Freitag, 1. Oktober 1993

Was ist Gerechtigkeit?

(als Broschüre vergriffen)

Was ist Gerechtigkeit?

Ein Beitrag der Kommission 1 "Politik, Verfassung, Recht" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Das Symbol der Gerechtigkeit ist die Waage in ihrer ursprünglichen einfachen Konstruktion: je eine Waagschale hängt an den beiden Enden eines an seinem Schwerpunkt eingehakten Bügels. Dieses Symbol weist Gleichheit als ein Element der Gerechtigkeit aus, denn die beiden Waagschalen sollen zueinander ins Gleichgewicht kommen. Doch sind es nicht gleichgeartete Dinge, die auf die beiden Seiten gelegt werden, sondern es gilt gerade, Verschiedenartiges ins Gleichgewicht zu bringen. So ergeben nach alter Tradition auf der Waage der Justitia die Schuld eines Menschen auf der einen und die Sühne auf der anderen Waagschale das gerechte Urteil. So ergibt das Gleichgewicht der Verdienste eines Menschen auf der einen und seiner Fehler auf der anderen Seite die gerecht Beurteilung. Das Gleichgewicht der Lasten, die ein Mensch zu tragen hat, und der Unterstützung, die er erfährt, bewirkt, daß er sich gerecht behandelt fühlt. In jedem Fall also wird Verschiedenartiges nicht gleichgemacht, sondern es wird zwischen Verschiedenartigem ein ausgeglichenes Verhältnis hergestellt.

Ein anderer Aspekt der Gerechtigkeit besteht darin, einem bestimmten Menschen in seiner persönlichen Eigenart "gerecht" zu werden oder auch den einmaligen Umständen eines Falles, über den zu entscheiden ist. Wird ein Gut unter mehreren Leuten verteilt, so bewährt Gerechtigkeit sich nicht schon darin, daß alle gleichviel davon bekommen, sondern erst in der Aufmerksamkeit dafür, daß dem einen oder anderen mit gutem Grund etwas mehr oder etwas weniger als den übrigen zusteht. Die Losung der Gerechtigkeit lautet nicht "allen das Gleiche" sondern "jedem das Seine". "Gerechtigkeit ist der stetige und fortwährende Wille, jedem das Seine zukommen zu lassen", so lautet der erste Satz der Justinianischen Digesten, dem Hauptwerk des römischen Rechts.

Die irdische Unvollendbarkeit der Gerechtigkeit

Hier besagt das Wort "Wille", daß Gerechtigkeit nicht als erreicht, sondern als Ziel verstanden wird sowie als Bemühen, dieses Ziels zu erreichen. Das erinnert an die irdische Unvollendbarkeit der Gerechtigkeit. Unser Verlangen danach kann allein Gott stillen, denn nur er ist vollkommen gerecht. Gerechtigkeit ist eine seiner Eigenschaften. Darin hat jedwede menschliche Gerechtigkeit ihren Ursprung und ihre einzige mögliche Vollendung. Gott der Schöpfer hat jeden Menschen als sein Ebenbild erschaffen und mit den für alle gleichen Menschenrechten ausgestattet. Aus der individuellen Ausgestaltung des Gottesbildes in den einzelnen Menschen ergibt sich die Vielfalt unter den Menschen. Aus dieser wiederum begründet sich jene Forderung der Gerechtigkeit, jedem "das Seine" zu geben, das also, was seiner Eigenart und seinen besonderen Lebens-umständen entspricht.

Gerechtigkeit in den Aussagen der Heiligen Schrift

Nach den Aussagen der Heiligen Schrift hat die Ungerechtigkeit unter den Menschen ihren Ursprung darin, daß sie die ihnen von Gott verliehene Freiheit mißbraucht und dadurch die Gemeinschaft mit ihm verloren haben. Doch hat Jesus Christus die Menschheit von ihrem Verfallensein an das Böse grundsätzlich befreit. Er hat den einzelnen auch als Sünder wieder gerecht vor Gott gemacht.

