Freitag, 18. November 2005

Lernen und Arbeiten im Lebenslauf - Teilhabefördernde Bildungspolitik als Aufgabe des Sozialstaats

Vollversammlung des ZdK am Freitag 18./19. November 2005

Lernen und Arbeiten im Lebenslauf -
Teilhabefördernde Bildungspolitik als Aufgabe des Sozialstaats

Bildung ist eine unerlässliche Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und verantwortliche Beteiligung. Die Sorge für die Wahrnehmung lebensbegleitender Bildungsangebote muss als Teil der  Verantwortung jedes und jeder Einzelnen bewusst werden. Deshalb ist es eine vordringliche politische Aufgabe, biographisch angemessene Bildungsbeteiligung zu ermöglichen und zu ermutigen.

1. Bildungsarmut in Deutschland

Fast zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss, rund 85.000 Jugendliche waren es im Jahr 2004. Sie haben kaum eine Chance auf einen regulären Ausbildungsplatz, mit einiger Wahrscheinlichkeit werden sie zu den Menschen zählen, die im Verlauf ihres Lebens wiederholt und lange Zeit arbeitslos sind. 27 Prozent der Arbeitslosen verfügen über keine  Berufsqualifikation. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken sieht in der darin begründeten Perspektivlosigkeit eine zutiefst beunruhigende Entwicklung und erheblichen sozialen Sprengstoff.

Die Weichen werden früh gestellt. In Deutschland besteht ein besonders enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg. Armut bei Kindern im Grundschulalter - manifestiert in unzureichendem Familieneinkommen und materieller Unterversorgung, in anregungsarmen Milieus, fehlenden gemeinsamen Freizeitaktivitäten der Familie und sozialer Ausgrenzung - hat signifikante Folgen für die Schulleistungen. Ein Teufelskreis: Wer arm ist, erwirbt weniger Bildung. Wer keine (Aus-)Bildung hat, bekommt keinen Beruf. Wer keinen Beruf hat, gibt diesen sozialen Nachteil an die Kinder weiter. Bildungsarmut wird vererbt.

Eine gute Ausbildung gewährt immer noch überwiegend relativ gute Berufsaussichten, selbst wenn die verfestigte Arbeitslosigkeit in Deutschland inzwischen auch Facharbeiterinnen und Facharbeiter und gut qualifizierte Hochschulabsolventen und -absolventinnen erreicht hat. Nur fünf Prozent der Arbeitslosen sind Akademikerinnen bzw. Akademiker, wobei die Akademikerquote bei den Erwerbstätigen bei17 Prozent liegt. Für Hauptschulabgänger/-innen ist der Übergang vom Bildungs- in das Beschäftigungssystem bereits prekär: Gingen 1975 nur zwei Prozent der Jugendlichen mit einem Hauptschulabschluss nach der Schule direkt in Arbeitslosigkeit, so ist dieser Anteil bis zum Jahr 2000 auf 12 Prozent gestiegen. Im Hinblick auf die durch Bildung geprägten Zukunftschancen seiner Bürgerinnen und Bürger ist Deutschland gespalten.

Immer stärker entscheiden in der globalisierten Wissensgesellschaft die Teilhabe an Bildungsangeboten und die Zugriffsmöglichkeiten auf Wissensbestände über wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabechancen von Menschen. Die sich vergrößernde Kluft zwischen Arm und Reich ist eine Spaltung zwischen Menschen, die Zugänge zu Bildung hatten und haben und solchen, die diese Zugänge nicht haben. Wer in jungen Jahren keine ausreichende Basis im Bereich der Bildung geschaffen hat, verpasst oft den Zug lebenslangen Lernens - fehlende Bildungsvoraussetzungen und sich verschlechternde ökonomische Voraussetzungen potenzieren sich in ihren Effekten auf die Bildungs-, Erwerbs- und Familienbiographie. Nur 15 Prozent der un- und angelernten Arbeiterinnen und Arbeiter nahmen im Jahr 2000 an beruflichen Weiterbildungsaktivitäten teil, während es bei den Facharbeiterinnen und Facharbeitern 30 Prozent waren und bei den leitenden Angestellten mehr als die Hälfte. Frauen nehmen deutlich weniger an Weiterbildungsangeboten teil als Männer. Bildungschancen  sind lebenslang sehr ungleich verteilt . [ 1)]

