Für unsere Zukunft: Den Familien Raum zum Atmen schaffen

Vertrauen in die Verantwortlichkeit der Bürger*innen.

In diesen Tagen gesteht sich die eine oder der andere wohl ein, froh zu sein, dass wir in Deutschland leben. Seit sieben Wochen ist unser Land, ist die ganze Welt im Ausnahmezustand. Und wir erleben, wie stark das unseren Alltag prägt. Wir dürfen in Deutschland froh sein über das transparente, planvolle und begründete Handeln der Regierenden. Wir dürfen froh sein über das Vertrauen, dass sie in die Bevölkerung setzen, sich an den Schutzmaßnahmen, Abstands- und Hygieneregeln zu beteiligen – was sich ganz überwiegend sehr bewährt.

Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld und Überbrückungskredite für Selbständige, ausgeweitete Regelungen beim Elterngeld, Technik-Förderung beim Homeschooling, zinslose Darlehen für Studierende, Unterstützung von Kunstschaffenden und Gastronomen kommen auch den ca. 11,4 Millionen Familien in Deutschland zugute. Im Sachbereich „Familie“ gilt ihrer Situation unsere besondere Aufmerksamkeit.

Für die Menschen in den Familien hat sich der Alltag drastisch geändert. Homeoffice und erhöhte Arbeitsbelastung in systemrelevanten Berufen, ggf. Kurzarbeit, Auftragseinbrüche oder Arbeitslosigkeit, Schule via Internet und E-Learning prägen das derzeitige Leben der Familienmitglieder. Und mindestens so entscheidend wie im Erwerbs- und Ausbildungsbereich haben sich auch die sozialen Kontakte verändert, ggf. verringert.

Zu Beginn: Es gibt viel Positives zu beobachten in der Corona-Zeit. Schon kurz nach Ausbruch der Krise war eine starke und berührende Solidarität erlebbar. Junge boten Älteren an, für sie einzukaufen, viele kreative Lösungen fanden sich, um Kindern den Kontakt zu ihren Spielgefährt*innen zumindest ansatzweise zu ersetzen, mit steiler Lernkurve für alle Generationen wurden technische Lösungen installiert, um über digitale Wege gemeinsam Kaffee zu trinken. Die Spenden- und Einsatzbereitschaft stieg, um diejenigen zu begleiten, die in sozialen Projekten von den Einschränkungen besonders betroffen waren. Familiäre und freundschaftliche Bande wurden erweitert durch lokale und nachbarschaftliche Solidarität. All denjenigen, die über die eigene familiäre Situation hinaus Hilfe angeboten haben und annehmen konnten, sei hier herzlich gedankt!

Gefährdungen familiären Lebens

Gleichzeitig müssen wir sehen, wie gefährdet in den Familien Grundbedingungen von Würde und Chancengleichheit in dieser Krisenzeit sind. Vielerorts ist die Situation prekär. Die familienpolitische Trias aus Geld, Zeit und Infrastruktur macht Handlungsbedarf deutlich.

Die finanzielle Situation der Familien muss weiter im Blick bleiben. Familien, deren Einkommen coronabedingt drastisch verringert ist, weniger planbar wurde oder ganz weggefallen ist, stehen unter enormem Druck. Oft ist zu erleben, dass sich die Belastungen durch finanzielle Einbußen, unsichere Zukunftsaussichten und den Wegfall von sinnstiftenden Arbeitsaufgaben gegenseitig verstärken.
Ohne Frage beschert die Corona-Situation den meisten Familien in Deutschland mehr Zeit füreinander und miteinander – mit allen Vor- und Nachteilen. Wir erleben eine Renaissance der Häuslichkeit. Nicht nur am Ausverkauf von Mehl und Hefe bleibt zu vermuten, dass in vielen Küchen in Deutschland mehr selbst gebacken und gekocht wird. Diverse Familien freuen sich am Anpflanzen von Balkon- und Gartenkräutern, nehmen Renovierungsarbeiten in Angriff und schnüren die Schuhe zu Ausflügen in die Natur. Und die exponentiellen Verkaufszahlen von Gesellschaftsspielen lassen auf Interaktion und kurzweilig verbrachte gemeinsame Zeit schließen.

