Samstag, 13. Januar 1990

Caritas der Pfarrgemeinde

Caritas der Pfarrgemeinde

Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Unsere Zeit ist geprägt von vielfältigen sozialen und materiellen Nöten, von Sinn- und Lebenskrisen, von Fluchtverhalten, von Orientierungsproblemen und Glaubensnot. In dieser Zeit ist eine Rückbesinnung auf das Hauptgebot der Gottesliebe notwendig, dem das Gebot der Nächstenliebe gleichsteht. Nach Auftrag und Selbstverständnis der Kirche gehören Caritas und Diakonie zu den Wesensäußerungen der Pfarrgemeinde. Sie müssen deshalb überall im Zentrum des Gemeindelebens und der Gemeindepraxis stehen. Die christliche Gemeinde, deren Mittelpunkt die Eucharistiefeier ist, ist an der Liebe erkennbar, nicht "auch" daran, sondern "vor allem" daran. Darum hat jeder Christ den Auftrag zum diakonischen Dienst in Gemeinde und Gesellschaft. Die Kirche ist in der Welt, Welt und Kirche gehören zusammen, wie auch Fußwaschung und Abendmahl, also Caritas und Eucharistie zusammengehören und deshalb nicht für sich allein stehen können. Nur ein solches ganzheitliches Kirchenverständnis macht die Gemeinde zu einer christlichen Gemeinde, zu einer Gemeinde nach dem Evangelium.

1. Kritische Fragen

Viele Menschen fordern im Gemeindeleben eine größere Nähe zu den Nöten ihrer Umgebung. Woran liegt es, daß sie Caritas und Diakonie in vielen Gemeinden, bei Gemeindemitgliedern, Pfarrgemeinderäten, ja selbst bei Pfarrern und anderen hauptamtlich in der Pastoral Tätigen vermissen? Liegt es vielleicht an der kirchlichen Tradition, in der die geschwisterlich dienende Gemeinde und das Mitleid mit den in Not Befindlichen nicht einen entsprechenden Stellenwert besitzen wie Gottesdienst und Verkündigung? Liegt es vielleicht an der Organisation von Caritasverbänden und deren Einrichtungen?

Caritas ist für viele kaum mehr als eine große Organisation und ein großer Organisator, eine Beruhigung des Gewissens, als organisierte Nächstenliebe für alles da und für alles mitverantwortlich, ein Sammelbecken haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiter, die ihre Kräfte aneinander messen. Viele sehen in ihr sogar eine Anlaufstelle zum Schutz der eigenen Bequemlichkeit, fern vom Geist einer hl. Elisabeth, zuständig für Kleider, Schränke, Suppen, Kuren und kostenlose Beratung. Diese Vorstellung entspricht eher der Haltung "ich sorge für Dich, ich verordne Dir" als einem Dienst als Bruder und Schwester. Viele unterliegen dem Mißverständnis, daß Wohlfahrtsstaat und Wohlfahrtsverbände mit ihren Leistungen alle sozialen und caritativen Aufgaben wahrnehmen. Sie glauben daher, daß der einzelne von seiner personalen Verantwortung entlastet oder gar entbunden sei.

Bei soviel vermeintlicher "Perfektion" sehen möglicherweise viele Gemeindemitglieder keinen weiteren Anlaß mehr zu der Frage: Was hat Caritas mit mir zu tun? Ich gebe ja ab, was ich zuviel habe, was ich übrig habe und entbehren kann. Ist das aber schon Christsein? Hat Caritas denn nicht auch mit meinem Glauben zu tun? Gebe ich auch dann ab, wenn es mir weh tut? Und gebe ich mich selbst, setze ich mich selbst ein und öffne ich mich für eine Begegnung mit einem Hilfebedürftigen, einem Nächsten oder Fernen, der mein Nächster werden könnte, nah wie mein Bruder und meine Schwester. Caritas - das ist nicht in erster Linie die Organisation und der Verband, Caritas ist vielmehr das Wort für Liebe und selbst die Liebe, ein Netzwerk aus liebenden Kräften. Caritas sind die Aufgaben, sind die Menschen als Betende, Leidende und Dienende und die Beziehungen zwischen ihnen, ist vor allem Gott mitten unter allen Menschen.

2. Caritas und Gemeinde

Die Weitergabe des Glaubens entwickelt sich in Weggemeinschaften, im Volke Gottes unterwegs, auf gemeinsamer Pilgerschaft in Weggemeinschaften der Caritas. Caritas ist die diakonische Pastoral in der Gemeinde, ein glaubwürdiges Zeugnis.

Die Begegnung mit Not und schwerem Leid kann für den einzelnen wie für die Gemeinde eine Erfahrung werden, die dem Glauben neue Tiefen gibt. Im Mittragen und Aushalten vor allem schwerster und oft aussichtsloser Notlagen wird Caritas zum Bekenntnis des Glaubens, zum Zeugnis von der rettenden Macht Gottes, seiner Nähe und seiner grenzenlosen Barmherzigkeit.

Mehr noch verkündet uns die Botschaft der Armen und Notleidenden immer wieder neu den Glauben, denn die Armen sind - wie der Herr selbst gesagt hat - dem Reiche Gottes sehr nahe.

Und zugleich erfahren wir selbst, wenn wir die Hilfsbedürftigen als Mitmenschen und Partner ernst nehmen, unsere eigenen Nöte und Schwächen, unsere Grenzen und unser Versagen und damit unsere Verwiesenheit auf die Barmherzigkeit Gottes.

