Salzkörner

Donnerstag, 28. März 2013

Zwischen Rückzug und Öffnung

Die Kirche in Frankreich auf der Suche nach ihrer Identität

 

Wo steht die französische Kirche zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung von "Proposer la foi", dem wegweisenden Hirtenwort der französischen Bischöfe? Jérôme Vignon, Präsident der Semaines sociales de France und Partner des ZdK bei IXE, der Initiative von Christen für Europa, versucht eine Antwort.
 

Seit fast 20 Jahren ist die katholische Kirche in Frankreich bestrebt, sich nicht als Zentrum des katholischen Glaubens zu verstehen, sie sieht sich vielmehr im Dienst am Glauben und der französischen Gesellschaft. Der Brief der Bischofskonferenz an die französischen Katholiken von 1994 symbolisierte dieses neue Verständnis. Der Episkopat konstatierte damals eine voranschreitende Dechristianisierung, die mit einer Abnahme traditioneller Bindungen einhergeht, in Pfarrgemeinden oder Schulen. Gleichzeitig nahm man jedoch auch eine latente Aufnahmebereitschaft der Gesellschaft für die befreiende Botschaft des christlichen Glaubens wahr. Die französischen Katholiken erkannten ihren Minderheitenstatus an – ein Status, der bislang allein den Protestanten zu eigen war – und setzen dennoch auf die Offenheit ihrer Landsleute für die spirituelle und transzendente Dimension der menschlichen Existenz. Diese Neupositionierung sollte der französischen Kirche neue Wege der Evangelisierung eröffnen, basierend auf dem Zeugnis einer authentischen und diakonischen Kirche.

Richtungsstreit

Heute ist diese Einheit zwischen Diagnose und daraus folgender Strategie hinsichtlich der Evangelisierung zerbrochen. Während sich die Anzahl der praktizierenden Gläubigen weiter in raschem Tempo verringert, zeichnen sich innerhalb der Bischofskonferenz sowie unter den Gläubigen deutlich zwei unterschiedliche Auffassungen ab:

Für die "post-konziliare" Gruppe gewinnt in Folge des zeitgenössischen Individualismus und der Frustrationen ob einer unkontrollierbaren Globalisierung die Verkündigung eines identitätsstiftenden Glaubens an Bedeutung, der vor allem auf Glaubensüberzeugungen, Dogmen und liturgischen Formen beruht. Diese Art "fordernder" Glaubensverkündigung kann Menschen, die nach Orientierung suchen, neue Orientierung geben.

Die zweite Gruppe zeichnet sich eher durch das Bewusstsein aus, dass wir in einer "post-christlichen" Gesellschaft leben. Sie fühlt sich den Aussagen des 2. Vatikanischen Konzils sehr verbunden. In den Augen dieser Gruppe, geht es nicht darum, die Gesellschaft wieder "christlich zu machen", sondern sie als erwachsen, wenn auch zwiespältig, anzusehen. Eine Gesellschaft, die neue Strömungen hervorbringt, die dem Christentum etwas zu sagen haben: so z. B. zur Gleichstellung von Mann und Frau, hinsichtlich der gleichen Würde aller Menschen und die Sorge für die daraus folgende Nichtdiskriminierung, zum Pluralismus in der Suche nach Wahrheit.

 

Vor allem die Vorbereitungsphase der Weltbischofssynode zur Neuevangelisierung im vergangenen Oktober hat die Differenzen zwischen diesen beiden Gruppen verschärft. Die Synode selbst und die dort gezogenen Schlussfolgerungen hingegen haben zu einer gegenseitigen Anerkennung der Position der jeweiligen anderen Gruppe beigetragen.

Dialog in der Kirche

Die Zukunft der französischen Kirche hängt auch vom Gelingen des Dialogs zwischen diesen beiden Gruppen und ihren Auffassungen ab. Es ist Zeit für diesen Dialog, der seinen Platz normalerweise in den zahlreichen Diözesansynoden finden müsste, die sich angesichts rückläufiger Priester- und Ordensmitgliederzahlen der Neuorganisierung der Pfarrgemeindestrukturen widmen. Zwei Fragen werden vor allem Gegenstand dieser Synoden sein: zum einen die Organisation des Gemeindelebens, das entweder immer weiter zentriert rund um die wenigen zur Verfügung stehenden Priester stattfinden wird oder in der Fläche verstreut in kleinen lokalen Zentren, wo Gläubige Gemeinschaft leben. Zum anderen die gewichtige Frage der Stellung der Frauen im Gemeindeleben, die dazu anhält, das Verhältnis von Mann und Frau neu zu bedenken. Letztere Frage war auch Thema der Jahrestagung der Semaines sociales de France im November 2012. Es ist auffallend, dass in Frankreich die Frage des Zugangs von Frauen zu Weiheämtern nicht aktuell diskutiert wird. Desgleichen gibt es auch keine wirkliche Konfrontation zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, wenngleich dies ein schmerzhaftes Thema ist. Gegenstand der Diskussionen in Frankreich ist eher die Infragestellung einer Kultur männlicher Autorität/Dominanz mit Blick auf Entscheidungsfindungsprozesse in der Pastoral.

