Salzkörner

Montag, 30. August 1999

Zugleich gerechtfertigt und doch ein Sünder

Gedanken zur Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre
Wenn am 30. und 31. Oktober Repräsentanten der Katholischen Kirche und der im Lutherischen Weltbund vereinigten Kirchen in Augsburg zusammenkommen, um die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre feierlich zu unterzeichnen, so ist dies ein Markstein in der ökumenischen Entwicklung. Was ist erreicht worden? Auch wenn das Ringen um die Einheit der Christen nicht auf das Verhältnis zwischen den Katholiken und den Lutheranern beschränkt werden darf, so ist doch unübersehbar, dass die Frage Martin Luthers nach dem gnädigen Gott, der rechtfertigt, erlöst und befreit, für die westliche Christenheit seit den Zeiten der Reformation von zentraler Bedeutung war und ist. Die Nachricht, eine weltweit zusammengesetzte katholisch-lutherische Theologenkommission habe im Auftrag ihrer Kirchen eine gemeinsame Erklärung erarbeitet, wurde von vielen katholischen und evangelischen Christen in Deutschland mit großer Freude aufgenommen. Mit dem Streit über das Verständnis der Rechtfertigung begann die Reformation in Deutschland. Besteht jetzt die Hoffnung, dass auf dem gemeinsam formulierten Fundament die Einheit der Kirchen neu errichtet werden kann? Die Wahl Augsburgs, das durch seine Geschichte für den Umgang der christlichen Konfessionen im Gegeneinander, Nebeneinander und Miteinander steht, als Ort der Unterzeichnung unterstreicht, dass sich die beteiligten Kirchen der Bedeutung dieses Schritts wohl bewusst sind. Dennoch haben uns die auf die Ankündigung folgenden Auseinandersetzungen, Nachbesserungen und Klärungen während der vergangenen beiden Jahre die ökumenische Wirklichkeit, für die und in der diese Erklärung steht, nachdrücklich vor Augen geführt. Trotz der damit verbundenen Enttäuschung und der Sorge, die Unterzeichnung der Erklärung käme doch nicht zustande, hat diese Debatte auch dazu geholfen, die richtigen Proportionen zu verdeutlichen und Enttäuschungen zu vermeiden. Denn die Ehrlichkeit gebietet es, wie Burkhard Neumann schreibt, deutlich zu sagen, dass der in der Erklärung beschriebene Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre "für die Gemeinden zunächst einmal keine direkten, praktisch unmittelbar greifbaren Konsequenzen" haben wird und auch nicht haben kann. Bisherige Arbeit gesichert, differenzierter Konsens, höhere Sensibilität Die Bedeutung der Erklärung und ihre Wirkung für den künftigen ökumenischen Weg zur Einheit der Christen läßt sich vor allem an drei Punkten festmachen. Der wohl wichtigste Ertrag besteht darin, die Ergebnisse der jahrzehntelangen ökumenischen Arbeit lutherischer und katholischer Theologen zusammenzubringen und durch Beschlüsse und Zustimmungen kirchlicher Entscheidungsträger gleichsam sicherzustellen. "Unsere Erklärung", so heißt es in der Präambel ausdrücklich, "ist keine neue und selbstständige Darstellung neben den bisherigen Dialogberichten und Dokumenten, erst recht will sie diese nicht ersetzen. Sie bezieht sich vielmehr ... auf die genannten Texte und deren Argumentation". Damit ist eine Stufe des gemeinsamen theologischen Nachdenkens und Aussprechens bezeichnet, die voranweist und an der Fortschritt wie Rückschritt des künftigen Weges zu bezeichnen sein werden. Sodann gelingt der gemeinsamen Erklärung der Schritt nach vorn durch das Modell des "differenzierten Konsenses", das ganz maßgeblich auf den lutherischen Theologen Harding Meyer zurückgeht. Denn sie "enthält nicht alles, was in jeder der Kirchen über Rechtfertigung gelehrt wird; sie umfaßt aber einen Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre und zeigt, dass die weiterhin unterschiedlichen Entfaltungen nicht länger Anlass für Lehrverurteilungen sind". Diese Art des Konsens könnte weitere dialogische Ergebnisse ermöglichen. Schließlich haben sowohl die Gespräche, die zum Entwurf des Erklärungstextes führten, als auch die nachfolgenden Einwände, Anfragen und Klärungen, obwohl sie von vielen als belastend und beeinträchtigend empfunden wurden, zu einer höheren Sensibilität für die Bedenken und Schwierigkeiten des ökumenischen Partners geführt. So haben die katholischen Theologen Otto Hermann Pesch und Bernd Jochen Hilberath angeregt, die Begriffe "Verdienst" und "Mitwirkung" in bezug auf Jesu Christi Erlösungstat zu meiden, auch wenn deren Sinn nur darin besteht, der Gefahr des