Dienstag, 2. November 1993

Das Selbstverständnis des deutschen Katholikentages

Das Selbstverständnis des Deutschen Katholikentags

Wer das Selbstverständnis einer kollektiven Größe darstellen will, muß sich dessen bewußt sein, daß ihm nur Näherungswerte gelingen werden. Objektives und und Subjektives sind notwendigerweise eng miteinander verwoben, zumal dann, wenn sich das subjektive Moment nicht nur aus der Auswahl des Darstellenden ergibt, sondern auch aus der Sicht und Wertung eines Mitagierenden. Überdies handelt es sich beim Katholikentag um ein Phänomen mit einer fast 150jährigen Geschichte, in deren Verlauf sich ein beträchtlicher Wandel vollzog, ein dynamischer Vorgang, der sich auch in unseren Tagen ständig fortsetzt. Schließlich muß man bei der Darstellung des Selbstverständnisses einer geschichtlich gewachsenen Größe auch immer mit dem Eindruck rechnen, den diese Geschichte bei den näheren und ferneren Beobachtern hinterlassen hat, insbesondere bei interessierten oder kritischen, jedenfalls wertenden Beobachtern. Daher ist es wohl richtig, einige Bemerkungen zum historischen Weg der Deutschen Katholikentage zu machen.

Der Anfang des Deutschen Katholikentags ist bemerkenswert genug, in Sonderheit, wenn man von der weit verbreiteten und sicherlich nicht gänzlich unberechtigten Sicht der Katholischen Kirche als einer traditionelle Werte bewahrenden Kraft ausgeht. Der Katholikentag ist nämlich ein Kind der Revolution von 1848, nicht nur deshalb, weil 1848 die erste Versammlung dieser Art in Mainz stattfand, auch nicht nur in dem Sinne, daß diese Versammlung sich der durch Umsturz und Bedrohung des Althergebrachten entstandenen Situation stellen wollte, sondern auch, weil diese Veranstaltung bewußt Organisationsformen, Arbeitsmethoden und Argumente aus dem Instrumentarium der sich entwickelnden europäischen Demokratie nahm. Das Bekenntnis zu demokratischen Idealen sollte allerdings erst in den Anfangsjahren der Weimarer Republik folgend und war - wie die Folgezeit leider erwies- eher halbherzig und jedenfalls nicht belastbar. Erst die furchtbare Erfahrungdes Nationalsozialismus beseitigte die letzten ernsthaften Vorbehalte gegen eine freiheitlich- demokratische Gesellschaft.

Dennoch bedeutete 1848 einen wirklichen Neubeginn im selbständigen Handeln katholischer Christen in der Gesellschaft. Während der ersten Jahrzehnte waren die Katholikentage dem Namen und der Sache nach eine Generalversammlung der katholischen Vereine bzw. der Katholiken. Gemeint waren damit in jedem Falle Katholiken, die gesellschaftlich und kirchlich aktiv und in Verbänden organisiert waren. Überdies vertraten sie in kirchlicher und theologischer, aber auch in politischer, sozialer und kultureller Hinsicht Auffassungen, die - jedenfalls im Vergleich zur Breite des heutigen katholischen Meinungsspektrums - im hohen Maße übereinstimmten. Allerdings gab es auch damals prinzipielle Debatten über die Art des gesellschaftlichen Engagements und über das Verhältnis von kirchlicher Autorität und persönlicher Verantwortung im politischen Leben. Insgesamt stellten die Katholikentage eine Repräsentanz des politischen und sozialen Katholizismus jener Jahrzehnte dar. Der sogenannte Kulturkampf im Bismarckschen Kaiserreich verschärfte die konfessionelle Zuspitzung und verstärkte die Ausrichtung auf eine politische Partei - das Zentrum. Zugleich verband sich in der Gestalt der Katholikentage immer stärker der Charakter eines Delegiertenkongresses, der ursprünglichen Generalversammlung, mit dem Charakter einer großen und öffentlichkeitsorientierten Kundgebung. Bei aller Distanz, die katholischen Christen heute zu nicht wenigem, was damals als selbstverständlich manifestiert wurde, haben, darf doch nicht vergessen werden, welch enormes Selbstbewußtsein den katholischen Laien durch den Verbandskatholizismus und die diesen repräsentierenden Katholikentage zuwuchs. Dadurch nahmen die deutschen Katholiken eine Sonderstellung in der Katholischen Kirche ein, die sich sogar gegen das von Pius XI. inaugurierte Modell einer bischöflich geleiteten Laienbewegung in Gestalt der Katholischen Aktion behaupten konnte. Doch auf diesen Erfolg folgte bald die Zerschlagung der katholischen Verbände durch den Nationalsozialismus. Damit war auch den Katholikentagen der Boden entzogen.

