Salzkörner

Freitag, 16. Dezember 2016

Zum Engagement der Dresdnerinnen und Dresdner für Flüchtlinge

Bestandsaufnahme in einer Stadt voller Herausforderungen

In den überregionalen Medien werden oft Begriffe wie Pegida, Islamfeindlichkeit oder Rassismus in einem Atemzug mit Dresden genannt. Selbst Konfirmanden aus Dresden sind beim Besuch einer süddeutschen Partnergemeinde kritischen Fragen ausgesetzt: "Was ist da los bei Euch in Dresden? Ist es da sicher?" Wie kann man antworten in diesen bewegten Zeiten? Oder ist so das wahre Bild von Dresden?

Ja, diese Stadt hat ein massives Imageproblem. Das zeigen deutlich bundesweite Schlagzeilen über fremdenfeindliche Übergriffe in und um Dresden, Pegida-Demonstrationen und Gewaltexzesse von Dresdner Hooligans kürzlich bei der Fußball-EM. Erschreckend ist jede einzelne Bedrohung, denen Menschen mit offensichtlich nicht hiesigen Wurzeln immer wieder ausgesetzt sind. Es treibt einem die Schamesröte ins Gesicht, wenn internationale Studierende von den zunehmenden rassistischen Anfeindungen in der Stadt berichten. Es macht sprachlos, wenn in öffentlichem – mitunter sogar kirchlichem – Raum hetzende Worte geäußert werden können.

Doch nein, diese Bilder spiegeln nur eine Seite dieser Stadt. Ihr gegenüber stehen viele Dresdner, die sich vorstellen können, dass unser Stadtbild etwas bunter wird (in Dresden leben wohlgemerkt lediglich 6,4 Prozent Ausländer). Das sind Dresdner, welche die derzeitige Veränderung nicht nur akzeptieren, sondern ein beeindruckendes Engagement in der Flüchtlingshilfe leben:

Nach einer Schätzung der sächsischen Landeshauptstadt engagierten sich Anfang des Jahres 2016 etwa 10.000 Menschen ehrenamtlich für Geflüchtete. Zunächst bei der Erstversorgung in den Zeltstädten, heute beispielsweise bei der schwierigen Wohnungs- und Arbeitssuche für anerkannte Flüchtlinge. Gefragt nach der Motivation ist immer wieder zu hören: "Ich helfe ganz praktisch, das ist mein Weg. Ich muss nicht auf eine Gegendemo zu Pegida gehen". Ist es diese selbstverständliche Nachbarschaftshilfe, die außerhalb Dresdens ungehört bleibt?

Wachsendes Engagement aus Kirchgemeinden heraus

Besonders innerhalb der evangelischen und katholischen Kirchgemeinden ist dieses Engagement in den letzten Monaten stark angestiegen: Zunächst etwas verhalten, durch einige haupt- und ehrenamtliche Vordenker, entwickelten sich immer rasanter zahlreiche Hilfs- und Begegnungsangebote aus Kirchgemeinden heraus. Es ist beeindruckend zu erleben, was mittlerweile für Flüchtlinge getan wird. Obwohl es vielmehr heißen müsste, wie mit Flüchtlingen Wege einer gelingenden Nachbarschaft beschritten werden. Manchmal waren es Pfarrer und Gemeindepädagogen, die von Anfang an die Bedeutung dieses Themas in Predigten und Gemeindegruppen dargelegt und praktische Unterstützung aufgebaut haben. Manchmal waren es zunächst kleine Graswurzelinitiativen, die das Bewusstsein für die Thematik mit ausdauernder Beharrlichkeit zu Kirchenvorständen und kirchlichen Mitarbeitern transportiert haben. Manchmal waren es einzelne Gemeindeglieder, die eine Schnittstelle zu Stadtteilinitiativen bilden und damit als Multiplikatoren wirken. Und nicht zu vergessen sind besonders die Gemeinden, denen schon seit Jahren das Engagement für die vor Gewalt und Perspektivlosigkeit fliehenden Menschen ein Herzensanliegen ist. Die Formen dieses sozialen Engagements sind vielfältig und reichen von Alltagshilfen für die ankommenden Menschen in den ersten Monaten über Begegnungstreffs und Sprachangebote bis hin zur Unterstützung bei der Arbeitsplatzsuche. Auch zahlreiche Bildungsvorträge und Diskussionsrunden gehören hier dazu.

