Salzkörner

Montag, 11. Juli 2011

Zukunft einkaufen – Weichen stellen für eine glaubwürdige Kirche

Ein ökumenisches Projekt

Zur Entwicklung eines neuen und nachhaltigen Lebensstils gehört die Entscheidung bewusster einzukaufen, Quantitäten und Qualitäten neu zu beurteilen, die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen einer Kaufentscheidung abzuwägen. Die christlichen Kirchen in Deutschland sollen durch ihr Einkaufsverhalten mit gutem Beispiel vorangehen. Mit einem neuen Managementsystem soll der Versuch gemacht werden, kirchliche Institutionen, Einrichtungen und Gemeinden beim ökologischen, fairen und wirtschaftlichen Einkaufsverhalten zu unterstützen.

Umweltkatastrophen verheerenden Ausmaßes nehmen zu. Internet, Fernsehen, Zeitungen und Radiosendungen lösen mit Bildern und Berichten leidender Menschen weltweite Wellen punktueller Solidarität aus. Benedikt XVI. ruft zu einer radikalen ökologischen Wende auf. In seiner Botschaft zum katholischen Weltfriedenstag am 1. Januar 2010 mahnt er, zu neuen Lebensweisen zu finden und die "Logik des Konsums" hinter sich zu lassen. Kann es einer Kirche, die über Missbrauch, Zusammenlegung von Gemeinden und Priestermangel jahrzehntelang oft erbittert und zum Teil schon verbittert diskutiert, noch gelingen, ihrem missionarischen Auftrag eines neuen Lebensstils nachzukommen, voranzugehen und eine zukunftsweisende Visions-Rolle zu übernehmen?

Das Projekt

In dem Projekt "Zukunft einkaufen – glaubwürdig wirtschaften in den Kirchen", das unter der Schirmherrschaft von Alois Glück durch die Umweltbeauftragten der evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland entwickelt und für Caritas und Diakonie in den nächsten Jahren weiterentwickelt wird, ist der Versuch gemacht worden, den kirchlichen Einrichtungen in Deutschland durch ein neues Managementsystem ein ökologisches, faires, aber auch wirtschaftliches Handeln nahezubringen. Das Projekt wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt unterstützt.

Kriterien

Es ist ein Unterschied, ob wir "grünen Strom" oder "normalen Strom", "Recyclingpapier" oder "normales Papier", "ökofairen Tee" oder "konventionellen Tee" kaufen. Mit jedem Euro, den wir ausgeben, entscheiden wir mit, wie unsere Welt und das Leben in ihr zukünftig aussieht. Ob weitere Kohlekraftwerke entstehen oder Windräder, ob Wälder abgeholzt oder erhalten werden, ob Familien ihren Kindern eine Perspektive geben können und in Entwicklungsländern Schulen gebaut werden können. "Zukunft einkaufen – glaubwürdig wirtschaften in den Kirchen" will einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der kirchlichen Beschaffung leisten. Dies betrifft die Qualität und die Menge der eingesetzten Produkte und die Verbesserung der Beschaffungsstrukturen.

Verhaltensänderung

Durch gezielte Nachfrage von nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen unterstützen die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland "öko-faire Marktsegmente". Die christlichen Kirchen in Deutschland kaufen jährlich Produkte im Wert von mehr als 60 Mrd. Euro ein: vom Computer, Auto und Büromöbeln bis hin zu Baumaterialien. Dem Klimaschutz nützt diese enorme Einkaufsmacht jedoch nicht: Die Einkäufer christlicher Verwaltungen, Gemeinden, Schulen oder Krankenhäuser schauen zuerst auf den Preis. Energieverbrauch oder andere ökologische Kriterien zählen nur bei wenigen Beschaffern. Das Ziel des Projektes "Zukunft einkaufen" ist es, durch "Volumenverminderung", "Volumenbündelung", "Entwicklung von Qualitätsstandards (Label)" und gezielten Einkauf den Markt zu verändern. An diesem gemeinsamen Ziel arbeiten 200 evangelische und katholische Einrichtungen Deutschlands.

