Montag, 10. April 1995

Der Liebe gerecht werden. Ehebezogene Lebenskultur heute

(als Broschüre vergriffen)

Der Liebe gerecht werden Ehebezogene Lebenskultur heute

0. Ehe als Gemeinschaft des Lebens und der Liebe

"Ehe- und Familienleben" ist als einer der Grundwerte menschlichen Daseins ungebrochen hoch im Kurs. Die Europäische Wertestudie zeigt bei Westeuropäern jeden Alters eine überwältigende Bestätigung dieses Wertes. 96 v.H. der Befragten halten Ehe- und Familienleben für wichtig; 87 v.H. meinen, daß dem Familienleben zukünftig mehr Gewicht beigemessen werden sollte; 87 v.H. sind sich einig, daß ein Kind Mutter und Vater braucht, um glücklich aufzuwachsen; 80 v.H. halten weiterhin am Wert der Ehe als einer Institution fest. Ehe- und familienbezogene Lebenskultur ist also nach wie vor zentrales Moment gelingenden Lebens. Freilich darf man angesichts dieser Tatsache nicht vergessen, daß "Eheund Familienleben" für viele Menschen heute in zunehmendem Maße eher Zufluchtsort, "primäre Lebenswelt" bedeutet und nicht schon institutioneller Lebensraum.

Wir haben bislang kaum hinreichend bedacht, was es vor allem für junge Menschen bedeutet, in modernen Gesellschaften, in denen "Pluralisierung" und "Individualisierung" schon fast zum Ausdruck von Lebenskultur geworden sind, Lebensentscheidungen zu treffen oder sie anderen abzuverlangen. Das institutionelle Umfeld, das für die Vorbereitung und Anbahnung von Lebensentscheidungen Stütze und Orientierung gab, ist nahezu weggefallen, wird in Frage gestellt, seine Verbindlichkeit bestritten.

Wer also wirklich helfen will, zu Lebensentscheidungen zu befähigen, muß um die Verflechtungen wissen, innerhalb derer ein Mensch Entscheidungen für sein persönliches Leben trifft. Ferner brauchen jene, die Entscheidungen für ihr ganzes Leben treffen wollen, Menschen, die diese Ziele nicht nur vorleben, sondern die Rückhalt geben können, um mit den Unsicherheiten und Ambivalenzen, die solchen Lebensprozessen eigen sind, fertig zu werden. Nur wer Rückhalt gibt, kann Perspektiven eröffnen, zu Bindungen als Gemeinschaft des Lebens und der Liebe ermutigen.

Viele Eltern, die ratlos sind, wenn ihre Kinder andere Wege gehen wollen, als es ihrer Überzeugung nach richtig ist, wollen den Kontakt zu ihren Kindern behalten und das Gefühl vermitteln, daß sie gerade bei Fragen der persönlichen Lebensentscheidung und -gestaltung in ihren Eltern aufgeschlossene und ehrliche Gesprächspartner finden. Umgekehrt möchten Jugendliche, daß Eltern und Erwachsene allgemein sich ihre Ruhe nicht mit vorschnellem Nachgeben erkaufen. Dies verlangt jedoch, sich gemeinsam auf die Grundlagen und Sinnelemente von Ehe und partnerschaftlicher Liebe zu besinnen, die Erscheinungsformen, die den gewohnten Ehevorstellungen entgegenstehen, nüchtern in den Blick zu nehmen und nach der Lebbarkeit von Ehe heute bzw. nach Ursachen, die dieser Lebbarkeit im Wege stehen, zu fragen.

In diesem Sinne verstehen sich auch die folgenden Überlegungen sowohl als Hilfen als auch als eindringlicher Aufruf, Rückhalt zu geben, damit Menschen, vor allem junge Menschen, in Partnerschaft, Ehe und Familie dem Grund und Ziel aller Lebenskultur, nämlich der Liebe, gerecht werden können. Sie sollen dazu dienen, die komplexen Fragen einer ehebezogenen Lebenskultur heute überschaubarer zu machen. Viele Aussagen müssen jedoch erst in die eigene Situation übersetzt werden, um konkrete Antworten auf die eigenen Fragen und Probleme finden zu können.

Unter drei Aspekten, Ehe als Lebensform, Ehe als Lebenskultur und Ehe als Lebensweg, wird nachfolgend versucht , diesen Fragen nachzugehen.

1. Ehe als Lebensform

1.1 Ehe als personale Gemeinschaft im Spannungsfeld von Verbindlichkeit und Veränderung

Ehe und Familie sind ursprüngliche und grundlegende Formen, "in Gemeinsamkeit" zu leben (Papst Johannes Paul II., Brief an die Familien, 2. Februar 1994, Nr. 7).

Unter diesem Aspekt sind Ehe und Familie innerlich aufeinander bezogen. Die Familie als "existentieller Hintergrund" eines jeden Menschen und als "die erste menschliche Umgebung, wo der 'innere  Mensch' Gestalt annimmt", (ebd. Nr. 2 u. 23) entsteht, wenn der bei der Trauung geschlossene eheliche Bund sich verwirklicht, der die Eheleute für eine dauernde Liebes- und Lebensgemeinschaft öffnet und sich im vollen und eigentlichen Sinn mit der Zeugung von Kindern vervollständigt: Mit der 'Gemeinsamkeit' der Eheleute beginnt diese grundlegende 'Gemeinschaft' der Familie. "In der so begründeten Familie offenbart sich eine neue Einheit, in der die Beziehung der 'Gemeinsamkeit' der Eltern volle Erfüllung findet." (ebd. Nr. 7)

Daraus ergibt sich eine Einheit der Genealogie der Generation, als deren Glied jeder Mensch existent ist, und der Genealogie der Person des Menschen, der "um seiner Selbst willen von Gott geschaffen und gewollt ist (ebd. Nr. 9). Diese Einheit läßt die Gemeinsamkeit als gemeinsames Gut hervortreten und bestimmt grundlegend die Sinngestalt von Ehe als einer Lebensform, die "auf das Wohl der Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet ist" (Codex des kanonischen Rechts 1983, can. 1055 §1). Der Glaube erkennt hierin sogar "eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der Kinder Gottes in der Wahrheit und der Liebe" (Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute "Gaudium et spes" Nr. 24).