Dialog mit der Gesellschaft

Mit etwas Abstand betrachtet, liegt vielleicht jedoch – neben diesen Diözesansynoden – die große Herausforderung für die französische Kirche in der Debatte um ein Gesetz zur Öffnung der Zivilehe und der Adoption für gleichgeschlechtliche Paare, da diese Diskussion den Dialog und die Entwicklung innerhalb der katholischen Kirche beschleunigt hat.

 

Der "post-konziliare" Flügel – sehr aktiv durch seine Mitglieder der "Pro life"-Bewegung – hätte sich in der Diskussion der Gefahren einer traditionellen und unnachgiebigen Position bewusst sein müssen, die das Risiko birgt, unsensibel gegenüber Diskriminierungen, unter denen Homosexuelle leiden, zu erscheinen. Eine Diskriminierung, die auch der katholischen Tradition nicht fremd ist. Der "Post-chrétienté"-Flügel, dem sich auch die Semaines sociales de France zurechnen, legte vor allem Wert darauf, die Bedingungen des Dialogs, den er mit der Gesellschaft sucht, zu präzisieren. Dieser Dialog kann nicht nur in einer gefälligen Zustimmung zu einem Hyper-Individualismus bestehen, der vorrangig der Befriedigung persönlicher Wünsche dient, in diesem Fall dem persönlichen Wunsch nach einem Kind. Dieser Dialog muss auch versuchen deutlich zu machen, dass die Ausweitung von individuellen Rechten und Freiheiten einhergehen muss mit einer größeren Verantwortungsübernahme, hier in Bezug auf die Kinder. Bischof Albert Rouet – von Katholiken unterschiedlicher Couleur sehr geschätzt, wenngleich er in der Bischofskonferenz marginalisiert ist – hat dieses Anliegen in sehr guter Weise auf den Punkt gebracht: "Wir müssen uns widersetzen, ohne zu verurteilen."

 

Die Mehrheit in der französischen Bischofskonferenz hat sich an der Debatte über den Gesetzesentwurf mit anthropologischen Argumenten beteiligt, abgeleitet von einer gemeinsamen "raison humaine", und nicht von religiösen und moralischen Verboten. Mit diesem Ansatz hat der Episkopat, wenngleich nicht ohne Schwierigkeiten, den Weg zu einer neuen Beziehung zwischen Kirche und Gesellschaft geebnet. Dies unterscheidet die Kirche in Frankreich von der Situation in Spanien (Konfrontation zwischen Kirche und Staat) und der Situation in Belgien (eine fast völlige Absenz der Kirche in dieser sensiblen Frage, da eine Intervention von vielen, auch von Katholiken, als Versuch der Kirche wahrgenommen worden wäre, erneut eine politische Rolle einzunehmen).

Option für die Schwachen

Niemand weiß, was das Ergebnis der laufenden Diskussion über die Öffnung der Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare sein wird. Es bedürfte eines eigenen Artikels, um die Singularität der französischen Debatte in dieser Frage vor dem Hintergrund des Gesetzes der "laicité" , das der Zivilehe den Vorrang über die kirchliche Ehe einräumt, eingehender zu erläutern. Ich glaube jedoch, dass die Katholiken und im größeren Kontext die verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinschaften zwar eine politische Schlacht verlieren, jedoch im Bewusstsein der Gesellschaft eine symbolische Schlacht gewinnen könnten. Indem die Kirche ihren Respekt für die Schwächsten zeigt, die Türe nicht zuschlägt, sich der Würde Homosexueller nicht verschließt – wie es der Rat für Familie und Gesellschaft der Bischofskonferenz im Oktober 2012 getan hat –, könnte sie sich der Bedeutung einer sozialethischen Vision, die über religiöse Zugehörigkeiten hinausweist, neu bewusst werden. Eine solche Vision wird in Wirklichkeit erwartet und erhofft. Eine solche Vision betont vor allem das Treueversprechen in der Ehe sowie die Berücksichtigung des vorrangigen Interesses des Kindes und der Schwächsten in der Gesellschaft ganz allgemein. Denn diese beiden Dimensionen stehen in sehr enger Beziehung zu den kollektiven Werten der Solidarität und des sozialen Zusammenhalts, die in der französischen Gesellschaft definitiv eine zentrale Stellung einnehmen.

 

Autor: Jérôme Vignon, Präsident der Semaines sociales de France

zurück zur Übersicht