2. Aufgaben des Sozialstaats

"Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat" - das so in Artikel 20 des Grundgesetzes verankerte Sozialstaatsprinzip fordert von Regierungen und Parlamenten eine auf die Verwirklichung von Freiheit und Gerechtigkeit für alle gerichtete Gesellschaftspolitik; es wurde und wird in Deutschland vorzugsweise als Auftrag  für eine Sozialversicherungspolitik verstanden.

Diese Politik aber ist an ihre Grenzen gestoßen: Grenzen der Finanzierbarkeit, aber auch Grenzen der Plausibilität. Es kann nicht richtig sein, die Benachteiligten und sozial Schwachen in unserem  Wirtschafts- und Gesellschaftssystem mit den Instrumenten der Sozial- und Transferpolitik in einen "Käfig der Chancenlosigkeit" zu verbannen. Um die Teilhabechancen der neuen Unterschichten in den "zerklüfteten Tälern" der Erwerbsgesellschaft - zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit, zwischen Teilzeitarbeit und Sozialhilfe, zwischen Schwarzarbeit und Totalrückzug - zu verbessern, darf den Menschen nicht nur Geld gezahlt, ihnen muss tatsächlich geholfen werden.

Deshalb wird es immer dringender, die Teilhabechancen der Menschen aller sozialen Schichten aktiv zu verbessern und sie zu befähigen, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu bestreiten. Erst im Sommer 2005 hat die Bundesregierung in ihrem "2. Armuts- und Reichtumsbericht" unter dem Titel "Lebenslagen in Deutschland" das folgende Bekenntnis abgelegt: "Bildungspolitik, die der nachwachsenden Generation die erfolgreiche Gestaltung von Bildungskarrieren sowie einen guten Start in die Berufstätigkeit eröffnet und die den Älteren die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuholen und Neues hinzuzulernen, ist…aktive und teilhabefördernde Sozialpolitik." Sie ist vorsorgende Sozialpolitik, die die Notwendigkeit teurer Nachsorge erheblich mindert.

Die Chance, unsere Gesellschaft als solidarische Leistungsgesellschaft zukunftsfähig zu gestalten, besteht daher vor allem darin, auch Bildungspolitik als wesentliche Aufgabe des Sozialstaats zu verstehen und Bildungs- und Sozialpolitik enger zu verknüpfen. Dabei ist der Sozialstaatsanspruch nach Überzeugung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vor der Fehlinterpretation zu bewahren, der Staat fungiere als allmächtiger Reparaturbetrieb und liefere eine Rundum-Versicherung für alle Lebensrisiken: In der Bildungs- und Sozialpolitik ist die Solidaritätszusage an die Ärmsten  und Schwächsten zu verbinden mit leistungsbezogenen Anforderungen  und Zusagen an alle Bürgerinnen und Bürger.