Gerechtigkeit ist eines der zentralen Themen des Alten und Neuen Testamentes. Das im Alten Testament verheißene Messianische Reich und das von Jesus im Neuen Testament verkündete Reich Gottes sind das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens. Deshalb ist Gerechtigkeit auch Auftrag und Sendung des Menschen. Die alttestamentlichen Propheten verstehen ihre Predigt als Kampf gegen individuelle, soziale und institutionelle Ungerechtigkeit. Von aktueller Bedeutung ist der unauflösliche Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden: "Die Frucht der Gerechtigkeit ist der Friede" (Jes. 32,17).

Unsere Verantwortung für die Gerechtigkeit

Da Gott uns mit dem Sinn für Gerechtigkeit ausgestattet hat, ist es uns aufgegeben, diesen Sinn wachzuhalten und uns, wann immer Mitmenschen von unserem Tun und Unterlassen betroffen sind, um Gerechtigkeit zu bemühen. Es liegt in unserer Verantwortung, Ungerechtigkeiten zu unterlassen und nach bestem Wissen und Gewissen Gerechtigkeit zu üben. Dazu gehört auch, nach Kräften zu verhindern, daß Mitmenschen durch andere Unrecht geschieht. In unserer Hand liegt es, ob im persönlichen Verkehr wie auch in Gesellschaft und Staat mehr Gerechtigkeit herrscht oder weniger. Unserem Urteil ist es anheimgegeben, welche Entscheidung oder Handlung von Fall zu Fall am ehesten gerecht ist und welche ungerecht.

Irdisch vollendete Gerechtigkeit ist eine Utopie

Eine intellektuell verführerische Weise, zu behaupten, Gerechtigkeit sei auf Erden vollendbar, ist die Utopie. Man versteht darunter das Konstrukt einer idealen, alle Not und Ungerechtigkeit überwindenden, mithin vollendet humanen Gesellschaft. Dieses Versprechen der Utopie wird allerdings schon durch deren eigenen Begriff widerlegt. Denn "utopisch" ist der Wortbedeutung nach etwas, was nirgendwo seinen Ort haben, mithin nicht Wirklichkeit werden kann. Gerade das wollte der Erfinder dieses Wortes, der Hl. Thomas Morus mit seiner Schrift "Utopia" dartun: Er stellt fest, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit, insbesondere die Tatsache, daß es Privateigentum gibt, viel Ungerechtigkeit bewirkten. Dann läßt er den Propagandisten des Staates der Utopier sprechen, dem er den Namen Hythlodeus gibt, was soviel wie "leeres Gerede" heißt. Dabei zeigt sich, daß eine Konstruktion der Gesellschaft, die durch Abschaffung von Privateigentum und Geld auf vollendete Gerechtigkeit zielt, zu einem die Freiheitsrechte auslöschenden Kollektivismus führt. Deshalb schließt der Hl. Thomas Morus mit dem Bemerken, daß ihm vieles von dem, was Hythlodeus vorgetragen habe "überaus sonderbar erschien" und daß man "über das Thema tiefer nachdenken" müsse.

Auch die Unvollkommenheit unseres Bemühens um Gerechtigkeit wird vom Sinnbild der Waage zum Ausdruck gebracht. Denn das Gleichgewicht der beiden Waagschalen ist labil. Schon bei einer geringen Veränderung der Gewichtung geht es verloren. Das heißt, daß keine Maßnahme, kein Urteil, keine Ordnung ein für allemal gesichert bleibt. Wir müssen ständig neu tarieren, also immer auf's Neue prüfen, ob das, was einmal als gerecht gelten konnte, diesen Anspruch noch erfüllt. Dabei erkennen wir leicht, was an einem Urteil, einer Maßnahme, einer Ordnung ungerecht ist. Dagegen können wir uns niemals sicher sein, ob sie wirklich gerecht sind. Daher unterliegt alles Sprechen von Gerechtigkeit diesem Vorbehalt, daß wir zwar nach ihr streben und uns ihr auch nähern können; daß wir uns jedoch unter keinen Umständen einbilden dürfen, wir hätten sie verwirklicht. Wo wir für uns selbst von anderen Gerechtigkeit erwarten, müssen wir uns deshalb bescheiden und dürfen keine vollkommene Erfüllung fordern, die niemand - auch beim besten Willen nicht - erbringen kann.

