kann sie nicht generieren. Denn es handelt sich jeweils um Menschen, die an realen Orten der globalisierten Welt um die Anerkennung ihrer Würde ringen müssen. Wenn Christen sich auf diese Menschen einstellen, werden sie unvermeidbar in Aus- einandersetzungen hineingezogen, die von ihnen ein tieferes Verständnis der Botschaft Jesu abverlangen. Das geht nie ohne die Zumutung ab, jene Fehler einzusehen, die man selbst in der Umsetzung dieser Botschaft gemacht hat. Aber diese Zumutung ist eine eigene Form von Souveränität. Sie kommt aus der Ohnmacht, weder Gott noch den Menschen heute ausweichen zu können und in ihnen die Bedeutung wahrzunehmen, die das Evangelium tatsächlich hat. Auch das ist eine Form des Mutes, nämlich die Demut vor der Würde der anderen und der Gegenwart Gottes bei ihnen.

Autor: Prof. Dr. Hans-Joachim Sander, Dogmatiker an der Universität Salzburg

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