Das gemeinsame Gut als Zeichen der untrennbaren Einheit der Genealogie der Generation und der Person hat in der Gemeinsamkeit der Ehegatten ihren Anfang und vervollkommnet sich in der Gemeinschaft der Familie. Ehe bedeutet somit eine unaufgebbare Verantwortung für jenes einzigartige gemeinsame Gut.

Keine Kultur hat darauf verzichten können, Ehe und Familie in irgendeiner Art und Weise den Prinzipien der Dauerhaftigkeit, der Ausschließlichkeit, der Solidarität füreinander und der Sorge für Fortbestand und Wohl der Familienangehörigen zu unterstellen und damit Regelhaftigkeiten zu entwickeln, die einen allgemeinen Verbindlichkeitsgrad besitzen und das Handeln zu orientieren vermögen. Unter dem Aspekt anthropologischer Grundkonstanten gehören Ehe- und Familienhaftigkeit zu den fundamentalen Kulturtatbeständen der Menschheit. Gleichwohl sind Gestaltungsformen und inhaltliche Qualifizierungen von Ehe und Familie einem steten geschichtlichen Wandel ausgesetzt; das Ausmaß von Normierung und Verrechtlichung und damit eben der Institutionalisierung ist beträchtlichen Schwankungen unterworfen.

Die neuere Entwicklung, die das heutige Erscheinungsbild prägt, setzt dort an, wo Intimität und gefühlsmäßige Bindung zum bestimmenden Inhalt von Ehe werden. Ferner setzt heute die Dynamik der modernen Gesellschaftsentwicklung Dauerhaftigkeit und Langfristigkeit institutioneller Bindungen unter Druck. Sie verheißt gleichzeitig ein Mehr an Handlungsspielräumen und Wahlfreiheiten. Sie ermöglicht größere Teilhabe an allen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen, vergrößert damit aber die Probleme, verschiedene Handlungspläne in den konkreten Lebenslauf zu integrieren und schafft so ein Mehr an Entscheidungsnot. Diese Wandlungen haben besonders für Frauen zu einschneidenden Veränderungen hinsichtlich der individuellen Biographie geführt. Der Handlungsspielraum, den Menschen heute fast wie selbstverständlich beanspruchen und weithin auch haben, führt zu einer Vielfalt von Lebensstilen.

Die Fakten der gegenwärtigen Entwicklung belegen dies nachdrücklich. So hat die Zahl der Eheschließungen seit 1960 deutlich abgenommen. Trennungs- und Scheidungsstatistiken weisen nach wie vor steigende Tendenzen auf. Der Anteil der Ein-Elternteil-Familien an allen Familien mit minderjährigen Kindern hat im gleichen Zeitraum deutlich zugenommen.

1.2 Veränderte Partnerschaftsbiographien im Geflecht neuer Beziehungsformen

1992 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1.393.000 "eheähnliche" Gemeinschaften registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte sehr viel höher liegen. Die Vorstellungen, die man mit den nichtehelichen Lebensgemeinschaften verbindet, und die Formen des Zusammenlebens, die sie aufweisen, sind keineswegs einheitlich. Deshalb kann es problematisch sein, hier das Wort "Ehe" zu gebrauchen, und zwar dann, wenn die Beziehung bewußt als alternative Lebensform verstanden wird. Immer aber handelt es sich bei dieser Lebensform um das intime, auf eine gewisse Dauer hin angelegte Zusammenleben zweierMenschen verschiedenen Geschlechts mit einem gemeinsamen Haushalt.

Fragt man danach, warum die Betreffenden nicht verheiratet sind, so können die meisten keinen triftigen Grund angeben. Viele halten es nicht für notwendig zu heiraten, bevor keine Kinder da sind. Andere wollen zunächst ihre berufliche Zukunft sichern, oder halten sich für noch zu jung. Fast die Hälfte der Paare meint von sich, daß sie "fast wie in einer Ehe" zusammenleben und auch heiraten werden. Für ein Drittel der Befragten ist ihr Zusammenleben quasi eine Ehe, aber ohne Trauschein, weil keine Formalität gewünscht und diese auch nicht gebraucht werde. Geht man von den Motiven für das Eingehen einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft aus, lassen sich folgende Konstellationen unterscheiden:

- Vorwegnahme der ehelichen Beziehung: dieses Motiv trifft für diejenigen Paare zu, die sich im traditionellen Sinn als verlobt verstehen. Da sie sich ihrer Beziehung sicher sind und den Partner in nächster Zukunft auch heiraten möchten, nehmen sie das eheliche Leben schon vorweg.

- Einüben von partnerschaftlicher Beziehung: Zusammenleben wird als Lernprozeß verstanden bzw. als Chance zur Nach sozialisierung, bei der menschliche und partnerschaftliche Qualitäten und Fähigkeiten gewonnen werden sollen. Dieser Beweggrund findet sich vorwiegend bei der jüngeren Altersgruppe von 18 - 23jährigen.

- "Erprobung" des Partners durch die sog. "Ehe auf Probe", in der das Gelingen des alltäglichen Zusammenlebens als Ausweis der Echtheit und Qualität der Beziehung angesehen wird.

- Möglichkeit zur Erprobung neuer (alternativer) Formen der Partnerschaft, in denen etwaiger Besitzanspruch gegenüber dem Partner von vorneherein durch die relative Unabgeschlossenheit und Offenheit der Beziehung sowie durch gleichberechtigte Rollenverteilung begegnet werden.