Gerechtigkeit und Recht

Gerechtigkeit und Recht sind nicht dasselbe. Recht allein schafft noch keine Gerechtigkeit. Recht ist einmal der Rechtsanspruch, den jemand hat, entweder weil er ein Mensch ist (Menschenrecht) oder weil er sich ein Recht erworben hat oder weil ihm ein Recht zugesprochen wurde. Recht ist darüber hinaus die für alle Beteiligten verbindliche Ordnung einer Gemeinschaft, insbesondere diejenige des Staates. Doch muß man das Sprichwort "Ordnung ist das halbe Leben" auch in dem Sinn verstehen, daß sie eben nur das halbe Leben ist, weil das ganze Leben in seiner vollen Wirklichkeit mit einer Rechtsordnung allein nicht  gerecht gestaltet werden kann. Wie oft führt es zu Ungerechtigkeit und Unfrieden, wenn jemand schikanös auf seinem Rechtsanspruch beharrt, sich gegen eine gütliche Einigung sperrt. Wie wahr ist der Satz, daß auf die Spitze getriebene, auf den Buchstaben des Gesetzes sich versteifende Rechtsanwendung Ungerechtigkeit bewirkt. Sollen eine Entscheidung oder ein Urteil gerecht sein, so muß das, was "ohne Ansehen der Person" für alle gilt, der Besonderheit des Falles, über den zu entscheiden ist, und den besonderen Lebensumständen dessen, über den ein Urteil gefällt wird, angepaßt werden. Auch hier gilt es also, Verschiedenartiges ins Gleichgewicht zu bringen, um gerecht zu sein. Seinen Grund hat das letztlich in der Tatsache, daß alle Menschen gerade darin gleich sind, daß jeder in seiner individuellen Besonderheit gewürdigt sein will und muß. Dann erst ist das Urteil über ihn - wie man sagt - "recht und billig".

Gerechtigkeit als Tugend

Seit der vorchristlichen Antike und im christlichen Mittelalter wurde Gerechtigkeit als Tugend, als eine sittliche Haltung begriffen. Sie bewährt sich auf drei verschiedene Weisen:

- Die Tausch-, Verkehrs-, Vertragsgerechtigkeit der Einzelnen oder der einzelnen Gruppen untereinander. Sie besteht in der Leistung des Geschuldeten und setzt die Anerkennung des anderen als Rechtsgenossen voraus. Leistung und Gegenleistung sollen einander entsprechen, können dabei aber von grundverschiedener Art sein.

- Die gesetzliche Gerechtigkeit. Sie besteht darin, daß der Bürger seine auf das Gemeinwohl zielenden allgemeinen gesetzlichen Pflichten erfüllt.

- Die austeilende oder Verteilungsgerechtigkeit. Sie besteht in dem Willen, allen Gliedern der Gesellschaft gerechten Anteil an der gemeinsamen Ordnung zu geben. Dies ist in erster Linie, keineswegs jedoch ausschließlich, Aufgabe derer, denen öffentliche Verantwortung anvertraut ist.

Es bedarf eines Verbundes dieser drei Weisen, Gerechtigkeit zu üben, weil die Beziehungen unter den Menschen nicht alle nach der Verkehrsgerechtigkeit geregelt werden können, aber auch nicht alle nach gesetzlicher und austeilender Gerechtigkeit geregelt werden dürfen. Die Verkehrsgerechtigkeit ist Sache der einzelnen Bürger und damit der Gesellschaft zugeordnet; die gesetzliche und die austeilende Gerechtigkeit sind sowohl Aufgabe der Bürger als auch Leistung des Staates.

