Sonntag, 6. Dezember 1992

Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft - ihr Auftrag in Kirche und Gesellschaft

Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft - ihr Auftrag in Kirche und Gesellschaft

Erkärung der Kommission 3 "Bildung und Kultur" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Weiterbildung ist Teil unseres Lebens

Bildung erschließt den Zugang zur Welt und zur Gestaltung des Lebens. Weiterbildung gehört in diesen Zusammenhang. Ihre Bedeutung hat in den letzten Jahren zugenommen und wird auch in Zukunft noch wachsen.

Weiterbildung spielt eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des einzelnen Menschen und seiner sozialen Bezüge. Sie hilft, Formen der Kommunikation zu finden und stellt ein wichtiges Element für die demokratische Gestaltung von Gesellschaft, Staat und internationalen Beziehungen dar. Sie ist eine Verbindung zwischen den Generationen und unterschiedlichen sozialen Gruppen und hilft, in der pluralen Gesellschaft einen Standort zu finden. Sie trägt wirksam dazu bei, den Wohlstand der Gesellschaft zu sichern, die individuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern und die sich ständig ändernden Anforderungen in Arbeit und Beruf sachgerecht zu bewältigen. Weiterbildung erschöpft sich aber keinesfalls in diesen Aufgaben. Vielmehr ist sie auch eine Voraussetzung, um die natürlichen Grundlagen dieser Welt im Einklang mit der technischen Entwicklung zu erhalten. Sie fördert die Verbindung zwischen Staaten und Partnerschaften zwischen Ländern unterschiedlicher Kulturen. Nicht zuletzt unterstützt sie das Bemü-hen, Gerechtigkeit und gleiche Chancen für Männer und Frauen in der Gesellschaft zu erreichen.

Dabei ist unübersehbar, daß sich Inhalt und Methode des Lernens in den letzten Jahren erheblich verändert haben. Das bekannte Wissen der Menschheit vermehrt sich erheblich in immer kürzeren Abständen. Die wissenschaftliche Durchdringung neuer Fragen unddie Möglichkeit der Menschen zum Sammeln, Speichern und Vergleichen von Wissen hat durch die neuen Kommunikations- und Informationstechnologien nahezu unbegrenzte Chancen erhalten. Mit diesen Veränderungen haben sich die Lebens- und Arbeitsgrundlagen der Menschen entscheidend gewandelt. Aus der Vielfalt der Meinungen und Informationen muß der einzelne die für eine verantwortliche Stellungnahme unerläßlichen Informationen auswählen.

Das persönliche wie das berufliche Leben können nicht mehr mit einem in der Erstausbildung erworbenen Grundwissen bestanden und gestaltet werden. Weiterbildung wird darum mit Recht als ein Prozeß verstanden, der das ganze Leben begleitet. Sie bereichert den Menschen in Arbeit und Freizeit, im Beruf wie im persönlichen Leben, eröffnet Zugang zu kulturellem Leben und bietet Hilfe bei der Suche nach Sinn. In der Erstausbildung in Schule, Hochschule und Berufsausbildung müssen junge Menschen nicht zuletzt Fähigkeit und Bereitschaft zu andauernder Weiterbildung erwerben.

Im Bereich der Weiterbildung kommen der beruflichen Fortbildung und der Umschulung eine wichtige Rolle zu. Sie kann nicht mehr auf die beruflichen Fähigkeiten beschränkt bleiben. Am Arbeitsplatz werden Kommunikation und soziales Handeln, Kreativität und Entscheidungsfreudigkeit, Selbständigkeit, Ver-antwortungsbereitschaft und Einfühlungsvermögen verlangt, Fähigkeiten, die nicht nur in leitenden Funktionen ebenso gefragt sind wie berufsbezogene Fachkenntnisse; die neuen Ausbildungsordnungen zielen auf diese Fähigkeiten und heben die Bedeutung dieser Schlüsselqualifikationen hervor. Fortbildung kann darum immer nur den ganzen Menschen ansprechen; sie kann nur ganzheitlich sein, wenn sie qualifizieren und dem Menschen wirklich dienen will.

