Samstag, 10. Dezember 2022

Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und sexueller Orientierungen anerkennen

Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 09./10. Dezember 2022 in Berlin

Für uns als Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ist es selbstverständlich, geschlechtliche Vielfalt anzuerkennen sowie geschlechtliche Identitäten und Sexualität in ihren verschiedenen Dimensionen wahrzunehmen. Innerhalb unserer Kirche treten wir für die gut begründeten Grund-linien einer erneuerten Sexualethik ein, wie sie beim Synodalen Weg erarbeitet wurden.

  • Vielfältige geschlechtliche Identitäten und sexuelle Orientierungen sind menschliche Realität. Das zeigen die Humanwissenschaften. Hinweise auf diese Vielfalt finden sich in der Geschichte der ganzen Menschheit. Wie es Vielfalt schon bei den biologischen Dimensionen von Geschlecht, bei Chromosomen, Keimdrüsen, hormonellen Variationen und äußeren Geschlechtsmerkmalen gibt, so gibt es sie erst recht bei den sozialen Dimensionen von Geschlecht, bei Rollenmustern und Prägungen. Dabei zeigt sich Vielfalt sowohl in jeder individuellen Biografie (im Sinne verschiedener Lebens- und Entwicklungsphasen) als auch im Blick auf die geschlechtliche und sexuelle Identität verschiedener Menschen.
  • In der biblischen Schöpfungserzählung sind die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ nicht exklusiv zu verstehen. So sind alle Menschen – ob weiblich, männlich oder divers – gleichermaßen und selbstverständlich Gottes gute Schöpfung.
  • Als Zentralkomitee der deutschen Katholiken sehen wir Sexualität als eine von Gott geschenkte, identitätsstiftende und positive Kraft für gelingendes Leben. Es gilt, sie in Achtung der gleichen Würde jedes Menschen zu gestalten, wofür auf Dauer angelegte Beziehungen, in denen Treue und Verlässlichkeit gelebt werden, einen guten Rahmen bilden. Maßgabe christlicher Beziehungsethik muss sein, dass Menschen Sexualität in ihrer Vielfalt leben und in ihren gelebten Glauben zu interieren vermögen. Die derzeitige kirchliche Sexuallehre wird dem nicht gerecht. Sie muss deshalb dringend weiterentwickelt wer-den und endlich sowohl die Lebenswirklichkeiten von Menschen als auch den Stand der humanwissenschaftlichen und theologischen Forschung ernst nehmen.
  • Für einen selbstbestimmten und verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität ist eine offene und zugleich sensible Kommunikation zentral. Sensibilität für die Ambivalenzen von Sexualität und Sprachfähigkeit ist von höchster Bedeutung um sexuelle/sexualisierte Gewalt und sexualisierten Machtmissbrauch – nicht nur in der Kirche – erkennen und verhindern zu können. Gewaltvolle und nicht auf Konsens beruhende sexuelle Handlungen müssen als Gewalt benannt werden. Der Blick darauf, dass Menschen jeden Geschlechts von dieser Form der Ge-walt betroffen sein können, muss geschärft werden. Wie jede Form der Diskriminierung haben auch Sexismus und sexualisierte Gewalt neben der individuellen eine strukturelle Dimension, die Frauen, aber auch inter*- und trans*Personen betrifft. Solche Strukturen und Muster müssen dringend erkannt, aufgedeckt und konsequent beseitigt werden. 

Als Zentralkomitee der deutschen Katholiken

  • setzen wir uns dafür ein, dass Menschen in ihrer geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung und in der Vielfalt ihrer Lebens-entwürfe wertgeschätzt und gleichberechtigt anerkannt werden;
  • begreifen wir Sexualität als wesentlichen Bestandteil des Menschseins und als grundsätzlich positive Kraft, die Ausdruck ganzheitlicher Liebe ist. Sie umfasst u.a. die Aspekte der Verantwortung füreinander, der Fortpflanzung sowie des verbindenden Lust-Erlebens;
  • setzen wir uns dafür ein, eine christliche Beziehungsethik zu etablieren, die die Vielfalt verantworteter Lebensentwürfe achtet, wertschätzt und als gleichberechtigt anerkennt. Wir unterstützen ausdrücklich den Grundtext „Leben in gelingenden Beziehungen – Wegmarken einer erneuerten Sexualethik“ des Synodalen Wegs;
  • pflegen wir eine sensible Sprache, die geschlechtliche Vielfalt achtet;
  • stellen wir uns gegen jegliche Form der Diskriminierung aufgrund geschlechtlicher Identität oder sexueller Orientierung.

 

Wir ermutigen alle Menschen:

  • ihre Sexualität selbstbestimmt zu leben und verantwortungsvoll zu gestalten;
  • sich gegen Alltagssexismus, jegliche Form queerfeindlicher Diskriminierung und sexuelle Belästigung einzusetzen;
  • sexualisierte und spiritualisierte Gewalt und (sexualisierten) Macht-missbrauch zu benennen, darauf hinzuweisen und sich deutlich dagegen zu positionieren.

 

Wir fordern von den politisch Verantwortlichen:

  • existierende Diskriminierungen aufgrund des Geschlechtes, der geschlechtlichen Identitäten und der sexuellen Orientierungen in Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltungspraxis in Deutschland aufzuheben;
  • Schutz- und Hilfemaßnahmen bei sexualisierter Gewalt flächendeckend auszubauen;
  • eine Überprüfung des sexualpädagogischen Unterrichts unter den Aspekten Diversität, Gleichberechtigung, Respekt, Selbstbestimmung, Verhütungsmöglichkeiten und Fruchtbarkeit sowie eine entsprechende Aufwertung diesbezüglicher sexualpädagogischer Bildungsarbeit.
  • die Ergänzung von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung in Seelsorgebeziehungen im Strafgesetzbuch.

 

Wir fordern von den deutschen Bischöfen:

  • die Änderung der Grundordnung des kirchlichen Dienstes schnellst-möglich in Kraft zu setzen;
  • ihre Argumente in die Diskussion des Synodalen Weges um die Argumente des Grundtextes „Leben in gelingenden Beziehungen – Wegmarken einer erneuerten Sexualethik“ einzubringen;
  • Erkenntnisse der Human- und Naturwissenschaften zu rezipieren;
  • die kirchliche Sexuallehre im Sinne des Grundtextes des Synodalen Weges weiterzuentwickeln und in ihren Bistümern zur Anwendung zu bringen;
  • alle diesbezüglichen Ergebnisse des Synodalen Wegs im eigenen Verantwortungsbereich konsequent umzusetzen.

 

Begründung

Bei der 4. Synodalversammlung in Frankfurt votierte eine große Mehrheit der Synodalen für den Grundtext „Leben in gelingenden Beziehungen – Wegmarken einer erneuerten Sexualethik“. Zugleich wurde die erforderliche 2/3-Mehrheit der Bischöfe knapp nicht erreicht. Die tiefe Betroffenheit vieler Katholik*innen über diese knapp verfehlte Zustimmung hat einmal mehr vor Augen geführt, wie groß die Dringlichkeit ist, die kirchliche Sexualmoral zu erneuern.

Mit ihrer lebensfernen und vielfach menschenfeindlichen Sexualmoral marginalisiert die Kirche sich selbst. Das ist umso schmerzlicher, als die christliche Botschaft der Liebe Gottes und der gleichen Würde aller Menschen gerade heute dringend Gehör finden sollte. Darüber hinaus verletzt und entwertet die Kirche mit ihrer Sexualmoral Menschen und widerspricht somit ihrer eigenen Verkündigung.

Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)