Viel mehr, als vielen bewußt ist, steht Caritas für die ganze Breite unserer menschlichen Armseligkeit, auch unserer eigenen Erlösungsbedürftigkeit und unserer Hilfebedürftigkeit. Hilfebedürftig sind wir alle, die Helfenden wie die Hilfesuchenden. Deshalb kann eine Beziehung zwischen ihnen nur zustandekommen, wenn beide sich nicht als Objekte, sondern als Subjekte begreifen und gegenseitig anerkennen.

3. Pfarrgemeinderat und Sachausschuß

Die lebendige Gemeinde zeichnet sich dadurch aus, daß sie die Sorgen und Hilfebedürftigkeiten ihrer Glieder und der anderen unter ihnen wohnenden Menschen aufspürt, wahrnimmt und annimmt. Hierzu zählen z. B. die Kranken, die Behinderten, die Fremden, die Gefährdeten, die Alten, die Kinder. So sehr caritatives Tun vom persönlichen Einsatz des einzelnen lebt, so sehr braucht planvolle und kontinuierliche Hilfe vielfältige Förderung und Unterstützung durch die Gemeinschaft.

Hier kommt besonders dem Pfarrgemeinderat eine wichtige Aufgabe zu, die sich auch auf die finanzielle Förderung erstreckt. Er muß insbesondere die Grundzüge der Arbeit wegen der Bedeutung von Caritas in der Gemeinde in seiner Gesamtheit verantworten und darf sie nicht nur dem Sachausschuß Caritas/Soziale Dienste überlassen. Die in der Gemeinde vorhandenen Gruppierungen von katholischen Verbänden oder Gemeinschaften sind in die Aufgaben einzubeziehen.

Die Bildung von Sachausschüssen "Caritas" ist ein Weg zur Unterstützung der Arbeit. Die Notwendigkeit solcher Ausschüsse muß den Verantwortlichen in der Gemeinde klar vor Augen stehen. Im Sachausschuß "Caritas" sollten alle Gruppen, einschließlich der Selbsthilfegruppen, Verbände, Einrichtungen und Aktivitäten, die sich im sozial-caritativen Bereich engagieren, und möglichst auch für die Gemeindepastoral Verantwortliche vertreten sein. Der Sachausschuß hat zu beraten, zu planen, zu koordinieren, zu initiieren, anzuleiten und gegebenenfalls selbst zu handeln.

4. Pfarrgemeinderat, Caritasverband und caritative Fachverbände

Für die Wahrnehmung der caritativen Aufgaben durch den Pfarrgemeinderat ist der Kontakt mit dem zuständigen Caritasverband (Stadt-, Kreis-, Dekanats- oder Regionalcaritasverband) sowie die Information der Verantwortlichen über die für die Gemeinde vorgehaltenen Dienste und Einrichtungen notwendig. Mit einer frühen offenen Klärung und Aufteilung der jeweiligen Aufgaben sowie mit einer bewußten Kooperation lassen sich viele Hilfen verbessern und überflüssige Konflikte vermeiden. Auf der Pfarrebene hat die Arbeit des Caritasverbandes eine Dienstfunktion mit unterstützendem, subsidiärem Charakter. Er sollte daher für die Arbeit des Pfarrgemeinderates ein subsidiäres Angebot bereithalten, indem er z. B. Fachleute durch eine besondere Ausbildung für Gruppenund Gemeinwesenarbeit und durch Helferschulung dazu befähigt, den Gemeinden beim Aufbau oder Ausbau der Caritasarbeit behilflich zu sein.

Aufgrund ihrer besonderen Aufgabe sind nicht alle caritativen Fachverbände immer bis auf die Gemeindeebene durchstrukturiert. Ihre Dienste stehen aber der Gemeinde zur Verfügung (Kreuzbund e.V., Malteser- Hilfsdienst e.V., Raphaels-Werk - Dienst am Menschen unterwegs e.V., Sozialdienst katholischer Frauen e.V., Sozialdienst katholischer Männer e.V.). Die Caritas-Konferenzen Deutschlands und die Gemeinschaft der Vinzenz-Konferenzen Deutschlands hingegen leisten ihren ehrenamtlichen Dienst in der Gemeinde. Verantwortliche aus den Fachverbänden sollten in den Pfarrgemeinderäten mitarbeiten.

Selbsthilfegruppen, die in der Gemeinde entstehen, sollen von dieser, vom Pfarrgemeinderat, vom Sachausschuß "Caritas" respektiert, gestützt und gegebenenfalls gefördert werden. [ 1)]

Dienste, die der Gemeinde unmittelbar zu Gute kommen, sollten in deren Trägerschaft sein. Die Hilfe und fachliche Unterstützung des Caritasverbandes oder eines Fachverbandes ist hierbei erforderlich. Für die Caritas der Gemeinde ist darüber hinaus der Caritasverband durch Information, Anregung, Schulung und Zusammenwirken mitverantwortlich. Diese "Gemeindeorientierung" stellt daher auch Forderungen an die verantwortlichen Mitarbeiter, Entscheidungsträger und Gremien des Caritasverbandes (und der Fachverbände), in welchem Maße sie die Rahmenbedingungen für eine mehr gemeindeorientierte Facharbeit gewährleisten können. Denn nicht zuletzt wird sich an den Kriterien für Prioritäten, Finanzierung von Planstellen und der Formulierung von Stellenbeschreibungen entscheiden, in welchem Maße und in welcher Qualität die "Gemeindeorientierung von Fachdiensten" realisiert werden kann.

Gemeindeorientierung heißt immer auch brüderliche und schwesterliche Weggemeinschaft, die ein Klima entstehen läßt, in dem Nächstenliebe wachsen und ausstrahlen kann. Dieses breite Fundament hat Vorrang vor aller Perfektion.

 

Vom Geschäftsführenden Ausschuß am 12. Januar 1990 einstimmig verabschiedet