Salzkörner

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Zum Unternehmer berufen

Kirchliche Ermutigung für Führungskräfte in der Wirtschaft

Der Päpstliche Rat "Justitia et Pax" (Gerechtigkeit und Frieden) hat im September dieses Jahres eine ethische Orientierungshilfe für Entscheidungsträger in der Wirtschaft veröffentlicht, die der Bund Katholischer Unternehmer (BKU) in deutscher Übersetzung vorgelegt hat. Sie basiert auf den Ergebnissen einer Tagung im Jahr 2011 in Rom, bei der Unternehmer und Wissenschaftler aus aller Welt vor dem Hintergrund der Enzyklika "Caritas in Veritate" von Papst Benedikt XVI. über die Weiterentwicklung der Katholischen Soziallehre insbesondere mit Blick auf die Rolle des Unternehmers diskutiert haben. Kerngedanke der Handreichung ist es, dass Führungskräfte in der Wirtschaft dazu berufen sind, die Wirtschaft entsprechend den Prinzipien der Würde des Menschen und des Gemeinwohls zu gestalten.

Das vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden herausgegebene Handreichung "Zum Unternehmer berufen – eine Ermutigung für Führungskräfte in der Wirtschaft" ist ein Meilenstein in der Weiterentwicklung der Katholischen Soziallehre. Erstmalig beschäftigt sich hier ein Dokument der Weltkirche umfassend mit der Person des Unternehmers und dem Unternehmen als Institution. Der Fokus des Dokuments ist dabei ein individualethisch-moralischer. Dabei begeht es weder den Fehler, die gesellschaftspolitischen und ordnungspolitischen Rahmenbedingungen auszublenden, noch kommt es in einem moralisierenden Duktus daher. Es ist im guten Sinne des Wortes eine pastorale Ermutigung für den betrieblichen Alltag und eine ethische Reflexion über Ziel und Sinn unternehmerischer Tätigkeit.
Personalität und Gemeinwohl
Kernpunkt des Papiers ist die Berufung des Unternehmers. Ein Schlüsselsatz des Dokumentes lautet: "Führungskräfte der Wirtschaft sind dazu berufen, die Wirtschaft entsprechend der Würde des Menschen und mit Blick auf das Gemeinwohl zu gestalten. Ein Grundprinzip ist dabei, Menschen mit Gütern zu versorgen, die wirklich gut sind und mit Dienstleistungen, die wirklich dienen." Die individuelle Berufung des Einzelnen wird also in einen klaren Bezug zu den beiden Grundprinzipien der Katholischen Soziallehre gestellt, nämlich zum Personalitätsprinzip mit seinem inhaltlichen Kern der Menschenwürde und zum Gemeinwohlprinzip.

Gleichzeitig wird das Sinnziel der Wirtschaft ganz in der Tradition der Soziallehre beschrieben als die Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen. Betont wird hierbei, dass "Güter" wirklich "gut" sein sollen und "Dienstleistungen" wirklich "dienen" sollen. Die nähere Bestimmung, was dieses "gut" und dieses "dienen" genau meint, wird dabei nur in Ansätzen entfaltet. Dies ist für diese Handreichung insofern sachgerecht, als dies sicherlich nicht nur eine Frage für die Unternehmer ist, sondern eine ebenso wichtige Frage für die Konsumenten. Klargestellt wird, dass nicht jeder Konsumentenwunsch automatisch gut ist. Das Verhältnis von Konsumentenwünschen ("Der Kunde ist König!") und ihrer Entscheidungsfreiheit einerseits, dem Wettbewerb um die Gunst der Kunden und der unternehmerischen Freiheit andererseits sowie dem, was wirklich für die Menschen "gut" ist und ihrem umfassenden Wohl "dient", ist eines, das kaum pauschal zu beantworten ist und ständiger Prüfung bedarf. Die Handreichung warnt vor der Gefahr, dass Führungskräfte in der Wirtschaft zunehmend ihren Wohlstand maximieren wollen, Mitarbeiter ein Anspruchsdenken kultivieren und Konsumenten nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung zum möglichst niedrigsten Preis verlangen.
Solidarität
Hierfür gibt die Handreichung keine simplifizierenden Antworten, aber Orientierung. Als zweites praktisches Prinzip wird daher benannt: "Unternehmen üben Solidarität mit den Armen, indem sie aufmerksam sind für Möglichkeiten, sonst unterprivilegierten und unterversorgten Gruppen und Menschen in Not zu dienen." Hier knüpft die Handreichung explizit an die aktuelle Diskussion um "Bottom of the pyramid"-Produkte an, also speziell für die Armen entwickelte Produkte und Dienstleistungen wie Mikrofinanz.