Pluralität sichert Freiheit

Aus diesem Grund muß Weiterbildung für Erwachsene immer ein umfängliches Angebot aufweisen. Will Weiterbildung dem Menschen dienen, ihm in seinem privaten wie beruflichen Leben Hilfe leisten, so muß das Angebot reichhaltig sein, das ihm in freier Entscheidung die Möglichkeit zur Auswahl bietet. Diese Vielfalt kann ein staatlicher Träger, selbst wenn er plurale Inhalte bietet, nicht sichern; sie kann nur erreicht werden, wenn innerhalb einer Region verschiedene Träger der Erwachsenenbildung ihre Angebote in freier Konkurrenz untereinander unterbreiten.

Deshalb ist auf Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft in unserer Gesellschaft nicht zu verzichten. Sie muß qualifiziert sein, damit Menschen in verschiedenen Lebens- und Arbeitssituationen wirkliche Hilfen erfahren können. Glaubenszeugnis, Sachkompetenz und Menschennähe gehören zusammen. Der Vielfalt der menschlichen Situationen entspricht die Vielfalt der Träger katholischer Erwachsenenbildung, die unterschiedliche Zugänge eröffnen: Akademien, Verbände und deren Bildungseinrichtungen, die Bildungswerke und die Bildungseinrichtungen der Diözesen und der Pfarrgemeinden. Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft muß auf den ganzen Menschen ausgerichtet sein, damit Menschen in ihrem Lebenssinn nicht auf Arbeit reduziert werden. Sie muß  sachgerecht sein, damit ihre Inhalte am wirklichen Leben nicht vorbeigehen. Sie muß schließlich einen erkennbaren Standpunkt einnehmen, damit in einer pluralen, demokratischen Gesellschaft Menschen die Unterschiedlichkeit der Angebote erkennen und ihre Wahl sach- und meinungsorientiert vollziehen können. Klare Profile bewahren vor Beliebigkeit. Kennzeichen des Profils von Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft ist im bejahten Pluralismus unserer Gesellschaft einen begründeten Standpunkt zu vermitteln und die Vielfalt in der Einheit der Kirche erfahrbar zu machen.Gesellschaftlicher Pluralismus ist für sie nicht etwa ein zu ertragendes Übel, sie bejaht und gestaltet ihn. Der Pluralismus ist die Konsequenz der Freiheit. Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft bietet Raum für Begegnungen und Auseinandersetzungen. Sie versteht sich als Forum, nicht als Tribunal. Dadurch mindert sie Fremdheit und reduziert das darin verborgene Angst- und Gewaltpotential. Sie weiß sich einem Verständnis vom Menschen verpflichtet, das dazu beiträgt, Menschen nicht allein an ihrer Nützlichkeit zu messen und das Leben nicht als "bloßen Abnützungsprozeß" zu erfahren. Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft - insbesondere in den neuen Bundesländern - erfährt eine neue, Gemeinschaft ermöglichende Bedeutung durch die wertorientierte Vermittlung kultureller, sozialer,  wissenschaftlicher, politischer und religiöser Kenntnisse und Erfahrungen und wirkt so einer weit verbreiteten Orientierungslosigkeit sowie einer aus Unsicherheit hervorgehenden Flucht in die Privatheit entgegen. Sie läßt weder Feindseligkeit noch Gleichgültigkeit zu, weil sie Bekenntnis und Toleranz verbindet. Aus der Erfahrung menschlicher Unvollkommenheit hilft sie, mit fragmentarischen Ansätzen zu leben und kann dadurch auch die Bereitschaft zur Begegnung mit anderen Positionen entwickeln. Sie fördert kritisches Beobachten und Denken sowie die Fähigkeit zu Problemanalyse und Problemlösung. Dadurch befähigt sie zum verantwortungsvollen Handeln in Ehe und Familie, Arbeit und Beruf, Kirche, Staat und Gesellschaft und hilft, vom Wissen zur Teilhabe zu gelangen - ein Tatbestand, der ihre hohe gesellschaftliche Bedeutung verdeutlicht.

Vom Wissen zur Teilhabe

So schließt eine Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft, die dem Menschen dient, die Befähigung zur Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Fragen sowie die Bereitschaft zu einer begründeten Urteilsbildung ein. Die neue Sozialenzyklika "Centesimus annus" bekräftigt Pflicht und Anspruch des Christen, die Botschaft des Neuen Testamentes im gesellschaftlichen Raum wirksam werden zu lassen und in politisches Handeln umzusetzen, so wie dies eindrucksvoll und nachhaltig, grundsätzlich und konkret von der ersten Sozialenzyklika "Rerum novarum" vor l00 Jahren formuliert wurde.

