Dienstag, 15. Juni 2004

Für eine Kultur des Ehrenamtes - Handlungsempfehlungen an Verantwortliche in Kirche und Gesellschaft (Erklärungstext)

Vollversammlung des ZdK am 15./16. Juni 2004 in Ulm

Für eine Kultur des Ehrenamtes

Handlungsempfehlungen an Verantwortliche in Kirche und Gesellschaft

Diese Empfehlungen sind entstanden auf dem Hintergrund der zahlreichen kirchlichen und gesellschaftspolitischen Aktivitäten zur Förderung ehrenamtlichen Engagements. Dieses zeigt sich als Laienengagement in der Kirche in unterschiedlichen Formen: dem durch Wahl oder Beauftragung für eine längere Zeit übernommenen Amt und dem auf eine bestimmte Aufgabe bezogenen, meist kurzfristigen Dienst.        

Sie berücksichtigen die unterschiedlichen Formen ehrenamtlichen Laienengagements, das Ausdruck gelebten Glaubens ist.          

Sie greifen die Aussagen und Forderungen aus Diözesen und Verbänden auf, berücksichtigen die Empfehlungen der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" und haben die Arbeit des "Bundesnetzwerk bürgerschaftliches Engagement" im Blick.        

Sie bündeln und verstärken Wichtiges daraus zu Handlungsempfehlungen und werden gestützt durch die Aussagen in den Beiträgen des Buches "Kirche lebt. Mit uns."        

Sie verstehen sich als  Anregung zur Diskussion und zum konkreten Handeln in den verschiedenen Feldern der kirchlichen Arbeit.

Inzwischen gilt es als Selbstverständlichkeit, dass die Kirche in Deutschland nicht ohne ehrenamtliches Laienengagement leben kann. Viele getaufte und gefirmte Christinnen und Christen erleben, dass sie durch ihr vom Glauben getragenes ehrenamtliches Laienengagement zum Aufbau der Kirche beitragen. Nicht wenige von ihnen machen aber auch immer wieder entgegengesetzte Erfahrungen:

Der Reichtum vorhandener Charismen wird auch in den Aufgabenfeldern ehrenamtlichen Laienengagements nicht ausgeschöpft.        

Der mögliche Gewinn aus der Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen kommt nicht zur Geltung.        

Die Chancen einer Qualifizierung der ehrenamtlich Tätigen werden zu wenig gesehen.        

Die Motivation Ehrenamtlicher wird durch einen Mangel an Wertschätzung häufig gebremst.        

Der Einsatz Ehrenamtlicher ist nicht ausreichend abgesichert.

Deshalb werben wir dafür, verstärkt in eine Kultur des Ehrenamtes in Kirche und Gesellschaft zu investieren.

 

1.      Für eine Kultur der Vielfalt von Charismen

Das Zweite Vatikanische Konzil hat in Erinnerung gebracht und eindeutig festgestellt: Die Kirche als Volk Gottes lebt auch ganz entscheidend von den Charismen, die der Geist Gottes allen Getauften und Gefirmten schenkt. Jesus forderte dazu auf, die eigenen Talente nicht zu vergraben, sondern sie zur Entfaltung zu bringen. Schon zum Selbstverständnis der paulinischen Gemeinden gehörte die Mitarbeit vieler gemäß ihren Fähigkeiten und Begabungen. So bedeutet auf der Grundlage des Evangeliums ehrenamtliches Laienengagement in der Kirche heute, dass Frauen und Männer, Junge und Alte ihre Begabungen im Dienst an den Mitmenschen einbringen, ihren Verantwortungsbereich mitgestalten und somit wirkungsvoll das Miteinander in Kirche und Gesellschaft stärken können. Die Charismen vieler Christinnen und Christen liegen jedoch brach.

Deshalb verlangt eine Kultur der Vielfalt von Charismen:       

Das ehrenamtliche Laienengagement wird als Teilhabe am pastoralen Grundauftrag der Kirche ernst genommen.        

Die unterschiedlichen Neigungen, Begabungen und Fähigkeiten der Getauften und Gefirmten werden in der Ausgestaltung ehrenamtlichen Laienengagements berücksichtigt und können sich in den kirchlichen Vollzügen von Diakonie, Liturgie und Verkündigung entfalten.        

Die Sensibilisierung für die besonderen Charismen der sozial Schwachen wird gefördert, damit auch diese ihre Fähigkeiten im ehrenamtlichen Engagement einbringen können.        

In Gemeinden und Verbänden wird eine Atmosphäre der Offenheit gepflegt. So können auch Menschen, denen kirchliches Leben fremd ist, ihre Fähigkeiten entdecken und Räume ehrenamtlichen Handelns in der Kirche finden.        

Die Übernahme eines Ehrenamtes geschieht nach vereinbarten Regeln, die Verbindlichkeit behalten auch bei Wechsel der haupt- bzw. nebenberuflich Tätigen. Dazu gehören: Vereinbarungen über den inhaltlichen Rahmen der Aufgabe, über zeitlichen Aufwand und Dauer, Beschreibung von Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten sowie eine erkennbare Beauftragung.        