3. Teilhabefördernde Bildungspolitik

Aus einer engeren Verknüpfung von Bildungs- und Sozialpolitik folgen sehr verschiedene Aufgaben: Es geht z.B. darum, die Startchancen von benachteiligten Kindern zu verbessern. Das sind häufig Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, aber generell Kinder aus bildungs- und anregungsarmen Familien, die vor allem aufgrund mangelhafter Sprachkenntnisse oft schon in den ersten Schuljahren den Anschluss verlieren und ihre Lese-, Schreib- und Sprachschwächen durch alle Schuljahre "schleppen". Es geht aber auch darum, die Dequalifizierungsprozesse vorausschauend in den Blick zu nehmen, die besonders in Phasen länger währender Arbeitslosigkeit mit sich beschleunigendem Tempo zu beobachten sind, und darum, das Zusammenwirken von Lernen und Arbeiten zu unterstützen. Bildungspolitik, die Personen in ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Prozess und in ihrer Verantwortungsfähigkeit fördern will, wird vor allem die "Schwellen" in den Blick nehmen, an denen  das Verhältnis von Bildungsbeteiligung und Erwerbsbeteiligung besonders prekär ist, die Schwelle etwa von der Schule zum Beruf, aber auch die Schwelle beim Ausscheiden aus dem Erwerbsleben  beispielsweise in die Elternzeit, Pflegezeit, Arbeitslosigkeit oder Rente.

Es ist dringend erforderlich, die staatlichen Investitionen in die Bildung zu erhöhen und an den Durchschnitt der OECD-Länder anzupassen. Jedoch reicht es nicht aus, den Staat aufzufordern, mehr Geld in die Bildung zu stecken. Eine am christlichen Menschenbild orientierte "präventive" Bildungspolitik, welche die dauerhafte Teilhabe an den gesellschaftlichen Möglichkeiten zum Ziel hat, muss zugleich Eigeninitiative und Selbstverantwortung aller stärken. Verlässliche staatliche Angebote, die herausfordernde Konkurrenz freier-gemeinnütziger wie privat-kommerzieller Träger und die Ermutigung der Bürger zur Eigeninitiative gehören in der Bildungspolitik zusammen. Forderungen nach Zertifizierung und Qualitätsbewertung der Angebote freier Bildungsträger gewinnen auf diese Weise ebenso an Gewicht wie die nach einer höheren Autonomie von Schulen und Hochschulen. Die Partizipationsmöglichkeiten von Eltern, Schülern und Studierenden und damit die motivationsstärkende Berücksichtigung  ihrer eigenen Bildungserwartungen werden sich im Zuge einer solchen Entwicklung verbessern.

Bildungspolitik, die ihre Aufgabe als präventive Sozialpolitik versteht, muss allerdings auch inhaltlichen Anforderungen genügen. Wir müssen uns - über die von der Kultusministerkonferenz beschlossenen fachbezogenen Bildungsstandards hinausgehend - neu über Bildungsziele verständigen und Bildung als Ermutigung zur Leistung und zur Verantwortung verstehen. Es geht um Verantwortung für die eigene Lebensführung, aber auch um Verantwortung für Dritte; aus beiden haben sich augenscheinlich immer größere Teile der Bevölkerung inzwischen zurückgezogen. Es geht um Verantwortung für das Gemeinwohl, um solidarische Leistungsbereitschaft. Bildungspolitik in der solidarischen Leistungsgesellschaft orientiert sich unter den Bedingungen lebenslangen Lernens an den individualisierten Biografieverläufen der Menschen und zielt auf die Vermittlung von Wissen, Kompetenzen und Wertorientierungen. Sie beachtet in besonderer Weise die Schnittstellen und Verknüpfungen zwischen formellen und informellen Bildungsprozessen und fordert das Zusammenwirken vieler Akteure - Politik, Kommune, Land und Bund, Wirtschaft und Familie - sowie die Überwindung lieb gewonnener Zuständigkeitsgrenzen.

4. Einige Konkretionen

1. Teilhabefördernde Bildungspolitik - als öffentliche Aufgabe - muss Eltern in der Wahrnehmung ihrer vorrangigen Bildungsverantwortung unterstützen.

Besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung muss den Familien in schwierigen sozialen, in bildungsarmen und bildungshinderlichen Milieus und Familien mit Migrationshintergrund geschenkt werden. Unverzichtbar ist hier ein bedarfsgerechtes und niedrigschwelliges Angebot an Einrichtungen der Eltern- und Familienbildung, in denen sie professionelle Hilfen zur Stärkung ihrer Erziehungskompetenz und zur Bewältigung des familiären Alltags erhalten können. Hier wächst den Kirchen mit ihren kirchlichen Einrichtungen und vielfältigen Angeboten in verbandlicher Trägerschaft eine immer größere Verantwortung zu. Um der Gefahr der Vererbung von Bildungsarmut zu begegnen, sind gute Bildungsangebote für alle Kinder gerade in der frühkindlichen Phase dringend notwendig. Dazu gehören insbesondere der Ausbau und die Qualitätssicherung von Tagespflege und Kindertageseinrichtungen gerade für Unter-3-Jährige, verbunden mit einer höheren Qualifikation der Erzieherinnen und Erzieher. Eine so verstandene Bildungspolitik wird noch stärker als bisher eine Priorität in der Förderung der frühen Kindheit setzen, da in dieser Phase bereits entscheidende Weichenstellungen für das Kind entwickelt werden. Besondere Bedeutung, gerade auch für die soziale- und sprachliche Entwicklung der Kinder, kommt dem letzten Kindergartenjahr zu. Es sollte daher für alle Eltern beitragsfrei sein.

2. Schule braucht entsprechende Rahmenbedingungen, um auf die Herausforderungen der Bildungsarmut reagieren und die Bedingungen  des Lernens umfassend verbessern zu können.

Dazu müssen auch zusätzliche Möglichkeiten des Lernens durch Erfahrungen geschaffen werden. Schule muss jungen Menschen frühzeitig die Chance geben, sich auszuprobieren, und zwar weit über den klassischen Fächerkanon hinaus. Soziale, kommunikative und kognitive Kompetenzen, Verantwortungs- und Leistungsbereitschaft, Kreativität und Organisationstalent, musische und praktische Begabungen müssen ebenso gefördert werden wie jene Kompetenzen, die im Mittelpunkt der klassischen Unterrichtsfächer stehen - allen voran die Sprachkompetenz. Für alle Kinder - vor allem für die mit Migrationshintergrund - ist die Erreichung der Sprachfähigkeit die Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Schulabschluss und die nachfolgende Berufsausbildung. Die notwendige Sprachförderung kann gar nicht früh genug beginnen. Hier sind vor allem die Kindertagesstätten und Grundschulen gefordert. Ganztagsangebote können es den Schulen erleichtern, diesem umfassenden Anspruch tatsächlich zu genügen. Eine einseitige Bevorzugung und Subventionierung eines Schultyps ist jedoch abzulehnen. Der schulische Religionsunterricht leistet für die Bildung der jungen Menschen einen wichtigen Beitrag, nicht zuletzt deshalb, weil er in besonderer Weise die Chance bietet, aufbauend auf dem christlichen Menschenbild zur sozialen Verantwortung zu erziehen, ethische Beurteilungsmaßstäbe  zu vermitteln und Wert- und Sinnfragen zu thematisieren. Individuelle Analysen des Lernstandes und daraus erwachsende, die Schulzeit begleitende individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen geben Entscheidungshilfen und tragen zur Klärung der persönlichen Interessen bei: solche Lernentwicklungspläne müssen die Bildungsgeschichte der Heranwachsenden und ihre persönliche Lernbereitschaft unterstützen. Bildung gelingt nur als begleiteter, aber letztlich selbst verantworteter  Prozess.