Der l00. Todestag von Ludwig Windthorst, den wir 1991 gefeiert haben, ruft zugleich die Erinnerung wach an den 1890 gegründeten "Volksverein für das katholische Deutschland". In der Satzung werden als Ziele genannt: "... insbesondere die Belehrung des deutschen Volkes über die aus der neuzeitlichen Entwicklung erwachsenen sozialen Aufgaben und die Schulung zur praktischen Mitarbeit an der geistigen und wirtschaftlichen Hebung aller Berufsstände." Dieses Zitat verdeutlicht die lange Tradition organisierter Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft auch als Institution der politischen Bildung. Sie hat in ihrer langen Geschichte wesentlichen Anteil an der Verbreitung der "Katholischen Soziallehre" innerhalb und außerhalb der Kirche. Jegliche katholische Bildungsarbeit, vor allem die in der Erwachsenenbildung, bleibt der katholischen Soziallehre verpflichtet, nicht nur in ihrem Programmangebot, sondern auch und vor allem in ihren Inhalten und Methoden. Personalität, Solidarität und Subsidiarität sind nicht nur zentrale Lernziele, sondern auch Grundlagen des internen Miteinanders, der Kooperation, wie der Beziehung zu den Lernenden. Die katholische Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft hat mit ihren systematischen Bildungsangeboten auf der Basis der katholischen Soziallehre viele Frauen und Männer befähigt, politische Verantwortung zu übernehmen, und sie hat große Beiträge zur Entwicklung des modernen Sozialstaates geleistet.

Wenn mitunter heute von der Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft eine Rückbesinnung auf das vermeintlich Wesentliche oder Eigentliche gefordert und damit die Beschränkung auf die religiöse Bildung gemeint wird, dann verkennt diese Forderung nicht nur die politische Dimension des Neuen Testamentes, sondern übersieht auch die lange Tradition der katholischen Erwachsenenbildung und die Forderungen der Gegenwart. Das Hauptanliegen der katholischen Soziallehre und damit auch der katholischen Erwachsenenbildung vor 100 Jahren, nämlich die Überwindung des Arbeiterelends, die Lösung der damaligen sozialen Frage, ist in den Hintergrund getreten. Heute sind neue Problemfelder aufgetaucht, in denen Christen nach Lösungen suchen: die Überwindung der tiefgreifenden materiellen, psychischen und sozialen Schäden, die der marxistische Sozialismus in den von ihm beherrschten Ländern angerichtet hat; die Auseinandersetzung über die Bewahrung der Schöpfung, wie sie in den ökumenischen Versammlungen in Dresden, Basel und Seoul im Zusammenhang mit den Fragen der Gerechtigkeit und der Sicherung des Friedens geführt wurde; in diesem Zusammenhang sei besonders auf die Situation der armen Länder in der Welt hingewiesen. Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft ist der Raum, in dem die Gleichberechtigung der Frau, die Zukunft und der Schutz der Familie in ihren Zusammenhang gebracht und auch gesellschaftlichen Initiativen für ein humanes Sterben Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dabei kann sie nicht einfache Antworten anbieten, denn die Probleme sind zu komplex. Aber es ist ihre Aufgabe, Kirche und Gesellschaft auf diese Probleme aufmerksam zu machen, unterschiedliche Lösungsansätze ins Gespräch zu bringen, wie dies u.a. die katholischen Akademien tun, gesicherte Erkenntnisse weiterzuverbreiten und das Bemühen der Menschen wachzuhalten, die Probleme unserer Zeit zu erkennen und zu lösen.

Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft ist Diakonie Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft gibt Zeugnis und Kenntnis von den Begründungen einer christlichen Lebenshaltung. Im Zentrum steht die Eigenwürde jedes Geschöpfes. Aus dem Hoffnungsglauben der biblischen und christlichen Tradition wird diese Eigenwürde aller Geschöpfe jenseits bloßer Funktionalität zur konkreten Lebensorientierung. Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft versteht sich als Weltdienst, Dienst am Menschen, Diakonie, die die Vermittlung der christlichen Botschaft, die Weitergabe des Glaubens einschließt.

Ihr diakonisches Selbstverständnis zeigt sich u.a. darin, daß sie mit hoher Sensibilität auf die konkrete Situation der Menschen eingeht, ihre drängenden Fragen aufgreift und mögliche Antworten aufzeigt. Zu Fragen nach dem Sinn des Lebens und religiösen Themen erwarten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Erwachsenenbildungsveranstaltungen - dies läßt sich aufgrund von vielen Erfahrungen sagen - konkrete Hilfen in ihren Fragen, die oftmals einen persönlichen und gesellschaftlichen Hintergrund haben.