Der Wiederaufbau nach dem Ende von Krieg und Nationalsozialismus hat in Westdeutschland, so jedenfalls will es im Abstand von mehrals vierzig Jahren scheinen, an die Tradition von vor 1933 angeknüpft. Im Nachkriegsjahrzehnt entstand in der Bundesrepublik wieder die vielgliedrige Struktur des katholischen Verbandslebens. Dennoch war in der Zeit, in der durch die staatliche Macht jede Aktivität christlicher Gruppen auf den kirchlichen, genauer gesagt, auf den gemeindlichen Raum beschränkt worden war, eine in mehrfacher Hinsicht neue Situation entstanden. Einerseits erzwangen die Verhältnisse während der Nazizeit, daß alles, was von Christen außerhalb des Gottesdienstes an gemeinschaftlichem Handeln erfolgte, unter der Verantwortung und damit auch unter der Führung kirchlicher Amtsträger stand, wenn nicht bewußt die Illegalität solchen Handelns auf sich genommen wurde. Das Fehlen überpfarrlicher Strukturen für Laienaktivitäten in der ersten Nachkriegszeit führte dazu, daß diese dominierende Position der sogenannten Amtskirche im gesellschaftlichen Bereich zunächst andauerte. Es gab auch durchaus ernsthaften Widerstand unter Bischöfen und Pfarrern gegen die Wiederherstellung der früheren organisatorischen Formen. Dafür können unterschiedliche Gründe genannt werden. Wer Entscheidungskompetenzen hat, glaubt nicht selten, diese seien bei ihm in guten Händen und akzeptiert allenfalls Beratung. Doch gab es daneben, und dies nicht nur bei Bischöfen und Pfarrern, eine Abneigung gegen nach Ständen, Schichten und Berufsgruppen separierende Vereine, bei denen überdies häufig eine gemeindliche Orientierung vermißt wurde. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 hatten ein neues Bewußtsein für die enge Beziehung zwischen religiösem Leben und gesellschaftlichem Handeln entstehen lassen. Dazu kam der damals schon vorhandene antiinstitutionelle Affekt, der durch das traditionelle Gesicht einiger bereits im 19. Jahrhundert gegründeten Vereine verstärkt wurde. Im Grunde also eine Situation, die der heutigen in den ostdeutschen Bundesländern nicht unähnlich ist, wenn auch durch die viel längere Zeit, in der dort jedes gesellschaftliche Leben von einer ideologisch geprägten Macht usurpiert wurde, die genannten Merkmale viel schärfer markiert sind. Bei den ersten Katholikentagen nach dem Kriege scheint diese Situation, so jedenfalls mein Eindruck, den Kundgebungs- und Darstellungscharakter dieser Ereignisse gegenüber dem Arbeitskongreß akzentuiert und die Bischöfe stärker in den Vordergrund gerückt zu haben.

Meine erste deutliche Erinnerung ist der Katholikentag 1952 in Berlin. Es gibt ein reich illustriertes Heftchen über dieses Ereignis, das ich noch zu Hause habe. Wer sich dieses Heftchen unbefangen betrachtet, wird, glaube ich, nicht notwendigerweise auf den Gedanken kommen, daß es sich bei diesem Katholikentag in erster Linie um eine von Laien getragene und gestaltete Veranstaltung handelte. Von der Realität, insbesondere der folgenden Jahre und Jahrzehnte, wird jedoch dieser Eindruck nicht gedeckt. Vor allem das II. Vatikanum schuf mit seiner Sicht von Kirche - ich erinnere hier nur an das Bild und den Begriff vom Volke Gottes - wie auch durch praktische Schritte die Voraussetzung für ein neues Selbstverständis der Laien in der Katholischen Kirche. Für die Struktur der Laienbewegung in Deutschland bedeutete dies konkret das Entstehen einer zweiten Säule neben den Verbänden in Gestalt der Räte auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen. Diese Form entspricht dem neuen Verständnis der Beziehung zwischen kirchlichem Leben und öffentlichem Engagement, der Forderung nach wirklicher Mitwirkung an Entscheidungsprozessen, zugleich aber auch der geringeren Homogenität der von katholischen Christen vertretenen Auffassungen und Überzeugungen und schließlich auch der geringeren Bereitschaft, sich dauerhaft an eine bestimmte Gruppe und an eine einzelne Aufgabe zu binden.