Soziale Gerechtigkeit

In der Auseinandersetzung mit der sozialen Frage machten sich kirchliche Sozialverkündigung und katholische Soziallehre den Ruf nach "sozialer Gerechtigkeit" zu eigen. Im Rerum novarum (1891) werden die Kategorien "gerecht" und "ungerecht" wie ganz selbstverständlich auf soziale Verhältnisse und auf die politische Ordnung bezogen; in Quadragesimo Anno (1931) ist dann ausdrücklich auch von justitia socialis die Rede (Nr. 88 und Nr. 126). Diese Forderung nach sozialer Gerechtigkeit ist nicht nur an Personen gerichtet, daß sie Gerechtigkeit als Tugend üben, sondern sie zielt vor allem auf gerechte Institutionen, auf eine gerechte Gesamtordnung der Gesellschaft. Mit diesem Ziel muß der Staat Gesetze erlassen und Vorsorge treffen, damit Gerechtigkeit auch jenseits der staatlichen Sphäre unter den Bürgern erreicht wird. Zu den Elementen dieser sozialen Gerechtigkeit gehören die Leistungsgerechtigkeit als Ausdruck des Rechtes der Person, ihre Fähigkeiten zu entfalten; die "Besitzstandsgerechtigkeit" z.B. als Anerkennung von durch Leistung erworbenem Eigentums; die Chancen- und Bedürfnisgerechtigkeit für die Benachteiligten sowie das Prinzip der Gleichbehandlung. Soziale Gerechtigkeit wäre demnach in dem Maße verwirklicht, wie es gelingt, diese unterschiedlichen und miteinander konkurrierenden Momente sozialer Gerechtigkeit jeweils auszubalancieren. In einer dynamischen Gesellschaft wird das zu einer ständigen Aufgabe.

Ein gewisses Maß an Ungleichheit der sozialen Stellung der Menschen sowie der Verteilung der materiellen Güter ist in jeder Gesellschaft, in einer modernen komplexen zumal, unvermeidlich und dem Fortschritt der Lebensverhältnisse aller ihrer Glieder letztlich auch dienlich. Trotzdem spitzt sich das Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit auf die Forderung nach Gleichheit zu, häufig vergröbert zu der Forderung nach Umverteilung der materiellen Güter. Der dadurch bewirkte Kampf der Interessengruppen und ideologischen Richtungen kann zur Zerreißprobe für die Gesellschaft werden. Deshalb muß die erste und grundlegende Forderung der sozialen Gerechtigkeit eine andere sein, nämlich eine von allen Beteiligten anerkannte gemeinsame Ordnung sozialer und politischer Institutionen zu schaffen. Sie lenkt den Streit in geordnete Bahnen, so daß alle Beteiligten ihre Interessen mit Aussicht auf Erfolg geltend machen können, ohne das Gemeinwesen zu gefährden. Sie ermöglicht es allen Bürgern, nicht zuletzt den jeweils sozial Schwächeren, ihre Beziehungen nach Erfordernissen der Tauschgerechtigkeit frei zu gestalten und sich politisch an der Wahrnehmung der "austeilenden" Gerechtigkeit zu beteiligen. Demokratie, Rechts- und Sozialstaatlichkeit ergänzen einander und bilden den institutionellen Rahmen einer "gerechten" Ordnung, innerhalb derer die einzelnen wie die Gruppen gerecht im Sinn der alten Tugendlehre miteinander umgehen sollen.

Gerechtigkeit stellt zwischen Verschiedenartigem ein ausgewogenes Verhältnis her.

Damit innerhalb einer solchen gerechten Ordnung auch die einzelnen Entscheidungen oder Maßnahmen gerecht seien, muß Ausgewogenheit erzielt werden. Sie besteht darin, daß zwei Gegebenheiten, die zwar verschiedener Art sind, zwischen denen aber an sich ein sinnvoller Zusammenhang besteht, so ins Verhältnis zueinander gebracht werden, daß dieser Sinn bestmöglich erfüllt ist. So ist der Preis, den jemand für einen Gegenstand verlangt, nur dann gerecht, wenn er weder so gering ist, daß das Ding praktisch verschenkt, noch so hoch, daß der Käufer ausgebeutet wird. Gerecht ist der Lohn, wenn er weder eigentlich nur ein Trinkgeld, noch eine unbegründete Begünstigung ist. Wenn in dieser Weise der Sinn, um den es jeweils geht, erfüllt ist, befinden sich die beiden Waagschalen im Gleichstand.