Die Sinnfrage und die mit ihr zusammenhängenden religiösen Themen stehen für viele Menschen heute wieder im Vordergrund: Wir befinden uns in vielfacher Weise in einem gesellschaftlichen Wandlungsprozeß, in dem die neuzeitlichen Fortschrittsprinzipien an Faszination verloren haben. Wahrnehmbar ist, daß in einer von der Technik beherrschten Welt viele Menschen nach Ganzheit, nach einem angemessenen Verhältnis von Vernunft und Gefühl, von Geist und Körper suchen.

In einer solchen Situation, in der neue tragfähige, geistige Konzepte für die Orientierung des einzelnen und der Gesellschaft noch nicht überzeugend entwickelt sind, ist die Suche nach Sicherheiten, nach neuen Weltbildern besonders groß. Deshalb ist es auch nicht überraschend, wenn die oftmals tabuisierten Fragen nach dem Sinn der persönlichen Existenz und der religiösen Dimension des Menschseins wieder aktuell sind.

Der neue Sinn für das Geheimnis des menschlichen Daseins signalisiert, daß religiöse Fragen nicht dauerhaft verdrängt werden können. Letztlich geht es in Ost- wie Westdeutschland um die Fragen des Woher, Wohin und Wozu des menschlichen Lebens, die sich hinter allen Sinnfragen und auch religiösen Anfragen verbergen. Deshalb ist auch die Auseinandersetzung mit religiösem und politischem Fundamentalismus unerläßlich.

Diese Situationsskizze macht deutlich, wo gegenwärtig wichtige Aufgaben der Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft liegen. In einer Zeit, in der kirchliche Antworten des Glaubens nicht mehr zu greifen scheinen und die Verkündigung des Evangeliums überwiegend Widerspruch hervorruft, muß sie bezeugen, daß der Glaube einen Weg in die Freiheit und nicht in die Unfreiheit bedeutet. Dies schließt religiösen Fundamentalismus aus. Die kirchlich getragene Erwachsenenbildung steht in der Tradition des christlichen Glaubens und bringt damit Kompetenz und Glaubwürdigkeit für diesen Bereich der Bildungsarbeit mit. Sie vermittelt die Vielfalt in der Einheit und gibt begründeter Unterschiedlichkeit Raum. Sie ist Forum der Auseinandersetzung ohne Ausgrenzungen und ohne Diffamierung anderer Standpunkte. Sie ist Stätte des freien Wortes in der Kirche. Der Frage nach der Deutung des menschlichen Lebens, die sich oft in sehr konkreten Fragen der Lebensgestaltung zeigt, versucht sie Antworten aus dem Glauben zu geben. Sie gewinnt ihr Profil, indem sie in Auseinandersetzung mit anderen Weltdeutungen und unterschiedlichen Auffassungen vom Menschen die Plausibilität und Menschenfreundlichkeit der christlichen Botschaft hervorhebt. In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation Ost- und Westdeutschlands hat sie verstärkt die Aufgabe wahrzunehmen, den Unterschied von Ideologie und Glauben zu bezeugen und die nach Antworten suchenden Menschen vor dem Zugriff zahlreicher Sekten, vor dem Rückfall in Mythologien, in vage Spekulationen oder Irrationalismen fundamentalistischer Art zu bewahren. Diese kritische Funktion ist eine ihrer gesellschaftlich unverzichtbaren Aufgaben. In einer pluralistischen Gesellschaft tritt sie für christliche Werte und Überzeugungen ein, die das gesellschaftliche Zusammenleben und auch die politische Kultur unseres Landes entscheidend mitprägen sollen.

Der religiösen Bildung als Teil der Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft geht es deshalb auch darum, Lebenshilfe zu sein. Sie eröffnet Perspektiven, bietet Orientierung an und ermöglicht so  eine Lebensgestaltung, die von Hoffnung, Vertrauen und einer letzten Sinnerfüllung in Gott getragen ist. Die Verwurzelung des Menschen in der Transzendenz verleiht ihm Würde, aber auch eine Verantwortung für das eigene Leben und für die Mensch und Natur betreffenden Lebensverhältnisse. Dies ist im Blick auf die Bewältigung der alltäglichen Lebenssituationen von großer Bedeutung. Der Glaube an die Geborgenheit in Gottes Hand befreit die Menschen von quälenden Existenzängsten und zermürbenden Zweifeln und befähigt sie zur Auseinandersetzung mit der Realität. Wie konkrete Erfahrungen in der Bildungsarbeit der Gemeinden zeigen, werden Angebote existentieller Orientierungshilfen auch von Menschen aufgegriffen, die sich von der Kirche distanziert haben oder ihr eher kritisch gegenüberstehen, aber auf der Suche nach einer religiösen Deutung ihres Lebens sind.