Ein wesentliches Moment der neuen Situation ist das Bekenntnis der Katholischen Kirche im II. Vatikanum zum Ökumenismus, der sich überdies in Deutschland auf die gemeinsamen bitteren Erfahrungen von Christen aller Konfessionen mit der nationalsozialistischen Diktatur und danach mit der staatlichen Privilegierung der marxistisch-leninistischen Ideologie in Ostdeutschland gründen konnte.

Die Notwendigkeit, sich über eine vielschichtige kirchliche Wirklichkeit zu verständigen, die größere Bandbreite der von katholischen Christen vertretenen politischen, sozialen und kulturellen Auffassungen und die dadurch immer drängendere Aufgabe der Konsensfindung sowie nicht zuletzt das sich ausweitende ökumenische Gespräch prägen im zunehmenden Maße den Charakter von Katholikentagen als zentrale Ereignisse und Höhepunkte ineinem kontinuierlichen dialogischen Prozeß. Bei näherer Betrachtung erweist sich bekanntlich Geschichte als ein Komplex sich vielfach überschneidender Vorgänge, der je näher man den Einzelheiten kommt, um so undeutlicher in seinen Konturen wird. Dennoch kann man der hier skizzierten Entwicklung eine deutliche Zäsur geben, und das ist der Katholikentag 1968 in Essen. Dieser Katholikentag markierte das Ende der Entwicklung von ergebnisorientierten Arbeitstagungen eines klar definierten und weitgehend homogenen Kreises von Aktivisten zum Forum des offenen Dialogs für einen sich spontan bildenden Kreis von Kommunikationspartnern mit divergierenden Auffassungen und unterschiedlich enger kirchlicher Bindung. Dieser Katholikentag zeigte zugleich, daß wirklicher Dialog nicht planbar ist, auch selten kurzzeitig zu Resultaten führt, sehr wohl aber Impulse freisetzen kann, die längerfristige Konsequenzen haben können. Jedenfalls hatten die heftigen Debatten von Essen keinen geringen Anteil an dem Entschluß, eine Gemeinsame Synode der deutschen Bistümer in Würzburg durchzuführen, ohne die wiederum die Dresdner Pastoralsynode schwer vorstellbar gewesen wäre. Übrigens ist auch schwer vorstellbar, daß es ohne die Gespräche vor und während des Katholikentreffens 1987 in Dresden, das für mich zur Tradition der Deutschen Katholikentage gehört, zur Teilnahme der Katholischen Kirche in der DDR an den Ökumenischen Versammlungen gekommen wären, die ihrerseits zu den Wegbereitern der Wende gehörten.

Heute stellen Katholikentage ein komplexes Phänomen dar. Sie stehen in der gemeinsamen Verantwortung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und des gastgebenden Bischofs. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken besteht zu gleichen Teilen aus Delegierten der Verbände und aus Delegierten der Diözesan- oder Katholikenräte auf Bistumsebene sowie aus einer Anzahl von diesen gemeinsam gewählten unabhängigen Persönlichkeiten. In die Partnerschaft zwischen ZdK und gastgebendem Ortsbischof bringt ersteres das Gewicht seiner gesamtdeutschen Repräsentativität, seine geschichtlich gewachsene Stellung und seine organisatorische Kompetenz ein. Für die organisatorische Trägerschaft und für die programmatische Vorbereitung der Katholikentage werden spezielle Gremien gebildet, in denen Laien die Mehrheit und dasentscheidende Gewicht haben. Katholikentage wollen kein Widerpart zum Kollegium der Bischöfe sein oder eine Opposition zur sogenannten Amtskirche, wohl aber ein eigenverantwortlicher Partner in der Gemeinschaft der Kirche. Katholikentage helfen dazu, die Autonomie der Entscheidung in weltlichen Dingen und die sich daraus notwendig ergebende Pluralität im Denken und Handeln zu verwirklichen und auf der Grundlage des Glaubens durch Dialog und Konsensfindung Einheit in der Vielfalt zu ermöglichen. Diese Einheit kann immer nur Aufgabe und Ziel sein, ein dynamischer Vorgang und kein zu formierender politischer Gesamtwille der deutschen Katholiken.