Passivismus im Leben des Christen zu wehren. Unser Hoffen: Die gemeinsame Abendmahlsfeier Unsere Hoffnung besteht darin, dass das theologische Bemühen über den Konsens in den Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre hinausgeführt wird und Gott dem gemeinsamen Nachdenken über die Glaubenswahrheiten als Frucht in absehbarer Zeit auch eine miteinander versöhnte Sicht katholischer und evangelischer Christen auf das Wesen der Kirche und auf das Amt in der Kirche schenkt. Denn ein solcher Konsens öffnete den Weg zur gemeinsamen Abendmahlsfeier, die für viele Christen ein großes Anliegen ist und die zugleich der glaubensfernen Gesellschaft ein deutliches Zeichen unserer Einheit mit Gott und untereinander wäre – in einer Zeit der Zerrissenheit und der rücksichtslosen Konkurrenz. Auch wenn die Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zunächst keine unmittelbaren tiefgreifenden Wirkungen auf die kirchliche Praxis haben kann, so gibt es doch zwei Einsichten, die für die christliche Existenz in der Gesellschaft von heute zu beachten sind. Eine wichtige Einsicht folgt aus dem Zustandekommen der Erklärung als Kommunikationsvorgang. Der evangelische Theologe Reinhard Frieling hat auf die doppelte Dolmetschnotwendigkeit hingewiesen, als er sagte: "Theologie ist Dolmetschen: nämlich Gottes Wort in der Sprache unserer Zeit zu sagen". Und: "Ökumene ist Dolmetschen: nämlich die katholische Sprache in die evangelische und die evangelische in die katholische zu übertragen". Das Problem unserer Zeit besteht nun darin, dass die geschichtliche Sprache des theologischen Konflikts nicht die Sprache der Gegenwart ist. Denn: "Auch die Gemeinsame katholisch-lutherische Erklärung von 1997 redet die Sprache des Mittelalters. Und auch die Kritiker dieser Erklärung tun es, denn sie fixieren den christlichen Glauben auf die alten kontroversen Glaubensformeln ....". Eine Illusion: Erlösung durch Selbstverwirklichung Wenn die Christen also den Konsens in den Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre zur gemeinsamen Grundlage des Gesprächs mit den Menschen ihrer nichtchristlichen Umwelt machen wollen, müssen sie sich selbst und den anderen verständlich machen, was es denn sprachlich wie praktisch bedeutet, gerechtfertigt zu sein. Katholiken können hinzufügen, es heißt erlöst sein, wiedergeboren in einem neuen Leben durch das Erlösungshandeln Gottes. Manche Christen unserer Zeit würden vorschlagen zu sagen: Gott hat uns befreit. Das könnten auch Nichtchristen unter unseren Mitmenschen verstehen, aber ihre Gegenfrage lautet: Wovon sind wir befreit, wozu sind wir befreit und von wem? Wir befreien uns selbst. Viele in diesem Jahrhundert setzen auf eine neue Gesellschaft, die von allem Unglück erlösen soll. Als Mitte der siebziger Jahre der Sozialismus noch auf Erfolge hoffen konnte, sagte unsere Pastoralsynode in Dresden: "Die Hoffnung, die Gott uns in Jesus Christus schenkt, ermöglicht eine nüchterne Beurteilung allen menschlichen Tuns und befreit von dem Zwang, die Erfahrung unserer Unzulänglichkeit zu verdrängen. Sie schützt uns vor einer Verzweiflung, die auf Enttäuschung und Versagen folgt, und läßt uns beharrlich an der Gestaltung einer Welt arbeiten, wie sie dem Willen unseres Herrn entspricht. Diese Hoffnung ruft dazu auf, die Welt nach Kräften zu verändern, befreit uns aber von der Last, die neue Welt aus eigener Kraft schaffen zu müssen". Der Versuch der gesellschaftlichen Selbsterlösung ist gescheitert. Heute setzen viele auf die Erlösung durch Selbstverwirklichung. Wie viel Lebensruinen werden auf diese Illusion folgen? Noch bis vor kurzem haben sich katholische und evangelische Theologen um den Satz Martin Luthers gestritten, der Mensch sei "simul justus et peccator", zugleich gerechtfertigt und ein Sünder. Was sind die Verschiedenheit evangelischer und katholischer Sichten auf diese alte Formel verglichen mit der Weigerung vieler unserer Mitmenschen, die unumstößliche Wahrheit zu begreifen und zu akzeptieren, dass der Mensch sich nicht selbst erlösen kann und dass jede menschliche Befreiung unzulänglich und begrenzt bleibt. Gott aber hat uns durch Jesus Christus dafür gerecht gemacht, erlöst und befreit, trotz und mit all unserer Unzulänglichkeit, für unsere Mitmenschen da zu sein und so in unserem Leben einen unzerstörbaren Sinn zu entdecken.

Autor: Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, Präsident des ZdK

zurück zur Übersicht