Innerhalb der Gemeinde und über die Gemeinden hinaus dienen Angebote der Erwachsenenbildung aber auch der Gruppenbildung und der Gruppenstärkung. Sie schaffen dabei durch erlebnisvermittelnde Kommunikation eine Atmosphäre der Geselligkeit und gewinnen eine gemeindestiftende Funktion. Gemeinden bleiben lebendig und erneuern sich, wenn sie sich diesen Aufgaben konsequent zuwenden. Die Ausstrahlung einer Gemeinde zeigt sich in ihrer Offenheit und in ihrer Bereitschaft, sich auf die unterschiedlichen Lebenssituationen, Wünsche und Fragen der Menschen immer wieder neu einzustellen.

Wer diesen Dialog will, braucht einen eigenen Standort. Es geht deshalb in der Bildungsarbeit nicht darum, den christlichen Glauben den heutigen Zeitabläufen in einer billigen Form anzupassen, wohl aber in profilierter Weise Glauben auf heutige Situationen zu beziehen, sich dem Bewußtseinswandel der Menschen zu stellen. Formen der Bildungsarbeit, die sich an diesen Zielsetzungen orientieren, sind Grundvollzüge einer Gemeinde, die ihren Sendungsauftrag ernst nimmt. Mit den Menschen geht sie den Weg, der der Weg der Kirche insgesamt sein muß.

Diesen Weg des offenen Dialogs kann eine Gemeinde jedoch nur beschreiten, wenn sie sich die Botschaft Jesu Christi vertieft angeeignet und sie reflektiert hat. Dies erfordert, daß in der Bildungsarbeit die Vermittlung von Glaubenswissen und das Bemühen um ein im Zusammenhang der konkreten Lebenserfahrung stets neu zu vertiefendes Glaubensverständnis zum Grundprogramm gehören müssen. Tradieren kann man den Glauben nur dann, wenn man ihn erfahren hat. Deshalb gehört auch die intensive Beschäftigung mit der Bibel, mit Texten christlicher Spiritualität und mit wichtigen kirchlichen Lehrdokumenten zur Aufgabe katholischer Erwachsenenbildung. Freilich sind dabei zugleich die Grenzen einer solchen Bildungsarbeit und ihr Bezug zu weiterführenden gemeindekatechetischen Angeboten zu bedenken. Glaubenswissen erlangt erst dort eine klärende und orientierende Kraft, wo es eingebettet ist in einen lebendigen Erfahrungszusammenhang und Leben aus dem Glauben verstehen hilft. Christlicher Glaube stellt eine Lebenspraxis dar, die Denken, Fühlen und Handeln formen will. Hier gibt es dann auch Verbindungen von Bildungsveranstaltungen zu Gottesdienst und Meditation. Der  Erwachsenenbildung in einer Gemeinde eröffnet sich somit die Möglichkeit, innerhalb des Kirchenjahres oder besonderer pastoraler Schwerpunkte einer Gemeinde Akzente zu setzen.

Die Bildungsarbeit bietet Gemeindemitgliedern die Möglichkeit, sich mit ihrem Glauben intensiver zu beschäftigen und damit kompetenter und argumentationsfähiger in Glaubensfragen zu werden. Erwachsenenbildung hat somit für die Gemeinde eine wichtige Aufgabe: Sie ist "Schule des Glaubens". Der Glaube ist Geschenk, aber je weniger Christsein eine Selbstverständlichkeit ist und je mehr es bewußte Entscheidung werden muß, desto mehr muß Kirche auch der Ort sein, an dem die Voraussetzung für das Verstehen des Glaubens, seine Rechtfertigung in dieser Zeit und seine praktische Umsetzung "gelernt" werden kann.