- Zweckmäßigkeitsgründe: hierbei können zum einen wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle spielen, wie es beim früheren "Rentenkonkubinat" oder bei der sog. Onkelehe der Fall war.

- ideelle Gründe, die zu einer Art "living apart together" ("getrenntes Zusammenleben") führen.

Den einzelnen Beziehungsformen liegt ein jeweils anderer Lebensentwurf zugrunde. Gleichwohl läßt sich zusammenfassend sagen: Nur ein kleiner Teil von Männern und Frauen verbindet mit dem unverheiratet Zusammenleben eine grundsätzliche Ablehnung der Ehe.

1.3 Neue Lebensentwürfe und der Wunsch nach Bindung

Die zu beobachtenden Wandlungen sind zu einem wesentlichen Teil Ausdruck von Veränderungen im Lebensstil, in der Lebensplanung und im Lebenslauf, die im einzelnen eher als "Umweg", "Neben-" oder " Schleichpfad" auf Ehe hin erscheinen, zusammengenommen aber das Bild von "normaler" Ehe und Familie nachhaltig beeinflussen. Die Normalbiographie vom Ledigsein bis zur Zwei- oder Mehrkindfamilie hat ihre Selbstverständlichkeit verloren und ist einem Geflecht alternativer "Beziehungskarrieren" gewichen. Die Übergänge vom Alleinsein zur Partnerund Elternschaft sind schillernd. Voreheliches Zusammenleben, Unverheiratetbleiben, Trennung, Scheidung, "nacheheliche" Partnerschaft treten in verschiedener Weise in die "Normalbiographie" ein.

Hier greift die Individualisierungsdynamik, welche die modernen Industriegesellschaften erfaßt hat, noch stärker. Eine allgemein hochindividualisierte und an Gleichheit in der Rechtsposition orientierte Gesellschaft weckt notwendigerweise als Kehrseite das Bedürfnis nach emotional erfahrbarer Bindung im Privatbereich. Solche Einflüsse können Ausdruck eines Verlangens nach Authentizität und Wahrhaftigkeit in den Formen gemeinschaftlichen Lebens sein, Ausdruck einer Korrektur traditioneller Lebensformen nach der Maßgabe partnerschaftlicher Beziehung. Das Klischee der "wilden Ehe" trifft für die unverheiratet Zusammenlebenden in den meisten Fällen nicht zu. Von daher ist es ethisch gesehen nicht sinnvoll, von "der" Form der nichtehelichen Lebensgemeinschaften zu sprechen, denn es gibt "die" nichteheliche Lebensgemeinschaft als eigenständige Lebensform nicht, auch nicht als Alternative zur Ehe. Wer dennoch eine nichteheliche Lebensgemeinschaft als Alternative betrachtet, muß sich der Frage stellen, wie man ihr die Qualität einer personalen, d. h. unverwechselbaren Beziehung verleihen will. Gleichzeitig ist die Frage zu stellen, ob nicht der Verzicht auf vorheriges  Zusammenleben bewußter und glaubwürdiger zum Ausdruck bringt, daß Liebende eine Beziehung in personaler Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit, d. h. als Lebensbeziehung und Lebenskultur aufbauen zu wollen.

2. Ehe als Lebenskultur

2.1 Kultur der Liebe

Entgegen mancher Auffassungen bedeutet "Kultur der Liebe" nicht "institutionsfreie Beziehung", sondern meint eine unverwechselbare Lebensform, in der Freiheit in der Gemeinschaft einer Liebe erfahren werden kann. Auch die meisten jüngeren Menschen streben, selbst wenn sie bestimmte Leitbilder von Ehe und Familie ablehnen, kein bindungsloses Leben an. Diejenigen Werte, die eine Beziehungskultur ausmachen - Verläßlichkeit des Partners, Treue, Anerkennung und Verständnis seitens des Partners, Sicherheit und Geborgenheit, Zeit füreinander haben, über möglichst viel reden können wie auch so sein zu können, wie man ist, - kennzeichnen die Ansprüche, die an die Qualität solcher Beziehungen gestellt werden. Es sind die Erwartungen, wie sie auch von Verheirateten im Hinblick auf ihre Ehe geäußert werden.

Ehe- und familienbezogene Lebenskultur beginnt nicht erst dort, wo Partner in Erwartung eines Kindes heiraten, sondern schon da, wo im Aufbau einer Lebensbeziehung sich zwei Herkunftsfamilien in Gestalt dieser Partner begegnen. In der Spannung von "ich-du", "wir-euch", "uns-denen" bildet sich der gemeinsame Lebensstil heraus. Seiner Art nach ist es ein lebenslanger Prozeß und ein lebenslanges Bemühen, hier immer wieder die notwendigen Feinabstimmungen zu finden zwischen dem Wunsch nach innigem Zusammensein und dem nach mehr Abgrenzung und eigenem Lebensraum. Der Liebe in einer Lebensbindung von Mann und Frau gerecht zu werden, ist Substanz dessen, was Ehe lebens-"wert" macht. Es bedeutet aber zugleich auch einen hohen Anspruch, der in allen Phasen und Situationen dieser Beziehung die berechtigten Belange des Partners ebenso wie die eigenen im Blick behält.

2.2 Die Spannungseinheit von Liebe und Gerechtigkeit

Tiefer betrachtet ist es die Spannungseinheit von Liebe und Gerechtigkeit, die nicht nur in persönlicher, sondern gerade in struktureller Hinsicht dem heutigen Menschen und damit auch in Partnerschaften, in Ehe und Familie immer mehr zum Problem geworden ist. Liebe ändert Strukturen, denn Liebe ist das Prinzip der Gerechtigkeit. Ohne ein gesundes Gerechtigkeitsempfinden ist kein Gefühl dafür zu entfalten, was im gegenseitigen Geben und Nehmen angemessen ist oder nicht.