Gut vernetzt für die gute Sache

Häufig schließen sich Kirchgemeinden mit weiteren Akteuren zu Unterstützerkreisen und sogar stadtteilweit agierenden Initiativen zusammen. Knapp dreißig solche Willkommensbündnisse gibt es aktuell in Dresden. Oft entsteht dabei ein beeindruckendes und gut organisiertes Miteinander, das über manch persönliche Anschauungen hinwegzusehen versteht und zum Mitmachen einlädt.

Eine Vielzahl dieser Dresdner Gemeindeinitiativen und Willkommensbündnisse wird vorgestellt unter:

http://www.kirche-dresden.de/fluechtlingsarbeit bzw.

http://www.bistum-dresden-meissen.de/con/front_content.php?idcat=1579&idart=25971

 

Daneben wirken und entstehen zahllose Projekte, wie das internationale Chorprojekt "Singasylum", Lauftreffs oder Fahrradwerkstätten. Ein weiteres Beispiel für ein bereits seit mehreren Jahren bestehendes Engagement ist der Dresdner Gemeindedolmetscherdienst, über den zahlreiche Muttersprachler als ehrenamtliche Dolmetscher bei Behördengängen und Arztbesuchen unterstützen.

"Wir sind Dresden"...

...ist ein Projekt, dass in sozialen Netzwerken einzelne Helfer und Initiativen zu Wort kommen lässt, ihre ganz persönliche Sicht auf das Leben in dieser Stadt schildern (Twitter: #wirsinddresden). Diese individuellen Berichte und Erfahrungen zeichnen ein vielschichtiges und ermutigendes Gesicht dieser Stadt. Denn persönlich, subjektiv und individuell sind die Geschichten der Begegnung, die Dresden prägen. In dem Engagement für unsere neuen Nachbarn werden auch Kirchgemeinden zum Türöffner – indem sie selbst nach außen treten und im Stadtteil sichtbar werden. Viele Fragende und Orientierungssuchende in unserer Gesellschaft sind allein durch das gelebte Vorbild der Gemeinschaft mit Asylsuchenden zum Nachdenken und Mittun angeregt worden. In dieser, auf den Nächsten ausgerichteten Unterstützung steckt ein wunderbares Potential: Wo ein friedliches Miteinander zwischen Einheimischen und Migranten gelebt wird, können Sorgen und Unsicherheiten vor "Überfremdung" gar nicht erst wachsen.

Bleibt festzuhalten: Der Alltagsrassismus in Dresden nahm im letzten Jahr zu, da gibt es nichts zu beschönigen. Zwar ist laut Schätzungen der studentischen Gruppe durchgezaehlt.org die Beteiligung an Pegida-Demonstrationen im Vergleich zum Jahresende 2014 zurückgegangen, jedoch zeigt eine kürzlich herausgegebene Studie der TU Dresden, dass sich insbesondere die jüngeren verbleibenden Teilnehmer radikalisieren.

Dennoch: Das Engagement vieler Dresdner für ein friedvolles und nachbarschaftliches Miteinander ist beeindruckend. Der Weg zu einer weltoffenen Stadt entsteht dabei ganz behutsam und in kleinen Schritten: Ganz selbstverständlich wirbt eine arabischsprachige Anzeige des Dresdner Schauspielhauses in der Straßenbahn um Mitwirkende bei einem internationalen Theaterprojekt. Ganz selbstverständlich begegnen sich Einheimische und Geflüchtete Woche für Woche in Kirchgemeinden. Ganz selbstverständlich finden Tagungen und Gespräche statt, die sich mit den Schwierigkeiten der Integration auseinandersetzen und um gute Lösungen für morgen ringen.

Es tut gut zu wissen, dass es dieses andere Bild von Dresden gibt. Ein Bild, das ebenfalls Alltag ist und viel zu selten in die überregionale Öffentlichkeit dringt.

 

 

 

 

 

 

Autor: Michaela Schoffer Ehrenamtskoordinatorin für kirchliche Flüchtlingshilfe, Ökumenisches Informationszentrum Dresden

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