Donnerstag, 1. Juni 1995

Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945

(=Berichte und Dokumente, Nr. 97) (als Broschüre vergriffen)

Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zum 50. Jahrestag des Kriegsendes

Vor 50 Jahren ging am 8. Mai mit der militärischen Kapitulation Deutschlands der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Heute hat der größere Teil der Menschen in Europa keine eigene Anschauung mehr von der Zeit vor 50 Jahren, von der Zerstörung ganzer Städte und Landstriche und von dem Leid und Elend, das so viele Völker betroffen hat. Um so mehr gilt der Auftrag, sich der Geschichte zu stellen, die Erinnerung wachzuhalten und aus ihr für die Gegenwart zu lernen.

Die Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland war Voraussetzung für die Befreiung Europas und auch des deutschen Volkes von einer totalitären Diktatur, die die rechtsstaatliche und demokratische Ordnung zerstört und an deren Stelle die Willkürherrschaft einer rassistischen Ideologie errichtet hatte. Am 1. September 1939 entfesselte diese totalitäre Diktatur den Zweiten Weltkrieg. Polen wurde sein erstes Opfer.

Zur Abwehr der deutschen Aggression gegen Polen, die zugleich ein Angriff auf die sittlichen und politischen Grundlagen unserer Zivilisation war, traten England und Frankreich in den Krieg ein. Ihnen folgten 26 Staaten, die sich am 1. Januar 1942 als "Vereinte Nationen" zum Bündnis gegen den die Welt bedrohenden Nationalsozialismus zusammenschlossen. Ihn zu überwinden, wurde als Voraussetzung für die Verteidigung des Lebens, der politischen und religiösen Freiheit und der Menschenrechte in allen Ländern der Erde angesehen. Diese Ziele hatte der amerikanische Präsident Roosevelt bereits Anfang 1941 zusammengefaßt zu den vier Freiheiten, den Freiheiten von Not und von Furcht.

Wir wissen, daß diese Grundsätze, die in der Charta der Vereinten Nationen ihren Niederschlag fanden, nicht in allen Staaten geachtet wurden und werden. Das Versprechen der Anti-Hitler-Koalition des Zweiten Weltkrieges, weltweit eine demokratische Ordnung des Rechts und der Freiheit zu errichten, ist noch nicht eingelöst. Auch in den demokratischen Staaten gibt es immer wieder Not und Furcht und Intoleranz. Doch verfügen gerade sie über ein Maß an Freiheit und an Kraft, das sie verpflichtet, diesen Grundsätzen Geltung zu verschaffen.

Die Freiheit der Rede steht für die Rechte der Bürgerinnen und Bürger im demokratischen Staat und damit für das Recht aller Völker, ihre Regierungen frei zu wählen und über Entscheidungen, die sie betreffen, mitzubestimmen.

Die Freiheit von Furcht richtet sich zunächst gegen alle despotische Willkür und Gewalt, von der Folter bis zu Vertreibung und Deportation. Sicherheit davor ist nur gewährleistet, wenn staatliche Macht auf die Achtung der Menschenwürde verpflichtet und der Herrschaft des Rechts unterworfen wird.

Die Freiheit von Not appelliert an die Solidarität der Starken mit den Schwachen. Sie wird in Anbetracht der uns Europäern unvorstellbaren Armut der Mehrheit der Menschen auf der ganzen Welt noch lange Zeit die stärkste Herausforderung unseres Gewissens und damit die Verpflichtung des Handelns bleiben.

Die Freiheit des Glaubens richtet sich gegen ideologischen Zwang und Meinungsterror. Für uns Christen bedeutet sie Mahnung zur Toleranz. Auch das Bekenntnis zur geoffenbarten Wahrheit ist nur in freier Entscheidung möglich, und jedes Suchen nach Wahrheit verdient Achtung.

Der 50. Jahrestag des Kriegsendes erinnert uns an die finstere Zeit der Unfreiheit, der Rechtlosigkeit und Verblendung in unserem Lande, die zu dem schrecklichen Verbrechen des Massenmordes am jüdischen Volk führte. Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in Deutschland und Juden in den durch den Krieg niedergedrückten europäischen Nachbarstaaten wurden in planvoller Absicht und gestützt auf eine von vielen mitgetragene rassistische Ideologie zunächst diskriminiert, dann verfolgt, entrechtet und ermordet. Die nationalsozialistische Herrschaft führte zum Tod unzähliger Menschen aus anderen Völkern und brachte auch Millionen von Deutschen Tod, Trümmer, Hunger, Gefangenschaft, Vergewaltigung, Vertreibung und Verlust der Heimat. Schließlich zerbrach als Folge des Gegensatzes in der Anti-Hitler-Koalition die Einheit Deutschlands. Die Deutschen östlich von Elbe und Werra wurden für vier Jahrzehnte erneut der Herrschaft einer Parteiideologie unterworfen. Die Erinnerung an die Ursachen und Folgen der Gewaltherrschaft muß für uns Anlaß sein, uns auf die Verpflichtungen zu besinnen, die wir den Grundsätzen der politischen Zivilisation schulden.

Fünfzig Jahre nach Kriegsende wissen wir in Europa gemeinsam mehr und genauer, in welche Abgründe von Haß und Unmenschlichkeit, von Angst und Versagen jedwede Entwürdigung des Menschen führen kann. In Deutschland wissen wir auch, welche großen Anstrengungen nötig waren, einen freiheitlichen Verfassungsstaat wiederzugewinnen. Wir begehen deshalb diesen Tag in angemessener Weise, wenn wir unseren festen Willen bekunden, jedem Verfall der Grundwerte entgegenzuwirken, auf denen unser Verfassungsstaat beruht und ohne deren Anerkennung und Praktizierung die Zerstörung von Freiheit und Menschenwürde unausweichlich ist. Als katholische Christen fragen wir uns selbstkritisch, was wir mehr tun müssen, um zum Aufbau einer auf Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit beruhenden Friedensordnung in der Welt beizutragen.

Beschlossen von der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 5. Mai 1995