3. Schule muss dazu beitragen, dass Jugendliche nach der Schule in der modernen Gesellschaft bestehen können.

Sie muss Schülerinnen und Schüler persönlich und fachlich auf das (Berufs-) Leben vorbereiten und sich deshalb - mit einem systematisierten Beratungs- und Orientierungsangebot für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und für Eltern - selbst als lernende Institution begreifen, die die Qualität ihrer eigenen Arbeit ständig an den Ergebnissen überprüft. Die intensivere Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe einerseits und Schule und Wirtschaft andererseits bietet dabei noch erhebliche Potenziale für bessere Förderung der Kinder und Jugendlichen im Schulalter, für die auf beiden Seiten vielfältiges und gut qualifiziertes Personal ausreichend zur Verfügung stehen muss. Frühzeitiger begleitender Beratung (auch für den künftigen Beruf) kommt eine besondere Bedeutung zu. Berufswahlkompetenz durch Berufsorientierung zu vermitteln, muss als Aufgabe der Schulen und der Kommunen etabliert werden. Schülerinnen und Schüler, die eine Berufsausbildung beginnen wollen, müssen so früh wie möglich durch Praktika und Betriebserkundungen diese Berufswelt kennen lernen. Eine zukunftsfähige Bildungspolitik ist die Voraussetzung dafür, dass die deutsche Wirtschaft ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit behält und dadurch auch in Zukunft Wachstum, Wohlstand für alle und Vollbeschäftigung möglich bleiben bzw. wieder möglich werden.

4. Für eine teilhabefördernde Bildungspolitik, die auch auf die Persönlichkeitsbildung abzielt, bedarf es eines umfassenden Bildungskonzeptes, das neben der Schule und den Eltern auch andere Bildungsorte in den Blick nimmt.

Besonders in den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe finden wichtige formelle und non-formale Bildungsprozesse statt, wie z.B. der Erwerb sozialer und demokratischer Kompetenzen. Die Realisierung eines umfassenden Bildungskonzeptes muss die jeweiligen Träger von Bildungsprozessen in ihrem Eigensinn wie auch in ihrem Zusammenspiel, besonders das von Schule mit der Kinder- und Jugendhilfe, stärken, wie es der 12. Kinder- und Jugendbericht ausdrücklich fordert. Gerade der pädagogischen Betreuung von Schulschwänzern kommt hierbei besondere Bedeutung zu.

5. Gute Ausbildung in einer Kultur lebenslangen Lernens muss leichter mit der Gründung einer Familie vereinbar werden.

Einerseits ist es wichtig, dass der Einstieg ins Berufsleben und die wirtschaftliche Basis für Familiengründung frühzeitig ermöglicht wird. Andererseits brauchen wir aber auch intelligente Konzepte, die eine Familiengründung und die Erfüllung des Kinderwunsches bereits in Zeiten der Ausbildung, besonders der akademischen, möglich machen. [ 2)] Brüchen elterlicher Bildungsbiographien, die aus der Wahrnehmung von Familienverantwortung entstehen, muss, so gut es geht, entgegengewirkt werden. Betriebe können die in der Familie und im Ehrenamt erworbenen Kompetenzen bei der Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit anerkennen. Männer und Frauen können während einer Familienphase durch geeignete Fort- und Weiterbildung mögliche berufliche Dequalifikationen verhindern und den Kontakt zur Arbeitswelt aufrechterhalten.

6. Junge Menschen brauchen einen Ausbildungs- oder Studienplatz.

Junge Arbeitslose brauchen einen Ausbildungsplatz. Warteschleifen, Parksituationen, Arbeitsgelegenheiten, die die Statistik entlasten und den Steuerzahler belasten, oder eine sich an die Schule unmittelbar anschließende Arbeitslosigkeit führen zu einer Abwärtsspirale der Dequalifizierung und Demotivation. Die Schaffung von Ausbildungsplätzen hat absolute Priorität und ist gemeinsames Anliegen von Staat, Wirtschaft und allen gesellschaftlichen Gruppen. Vorschnell angenommene mangelnde "Beschäftigungsfähigkeit" der Jugendlichen darf nicht zur Ausrede dafür werden, gering qualifizierten Heranwachsenden den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verwehren. Andererseits muss anerkannt werden, dass im Hochlohnland Deutschland die Produktivitätsanforderungen steigen werden, und die Beschäftigung von Arbeitskräften mit unzureichender Produktivität nicht nachhaltig ist. Zur Integration dieser Zielgruppe in den Arbeitsmarkt sind neue Modelle öffentlich geförderter "Kombi- Löhne" zu entwickeln. Gestufte Ausbildungen, wie beispielsweise "der kleine Gesellenbrief", sowie Fortbildungsangebote müssen gezielt als Einstiegsmöglichkeiten für überwiegend praktisch veranlagte Jugendliche entwickelt werden. Jugendliche mit besonderem Förderbedarf benötigen ein umfassendes und passgenaues Angebot von Maßnahmen, die ihre Integration in Ausbildung, Beruf und Gesellschaft wirksam anbahnen. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund sind solche Maßnahmen zu entwickeln, flankiert durch nahraumorientierte Integrationsprogramme für die ganze Familie. Kirchliche Initiativen auf Pfarr-, Dekanats- und Diözesanebene ebenso wie von Verbänden können hierzu vielfältige, konkrete und wertvolle Beiträge leisten, z. B. durch bewerbungsunterstützende Initiativen, durch Mentorate oder durch die Akquise bzw. das Angebot von Ausbildungsstellen.