Chancengleichheit

Was Chancengleichheit bedeutet, versteht man, wenn man sich klar macht, welches der Sinn des Wortes "Chance" ist. Er besagt, daß jedermann das Recht haben muß, sich Ziele zu setzen und dafür auch etwas zu wagen, ohne daran durch seine Stellung in der Gesellschaft oder gesellschaftlichen Vorbehalte gehindert zu sein. Daher kann niemand Chancen gleichmachen, sondern man kann nur gleichen Zugang zu Chancen schaffen. Praktisch erfordert das, die gesellschaftlichen Verhältnisse so zu gestalten, daß eigene Initiative und persönliches Wagnis objektive Aussicht auf Erfolg haben. So handelt es sich bei der Chancengleichheit um einen Freiheitsbegriff: Die Startbedingungen müssen so gestaltet sein, daß es sich lohnt, von seiner Freiheit Gebrauch zu machen.

Rechtsstaat und Gerechtigkeit

Die Aufgabe des modernen Staates, durch Rechtsetzung und Rechtsprechung der Gerechtigkeit zu dienen, findet ihren Ausdruck im Begriff des Rechtsstaates. Dieser ist nicht etwa ein Staat, der die Gerechtigkeit verwirklicht. Es ist kein Zufall, daß nur totalitäre Regime von sich behaupten, sie verwirklichen die Gerechtigkeit. Der freiheitliche, demokratische und soziale Rechtsstaat ist demgegenüber wirklichkeitsnah: für ihn ist Gerechtigkeit ein Prinzip, an dem alle Staatstätigkeit sich orientieren muß, das jedoch in der Unzulänglichkeit der Menschenwelt niemals voll verwirklicht werden kann. Im Rechtsstaat sind dessen Verfassungsorgane und Repräsentanten in besonderer Weise verpflichtet, nicht nur formale, den Buchstaben des Gesetzes erfüllende, sondern auch tatsächliche Gerechtigkeit anzustreben.

Als formal bezeichnet man den Rechtsstaat, insoweit er bestimmte Verfahren zwingend vorschreibt, die der Rechtssicherheit und der Berechenbarkeit des Rechts, der Verfassungsmäßigkeit der Gesetze und der Gesetzmäßigkeit von Verwaltung und Rechtsprechung dienen. Diese Regelungen müssen eingehalten werden, weniger um das Maß von Gerechtigkeit zu erhöhen, als vielmehr um bestimmte Möglichkeiten der Ungerechtigkeit von vornherein auszuschließen. Es kann vorkommen, daß der Rechtsstaat um des Rechtsfriedens und der Rechtssicherheit willen einem Einzelfall nicht voll gerecht wird. Das müssen wir hinnehmen, damit der allgemeine Schutz vor Ungerechtigkeiten, den diese Grundsätze gewähren, garantiert bleibt.

Doch sind die rechtsstaatlichen Normen niemals so starr, daß nicht Raum bliebe für die Berücksichtigung der Besonderheit des jeweiligen Einzelfalls. Deswegen ist ein korrekter Beamter im Rechtsstaat nicht derjenige, der jeden Buchstaben des Gesetzes unnachgiebig mit den schärfsten Mitteln durchsetzt, sondern derjenige, der seine Entscheidung in dem Bewußtsein trifft, daß er das Gesetz im Einklang mit den Prinzipien des Verfassungsstaates vollziehen muß. Diese orientieren sich an der Personennatur des Menschen. Der Verfassungsstaat ist der Staat des menschlichen Maßes.

Gerechtigkeit und Gleichheit

Eine staatliche Ordnung bedarf der Gesetze, nach denen die Menschen sich richten können und Entscheidungen getroffen werden. Damit ist im Rechtsstaat der Anteil gegeben, den die Gleichheit an der Verwirklichung von Gerechtigkeit hat. Denn es gehört zum Wesen des rechtsstaatlichen Gesetzes, Gleiches gleich zu behandeln. So muß der Staat allen Bürgern gleiche Freiheit und Sicherheit gewährleisten, weil darauf alle gleichen Anspruch haben. Ungerecht wäre es dagegen, würde der Gesetzgeber das, worin die Bürger ungleich sind, durch Gleichmacherei unterdrücken. Das Bundesverfassungsgericht hat aus dem Gebot, daß alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, ein "Willkürverbot" abgeleitet. Es besagt, daß es dem Grundsatz der Gleichheit widerspricht, wenn ohne vernünftigen Grund Gleiches ungleich und Ungleiches gleich behandelt wird.