Die inhaltliche Arbeit der Katholikentage steht unter einem Thema, das sich als wichtig empfundenen Herausforderungen aus Kirche und Gesellschaft zuwendet, und unter einem der Motivierung dienenden Leitwort. Das Thema wird so entfaltet, und die programmatische Arbeit ist so ausdifferenziert, daß auf jedem Katholikentag ein weites Spektrum nicht nur von thematischen Aspekten, sondern auch von Auffassungen und Standpunkten präsentiert wird. So kann man Katholikentage im doppelten Sinne als Selbstdarstellung charakterisieren - als innerkirchliches wechselseitiges Mitteilen und sich Vergewissern, was in der Kirche und unter Katholiken gesagt und gedacht wird, und als öffentliche Darstellung dessen, was Katholische Kirche heute ist und sein will. Eine solche Aufgabe von Katholikentagen kann nur gelingen, wenn sie im rechten Geist und mit dem rechten Ton erfolgt. Die innerkirchliche Darstellung erfordert Bereitschaft zur Einheit in der Vielfalt und Willen zum Konsens. Dabei wird heute den aktiven und kirchentreuen Katholiken, die zum Katholikentag kommen, erheblich mehr Toleranz abverlangt als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten. Die öffentliche Darstellung verlangt wiederum die Bereitschaft zum einladenden Dialog und die Fähigkeit, die Antworten des Glaubens auf die Fragen der Gegenwart in der Sprache der Gegenwart zu geben.

Unverzichtbar ist für beide Darstellungsrichtungen - die kirchliche und die öffentliche - die ökumenische Dimension, denn die kirchlichen Probleme und theologischen Fragestellungen sind oftnicht mehr auf einen konfessionellen Kontext begrenzt, und in der heutigen säkularisierten Gesellschaft sind die Christen nicht nur im Osten eine Minderheit, die gemeinsam die Frohe Botschaft Jesu Christi bezeugen muß.

Katholikentage sind heute Foren eines dreifachen Dialogs - des innerkatholischen Dialogs, des ökumenischen Dialogs und des Dialogs mit der glaubensfernen oder nichtglaubenden Umwelt. Als Dialogforen sind sie notwendigerweise mit all den Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten belastet, die sich aus der prinzipiellen Offenheit des echten Dialogs ergeben. Katholikentage sind heute - im Gegensatz zu der ersten Phase ihrer Geschichte - Großveranstaltungen mit den für solche Ereignisse spezifischen Gesetzen. Als Ereignis ermöglichen sie Gemeinschaftserfahrungen - als Ergänzung des Gemeindelebens, für einige auch als gesuchter Gegensatz zur unvermeidlichen Enge und Gebundenheit einer traditionellen Pfarrei, für den einen oder anderen vielleicht auch als einziger intensiver Kontakt mit Kirche. Damit komme ich zum letzten und zugleich übergreifenden Merkmal von Katholikentagen wie von allen öffentlichen Gemeinschaftsvorgängen von Christen: dem missionarischen Zeugnis, das sich in der Darstellung von Glauben und Kirche, im um Wahrheit sich mühenden Dialog und in der Gemeinschaftserfahrung entfaltet.

Der Katholikentag 1994 in Dresden soll sich unter dem vielschichtigen Thema "Auf dem Weg zur Einheit" den Aufgaben stellen, die sich in Deutschland und Europa, im ökumenischen Miteinander der Christen, im Zusammenleben von Christen und Nichtchristen und schließlich in unserer eigenen Kirche auftun. Ort und Zeitpunkt akzentuieren die Merkmale eines solchen Ereignisses in besonderer Weise. Die Erfahrungen, die wir dabei machen, werden auch das künftige Selbstverständnis der Katholikentage mitprägen.