Das Hearing unter dem Titel Segensfeiern steht in einem umfassenden Kontext kirchlicher Gegenwartsfragen. Bereits im Zuge des synodalen Prozesses zum Thema Familie, zwischen der außerordentlichen Familiensynode 2014 und der ordentlichen Bischofssynode 2015, hat sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) dem spannungsvollen Verhältnis moderner Lebensverhältnisse und des kirchlichen Lehramts gestellt. Ein vorläufiges Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist die Erklärung Zwischen Lehre und Lebenswelt Brücken bauen – Familie und Kirche in der Welt von heute aus der Frühjahrsvollversammlung 2015 in Würzburg.

Darin bezieht das ZdK Position, indem es seine Wertschätzung für die vielfältigen Formen gemeinschaftlichen Lebens ausdrückt, in denen Erwachsene in liebender Weise Verantwortung sowohl füreinander als auch für ihre Schutzbefohlenen und ihre gesellschaftlichen Zusammenhänge übernehmen. So werden auch in verbindlichen und auf Dauer angelegten nichtehelichen Paarkonstellationen, die vom katholischen Familienideal abweichen, Werte gelebt und vermittelt, die nach lehramtlicher Sicht nur der sakramentalen Ehe zuzuordnen sind. Eine „Spannung und vielfach eine große Kluft zwischen den Aussagen des päpstlichen Lehramts zu Ehe und Familie und der von pluralen Familienformen geprägten heutigen Lebenswelt der Gläubigen“ benennt der Erklärungstext.

Diese Spannungen ergeben sich zu einem gewichtigen Teil aus der kirchlichen Morallehre, der eine „Tendenz zur Idealisierung, Ontologisierung und restriktiven Normierung“[1] eignet, die ein exklusives und sexuell fokussiertes Ideal partnerschaftlicher Beziehung formuliert. Von diesem Standpunkt aus kann nur ein defizitorientierter Blick auf andere Lebensformen erfolgen. – Um solche Spannungen abzubauen und um damit einen ressourcenorientierten Blick auf die pastoralen Wirklichkeiten anzuleiten, wurden 2015 besonders folgende Weichenstellungen benannt: eine Achtung des Zusammenlebens in festen nichtehelichen sowie die vorbehaltlose Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften; das Ringen um eine neue Sprachfähigkeit hinsichtlich der Sexualität im Rahmen einer verbindlich gelebten Partnerschaft; die Frage nach rituellen Anerkennungsmöglichkeiten im Raum der Kirche für solche Paare, die ihre Partnerschaft im Horizont der Liebe Gottes gestalten wollen (Segenswunsch). Im Nachgang zur Vollversammlung hat der Hauptausschuss des ZdK besonders den letzten Punkt als dringliches Anliegen unterstrichen.

Bestärkt durch das nachsynodale Schreiben Amoris laetitia (19.03.2016), in dem Papst Franziskus in einer veränderten Tonart eine richtungsweisende Programmatik in diesen Fragen erkennen lässt, hat sich der Sachbereich 5 (Familie) der Umsetzung dieser Impulse in der katholischen Kirche in Deutschland als ein Schwerpunktthema in der laufenden Arbeitsperiode angenommen. Auf diesen Wegen haben das Präsidium und der Hauptausschuss der Anregung der familienpolitischen Sprecherin des ZdK, Birgit Mock, zur Einrichtung der Arbeitsgruppe Segensfeiern einstimmig entsprochen.

Dieser Prozess wird aktuell durch eine Vielzahl von Bemühungen in derselben Frage flankiert; und allen Ansätzen zu einer Suche nach Antworten auf die pastoralen Härten, die sich hier einstellen, ist zwischenzeitlich eine vielfach verschärfte Ausgangssituation eingeschrieben: die global aufgedeckten Skandale um sexualisierte Gewalt gegen Kinder, Frauen und Männer im Raum der Kirche und unter dem Deckmantel der christlichen Heilszeichen. Wenngleich kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Missbrauchsskandal und der kirchlichen Sexualmoral bestehet, „stellt die aktuelle Krise“ in ihrer komplexen Gemengelage doch „einen dringlichen Anlass dar, über die Gründe nachzudenken, die eine Revision zentraler Aussagen dieser Lehre geboten erscheinen lassen“, zumal ihr „eine konstruktive Aneignung humanwissenschaftlicher Einsichten noch nicht gelungen“ ist[2]. So steht eine erneuerte kirchliche Praxis auch in Abhängigkeit der Integration nicht-theologischer Einsichten zur Überwindung überkommender theologischer Deutungsmuster. – Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) nimmt sich dieser Reformfragen zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern aus dem ZdK sowie weiterer Expertinnen und Experten in ihrem Forum zur Sexualmoral an, das in der Vorphase zum Synodalen Weg stattfindet.