Gerade das Gerechtigkeitsempfinden ist die moralische Substanz jeder Beziehungskultur. Partner, die glauben, durch Aufrechnung von Leistungen und Zugeständnissen einen tragfähigen Ausgleich für ihr Zusammenleben erzielen zu können, übersehen, daß unter der Oberfläche des nüchternen Ausgleichs ein Bündel von Gefühlen der Bindung und der Verpflichtung sich befindet, das unter Umständen weit in die Herkunftsfamilie der jeweiligen Partner hineinreicht. Eine Lebensbeziehung als ehebezogene Lebenskultur in Gerechtigkeit aufzubauen, bedeutet daher, dem elementaren Bereich von Loyalitäten und Abhängigkeiten nicht auszuweichen, sondern ihn von der Liebe her (und das heißt im gleichen Atemzug: ihn gerecht) zu durchformen und zu korrigieren.

Diese Zusammenhänge kann man auf die Formel bringen: Gerechtigkeit ohne Liebe ist Grausamkeit, Liebe ohne Gerechtigkeit Auflösung.

Im Hinblick auf die Entwicklung einer ehe- und familienbezogenen Lebensform hat dies eine ungewohnte Aktualität erhalten. In den Sozialwissenschaften spricht man mittlerweile vom "ganz normalen Chaos der Liebe", von der "allmählichen Auflösung der Ehe durch die Liebe" u.a.m. Man meint damit eine fortschreitende Loslösung der "Liebe" von der "Institution" in der Entwicklung moderner Gesellschaften. Solche Formeln, so griffig sie sind, lösen die nicht hintergehbare Bezugseinheit von Liebe und Gerechtigkeit auf und lenken eher vom Problem ab, nämlich der Gestaltung des als Ersatz für Ehe und Familie Gewünschten als Lebenskultur.

Lebenskultur ist Entfaltung der Person im Einklang mit der Gemeinschaft. Sie basiert damit gleich unmittelbar sowohl auf den Grundwerten einer Person selbst, nämlich deren Einzigartigkeit, Unwiederholbarkeit und Würde, als auch auf den Bindungswerten wie Treue und Wahrhaftigkeit der Kommunikation. Beides zusammen macht die Qualität einer persönlichen Beziehung aus. Das Urwort aller personalen Lebenskultur aber ist Liebe. Liebe meint Hingabe, Sich-Schenken, sie ist immer neu werdende Einheit zwischen Personen. So sicher Liebe verschiedene Arten und Formen kennt, wie z. B. die Eltern- oder die Freundschaftsliebe, so hat sie ihr Maß an ihr selber. Das Doppelgebot der Liebe bringt dies in den Bezügen zum Nächsten, zum eigenen Selbst und zu Gott, der die Liebe ist, deutlich zum Ausdruck. Im christlichen Verständnis ist Liebe daher ihrer Eigenart nach nicht "chaotisch", sondern höchst konkret: sie ist nicht einfach eine allgemeine moralische Regel, sondern das personhafte Wort, das die/der Liebende an den Geliebten/die Geliebte richtet: Liebe mich! So nennen sich ja im Ehekonsens die Neuvermählten bei ihrem Eigennamen: "Ich... nehme dich... als meine Frau (als meinen Mann) und verspreche dir die Treue... solange ich lebe" (vgl. Papst Johannes Paul II., Brief an die Familien, Nr. 11). Dieses Wort der Liebe verleiht ihr die Dynamik, dank derer sie fähig ist, die innersten Gefühle, nämlich die Bewegungen des Herzens, zu wecken und auszutauschen. Liebe ist darauf angelegt, alle zwischenmenschlichen Beziehungen zu durchdringen und all unsere Maßstäbe des Wollens und Handelns einer tiefgreifenden Korrektur zu unterziehen. Wenn man von einer "Kultur der Liebe" spricht, wie dies Papst Paul VI. im Hinblick auf das gesamte gesellschaftliche Leben getan hat, meint man eine Ordnung der Liebe, zu der nur die Liebe selbst fähig ist.

2.3 Partnerschaft als Gestalt von Ehe

In diesem Sinne ist "Partnerschaft" zu einer Art Norm geworden, anhand derer ein objektives Maß für die Beziehungsgestaltung in ihrer ganzen Dynamik gewonnen werden kann. Partnerschaft als ethisch qualifizierter Begriff, der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Partner beinhaltet, hebt in der Ehe auf die Gleichrangigkeit beider ab. Unter Gleichrangigen und Gleichwertigen gibt es kein Herrschen und kein Beherrschtwerden. Das besondere Kennzeichen einer partnerschaftlichen Beziehung und damit auch der partnerschaftlichen Ehe ist ihre Herrschaftsfreiheit.

Dies darf jedoch nicht so verstanden werden, als ob es nicht Führung geben könnte oder sogar müßte und als ob in einer solchen Beziehung Autorität keinen Platz hätte. In der gegenseitigen Ergänzung zweier Menschen hat jeder seine besonderen Fähigkeiten und Vorzüge und jeder seine Schwächen und Unzulänglichkeiten. Die Ergänzung beider beruht darauf, daß die verschiedenen Begabungen und Fähigkeiten wechselseitig und nicht einseitig verknüpft sind. Kompetenz liegt nicht grundsätzlich bei einem der Partner, sondern einmal bei diesem, dann bei jenem. Wer aber der/die Kompetente ist, führt in dem Bereich seiner/ihrer Kompetenz und hat dort Autorität.

Es wäre also ausgesprochen unpartnerschaftlich, würde jemand seinem Partner die Führung dort versagen, wo dieser sie braucht und darauf angewiesen ist. Es wäre auch unpartnerschaftlich, dem Partner Aufgaben aufzuerlegen und Dinge zuzumuten, bei deren Bewältigung er sich übermäßig anstrengen müßte, weil sie nicht seinen Begabungen und Fähigkeiten entsprechen. Daraus ergibt sich, daß es innerhalb einer echten Partnerbeziehung eine Arbeits- und Funktionsteilung geben kann und geben muß - und daß es ein Mißverständnis von Partnerschaft ist zu meinen, unverändert in gleicher Weise alles gemeinsam tun zu sollen oder zu müssen. Eheliche Partnerschaft lebt allerdings auch davon.