Christliche Gemeinden und Gemeinschaften sind herausgefordert und aufgerufen, Orte zu werden, an denen Glauben gemeinsam und öffentlich bezeugt und gefeiert, Erfahrungen miteinander geteilt und Wege des konkreten Handelns unter der Verheißung des Evangeliums gesucht und gewagt werden. Glaubwürdigkeit wird christlicher Glaube nur dort erlangen, wo er in solchen lebendigen Bezügen erlebt und erfahren wird.

Es gilt ebenfalls, die kulturprägende Kraft des christlichen Glaubens neu zu verstehen und auch zu erhalten. Diese Dimension muß in den alltäglichen Lebenssituationen neu erfahren werden. Auch an ihr läßt sich verdeutlichen, wie selbstverständlich ursprünglich christliche Werte inzwischen Teil der säkularen Gesellschaft geworden sind, und wie die Auseinandersetzung um diese Werte Geschichte geprägt hat. Im gesamten künstlerischen Bereich ist die kulturprägende Kraft des Christentums nicht zu übersehen. Das Verständnis moderner Kunst beruht auch - selbst in Absage und Widerspruch - auf christlichen Grundlagen. Das "Bildungsgut Bibel" kann neue Zugänge zur Religion und ein vertieftes Verständnis von Kultur erschließen.

Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft hat ein umfassendes Bildungsverständnis

Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft hat ein umfassendes Bildungsverständnis, das auch berufsbezogene Kompetenzen zu berücksichtigen hat. So gehören die berufliche Weiterbildung wie  auch die Umschulung in katholischer Trägerschaft zum unverzichtbaren Teil des gesellschaftlichen Engagements. Vornehmlich katholische Verbände und Einrichtungen haben sich bisher dieser Aufgabe gestellt und müssen ihrer Tradition entsprechend auch in den neuen Bundesländern mit besonderer Intensität diesen Auftrag wahrnehmen, dessen Aktualität angesichts des gesamtgesellschaftlichen Umbruchs in den neuen Bundesländern deutlich sichtbar wird.

So wie der Beruf drei Dimensionen hat: Individualpflichtigkeit, d.h. der eigenen Person gegenüber verantwortlich, Sozialpflichtigkeit, d.h. der Gemeinschaft gegenüber verantwortlich, Umweltpflichtigkeit,  d.h. der Umwelt des Betriebes und des Arbeitsplatzes gegenüber verantwortlich, so müssen berufliche Fortbildung und Umschulung diese drei Dimensionen ebenfalls beachten.

Die von der katholischen Soziallehre vertretenen Forderungen wie: Humanisierung der Arbeitswelt, betriebliche Mitverantwortung und Mitbestimmung, Sozialverträglichkeit von neu-en Techniken,  umweltverträgliche Produktion sind Stichworte für eine berufliche Fortbildung und Umschulung, die sich für politische und kulturelle Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft und andere personale Erwachsenenbildungsbereiche zu öffnen hat. Damit geht Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft über ein Verständnis von beruflicher Fortbildung bzw. Umschulung hinaus, das nur die zweckrationale, existenzerhaltende, d.h. Einkommen bringende Funktion be-tont, das die Leistungsfähigkeit des Menschen in den Mittelpunkt stellt und somit einen Beitrag zur weiteren Entwicklung unserer Gesellschaft leistet. Staatliche Regelungen fügen sich leider bisher oft solcher Eingrenzung. So fordert das Arbeitsförderungsgesetz (AFG) eine berufliche Fortbildung bzw. Umschulung,die berufliche Beweglichkeit, berufliche Eingliederung, Wiederherstellung beruflicher Leistungsfähigkeit zum Ziel hat und sich vornehmlich auf die Erhaltung und Entfaltung von Techniken und Fertigkeiten beschränkt. Die  Bildungseinrichtungen beruflicher Fortbildung und Umschulung der Wirtschaft sollten in Kooperation mit anderen Trägern der Erwachsenenbildung Projekte und Modelle erarbeiten und erproben, die eine Integration beider Bildungsbereiche zum Ziel haben, ohne die Eigenständigkeit der jeweiligen Bildungseinrichtung zu tangieren. Der Staat sollte durch Projektförderung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene diese Aufgaben konstruktiv unterstützen. Dieses Konzept beruflicher Fortbildung und Umschulung in katholischer Trägerschaft bedarf in den neuen Bundesländern der stärkeren kirchlichen und politischen Unterstützung, damit sie ihrer Aufgabe bei der Umgestaltung der Gesellschaft gerecht wird. Dies gilt nicht nur für die berufliche Fortbildung und Umschulung, sondern auch für die allgemeine, politische, familiäre und kulturelle Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft. Für sie ist ebenfalls ein kirchliches Engagement erforderlich, das die bisher unterdrückten Bildungsstrukturen zur Geltung bringt.