Aber wir sehen auch die Schattenseiten dieser Verdichtung von Raum und Zeit. Viele Familien leben in beengten Verhältnissen und stoßen mit allen Anforderungen, die auf die einzelnen Familienmitglieder einstürmen, ohne Rückzugsorte und Ausweichmöglichkeiten an ihre Grenzen. Mütter wie Väter fühlen sich neben den eigenen beruflichen Rhythmen für die fristgerechte Erledigung von Schulaufgaben mit verantwortlich. Und es bleibt die Sorge für pflegebedürftige Angehörige, vor allem wenn sie alters- und krankheitsbedingt zu den Risikogruppen zählen. Als ZdK sehen wir auch die Entwicklung, dass Sorgearbeit wieder verstärkt bei den Frauen angesiedelt wird und sie mehrfach belastet sind. Einige Paare fallen in Rollenmuster zurück, in denen Arbeit und Chancen nicht gleichberechtigt verteilt sind. Als ZdK sehen wir die Situation vieler Alleinerziehender und Alleinlebender, und wir erleben, wie einsam viele Menschen durch die Corona-Krise geworden sind. Als ZdK sehen wir die Gefahr von seltener erkannter häuslicher Gewalt, für die Stress einer der Hauptauslöser sein kann. Und wir erleben als ZdK, dass die Welt scheinbar klein geworden ist und die Aufmerksamkeit vor allem ins Private gerichtet ist. Wir nehmen solidarisch die Situation von Familien weltweit in den Blick.

Familien als Indikator für eine funktionierende Gesellschaft

Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Brennglas: An ihr wird radikal deutlich, was wir als human verstehen und was für uns als Einzelne und als Gemeinschaft von ausnehmendem Wert ist. Einmal mehr zeigt sich, dass Familien der Indikator für eine funktionierende Gesellschaft sind. Und dass Modelle nötig sind, die Zeiten von Erwerbs- und Sorgearbeit, Selbstsorge und Sorge für dieGesellschaft flexibel und krisenfest miteinander verbinden.  

Wir möchten uns besonders dafür einsetzen, dass Familien in Bezug auf Geld und Infrastruktur durch zielgerichtete Maßnahmen weiter unterstützt werden. Sie brauchen nicht die politische Aufmerksamkeit im Sinne von Leistungsempfängern, sondern sie verdienen sie als systemrelevante und unverzichtbare Leistungsträger.

die Situation von Kindern eigens in den Fokus genommen wird. Sie erleben diese Situation anders als Erwachsene und müssen mit ihrer Perspektive ernst genommen werden. Für kleine Kinder ist es wenig verständlich, dass sie derzeit nicht unbeschwert mit ihren Freunden spielen dürfen. Für Jugendliche und junge Erwachsene entfallen wichtige Rituale in Gemeinschaft, die Übergange im Leben besonders feiern und begehen, wie u. a. bei Schulabschlussfeiern. Bereits erfolgte Ausbildungspläne müssen neu angegangen werden, wenn sich Unternehmen aus Umsatzeinbußen zu einem Einstellungsstopp durchgerungen haben, oder bereits geplante Freiwilligendienste abgesagt werden, weil Reisebeschränkungen gelten. All dies verändert das Leben der Kinder und jungen Erwachsenen. Gleichzeitig sind sie oft Vorreiter für neue Formen von Kommunikation, innovative Lösungen und mit gutem Beispiel bei Solidaritätsaktionen zum „Support of Locals“ unterwegs.

die Situation von Kranken und Trauernden im Blick bleibt. Kranke besuchen, Tote begraben und Trauernde begleiten, das sind Werke, die wir als Christinnen und Christen aus Barmherzigkeit tun. Und weil sie für uns ganz wesentlich mit unserem Menschsein verbunden sind. Es ist besonders schwer zu ertragen, dass gerade sie in der Corona-Zeit nur eingeschränkt möglich sind. Wir hoffen sehr, dass sich für die seelsorgliche Begleitung Kranker, den Beistand Sterbender und für Beerdigungen bald weitere Öffnungen ergeben. Als ZdK unterstützen wir die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, die sich u. a. für die Situation von Angehörigen einsetzt.

Wenn weitere Lockerungen geplant werden sollten, bei aller Unterstützung der Wirtschaftskraft, nicht zuletzt aus Unterstützung für die Familien in unserem Land, auch weiteren Öffnungen für soziale Kontakte bedacht werden – mit Vertrauen in die Verantwortlichkeit der Bürger*innen.

Birgit Mock, Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins e. V., Sprecherin des ZdK-Sachbereichs 5 „Familie“