Im Hinblick auf die partnerschaftliche Ehe heißt dies, daß sie sich nicht an einem festen Schema vorgegebener Rollen und geschlechtsspezifischer Aufgabenstellungen orientiert. Es wird dem einzelnen Paar überlassen bleiben müssen, aufgrund der eigenen Bedürfnisse und anhand der Erfahrungen nach und nach seine eigene Ordnung des Zusammenlebens und die dem jeweiligen Partner aktuell oder auf Dauer zukommenden Aufgaben und Funktionen selbst festzulegen.

Die Partnerschaftlichkeit einer Beziehung bestimmt sich u.a. daher, ob die gewählte Zuordnung von Pflichten und Aufgaben für das gemeinsame Leben

- der Situation des Paares und den Bedürfnissen beider Partner entspricht;

- flexibel genug ist, einer veränderten Situation oder verän- derten Bedürfnissen der Partner angepaßt zu werden;

- von beiden Partnern frei gewählt und in gegenseitiger Ab- stimmung als angemessen und fair akzeptiert wird.

Partnerschaft bedeutet weiter,daß die Partner lernen, ihr Zusammenleben so zu gestalten, daß Unterschiede und Gegensätze in Einstellungen, Überzeugungen und Verhalten nicht zur Zerstörung, sondern zur Bereicherung für ihre Ehe werden. Eheliche Partnerschaftlichkeit fordert, Beziehungen so zu gestalten, daß diese Ehe jene Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit gewinnt, die der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit der in ihr verbundenen Partner entspricht. Damit ist keineswegs gesagt, daß man Partnerschaft und Ehe gleichsetzen könnte. Für unsere Verhältnisse aber wird man sagen müssen, daß es zur partnerschaftlichen Ehe i. S. eines Leitbildes heute keine echte Alternative gibt. Ein Leitbild in diesem Sinne dient der Orientierung, und von daher läßt sich sagen: das Gegenmodell zur partnerschaftlichen Ehe kann nur der Verzicht auf Ehe sein. Man könnte von daher allerdings die Frage stellen, inwieweit die Schwierigkeit, sich Partnerschaft in der Ehe vorzustellen, eine Rolle spielt bei den Versuchen, Partnerschaft ohne Ehe gestalten zu wollen.

Partnerschaft als Ausdruck von Lebenskultur einer Ehe bleibt freilich unvollständig, wenn sie nicht auch zugleich versucht, die institutionelle Dimension von Ehe zum Ausdruck von Lebenskultur zu machen. Hierbei zeigt sich, daß de facto nicht der Eheschließungsakt selbst die entscheidende Zäsur darstellt, sondern die Elternschaft: sie bringt die offenbar gravierenderen Veränderungen bei jungen Paaren. Die Geburt eines Kindes bringt eine neue Verantwortlichkeit mit sich: sie bedeutet für die Eltern elementare lebenslange Verpflichtungen gegenüber dem Kind selbst und damit auch eine Verbindlichkeit, die die notwendigen Regelungen von Pflichten und Rechten bis hin zu den oft weitreichenden beruflichen Entscheidungen verlangt.

Gerade im Hinblick auf die Anforderungen an die Partnerschaft und die notwendigen Regelungen, um Alltagsleben und Kommunikation in Übereinstimmung zu bringen, wie sie sich typischerweise, aber nicht ausschließlich bei der Elternphase zeigen, kommen der "Institution Ehe" unentbehrliche Entlastungs- und Schutzfunktionen zu. Institutionen verkörpern den notwendigen "Außenhalt" der menschlichen Handlungsgewohnheiten. Die Rechtsverbindlichkeit, die der Ehe als verfassungsmäßig geschützter Institution zukommt, bedeutet einen Schutzraum, der nicht nur vor willkürlichen Eingriffen von außen bewahren soll, sondern das grundlegende Recht der Partner im Recht, d. h. in einer rechtlich gesicherten Existenz zu leben, stützt. Die Institution dient im Binnenverhältnis der Partner vor allem dem Schutz des Schwächeren. Wo Partner also den institutionellen Charakter verweigern, ist auch i. S. einer Selbstprüfung zu fragen, ob diese Verweigerung nicht Ausdruck dafür ist, die Beziehungen zum anderen nur nach den eigenen Interessen und Ansprüchen zu gestalten. Die selbstsichere Gewißheit, ohne das Recht auskommen zu können, hat sich nur zu oft als schmerzhafte Selbsttäuschung herausgestellt. Natürlich reicht die Institution als Außenhalt für die Ehe nicht aus, um Stabilität lebenszeitlich zu garantieren, aber sie kann eine Hilfe sein für das eigene Verlangen nach Dauer.

Dennoch bestehen heute oft starke Vorbehalte gegen die Absiche-rung der Partnerschaft im Rechtsinstitut der Ehe. Offensichtlich wird der rechtliche Aspekt der Institution noch sehr nachhaltig mit dem Festhalten an traditionellen Leitbildern und festgelegten Rollen verknüpft.