Hauptberufliche, nebenberufliche und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt es in diesem Berufsfeld keine festgefügten, allgemein anerkannten Positions- und Aufgabenbeschreibungen. Hier sind wie im Medienbereich der Professionalisierung Grenzen gesetzt. Es ist gekennzeichnet durch das Miteinander von hauptberuflichen, nebenberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dabei erscheint uns dieses Miteinander notwendig und erhaltenswert, weil keine der drei Gruppen eine andere vollständig ersetzen kann.

Ehrenamtliche Aufgaben werden, wie in der Kirche bei ehrenamtlichen und unentgeltlichen Aufgaben häufig, überwiegend von Mitarbeiterinnen wahrgenommen; sie finden sich in der Rolle der Beauftragten des Pfarrgemeinderates für die Erwachsenenbildung oder in ähnlicher Position. Sie haben dann nicht nur die organisatorischen Hilfeleistungen vor Ort zu erbringen. Viel wichtiger ist die Aufgabe, die Bildungsbedürfnisse einer Gemeinde zu erkennen und gemeinsam mit hauptamtlichen Mitarbeitern entsprechende Angebote zu organisieren. Die übergreifenden Anliegen sind in die Ortssituation hinein zu übersetzen. Die Bedeutung dieser Aufgabe ist noch nicht hinreichend bewußt.Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind also durch hauptberufliche nicht zu ersetzen. Deshalb sind sie durch Anerkennung in Kirche und Gemeinde zu stärken, durch partnerschaftlichen Umgang seitens der Hauptberuf- lichen, durch Angebote zur Schulung und Fortbildung und im Einzelfall bei entsprechendem Arbeitsumfang - insbesondere bei nichterwerbstätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern - durch finanzielle Aufwandsentschädigung zu stützen.

Geradezu kennzeichnend für den Bereich der Erwachsenenbildung - nicht nur in katholischer Trägerschaft - ist der nebenberufliche Mitarbeiter. Durch die nebenberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können immer wieder neue Personengruppen zur Teilnahme an Bildungsveranstaltungen motiviert werden. Durch sie bleibt die Flexibilität des Angebots der Lehrenden erhalten und stellen gleichzeitig einen Test für die Annahme des Bildungsangebotes durch die Teilnehmer dar. Gerade hierin unterscheidet sich Erwachsenenbildung vom sekundären und tertiären Bildungsbereich. Die nebenberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eröffnen diesem Bildungsbereich die Möglichkeit, ihren Lernenden Direktheit und Betroffenheit der Personen, Differenziertheit der Positionen, Fachlichkeit und Praxisnähe sowie unmittelbares Engagement zu präsentieren. So wird man beispielsweise für die Durchführung eines Seminars zu Problemen des Drogen- und Alkoholkonsums in einer Gemeinde versuchen, hauptberuflich z.B. mit Medizin, Sozialpädagogik, Drogentherapie Kriminalistik befaßte Männer und Frauen zu gewinnen, die die notwendige Fachlichkeit mit Lebens- und Problemnähe verbinden. Sachinformationen und Verhaltensorientierung lassen sich so am ehesten gewährleisten. Durch nebenberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann die Erwachsenenbildung offen sein für den/die nichtkatholische(n) Teilnehmer/in wie auch für den/die Dozenten/in, der/die einen anderen Standpunkt als den kirchlichen, ja auch den christlichen einbringt. Als nebenberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können auch Personen mit Kenntnissen, Fähigkeiten und Qualifikationen beschäftigt werden, die nicht in schulischen oder universitären Einrichtungen erworben wurden. Die pädagogische Verantwortung für den Einsatz nebenberuflicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegt bei der jeweiligen Einrichtung. Sie muß auch die Beratung und Fortbildung der nebenberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewährleisten. Dies ist vor allem dann gefordert, wenn sie langfristig und wiederholt in der pädagogischen Arbeit eingesetzt werden.