Ehrenamtlich tätige Frauen und Männer, Junge und Alte tragen nicht nur Verantwortung für den im Ehrenamt übernommenen Aufgabenbereich. Sie werden auch am Zustandekommen von Entscheidungen beteiligt, die ihren Aufgabenbereich betreffen.         

Alle Formen ehrenamtlichen Laienengagements - der auf längerfristiger Bindung beruhende oder der kurzfristige, eher projektbezogene Dienst - werden unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Besonderheit gefördert.        

Weltkirchliches ehrenamtliches Engagement als Zeichen gelebter Solidarität wird in den Ortskirchen als Bereicherung erfahren

 

2.      Für eine Kultur der Kooperation

Ehrenamtliches Engagement beinhaltet, dass Menschen eine Aufgabe als sinnvoll erkennen, der sie Zeit und Kraft zur Verfügung stellen. Es bedeutet aber auch, dass sie einen ganz persönlichen Zuwachs an Sinnerfüllung, Selbstverwirklichung und Anerkennung finden können. Jede menschliche Gemeinschaft lebt davon, dass sozial motivierte Menschen sowohl als hauptberuflich wie als ehrenamtlich Tätige diese als "Gemeinschaftsprojekt" miteinander gestalten. In allen kirchlichen Handlungsfeldern ist das Zusammenwirken von ehrenamtlich und hauptberuflich Tätigen geprägt vom gegenseitigen Wechselspiel von Professionalität und Idealismus, von Unabhängigkeit und Loyalität. Ein solches Miteinander führt zu einem Klima gegenseitiger Wertschätzung. Kooperations- und Dialogfähigkeit sowie entsprechende Strukturen sind dafür die Voraussetzung. Oft aber erfahren Ehrenamtliche, dass die Pflege partnerschaftlicher Zusammenarbeit vernachlässigt wird.

Deshalb verlangt eine Kultur der Kooperation:        

Die Kirche entwickelt und installiert auf allen Ebenen noch mehr als bisher Strukturen und Arbeitsformen, in denen ehrenamtlich Tätige gemeinsam mit hauptberuflich Tätigen und in Ergänzung zueinander Verantwortung übernehmen und tragen.        

Die Räte der Laien und die Verbände in der Kirchewerden an Willensbildung und Entscheidungsfindung beteiligt.        

Ehrenamtlich Tätige verwalten für den von ihnen verantworteten Bereich auch die entsprechenden Finanzmittel eigenverantwortlich.        

In Ausbildungsgängen für Pastoral- und Sozialberufe wird das Thema "Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen" verstärkt aufgenommen.        

Einer Verfestigung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Ehrenamt wird entgegengewirkt.        

Kinder- und jugendgerechte Formen ehrenamtlichen Engagements und andere lebensphasenspezifische Formen werden ausgebaut und gefördert.        

Vor Ort werden Vereinbarungen hinsichtlich Aufgaben, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zwischen denen, die bezahlte und die unbezahlte Arbeit leisten, getroffen.        

Veränderungen von Vereinbarungen, Verfahren und Regelungen geschehen in gegenseitiger Abstimmung zwischen hauptberuflich und ehrenamtlich Tätigen.

Es finden regelmäßige Gespräche zwischen hauptberuflich und ehrenamtlich Tätigen zur zeitnahen gegenseitigen Beratung, Unterstützung und Information statt.        

Die persönliche Lebenssituation Ehrenamtlicher findet bei Planungen besondere Berücksichtigung (z.B. bei Festlegungen von Ort, Zeitraum oder Zeitumfang). Die Betreuung für Kinder von Ehrenamtlichen in der Familienphase wird bei Bedarf ermöglicht.        

Leitungsämter in der Kirche werden im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten auch für ehrenamtlich tätige Frauen und Männer geöffnet.        

Ehrenamtliche werden - auch angesichts knapper werdender Finanzressourcen - nicht als Lückenbüßer behandelt.

 

3.      Für eine Kultur der Qualität

Ehrenamtlich engagierte Laien nehmen teil am Heilsauftrag der Kirche und ist diesem verpflichtet. Im Vergleich zu hauptberuflich im Dienst der Kirche Tätigen bedarf es der besonderen Beachtung und Begleitung der ehrenamtlich Engagierten. Diese haben ebenfalls einen Anspruch auf eine entsprechende, an der jeweiligen Persönlichkeit orientierte Entwicklung der Zusammenarbeit. Der biographische Kontext ist dabei zu berücksichtigen. Dies gilt insbesondere für Sozialkompetenzen aus der Familienarbeit. Damit sollen ehrenamtlich Tätige in ihrer Motivation gestärkt, in ihren Fähigkeiten gefördert sowie für ihre Aufgaben vorbereitet werden. All dies dient der Qualitätssicherung ihres Arbeitens. Qualitätsförderung und Qualitätssicherung sind jedoch häufig kein Thema.