So hat sich der Zusammenhang der Themenstellung, die das ZdK angenommen hat, verschärft und verdichtet. Die Arbeitsgruppe sucht einen argumentativen Ansatz, mit dem im Anschluss an die Erklärung von 2015 Wege von einer naturrechtlich fixierten Sexualmoral zu eine katholischen Theologie der Beziehung gegangen werden können, auf denen der Segen ein integraler Bestandteil ist. Diese theologische Begründung auch zur politischen Positionierung bietet dann eine Grundlage zu weiteren Entwicklung des Themas im Horizont sowohl der säkularen Gesellschaft als auch im Raum der Kirche. So öffnet das ZdK profiliert Gestaltungsräume eines der Welt zugewandten Katholizismus in Deutschland.

Das Hearing markiert in dieser Bewegung einen ersten Meilenstein. Zum offiziellen Start der Arbeitsgruppe wurden unter reger Teilnahme verschiedener Akteure, die im Spannungsfeld dieser Fragestellungen arbeiten und leben, ein Raum gegeben, Impulse für die weitere Entwicklung zu geben. Zu den Vertreterinnen und Vertretern aus dem ZdK kamen ebenso profilierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Priester, pastorale Mitarbeiter, Diözesanräte, Verbände, Initiativen und Vereine (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche e.V., Netzwerk katholischer Lesben e.V., Queer im Bistum Magdeburg, Arbeitsgemeinschaft Schwule Theologie e.V.). Ebenfalls Teilnehmer in der Runde war Dr. Franz-Josef Bode, Bischof von Osnabrück und stellvertretender Vorsitzender der DBK.

Den Einstieg bildeten Lebenszeugnisse junger Christinnen und Christen, die sich im Cusanuswerk in der Initiative Homo Cusanus organisieren. Durch diese persönlichen Statements konnte eine eindrückliche Vergewisserung erfolgen, von wo aus die Debatten beginnen und welcher Gesprächs- und Handlungsbedarf im Hintergrund steht. Exemplarisch können folgende Passagen stehen: „Als ich mich vor einem halben Jahr in eine Frau verliebt habe ist für mich gleichzeitig eine der schönsten Welten eröffnet und eine der schmerzvollsten Realitäten wahr geworden. Ich habe zum ersten Mal Liebe gespürt, wie ich es noch nie erlebt habe. Eine Liebe, die zerbrechlich ist, eine Liebe, die mir Halt gibt, eine Liebe, die mich stark macht und die ich für den Rest meines Lebens nicht missen will. Es ist das Schönste, was mir passiert ist. Doch der Ort, der mich lieben gelernt hat, versucht sie mir paradoxerweise wieder zu nehmen. Ich bin katholisch aufgewachsen und habe Liebe und Hoffnung und die Schönheit des Lebens immer als spirituelle und in einer christlichen Gemeinschaft wahrgenommen. Wie kann es sein, dass dieser christliche Ort meine Liebe nicht erlaubt? Wie kann es sein, dass die Gemeinschaft, die so viel von Liebe spricht, das was ich empfinde nicht als Liebe anerkennt? Es tut weh. Die katholische Kirche hat mich verletzt. Sie verletzt mich und es tut weh. Es ist Folter in einem Gottesdienst zu sitzen, der über Liebe spricht und meine Liebe verwehrt.“„Jesus, soweit ich sein Leben und Wirken nachvollziehen kann, war unglaublich radikal in seiner Liebe und seinem Gleichstellen der Menschen und Lebenswirklichkeiten. Davon ist in den Strukturen der heutigen verfassten Kirche für mich nur mehr wenig zu spüren. Vor 10 Jahren hatte ich noch Hoffnung, dass sich damals noch “meine” Kirche durch kleine Schritte (wie z.B. die von dir thematisierten Partnerschaftssegnungen) reformieren werde. Ich bin heute 38 Jahre alt und bemühe mich, soweit ich kann, um ein gerechtes, authentisches und sinnstiftendes Leben. Und ich zolle auch all jenen Respekt, die diese Hoffnung nicht aufgeben oder weiter etwas von innen bewegen. Ich persönlich könnte aber nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn ich Teil dieser Kirche bliebe.“

Der weitere Verlauf sah Impulsreferate von je zehn Minuten vor, die eine Grundlage für die gemeinsame Diskussion aufboten: 


[1] Vgl. Heimbach-Steins, Marianne: Das moralische Gebäude der Kirche – „ein Kartenhaus“? Tendenzen der Idealisierung, Ontologisierung und restriktiven Normierung in den lehramtlichen Weisungen zu Ehe und Familie. In: Leitbild am Ende? Der Streit um Ehe und Familie, hrsg. v. Konrad Hilpert u. Bernhard Laux. Freiburg i.Br. 2014, 131-145.