Was der Rechtsstaat für die Gerechtigkeit nicht leisten kann

Rechtsstaatlichkeit ist das Spezifische, aber auch das Äußerste, was der Staat für die Gerechtigkeit leisten kann. Weil das von ihm gesetzte Recht den Grundsätzen der Gleichheit, Allgemeinheit und Berechenbarkeit unterliegt, sind der Differenzierung der gesetzlichen Bestimmungen Grenzen gesetzt, und er kann deshalb unter Umständen einem Einzelfall nicht voll gerecht werden. Wenn Gerechtigkeit und Rechtssicherheit in Widerstreit geraten, so ist zu beachten, daß auch die Rechtssicherheit ein hohes Gut ist. Vieles, was um der Gerechtigkeit willen geschehen sollte und was die Menschen einander um der Gerechtigkeit willen schulden, bleibt überhaupt der staatlichen Rechtspflege entzogen. Das ist leicht einzusehen, soweit es sich um gerechtes Verhalten im privat- persönlichen Umgang handelt, also z.B. um gegenseitige Achtung, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft. Hier kann der Staat nichts regeln oder erzwingen. Dagegen finden wir uns nur schwer damit ab, daß es im öffentlichen Leben Unrecht gibt, das weder nach gesetzlichem Recht gesühnt, noch durch persönlich-moralische Anstrengung der Bürger wieder gutgemacht werden kann. Es ist nur durch Verzeihen und Vergeben zu bewältigen. Für die Bürger gilt, daß die persönliche Auseinandersetzung mit einer schlimmen Vergangenheit moralische Pflicht jedes einzelnen gegen sich selbst, die Bereitschaft zu vergeben und sich zu versöhnen aber moralische Pflicht gegenüber seinen Mitmenschen ist. Das ist besonders dann geboten, wenn die Schuldverstrickung so verworren ist, daß die Schuld des einen Mitursache der Schuld des anderen war. Am schwersten ist Versöhnung, wenn es sich um ein klares Gegenüber von Tätern und Opfern handelt. Denn vergessen kann das Opfer nicht, und trotzdem soll es sich einseitig zumuten, über das hinwegzusehen, was ihm angetan wurde und was es erlitten hat.

Gerechtigkeit zwischen den Völkern und Staaten

Auf neue Probleme treffen wir, wenn wir nach Gerechtigkeit zwischen den Staaten und in den internationalen Beziehungen fragen. Das herkömmliche Völkerrecht ist im wesentlichen Völkervertragsrecht, also genossenschaftliches Recht, dessen Beachtung oft nicht durchgesetzt werden kann. Heute jedoch braucht die Staatengemeinschaft zur Lösung der Probleme internationaler Politik (Friedenssicherung, ökonomisch- soziale Entwicklung, Schutz der Menschenrechte und der natürlichen Lebensgrundlagen) gemeinsame Institutionen. Denn so wie es erfolgreiches Bemühen um Gerechtigkeit im einzelnen Staat nur geben kann, wenn die Bürger in rechts- und sozialstaatlichen Institutionen Unterstützung finden, so wird es zwischen den Staaten und Völkern mehr Gerechtigkeit nur geben, wenn wir Möglichkeiten entwickeln, die Befolgung des internationalen Rechts zu gewährleisten.

Gerechtigkeit zwischen den Generationen

Gerechtigkeit schulden wir nicht nur den heute mit uns Lebenden, sondern auch künftigen Generationen. Deshalb haben wir die Pflicht, auch ihnen ihre Menschenrechte und die Voraussetzungen einer ganzheitlichen Lebensführung zu sichern. Diese Gerechtigkeit zwischen den Generationen gebietet, unser Tun und Lassen so zu gestalten, daß wir den zukünftig Lebenden keine Wirkungen und Zwänge hinterlassen, die wir selber für menschenunwürdig erachten. Wir müssen bemüht sein, Leben, Würde und Freiheit der kommenden Generation nicht zu beeinträchtigen. Es muß uns gelingen, die Gefahren abzuwenden, wie sie sich z.B. durch Zerstörung der Umwelt und Vergeudung der natürlichen Ressourcen ergeben.

Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg' auch keinem anderen zu

Das Interesse des Menschen an Gleichheit ist begrenzt. Abgesehen von der Selbstverständlichkeit, daß niemand in Bezug auf Nachteile mit anderen Menschen gleich sein will (z.B. gleich krank, gleich arm), geben sie sich in guten Dingen keineswegs damit zufrieden, mit anderen gleich zu sein, sondern sie streben danach, sie zu übertreffen. Angesichts dieser elementaren Tatsache, reicht der Grundsatz der Gleichheit nicht aus, ein ersprießliches Zusammenleben zu ermöglichen, sondern es muß die Gerechtigkeit hinzukommen.

Als Anleitung, Gerechtigkeit in der Praxis des Zusammenlebens zu verwirklichen, kann das Prinzip der Gegenseitigkeit dienen. Es findet seinen klassischen Ausdruck in der "Goldenen Regel", also in dem Satz: "Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg' auch keinem anderen zu". Danach kann man an dem, was man selbst vom anderen erwartet, erkennen, wie man sich verhalten muß, um dem anderen gerecht zu werden. Die "Goldene Regel" ist gewissermaßen der Obersatz, von dem sich alle anderen Formen von Gerechtigkeit ableiten und der die Besonderheit des Einzelfalles berücksichtigen läßt. Sie verlangt, Gerechtigkeit nicht starr, sondern auf den Menschen bezogen, also nach "Recht und Billigkeit" zu verwirklichen. In diesem Sinn hat die christliche Rechtstradition davon gesprochen, daß Gerechtigkeit über die bloße Erfüllung des Gesetzesbuchstabens hinaus im Zeichen einer auf das Wohl des Menschen bezogenen Klugheit steht. So bedarf es von der "Goldenen Regel" her nur eines Schrittes, um zu begreifen, daß Gerechtigkeit, wenn man darunter versteht, daß man seinem Mitmenschen gerecht wird, zugleich Frucht der Liebe ist.

Gerechtigkeit vollendet sich in der Liebe

Gerechtigkeit als Tugend vollendet sich in der Liebe. Denn nur wer dem anderen Liebe entgegenbringt, kann ihm gänzlich gerecht werden, nämlich in der Widersprüchlichkeit und Abgründigkeit die seiner Existenz wie dem Dasein jedes anderen Menschen eignet. Damit entfällt allerdings auch, der Ausgleich der Waagschalen der Gerechtigkeit zwischen der Eigenart des einzelnen und seiner Lebensumstände einerseits und dem gesetzlich und moralisch Gebotenen andererseits, woran jeder sich messen lassen muß. Die Liebt wiegt auf, was fehlt, weil sie alles versteht. Das hat Papst Johannes Paul II. zum Ausdruck gebracht, wenn er in seiner Enzyklika "Dives in misericordia" schreibt, Gerechtigkeit strebe auf Liebe zu, "die dem Erbarmen Raum gibt, das seinerseits die Gerechtigkeit in ihrer Vollendung offenbar macht" (S. 28 der Ausgabe der Deutschen Bischofskonferenz). Demnach erstreckt sich unser Bemühen, gerecht zu sein, von der Mindestanforderung, den anderen wenigstens anzuerkennen, wenn man ihn auch nicht lieben kann (Josef Pieper), bis zur Vollendung der Gerechtigkeit in der Liebe, die den anderen an keinen Normen mißt, sondern ihm auch "das Böse nicht zurechnet" (1. Kor. 13). Man kann aber auch sagen, daß der Gerechtigkeit ein Moment der Liebe von Anfang an insofern innewohnt, als sie die - ja nicht selbstverständliche - Bereitschaft voraussetzt, dem anderen gerecht zu werden. So gesehen sind Gerechtigkeit und Liebe zwei Seiten der gleichen Weise, menschlich miteinander umzugehen, und es gilt dann der Satz von Thomas von Aquins: Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung, Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit.

 

Von der Kommission 1 "Politik, Verfassung, Recht" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 3. Juni 1993 einstimmig verabschiedet