Deshalb verlangt eine Kultur der Qualität:        

Für ehrenamtlich ausgeübte Dienste (wie für alle Dienste der Kirche) werden Konzepte zur Aus- bzw. Weiterbildung erstellt.        

Personenbezogene Schlüsselqualifikationen zur Gestaltung von sozialen Beziehungen (z.B. Kommunikations-, Konflikt- und Leitungsfähigkeit) werden gefördert.        

Die nötige fachbezogene Qualifizierung und eine durch Zertifikat bestätigte Weiterbildung, die auch Formen der Zusammenarbeit einbezieht, werden ermöglicht und finanziert.        

Gelungene Modelle ehrenamtlicher Arbeit - besonders auch im Zusammenwirken mit hauptberuflich Tätigen - werden öffentlich sichtbar gemacht.        

Im Ehrenamt erworbene Qualifikationen werden bestätigt.        

Für ehrenamtlich ausgeübte Dienste wird geistliche Begleitung angeboten und die spirituelle Bildung gefördert.

 

4.      Für eine Kultur der Wertschätzung

Menschen sind bereit, sich neben ihrer Erwerbs- oder Familienarbeit unentgeltlich ehrenamtlich zu engagieren, wenn sie wissen, dass der Einsatz ihrer Fähigkeiten, ihrer Zeit- und Kraftressourcen sinnvoll ist, ihrem Glauben Ausdruck verschaffen kann, dem Gemeinwohl dient und auch soziale Anerkennung findet. Daher sind angemessene Formen der Wertschätzung zu entwickeln. Häufig vermissen Ehrenamtliche sogar den Dank.

Deshalb verlangt eine Kultur der Wertschätzung:        

Die ehrenamtlich geleistete Arbeit findet öffentliche Anerkennung und Würdigung.        

Neue Formen des Dankens werden entwickelt und realisiert.        

Nach überschaubaren Zeitabschnitten wird die ehrenamtliche Tätigkeit zur Vermeidung von Überlastungen und Fehleinsätzen reflektiert.        

Nachweise, Referenzen, Zertifikate über ehrenamtliche Tätigkeiten werden ausgestellt und bei Übernahme neuer Tätigkeiten anerkannt.        

Beginn und Beendigung eines Ehrenamtes werden in geeigneter Form zum Ausdruck gebracht.        

Im Ehrenamt erworbene Qualifikationen finden bei beruflichen Einstellungen durch kirchliche und andere Arbeitgeber Berücksichtigung.

 

5.      Für eine  Kultur der Absicherung

Auch in der Kirche machen Ehrenamtliche häufig die Erfahrung, dass sie neben ihrem persönlichen Einsatz auch finanzielle Ressourcen einbringen müssen. Ehrenamtliches Engagement muss aber unabhängig von den jeweiligen wirtschaftlichen und finanziellen Voraussetzungen der sich Engagierenden möglich sein. Daher sind in Kirche und Gesellschaft die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, die ehrenamtliches Engagement stützen. Von ihrem Selbstverständnis her hat die Kirche eine Vorreiterrolle für die Verwirklichung der genannten Ziele zu übernehmen. Dabei haben die Verantwortlichen gegenüber dem Gesetzgeber ihren Einfluss für entsprechende Regelungen geltend zu machen.

Deshalb verlangt eine Kultur der Absicherung:

Durch ehrenamtliche Tätigkeiten entstandene finanzielle Aufwendungen (z.B. Fahrtkosten, Telefon, Arbeitsmaterialien etc.) werden in der Regel ersetzt.        

Die persönliche Lebenssituation von ehrenamtlich Tätigen findet bei Planungen besondere Berücksichtigung (z.B. Festlegung von Ort, Zeitpunkt, Zeitumfang, Betreuung von Kindern).        

Nicht erstattete Aufwendungen für ehrenamtliche Tätigkeiten müssen steuerlich absetzbar werden.        

Für die Zeiten der ehrenamtlichen Tätigkeit sowie für den Umfang der übernommenen Aufgabe wird Unfall- und Haftpflichtver- sicherungsschutz gewährt.        

Die gesetzlichen Möglichkeiten der beruflichen Freistellung zur Weiterbildung werden entsprechend für ehrenamtlich Tätige angewendet.        

Die gesetzlichen Möglichkeiten zur Gewährung von Sonderurlaub für ehrenamtliche Tätigkeiten finden bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern Akzeptanz.        

In der zukünftigen Ausgestaltung der Alterssicherung wird danach gesucht, wie verstärkt dem Gemeinwohl dienende Tätigkeiten (Familienarbeit und ehrenamtliches Engagement) berücksichtigt werden können.

Das ehrenamtliche Engagement von Frauen und Männern, von Jungen und Alten bedarf der Pflege und Förderung in Kirche und Gesellschaft. Denn die Früchte dieses Engagements kommen allen zugute.

 

Beschlossen von der Vollversammlung des ZdK am 15. Juni 2004