Salzkörner

Dienstag, 30. Juni 2015

Zwischen gläubigen Menschen Brücken bauen

Das Interreligious Peers Projekt in Berlin

"JUGA – jung, gläubig, aktiv" ist eine Initiative, die aus dem Projekt "JUMA – jung, muslimisch, aktiv" hervorgegangen ist. Seit 2011 setzen sich rund 40 junge Berliner Muslime, Juden, Christen und Bahá’i im Alter von 17 bis 25 Jahren intensiv mit Möglichkeiten der interreligiösen Verständigung auseinander. 14 von ihnen haben sich zu sogenannten Peer-Trainer/innen für interreligiöse und weltanschauliche Vielfalt und Verständigung ausbilden lassen. SALZKÖRNER sprach mit zweien, der Christin Sarah Mösch (25) und der Muslima Larissa Zeigerer (24).

Beschreiben Sie bitte das Projekt mit eigenen Worten

Larissa Zeigerer: "Das Interreligious Peers Projekt ist, wie der Name schon vermuten lässt, ein interreligiöses Projekt von und für Jugendliche und junge Erwachsene. Wir Trainer und Trainerinnen haben ganz unterschiedliche religiöse Hintergründe. In interreligiösen Tandems gehen wir in Schulen, um mit den 12- bis 18-Jährigen einerseits über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Weltreligionen zu sprechen, andererseits um die Schüler und Schülerinnen vor allem zum Nachdenken anzuregen – über ihre eigene religiöse Identität, über Religionen, Glauben und Weltanschauungen in der Gesellschaft, sodass sie ihren Horizont erweitern können. Das Besondere an Interreligious Peers liegt darin, dass wir Trainerinnen den interreligiösen Dialog auch untereinander fortführen und den Jugendlichen diese Art der Verständigung selbst, mit altersmäßiger Nähe, vorleben."

Wie muss man sich die Ausbildung zum/zur Peertrainer/in vorstellen?

Sarah Mösch: "Das Training erfolgte im Laufe eines Jahres unter der Leitung erfahrener Trainer und Trainerinnen. Als Teilnehmende lernten wir sowohl theoretische Grundlagen als auch praktische Methoden der interreligiösen Jugendarbeit kennen. Im Zentrum steht der gegenseitige Austausch, der uns hilft, uns Wissen und neue Perspektiven zu den Religionen der anderen Teilnehmenden anzueignen. Zusätzlich lernen wir rechtliche Grundlagen der Jugendarbeit kennen und machen einen Erste-Hilfe-Kurs. Den Abschluss des Trainings bildet die Durchführung eines selbst konzipierten Workshops in einer Berliner Schule."

Was ist Ihre Motivation? Wie haben Sie davon gehört?

Sarah Mösch: "Ich habe von einer JUGA-Aktiven vom Interreligious Peers Projekt gehört und war sofort interessiert. Ich engagiere mich selbst stark im Bereich der Antidiskriminierungsarbeit und hatte bereits vor meiner Zeit bei den Peers Workshop-Erfahrungen gesammelt. Hier fiel mir oft auf, dass vor allem das Thema Islamfeindlichkeit gesellschaftlich dominanter wird. Deshalb wollte ich Musliminnen und Muslime, ihre Werte und Überzeugungen besser kennen lernen, um ein klareres Bild zu bekommen und Vorurteilen etwas entgegensetzen zu können."

Larissa Zeigerer: "Meine Motivation zur interreligiösen Dialogarbeit liegt in meiner eigenen religiösen Biographie begründet. Ich war gläubige und praktizierende Christin und bin als junge Erwachsene zum Islam konvertiert. Da sowohl meine eigenen Wurzeln als auch die vom Islam im Qur‘an im Judentum und Christentum liegen, trage ich das interreligiöse gewissermaßen in mir. Ich sehe es als meine Aufgabe, zwischen den Religionen, zwischen gläubigen Menschen Brücken zu bauen und vielleicht sogar ein paar Herzen und Augen zu öffnen, so Gott will."

Was sind Ihre Ziele?

Sarah Mösch: "In der Arbeit mit den Schülern und Schülerinnen geht es mir weniger um Wissensvermittlung, sondern eher darum, ihnen eine offene Grundhaltung vorzuleben. Ich möchte zu einer offenen Gesprächskultur und einer kritischen Reflexion bestehender Annahmen anregen. Ich glaube, dass wir, wollen wir mit den Schülern und Schülerinnen in einen Austausch kommen, diese dort abholen müssen, wo sie selbst gerade stehen. Neben der Möglichkeit der Reflexion müssen wir vor allem Raum für ihre Fragen geben. Ich hoffe, dass die Jugendlichen aus den Workshops mitnehmen, dass die Gesellschaft vielfältig ist und es auch beim Thema Religion ganz individuelle Zugänge gibt, die respektiert und toleriert werden sollten."