Ehe als Institution ist nicht die Summe zweier individueller Freiheiten und entsprechender Rechte, sondern stellt eine Lebenswirklichkeit dar, die nur in und durch Gemeinschaft existent ist, d. h. durch das Eingehen aufeinander und das Zusammenleben miteinander. Die Ehe begründet so etwas wie eine über-individuelle Biographie für den einzelnen Menschen. Ehe vermittelt Anteil an einer Lebenswirklichkeit, die keiner der beiden Partner für sich alleine und für sich selbst hat. Ehe ist eine Gemeinschaft des Lebens und der Liebe, die nicht als besonderer Teil oder Bereich aus dem Leben der einzelnen Partner ausgrenzbar ist. Sie betrifft vielmehr alle Bezüge der Lebensführung. Die Dauerhaftigkeit, die der Ehe als Gemeinschaft des Lebens und der Liebe eigen ist, meint daher auch nicht einfach einen langen Abschnitt der meßbaren Zeit, sondern die Ganzheit des menschlichen Daseins. Dauer ist daher qualitativ zu verstehen, nämlich vom Vermögen des Menschen zu definitiver, bindender Lebensentscheidung her. Nur so läßt sich verstehen, daß der institutionelle Charakter die Ehe als Lebensform nicht einengt, sondern ihren eigenen Wertgehalt freisetzt. Ehe kann so auch als institutionell verfaßte Lebenskultur Lebensweg sein.

3. Ehe als Lebensweg

3.1 Treue und Vertrauen

"Man kann nicht nur auf Probe leben, man kann nicht nur auf Probe sterben. Man kann nicht nur auf Probe lieben, nur auf Probe und Zeit einen Menschen annehmen" - diese Sätze von Papst Johannes Paul II. sind inzwischen zum geflügelten Wort geworden. Zweifellos gibt es Zeiten der Probe in unserem Leben; und je mehr man sich für eine Möglichkeit entscheidet, um so mehr schließt man andere Möglichkeiten für sich aus. Wo der Wille zur lebenslangen ehelichen Treue noch nicht endgültig entschieden ist, kann er trotz aller Bemühung um ein vorsichtiges, behutsames "Sichfinden" durch ein probeweises Vorwegnehmen der ehelichen Gemeinschaft nicht ersetzt werden.

Treue heißt, unausbleibliche Veränderungen so zu leben, daß sie nicht die Beziehung zerstören. Damit ist ein positiv dynamisches Verständnis von Treue angesprochen, wie es die Kirche ihrem Eheverständnis zugrundelegt. Der sexuellen Treue kommt wegen ihrer Bedeutung für den Menschen dabei ein besonderes Gewicht zu. Entsprechend der heutigen personalen Bedeutung der Ehe muß Sexualität genau wie andere, die eheliche Gemeinschaft abgrenzende Aspekte in ein ganzheitliches, personales Treueverständnis eingebunden werden.

In der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" sagt das II. Vatikanische Konzil: "Die innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe, vom Schöpfer begründet und mit eigenen Gesetzen geschützt, wird durch den Ehebund, d. h. durch ein unwiderrufliches personales Einverständnis gestiftet." (GS 48). Unlösliche Treue ist unvereinbar mit jedem Ehebruch und jeder Ehescheidung, aber es wird deutlich, daß die Treue durch diese beiden Forderungen allein nicht umfassend beschrieben werden kann. Treue berührt das Zentrum der Partnerschaft, die Personen in ihrer Ganzheit. Nicht eine äußere Tat oder Form, sondern die personale Liebe ist Grund und Ziel der Treue. "Diese innige Vereinigung als gegenseitiges Schenken zweier Personen wie auch das Wohl der Kinder verlangen die unbedingte Treue der Gatten und fordern ihre unauflösliche Einheit." (GS 48)

Die Gemeinsame Synode der Deutschen Bistümer (1975) hat die Gedanken des Konzils aufgegriffen und weitergeführt. "Die unbedingte Annahme des anderen Menschen wird existentielle Wirklichkeit in der Treue. Durch sie ist der innerste Wille der Liebe dem Wechsel der Gefühle und der Willkür entzogen. In der Treue gewinnt die Liebe Dauer." (Christlich gelebte Ehe Nr. 1.2.2.1). Diese Dauer ist durchaus als dynamischer Prozeß zu verstehen, da die gegenseitige unbedingte Annahme als lebenslange Aufgabe bezeichnet wird, die, um dem Prozeß der Entfaltung, des Wachstums der Partner gerecht zu werden, "ein besonderes Maß an Kreativität und Flexibilität" erfordert. Die Verbindung von unbedingter Annahme in gegenseitiger Liebe und in der Liebe Gottes zeigt an, daß lebendige eheliche Treue aus dem Glauben heraus lebbar ist, keine Utopie bleibt. Sie ist möglich dem, der glaubt: das unbedingte Ja ist dem Menschen möglich im Vertrauen auf Gott, der beide Partner in seiner Liebe unbedingt annimmt. In der Treuebindung rührt der Mensch an das letzte Geheimnis seines Daseins. Er lebt aus einer Hoffnung und einem Vertrauen, das weder aus ihm selbst noch aus dem Partner/ der Partnerin heraus voll begründet werden kann. Die eheliche Treue ist damit nicht nur ein über sich hinausweisendes Symbol, sondern bereits Teilhabe an der Treue Gottes. Voraussetzung für solche Treue ist die Hoffnung: "Diese Liebe in Treue ist vor allem dem möglich, der in der Tiefe seiner Person hoffen kann, daß er selbst wie auch der andere im Tod nicht dem Nichts anheim fällt. Erst in der Hoffnung, daß die Liebe durch den Tod nicht vollständig zerstört wird, gewinnt die Treue ihren letzten Sinn und eine Kraft gegen Zweifel und Todesängste innerhalb der Partnerschaft.(Christlich gelebte Ehe und Familie Nr. 1.2.2.3)

Treue ist also ein Grundverhältnis, das in dreifacher Richtung entwickelt werden muß:

- Als Treue zum Wir der Partnerschaft nutzt sie alle in der Ehegemeinschaft liegenden Entfaltungsmöglichkeiten, um einer schleichenden Treuelosigkeit durch langsame Entleerung und innere Auflösung der Gemeinschaft zu wehren.

- Als Treue zum Du des Partners / der Partnerin fordert sie, den anderen ganz aufzunehmen und sich ihm ganz anzuvertrauen, um Wünsche, Bedürfnisse und persönliche Entwicklung des Partners bei den eigenen Entscheidungen berücksichtigen zu können.