In diesem Kontext betont die Handreichung die Innovationsfunktion der Wirtschaft und des Unternehmers: "Für uns ist er zunächst ein 'Innovator', der mit Schaffenskraft in besonderer Weise Teil hat am fortschreitenden Schöpfungshandeln Gottes. Marktwirtschaft und Unternehmen tragen erheblich zum materiellen und geistigen Wohlergehen der Gesellschaft bei, wenn sie ordnungsgemäß arbeiten und auf den Dienst am Gemeinwohl hin orientiert sind." Als weiteres praktisches Prinzip formuliert die Orientierungshilfe daher, dass Unternehmen "Vorbilder sind bei der Nutzung von Ressourcen – seien es finanzielle, menschliche oder natürliche Ressourcen – die sie empfangen haben."

An diesen und anderen Stellen des Textes wird der Bezug zur Sozialenzyklika "Caritas in Veritate" von Papst Benedikt XVI. deutlich, der dort davon spricht, dass die "Logik des Schenkens" auch im Geschäftsleben seinen Platz haben kann. Die Handreichung des Päpstlichen Rates sagt dazu: "Wer viel empfangen hat, von dem wird viel verlangt; und wem viel anvertraut worden ist, von dem wird viel gefordert (Lk 12,48). Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft haben Zugriff auf umfangreiche Ressourcen. Der Herr fordert sie auf, Großes damit zu tun."
Unternehmen sind Gemeinschaft von Personen
Diese grundsätzlich positive Sicht stellt das Dokument dabei in den aktuellen Kontext der Globalisierung und kritisiert die "Dominanz der Finanzmärkte, die ganze Unternehmen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Handelsware" gemacht hätten. Es unterstreicht die Grundaussage der Katholischen Soziallehre, dass ein Unternehmen zuallererst als eine "Gemeinschaft von Personen" zu betrachten sei. Als weiteres praktisches Prinzip folgt daraus, dass Unternehmen zum Gemeinschaftsleben beitragen, "wenn sie die besondere Würde menschlicher Arbeit fördern".

Diesbezüglich hebt die Handreichung die Bedeutung des Subsidiaritätsprinzips für die innerbetriebliche Organisation hervor und beschreibt als ein fünftes praktisches Prinzip eine Unternehmenskultur des Vertrauens, "so dass die Personen, denen die Aufgaben und Verantwortlichkeiten übertragen wurden, ihre Entscheidungen in echter Freiheit fällen. Eine subsidiäre Unternehmensorganisation sollte somit gegenseitigen Respekt und das Verantwortungsbewusstsein aller Betriebsangehörigen nähren und es den Arbeitnehmern erlauben, den Zusammenhang zwischen guten Ergebnissen und ihrem ernsthaften Engagement zu erkennen." Dass dies angemessen honoriert werden muss bringt "Zum Unternehmer berufen" in einem sechsten praktischen Prinzip zum Ausdruck: "6. Unternehmen verteilen ihre Ressourcen gerecht auf alle Beteiligten (Stakeholder): Mitarbeiter, Kunden, Investoren, Zulieferer und die Gemeinschaft."
Wirtschaftsethische Aus- und Fortbildung
Abschließend betont das Dokument die Bedeutung einer profunden wirtschaftsethischen Aus- und Fortbildung. Kein Wirtschaftsstudent dürfe die Universität verlassen ohne sozialethisches Wissen und Kompetenz. Die katholische Kirche habe zwar mit weltweit nahezu 1.800 Hochschuleinrichtungen, davon 800 mit Wirtschaftskursen, in die Ausbildung zukünftiger Führungskräfte investiert, so die Handreichung, aber auch die Sozialakademien, die Bildungsarbeit der Sozialverbände, die Hochschulseelsorge hätten hier einen wichtigen Dienst zu verrichten.
Zuversicht aus dem Glauben
In der gegenwärtigen schwierigen weltwirtschaftlichen Situation, in der viele Unternehmerinnen und Unternehmer unter Krisen leiden, die ihre Unternehmen sowie deren Arbeitsplätze in ihrer Existenz bedrohen, möchte die Kirche gerade die Führungskräfte ermutigen, für ihr Handel aus dem Glauben Zuversicht zu schöpfen und diese weiterzugeben. Der Glaube, so wird betont, sei auch eine Kraft, die die menschliche Gesellschaft und die Geschichte der Menschheit prägen könne.


Der Text steht als Download zur Verfügung unter
www.justitia-et-pax.de und www.bku.de. Die Druckfassung kann bei der BKU-Geschäftsstelle, Georgstraße 18, 50676 Köln, bestellt werden.

 

Autor: Martin J. Wilde, BKU-Geschäftsführer, Mitglied des ZdK

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