Bestandsaufnahme

In den letzten drei Jahren ist ein Managementtool entstanden, das kirchlichen Einrichtungen beim ethischen Einkauf hilft. Der erste Schritt ist die Bestandsaufnahme, in der es darum geht, die Beschaffungssituation in der Einrichtung zu erfassen, sodass auf dieser Grundlage ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess möglich wird. Dabei geht es nicht nur um die verbesserte Beschaffung, sondern auch um ökonomische Einsparungen. Denn vor der Verbesserung der Qualität steht die Verbesserungsoptimierung der Quantität. Wer mitreden will, muss die Ausgangslage gut kennen. Bei dieser Bestandsaufnahme wird die bestehende Beschaffungspraxis der Einrichtung systematisch untersucht. Bereits vorhandene Einkaufsrichtlinien sowie offizielle und auch inoffizielle Standards werden betrachtet. So werden Stärken, Schwächen und auch Bereiche mit vordringlichem Handlungsbedarf sichtbar. Entscheidend ist bereits an dieser Stelle die bereichsübergreifende Diskussion unter haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern über das Einkaufs- und Konsumverhalten der Einrichtung, die durch die Bestandsaufnahme angeregt wird.

Problemanalyse

Im zweiten Schritt nach einer abgeschlossenen Bestandsaufnahme geht es um das Erkennen von Problembereichen und die Entwicklung individueller Verbesserungsstrategien. Im Team der Einrichtung, aber auch mit der Hilfe externer Moderatoren und Referenten werden Ergebnisse gesichtet und bewertet. Am Schluss dieser Bewertung steht die Kennzahlentabelle. In dieser Kennzahlentabelle sind die zentralen Ergebnisse der Bestandsaufnahme dargestellt und die Leitung der Einrichtung bekommt oft zum ersten Mal einen Überblick über die Schwerpunkte der Beschaffung in der eigenen Einrichtung. Aus der Situation ergibt sich Handlungsbedarf bei den Mengen, dem Volumen und der Qualität. Dieser Prozess ist wichtig und aufschlussreich. Hier werden Managemententscheidungen gefällt. Es entsteht eine Liste von Sofortmaßnahmen, die in einem Portfolio analysiert werden. Die Einrichtung lernt, Schwerpunkte zu setzen.

Blick auf die eigene Institution

Der dritte Schritt beschäftigt sich mit den Schwächen, aber auch Stärken der Einrichtung. Mit neuem Wissen können die Leitungsmitarbeiter einen Maßnahmenplan aufstellen, der Verbesserungen aufzeigt und planbar macht. Die Arbeit an einem solchen Verbesserungsprogramm ist Teamarbeit zwischen Leitung und Mitarbeitern. In dieser Phase entwickeln die Mitarbeiter gemeinsam mit der Leitung oft ein neues Verständnis für ihre Rolle.

Strukturen schaffen

Im vierten Schritt, der ökologisch fairen Beschaffung geht es darum, notwendige Strukturen zu schaffen. Zunächst sollte festgelegt werden, wer auf der entsprechenden Ebene für die Beschaffung zuständig ist. In jeder Einrichtung sollte es einen Beauftragten geben, der die Einkäufe koordiniert. Dies kann eine Einzelperson sein, aber in großen Einrichtungen ist es oft eine Delegation auf verschiedene Zuständigkeiten. Dazu gehört auch eine Verabschiedung einer Beschaffungssatzung, die in allen Einzelheiten den Prozess der Beschaffung regelt, und dazu gehören Lieferanten, die festlegen, wer in welchem Bereich liefert und wie die Qualität geprüft wird. Nach diesem vierten Schritt steht in der Einrichtung ein sich selbst tragendes Beschaffungssystem, das durch Sachkenntnis und durch Identifikation der Mitarbeiter mit der eigenen Einrichtung geprägt ist.

Der Gewinn

Im fünften Schritt zieht die Einrichtung aus ihrem Prozess ihre Gewinne. Einerseits ist der Einkauf und die Beschaffung optimiert, oft werden finanzielle Einsparungen bis zu einem Viertel erzielt, bei gleichzeitigem Gewinn in der Qualität. Nun ist es an der Zeit, nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Lieferanten, die Mitglieder der Kirchengemeinden, die Referenten, die Spender und auch die internationalen Partner zu informieren. "Zukunft einkaufen – glaubwürdig wirtschaften in Kirchen" wird zum dekorativen Aushängeschild der Mitarbeiter der Einrichtung, vielleicht aber auch mit der Unterstützung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ein neues Markenzeichen für zukunftsfähigen Katholizismus.

www.zukunft-einkaufen.de

Autor: Thomas Kamp-Deister M.A Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der Deutschen (Erz-) Diözesen, Projektleiter "Zukunft einkaufen!", Fachbereichsleiter Umwelt, Arbeit, Ehrenamt an der LVHS Freckenhorst bei Münster

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