- Als Treue zu sich selbst bejaht sie persönliche Individualität und Berufung als wesentlichen Bestandteil der ehelichen Treue, da die Partnerschaft aus der Individualität der Partner lebt.

Diese drei Bereiche der Treue, die alle den gleichen Rang haben, werden unweigerlich miteinander in Konflikt geraten, z. B. wenn ein Partner einen für seine persönliche Entwicklung wichtigen Menschen kennenlernt und der andere dadurch die Gefahr sieht, nicht mehr ganz angenommen zu werden, oder wenn ein Partner mehr Zeit für gemeinsame Unternehmungen erwartet als mit dem nötigen Eigenraum des anderen vereinbar ist. In der Auseinandersetzung mit diesen Konflikten sind die Partner gefordert, immer wieder nach ihrem individuellen Gleichgewicht dieser drei Bereiche der Treue zu suchen und somit ihre Krisensituation zu bewältigen und durch sie zu reifen.

3.2 Ganzheitlichkeit und Glaube

Liebe will gelernt sein. In einem seiner "Briefe an einen jungen Dichter" schreibt R.M. Rilke: "Liebe ist schwer. Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist. Darum kennen junge Menschen, die Anfänger in allem sind, die Liebe noch nicht: sie müssen sie lernen. Mit dem ganzen Wesen, mit allen Kräften, versammelt um ihr einsames, banges, aufwärts schlagendes Herz, müssen sie lieben lernen." Ehe als Lebensweg zu erlernen, bedeutet Liebe von ihrer Wurzel her kennenzulernen.

Liebe dieser Art ist dem Menschen nicht äußerlich und fremd. Sie erfaßt auch nicht etwa bloß den Geist, um die Kräfte des Leibes und der Seele auszuschalten, sondern ergreift den ganzen Menschen; sie verdächtigt weder den Leib und seine Lust noch das Gefühl. In ihr haben sexuelle Erfüllung ebenso wie das freie Spiel des Eros ihre volle Berechtigung. Nichts widerspricht ihrem Wesen so sehr wie jede egoistische Loslösung und Trennung aus dem Ganzen vollmenschlicher, d. h. sich ganz schenkender Liebe. Diese Liebe lebt nicht aus der menschlichen Bedürftigkeit, sondern aus der Fülle ihres Ursprungs von Gott.

Wie solche Liebe als Ausdruck menschlicher Freiheit gelingt, beschreibt Paulus im Hohen Lied der Liebe des Ersten Korintherbriefes:

"Die Liebe ist langmütig", Liebende sind lange mutig und in ihrem Gemüt sicher. Das bedeutet: den anderen zu lassen, wie er ist, ohne ihm die eigenen Vorstellungen aufzudrängen.

"Die Liebe ist gütig", Liebende wollen Gutes für den anderen und finden gerade darin Gutes für sich. Sie suchen die guten Möglichkeiten im anderen und lassen das eigene Gut-Sein in der Beziehung konkret werden.

"Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf." Liebende brauchen einander nichts vorzumachen, um glaubwürdig zu sein.

"Sie handelt nicht ungehörig", Liebende überschreiten nicht die Grenzen der Intimität und Integrität, verletzen nicht den Anstand, beachten gegenseitig ihre Würde.

"Sie sucht nicht ihren Vorteil", Liebende wollen schenken und erwarten keine Gegengabe.

"Sie läßt sich nicht zum Zorn hinreißen, trägt das Böse nicht nach." Liebende können Zorn und Enttäuschung zulassen, ohne sich zu rächen, und können Schwäche verstehen.

"Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit." Liebende beschönigen keine Unrechtstaten, sondern bestärken das Wahre und Gute und helfen die Wahrheit zu erkennen und zu bewahren.

"Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand", Liebende glauben an die Kraft des Guten im Nächsten, geben sich, den Partner und die eheliche Beziehung nicht auf.

Diese Liebe ist göttlichen Ursprungs und doch so menschlich, wie sonst nichts menschlich ist. Sie verwandelt den Menschen durch und durch, nicht indem sie ausklammert, sondern indem sie alles durchdringt. Gerade dies jedoch kann ein sehr schmerzlicher und harter Prozeß sein.

3.3 Partnerschaft und Liebesfähigkeit

Dieser oft mühsam zu beschreitende Weg setzt bereits im Ver-hältnis zur eigenen Sexualität an. Sexualität soll ganzmenschlich sein, Mann und Frau je in ihrer Eigenart ganzheitlich prägen: Nur so kann sie Sprache der Liebe sein. Wo Sexualität nicht ins Ganze der Persönlichkeit integriert werden kann, bleibt die Persönlichkeit des Mannes oder der Frau zeitlebens unerfüllt, und entsprechende Schwierigkeiten in Ehe wie auch in Ehelosigkeit sind unvermeidlich. Niemand kann geben, was er nicht hat. Von Egoismus freier Selbstbesitz und Hingabefähigkeit sind die unabdingbaren Voraussetzungen der Liebesfähigkeit. Selbstliebe als Prozeß der Annahme seiner selbst ist jedoch Basis von Partnerschaftlichkeit.

So sehr Lieben sich schenken heißt - man heiratet nicht aus Opfergeist! Man heiratet oder gründet eine Partnerschaft, weil man lieben und geliebt werden möchte, mit jemandem das Leben teilen und den geliebten Menschen als jemanden haben möchte, der ungeteilt und ausschließlich, dauerhaft und ohne Einschränkung für einen da ist, der mir nah ist wie kein anderer und bereit, Glück und Leid gleichermaßen anzunehmen.