Der/die hauptamtliche Mitarbeiter/in bringt Kontinuität und Systematik in die Arbeit. Vielfach ist er/sie Koordinator, Moderator, Gesprächspartner für die ehren- und nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Durch ihn will die Einrichtung in größerem Zusammenhang Bildungs- und Kulturangebote für Erwachsene gewährleisten und organisatorisch, finanziell und personell absichern. Kirchliche Stellen sollten Frauen ermutigen, diese Funktionen, insbesondere auch Leitungsfunktionen, zu übernehmen.

Um diesen Aufgaben zu entsprechen, ist es unabdingbar, daß inhaltliche und pädagogische Fachkompetenz in den Bereichen, in denen Angebote entwickelt und durchgeführt werden sollen, eindeutig nachgewiesen wird sowie Organisations- und Planungskompetenz für die Mitarbeit bzw. Leitung einer Erwachsenenbildungseinrichtung vorliegen. Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft sollte sich der Möglichkeit, Organisations- und Planungskompetenz im Zusammenhang mit Hospitation, Praktika und Supervision zu erwerben, nicht verschließen. Die Erstausbildung ist zu ergänzen durch eine kontinuierliche berufsbezogene Fortbildung; denn nur wer sich selbst fortbildet, kann glaubwürdig und kompetent andere fortbilden. Zugleich ist die Mitarbeiterfortbildung auch der Ort der Begegnung und des Austausches miteinander; dies ist besonders wichtig für die Hauptberuflichen.

Fach- und Planungskompetenz verbinden die Tätigkeit des hauptamtlichen Erwachsenenbildners mit beruflichen Anforderungen in anderen Arbeitsfeldern: Die inhaltliche und pädagogische Fachkompetenz hat er gemeinsam mit Pädagogen im Schul- und Hochschulbereich und bedingt auch mit Beschäftigten bei den Medien. Seine Planungskompetenz wird ebenso gefragt in Sozial- und Kulturverwaltungen, bei öffentlichen und freien Trägern wie im kommerziellen Kulturmanagement. Damit ist die Basis gegeben für eine unbedingt erforderliche berufliche Flexibilität bei Einrichtungen des gleichen Trägers bzw. anderer Träger sowie über den Bereich der Erwachsenenbildung hinaus auch in anderen Berufsfeldern. Diese Qualifikationen müssen auch anerkannt werden, weil nur so ein Wechsel zwischen diesen Berufsfeldern möglich ist. Wenn wir die Attraktivität der Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft erhalten wollen, dann müssen wir tüchtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den gesamten kirchlichen Arbeitsmarkt für ihre berufliche Tätigkeit erschließen, eine Forderung, die im übrigen nicht nur für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Erwachsenenbildung, sondern ebenso für andere kirchliche Bereiche (z.B. kirchliche Jugendarbeit) gilt.

Im Zusammenhang mit der hier geforderten Durchlässigkeit sind zudem analog den Maßstäben und Kriterien in sonstigen vergleichbaren Berufsfeldern Arbeitsplatzbeschreibungen und arbeitsrechtliche Regelungen für die Erwachsenenbildner weiterzuentwickeln. Nur so ist die Integration dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den gesamten Bildungs- und Kulturbereich sowie ihre berufliche Weiterentwicklung zu erreichen. Zugleich wird damit der gesamte quartäre Sektor weiterqualifiziert.

Eine Personalentwicklungsplanung wie auch ein berufliches Laufbahnsystem fehlen in der Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft. Es sollte geprüft werden, wie und in welcher Form sie entwickelt werden können, damit eine größere Durchlässigkeit zu benachbarten Einrichtungen erreicht wird.

Neben der geforderten Möglichkeit des Wechsels der beruflichen Einsatzorte für alle im pädagogischen Bereich Tätigen sollte der Erwachsenenbildungsbereich auch zeitlich begrenzte hauptamtliche Beschäftigungsverhältnisse anbieten. Die Aufnahme solcher zeitlich begrenzter Beschäftigungsverhältnisse sollten aber nur bei abgeklärten gegenseitigen Interessen vereinbart werden, um späteren Enttäuschungen vorzubeugen. Sie sind u.a. bei der Durchführung bestimmter Projekte oder Einzelmaßnahmen sinnvoll und werden durchaus auch von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewünscht.

Über die fachliche Kompetenz aller pädagogischen Mitarbeiter/innen in der Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft hinaus ist die Dimension des Glaubens nicht zu übersehen. Die Erörterung dieser Frage ist im Fluß; sie muß weitergeführt werden.


Von der Kommission 3 "Bildung und Kultur" am 10.9.1992 verabschiedet.