7. Für die persönliche Bildungsbiographie stellt Arbeitslosigkeit eine besondere Gefährdung dar, der auf allen Ebenen entschlossen entgegengetreten  werden muss.

Es fehlen die alltäglichen Lernimpulse aus der Arbeitswelt und es geht unter Umständen die Motivation verloren, selbständig Bildungsanstrengungen zu unternehmen. Mit steigender Arbeitslosigkeit müssen gemeinsame Anstrengungen diese Gefahr in besonderer Weise berücksichtigen: Integration in ein adäquates Erwerbsarbeitsverhältnis ist für Arbeitslose die beste Problemlösung. Aber gute Bildungsangebote, die eine den ganzen Menschen ansprechende Fortbildung bieten, können eine Hilfe sein zum Wiedereinstieg in die Arbeitswelt und dazu, die Krise der Arbeitslosigkeit auch persönlich zu überwinden. Weiterbildungsangebote für Arbeitslose müssen klar auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnitten und über Zielvereinbarungen entwickelt werden. Hohe Bedeutung kommt bei der Weiterbildung Arbeitsloser kreativen persönlichkeitsstabilisierenden Angeboten zu, die Zuversicht und Leistungsbereitschaft fördern.
Langzeitarbeitslose ohne Anspruch auf Leistungsbezug dürfen nicht von Qualifizierungsmöglichkeiten ausgeschlossen werden. Aus der Pflicht und eigenen Verantwortung sich lebensbegleitend (weiter) zu bilden, sind die Arbeitslosen nicht zu entlassen; vorsorgende Bildungs- Wirtschafts- und Sozialpolitik beweist sich allerdings darin, dass sie Rahmenbedingungen schafft, die die Fähigkeit des Einzelnen stärken, diese Eigenverantwortung  auch in kritischen Phasen zu tragen. Unverzichtbar bleiben die Angebote der allgemeinen Weiterbildung mit ihrer bewährten pluralen Struktur (Volkshochschulen, katholische Erwachsenenbildung etc.) - nicht zuletzt als Anbieter nachholender Grundbildung.