Wo Paare zusammenleben, bei denen nur einer der Partner Angst oder Vorbehalte vor einer Eheschließung hat, könnte das Gespräch darüber, was man für sich will und was das Motiv für die Lebensbindung sein kann, hilfreich sein. Bei Paaren, die sich nicht sicher sind, ob sie sich binden wollen oder können, weil z. B. belastende Abhängigkeiten aus der Herkunftsfamilie bestehen, ist es gut, sich in ähnlicher Weise vertieft mit jenen Dingen auseinanderzusetzen, die die Entscheidung hemmen. Selbst für diejenigen, die ausdrücklich unverheiratet sein wollen, aus Prinzip oder aus schlechten Erfahrungen, kann das Angebot, über Grund und Ziel von ehebezogener Lebenskultur zu sprechen, eine Hilfe bedeuten.

Für viele Menschen sind mit der Ehe Ideale und Erwartungen verbunden, die sie weder dem Partner selbst vermitteln noch von diesem erhalten können. Vermutlich begünstigt die starke Trennung von Erwerbsleben und Ehe- und Familienbereich solche überzogenen, der eigenen Lebenswirklichkeit nicht angemessenen Haltungen. Liebe aber nimmt Tag für Tag die Wirklichkeit an. Indem die Liebe fähig macht zur Gerechtigkeit, vollzieht sich ihre Entfaltung. Indem Mann und Frau einander lieben, und zwar so, daß die/der Liebende den Partner/die Partnerin Tag für Tag neu bejaht, ihn damit nicht fertig zu besitzen glaubt, sondern immer neu zu gewinnen versucht, wächst menschliche Liebe in Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit hinein.

Denn wie in jeder Gemeinschaft ein Ausgleich zwischen Geben und Nehmen, zwischen Hineingeben von Eigenem und Empfangen von anderem mit den damit verbundenen Erfahrungen und Erlebnissen geschieht, so ist dies in einem intensiverem Maße für das eheliche Zusammenleben von Mann und Frau der Fall. Zum Austarieren eines solchen Gleichgewichts bedarf es des Gerechtigkeitsempfindens. Gerechte Verteilung von Geben und Nehmen zeigt sich z.B. in gemeinsamer Aufgabenteilung, im täglichen Rücksichtnehmen, in Beständigkeit und Treue in Ehe- und Familienführung. Selbst Verzicht kann dort lohnend sein, wo der Mensch weiß, daß er anderntags oder andernorts eine Ausgleich erhält - ohne Kleinlichkeit allerdings. Nur im Bemühen aller, sich einzubringen, kann solches Gleichgewicht entstehen. Ohne dieses Gleichgewicht wird die Beziehung oft krank.

4. Liebe gestaltet Ehe

Das Einüben von Gesprächsformen, die Kunst und Kultur eines das ganze Leben der Partner begleitenden Gesprächs ist das Hauptelement einer Gemeinschaft, innerhalb derer die Partner überhaupt nur lernen können, ebenso einander in ihre eigene Freiheit zu entlassen wie zugleich ihre Probleme anzugehen, ihre Aufgaben zu teilen und, nicht weniger wichtig, Gestaltungselemente des ge-meinsamen Lebens, "Eheriten", Formen der Geselligkeit u.a.m. zu entwickeln.

Das ganze Leben des Menschen verläuft in Phasen, auch das Leben in der Ehe. Zeiten der unbeschwerten ersten Liebe werden abgelöst von Alltäglichkeit und Krisen. Leben in Ehe braucht Zeit - Zeit zum Austausch, zum Gebet, Zeit für das Miteinander und für das Alleinsein - eine höchst aktive, lebensvolle, wenn auch nicht konfliktlose Zeit, voller Möglichkeiten und Perspektiven.

Wenn auch Ehe und Familie zwei Wirklichkeiten sind, die einander gegenseitig bedingen, dürfen sie aber nicht ineinander aufgehen. Ehe als Lebensgemeinschaft von Mann und Frau kommt eine Wirklichkeit und eine Bedeutung zu, die nicht mit der der Familie gleichzusetzen ist. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf die Eigenart ehelicher Liebe, sondern auch in bezug auf die Gemeinsamkeit im Glauben. Liebe ist das Strukturprinzip von Ehe. Ehe ist daher sinnvoll als Bund zu verstehen. Ehe ist eine Gemeinschaft, in der die Liebe Substanz gewinnt. Denn keine andere menschliche Beziehung ist zu einer solchen Einheit des "Ein-Fleisch-Werdens" fähig wie die Ehe. Die in diesem Sinn unvergleichbare Konkretheit solcher leiblichen und d. h. ganzmenschlichen personalen Einheit ist die Grundlage dafür, daß Ehe als Sakrament verstanden werden kann. Die Einmaligkeit und Würde einer solchen Persongemeinschaft als unverwechselbarer Lebensgemeinschaft erhält Ehe durch nichts anderes als durch die Liebe selbst, die allein dem Anspruch einer solch umfassenden Lebensgemeinschaft gerecht zu werden vermag.

Strukturen, die lebendig bleiben sollen, sind nicht allein einem bloßen Wandel unserer Vorstellungen von gerecht und ungerecht ausgesetzt, sondern auf eine stete Korrektur der Gerechtigkeit durch die Liebe geradezu angewiesen. Wenn es gilt, daß die Liebe eine neue Form von Gleichheit schafft, indem sie die Menschen dazu bringt, "einander in dem Wert zu begegnen, den der Mensch selbst in der ihm eigenen Würde darstellt" (Johannes Paul II., Dives in misericordia Nr. 14), so müssen nicht nur die vielfach kritisierten traditionellen Formen von Ehe und Familie einer solchen Korrektur zugänglich sein, sondern nicht weniger auch neue Vorstellungen partnerschaftlichen Zusammenlebens.

Einer so komplexen Wirklichkeit wie der ehebezogenen Lebenskultur gerecht zu werden, verlangt eine grundlegende Perspektive, die Orientierung ermöglicht und damit zur Differenzierung nötigt. Es gibt jedoch keine grundlegendere Perspektive als die, der Liebe gerecht zu werden.


Beschlossen von der Kommission 4 "Ehe und Familie" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 24. Februar 1995