[2] Vgl. Schockenhoff, Eberhard: Vortrag auf dem Studientag „Die Frage nach der Zäsur. Studientag zu übergreifenden Fragen, die sich gegenwärtig stellen“ zur Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 13. März 2019 in Lingen.

Dr. Martina Kreidler-Kos ist Leiterin des Fachbereichs Übergemeindliche Pastoral & Ehe- und Familienseelsorge im Bistum Osnabrück sowie Lehrbeauftragte für Theologie der Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule (PTH) in Münster. Ihr Impuls plädiert dafür, die Erfahrungsebene der Menschen als mitentscheidend einzubeziehen, weil sie allein über die hermeneutische Kompetenz zur Integration gelebter Sexualität auch in ihr Glaubensleben verfügen. Das verlange nach Anerkennung ihrer Kompetenzen und Ressourcen, denen konkrete Unterstützungen zu Teil werden müssen. 

Dr. Michael Theobald ist emeritierter Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er verortet die Bitte um den kirchlichen Segen Gottes und die darin ausgedrückte Gottessehnsucht in der Gottesreich-Verkündigung Jesu, das im Geist Gottes bedingungslos und nicht im Recht der Kirche unter Auflagen zugesprochen wird.

Ulrich Hoffmann ist Ehe- und Familienseelsorger sowie Präsident des Familienbundes der Katholiken. Sein Statement gibt eine Präsidiumsposition des Familienbundes unter Einbezug seiner Erfahrungen aus der pastoralen Praxis wider. So macht er geltend, dass in der Segensbitte ein Bedürfnis nach Schutz und Beistand ausgedrückt wird. Gleichzeitig wird pointiert: damit geht auch eine Erklärung einher, gemeinsam den Wegen Jesu nachfolgen zu wollen. Der Segen soll diese Lebenshaltung ermutigen und stehe aufgrund der liturgischen Kreativität der Kirche nicht in Gefahr mit der Eheschließung verwechselt zu werden.

Roland Schmitz ist Priester des Erzbistums Paderborn und Diözesanpräses der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands. Auch sein Beitrag ergeht aus persönlichen Erfahrungen, die starke Kontrastmomente einholen. Die Paare, die ihn um einen Segen bitten, haben bereits Gott und seinen Zuspruch erfahren, der ihnen hilft und Heilung schenkt. Die starke gemeinsame Gotteserfahrung auch durch die Beziehung brandet an der Erfahrung, dass es nun Seine Gemeinschaft ist, die ihnen seine rituelle Zusage versagt, auf.

Dr. Stephan Goertz ist Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und nahm die naturrechtlichen Bruchlinien in der katholischen Morallehre in den Fokus, ob etwa eine homosexuelle Beziehung „an sich sündhaft“ und damit „sittenwidrig“ sei. Er fragt von hier aus nach der umfassenden anthropologischen Relevanz menschlicher Sexualität.

Petra Dankova ist Adocacy Direktorin der internationalen Fraueninitiative Voices of Faith und Lehrbeauftragte für Soziale Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaft Würzburg-Schweinfurt. Ihr Beitrag macht sowohl auf das Zufallsprinzip als auch die prekäre Praxis in der Kirche aufmerksam: ermutigt durch Amoris laetitia wurde in ihrer Gemeinde ein wertschätzendes Klima gegenüber individuellen Lebenswegen angekündigt, in das auch Segensfeiern eingeschlossen waren – aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Dr. Benedikt Kranemann ist Professor für Liturgiewissenschaften an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt und pointiert den Dienstcharakter der Kirche. Sie ist angehalten, Gottes Zuspruch weiterzugeben und nicht Verwalterin des Segens im engeren Sinn zu sein. So gehören Paarkonstellationen in Ihren Differenzen wertgeschätzt, was eine ebenso differenzierte Praxis erforderlich macht. Der Bitte um Segen könne nur durch liturgische Vollformen angemessen begegnet werden. Die Akzeptanz solcher Feiern hänge allerdings vom jeweiligen kulturellen Kontext ab und müsse darum durch die Ortskirchen geregelt werden.

Dr. Michael Böhnke ist Professor für Systematische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Bergischen Universität Wuppertal und Lehrbeauftragter Lic. iur. can. an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sein Impuls verortet die Segensbitte ebenfalls im heilsgeschichtlichen Zusammenhang und führt die „Treue Gottes“ in den Diskurs ein, die jedem gewährt wird, der sich auf Gottes Nähe einlässt. Eine systematisch-theologische Begründung könne entsprechend der offenen Regelung zu den benedictiones im CIC in eine diözesane Praxis führen.

Es folgte eine intensive Diskussion in offener Runde.