Larissa Zeigerer: "Meine Ziele sind in erster Linie, Kinder und Jugendliche zum Reflektieren und Diskutieren anzuregen, damit sie eigene religiöse Positionen beziehen können, anstatt unreflektiert nachzuahmen. In diesem Zusammenhang ist auch theologischer Wissenserwerb wichtig. Wir Peers können jedoch nur einen Anstoß dazu liefern, da die Workshops und Unterrichtseinheiten immer nur kurz und vereinzelt sind."

Wo sehen Sie Grenzen des Dialogs? Wie gehen Sie damit um?

Sarah Mösch: "Ich finde es schwierig, Grenzen zu definieren. Ein Dialog bedarf immer zweier Seiten, und wir können nicht immer wissen, was die Schüler und Schülerinnen tatsächlich aus unseren Workshops mitnehmen. Eine aktive Ablehnung habe ich bisher aber noch nicht erfahren. Und gerade dort, wo Vorurteile vorherrschen, kann ja ein fruchtbarer Dialog ansetzen. Wir haben sowohl die nötige Haltung entwickelt als auch Methoden erlernt, um genau dort anzusetzen und die Jugendlichen zu ermutigen, eigene Überzeugungen zu hinterfragen und die eigene Haltung immer wieder neu zu definieren."

Larissa Zeigerer: "Außer an zeitliche Begrenzungen bin ich – Gott sei Dank – bei meiner Arbeit als interreligiöse Peer-Trainerin noch nie an Grenzen des Dialogs gestoßen. Gerne hätte ich oft mehr Zeit gehabt, um noch tiefer in die Auseinandersetzung mit Glauben und Religionen einzusteigen. Von den Jugendlichen kommen oft sehr spannende Fragen zu dem, was sie in der Welt um sich herum erleben und hören. Zum Beispiel zu Themen wie Todesstrafe, Krieg, Gewalt und Grundgesetze. Gerade bei solchen ethischen Themen ist es spannend und wichtig, auch religiöse Gesichtspunkte zu beleuchten, da diese Antworten und Einsichten geben können. Bisher bin ich gerade bei den Schülern und Schülerinnen nie auf Grenzen des Dialogs gestoßen – im Gegenteil, das Interesse ist oft hoch, auch bei den Lehrenden, die uns einladen. Meiner Meinung nach sind Grenzen des interreligiösen Dialogs leider maßgeblich von den Medien konstruiert und basieren auf Unwissenheit. Denn die Religionen rufen alle Gläubigen zu Friedfertigkeit, Toleranz und vor allem Barmherzigkeit auf – letztere eine der wichtigsten Eigenschaften von Gott in den monotheistischen Religionen. Und wenn echte Toleranz gelebt wird, heißt das ja, jeder darf und soll seine eigene Position haben und trotzdem aufrichtig dem Dialogpartner zuhören."

Bitte geben Sie ein Beispiel mit positiven Erfahrungen und Herausforderungen

Sarah Mösch: "Ich denke, ich bin als deutsche Christin in Deutschland in einer recht privilegierten Position und nur wenigen Grenzen ausgesetzt. Meine Kindheit und Jugend habe ich in einem recht homogenen Umfeld verbracht. Die Suche nach einem interreligiösen Dialog ergab sich für mich eigentlich erst in Berlin bzw. bei Auslandsaufenthalten. Hier habe ich überwiegend positive Erfahrungen gemacht. Inzwischen lebe ich sogar in einer interreligiösen Partnerschaft.

Wenn die Jugendlichen nach einem Workshop sagen, dass sie etwas Neues gelernt haben oder neu über bestimmte Themen nachgedacht haben, dann ist dies immer eine positive Erfahrung und motiviert zur Weiterarbeit. Natürlich gelingt dies nicht immer gleichermaßen. Es gibt in jeder Klasse interessiertere Schüler und Schülerinnen und solche, die einem kritischer begegnen. Mir persönlich macht aber gerade die Arbeit mit diesen besonders Spaß.

Larissa Zeigerer: "Ich kann sagen, dass bisher jeder Einsatz als interreligiöse Trainer eine positive Erfahrung war, weil das Feedback sowohl auf Schüler- als auch auf Lehrerseite stets positiv war. Viele freuten sich, dass Religion endlich mal ein Thema in der Schule war, doch mit einem anderen Ansatz, als gewöhnlicher Unterricht und eben authentisch, durch uns Trainerinnen.

Die einzig negativen Erfahrungen sind manchmal zu sehen, wie unreflektiert manche Kinder und Jugendliche beim Thema Religion sind. Durch ihr Alter sind sie natürlich noch leichter beeinflussbar durch Medien und Menschen in ihrer Umgebung. Doch gleichzeitig herrscht stets große Neugierde und Offenheit."

 

 

 

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