Salzkörner

Mittwoch, 13. Mai 2015

Zum Tod von Wladyslaw Bartoszewski

Im Einsatz für die deutsch-polnische Versöhnung

Am 24. April verstarb der ehemalige polnische Außenminister Prof. Dr. Wladyslaw Bartoszewski. Mit seinem Tod verliert das Zentralkomitee der deutschen Katholiken einen langjährigen Freund und Partner. Unermüdlich hatte er sich bereits unter der kommunistischen Diktatur für die deutsch-polnische Versöhnung eingesetzt. Die Katholiken im Zentralkomitee der deutschen Katholiken verdanken ihm viele wertvolle Begegnungen und Impulse. Beispielhaft sei hier noch einmal die Rede zitiert, die Wladyslaw Bartoszewski 1990 beim 90. Deutschen Katholikentag in Berlin gehalten hat, dem ersten Katholikentag nach der Wende.

Deutsche und Polen - Auf dem Weg der Versöhnung in eine gemeinsame europäische Zukunft

Es geht uns hier primär um die Menschen, nicht um die Staaten. Es geht nicht um die Politik, sondern um die menschliche Annäherung auf der Ebene der ethischen christlichen Werte. Es geht also um die Deutschen und um die Polen von heute auf dem Weg zur Versöhnung. Man kann überlegen, was bedeutet eigentlich der Begriff "sich miteinander versöhnen"?

Erstens müssen in dem Fall beide betroffenen Seiten das wollen und es als wichtig, sogar moralisch unentbehrlich verstehen.

Zweitens kann die Versöhnung aber (...) nicht ohne Bereitschaft und Fähigkeit der Opfer und ihrer Nachfolger zustande kommen. Die polnischen katholischen Bischöfe haben schon im November 1965, also vor 25 Jahren, an ihre deutschen Amtsbrüder geschrieben: "Wir vergeben und bitten um Vergebung", ganz im Geist des Vaterunsers: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern".

Die Schuld des deutschen Staates, der mehrheitlich durch das deutsche Volk unterstützt war, gegenüber den Polen (nicht nur gegenüber polnischen Juden) ist im Allgemeinen überall bekannt. Wenn man über die Schuld der Polen bei der Vertreibung der Deutschen ab 1945 aus den Oder-Neiße-Gebieten spricht, muss man versuchen, nüchtern und sachlich die Fakten zu unterscheiden. (...)

Die Zwangsumsiedlung der deutschen Bevölkerung, durchgeführt durch die polnische kommunistische Verwaltung 1945/46 auf der Basis des im Sommer 1945 in Potsdam durch die drei Mächte genehmigten Transfers der Bevölkerung ist oft unter unmenschlichen Bedingungen verlaufen, wie es bei den kommunistischen Bewegungen im Ostblock üblich war. Diese unmenschlichen Methoden haben auch sicher Tausenden Deutschen das Leben gekostet.

Es ist in gewissem Sinn des Wortes moralisch erfreulich, dass gerade die unabhängige katholische Presse in Polen (...) schon im Dezember 1989, also kurz nach Veränderung der politischen Situation in Polen, zur Aufklärung des historischen Geschehens in den Grenzgebieten im Jahr 1945 aufgerufen hat. (...)

Diese Veröffentlichungen werden sicher auf viele Polen, die keine Sachkenntnis dieser Fakten haben, wie ein Schock wirken, aber das ist auch nötig. Ich habe schon im Oktober 1986 bei der Friedenspreis-Verleihung in der Paulskirche klar der Meinung Ausdruck gegeben, "den Menschen ihre unmittelbare Heimat zu entziehen, ist nie eine gute Tat, sondern immer eine böse Tat, selbst wenn man keinen anderen Ausweg aus einer bestimmten historischen und politischen Lage sieht". (...)

Auf dem Weg in die gemeinsame europäische Zukunft werden sich aber auch die Deutschen aus den beiden deutschen Staaten treffen müssen. Die psychologische Situation in der bisherigen DDR ist in vielen Punkten unterschiedlich von der Gesinnung der bisherigen DDR-Bürger. Merkwürdigerweise merkt man gerade in der DDR oft stärkere Vorurteile gegen die östlichen Partner und mehr schädliches Klischeedenken als in der Bundesrepublik. Der Preis der geistigen Versklavung - Unverständnis, Verwirrung der Begriffe, Misstrauen, Neid - ist auch in diesem Fall hoch.

Auf dem Weg in eine gemeinsame europäische Zukunft, in eine demokratische und menschliche Zukunft, können die Erfahrungen ebenso der Polen wie der DDR-Deutschen, die unter den Bedingungen der kommunistischen Diktatur 45 Jahre lang gelebt haben, sehr dienlich sein und auf fruchtbare Weise erzieherisch ausgenutzt werden.

Prof. Dr. Wladyslaw Bartoszewski

(geb.: 19. Februar 1922, gest.: 24. April 2015)

 

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