8. Fort- und Weiterbildung müssen zu einem wesentlichen Bestandteil der Erwerbsbiografie werden.

Dazu sind Weiterbildungsangebote als selbstverständlicher Teil der Unternehmenskultur kontinuierlich für alle Mitarbeiter anzubieten, für Männer und Frauen, gezielt für Ältere und auch für weniger Qualifizierte. Weiterbildungspass und Job-Rotation mit Arbeitsplatzgarantie gehören zu den Instrumenten einer weiterbildungsorientierten Unternehmenskultur. Mit Blick auf eine längere Lebensarbeitszeit und sich beschleunigende Prozesse technologischen Fortschritts sind entsprechende Angebote auch für ältere Menschen zugänglich zu machen. Weiterbildungsangebote für ältere Arbeitnehmer/-innen müssen gezielt die Stärken älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen. Um all dies auch kleineren und mittelständischen Unternehmen zu ermöglichen, sollen hier von den Verbänden und den Kommunen durchzuführende Kooperationsmodelle  entwickelt werden. Viele Unternehmen sind auf die demographisch bedingten Umwälzungen in der Alterszusammensetzung ihrer Belegschaften noch weitgehend unvorbereitet. Überfällig sind altersgerechte Personalstrategien. Mit der Bildung generationenübergreifender Teams muss der systematische Know-how-Transfer zwischen den Generationen gewährleistet werden. Lebensarbeitszeitkonten können sich als Pendant lebensbegleitenden Lernens bewähren. Aktive Arbeitsmarktpolitik sollte Bildungsinvestitionen gerade für ältere Arbeitnehmer/-innen in den Blick nehmen, da sie als qualifizierte Kräfte der Zukunft benötigt werden. In der Rentenpolitik sind alle ökonomischen Anreize zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben abzuschaffen, denn sie konterkarieren die Bemühungen, älteren Menschen die Fortsetzung ihrer Erwerbstätigkeit zu ermöglichen.

9. Gerade weil es aus unserer Bildungsmisere keinen einfachen Ausweg gibt, ist in der Auseinandersetzung zwischen dem Bund und den Ländern mehr Selbstkritik und weniger Schuldzuweisung auf beiden Seiten am Platz.

Mit der Aufstellung nationaler Bildungsstandards und deren Evaluation - in Verbindung mit einer stärkeren Autonomie von Schulen und Hochschulen bei gleichzeitiger regelmäßiger Überprüfung ihrer Leistungen und Ergebnisse - lässt sich ein wirksamer Wettbewerb zwischen den Bundesländern im Sinne einer Stärkung teilhabeorientierter Bildungspolitik entwickeln. Die Chancen der unteren 10 Prozent, der Verlierer der Wissensgesellschaft, lassen sich entschieden steigern, indem gerade ihre Bildungsbeteiligung zu einem Schlüsselindikator des Leistungsvergleichs gemacht wird.

5. Bildung - Schlüssel zur Welt

Eine vorsorgende Bildungs(sozial)politik, wie das ZdK sie fordert, versteht Bildung als Schlüssel zur Welt. Sie muss dazu beitragen, die (neuen) Risiken von Armut und Exklusion zu minimieren. Damit dies gelingen kann, ist es notwendig, ein auf grundlegenden ethischen Überlegungen basierendes Bildungsverständnis zu bewahren, das den Menschen als Person ins Zentrum rückt, als Gestalterin der eigenen Biographie und Trägerin von Verantwortung in sozialen Bindungen.

 


Beschlossen von der Vollversammlung des ZdK am 18. November 2005

 

 

1) Vgl. 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2005), S. 96f. Weitere Quellen für die zitierten Zahlen sind vor allem der Mikrozensus 2004 "Leben und Arbeiten in Deutschland", die Studie "Armut im frühen Grundschulalter" von Gerda Holz und Susanne Skoluda, Frankfurt 2003 und der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung herausgegebene Bericht "Bildung und Lebenslagen in Deutschland" (Bildungsreform, Band 9), 2004

2) Dazu heißt es in der Erklärung "Studienbeiträge im Kontext einer zukunftsweisenden Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturpolitik" des ZdK vom 13. Oktober 2005: "Das ZdK wird sich der Frage der Finanzierung des Lebensunterhalts der Studierenden in naher Zukunft mit einer eigenen Erklärung zuwenden. Aus unserer Sicht ist es wünschenswert, dass zwischen Bund und Ländern eine familiengerechte Neugestaltung  der Absicherung der Unterhaltskosten während des Studiums verhandelt wird, die dem Ziel der Stärkung der Eigenverantwortung der Studierenden dient und dabei auch eine Reform des geltenden Unterhaltsrechts prüft. Die jetzige BAföG-Regelung ist - wie die Zahlen belegen - nur bedingt geeignet, Kinder aus allen sozialen Schichten zum Studium zu führen."