Freitag, 18. November 1994

Zur Frage der kirchenrechtlich zwingenden Verbindung von Ehelosigkeit und Priesteramt

(als Broschüre vergriffen)

Zur Frage der kirchenrechtlich zwingenden Verbindung von Ehelosigkeit und Priesteramt

Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

1. Alle Christinnen und Christen sind aufgrund von Taufe und Firmung zur Liebe berufen. Ob alleinstehend, in gewählter Ehelosigkeit oder sakramentaler Ehe lebend, alle sind gerufen, auf dem ihnen gemäßen Weg Gott, den Nächsten und sich selbst zu lieben und so an ihrem Lebensort Zeugen und Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen und seiner Schöpfung zu sein.

2. Der ganzen Kirche ist aufgetragen, den Raum zu gewähren und die Freiheit zu achten, in der die verschiedenen Berufungen aufeinander bezogen wachsen, reifen und Frucht bringen können. Ob verheiratet oder ehelos, keine dieser Lebensformen ist für alle der bessere Weg, Christ zu sein.

3. Männer und Frauen, die die christliche Ehelosigkeit gewählt haben, sind für die Kirche ein unersetzliches Gut, ein Zeichen, daß ein Leben, das alles auf Gott setzt, reich und erfüllend ist. So verstandene Ehelosigkeit verkürzt das Menschsein nicht und ist nichts Unnatürliches für die, die dazu berufen sind. Bei dieser Form der Berufung zur Liebe geht es nicht um den Verzicht an sich, sondern sie bewährt sich in der Zuwendung zu vielen und in der Offenheit für die Gemeinschaft.

4. Die christlich gelebte Ehe ist ein unverzichtbares Gut. Die Partner haben die Aufgabe und auch die Chance, in gegenseitiger Zuwendung und Treue die unverbrüchliche Liebe Gottes zu uns Menschen in einer ganz besonderen Weise spürbar und sichtbar zu machen. Christliche Eheleute sind ein Zeichen, daß es auch in unserer Zeit möglich und erfüllend ist, in der Kraft des Sakramentes immer neu das unbedingte Ja zum Partner und zu Kindern zu leben.

5. Für den Weg jeder Berufung ist es entscheidend, daß alle Bereiche des menschlichen Lebens vom Evangelium geprägt sind. Wenn Ehelosigkeit menschlich gelingen soll, muß sie in Verbindung mit den anderen evangelischen Räten gelebt werden, d.h. in einer Haltung innerer Freiheit gegenüber Besitz und Macht. Dies drückt sich aus in einfachem Lebensstil, Dialogfähigkeit und Hilfsbereitschaft. Formen gemeinsamen Lebens können dabei eine große Hilfe sein.

6. Das Charisma der Ehelosigkeit ist dem priesterlichen Dienst angemessen. Es hat sich als Segen für die Kirche erwiesen. Es ist aber mit dem Priesteramt nicht wesensnotwendig verbunden, wie ein Blick in die Dekrete des Zweiten Vatikanischen Konzils (vgl. Priesterdekret PO 16, Ostkirchendekret 5f) und auf die mit Rom verbundenen Ostkirchen zeigt.

7. Heute wirft die kirchenrechtlich zwingende Verbindung von Ehelosigkeit und Priesteramt eine Reihe von Problemen auf, die aus Liebe zu den Menschen und zur Kirche zu einer Entscheidung drängen, ob dies so bleiben soll.

- Nicht wenige fragen, ob nicht die Möglichkeit der Wahl eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, daß der Wert christlich gelebter Ehelosigkeit deutlicher hervortreten kann.

- Zu fragen ist auch, ob sich in der jetzigen pastoralen Situation in Deutschland nicht der Wille Gottes ausdrückt, auch Verheiratete als Priester in seinen Dienst zu rufen.

Zu fragen ist auch, ob man weiterhin nur denen die Möglichkeit einräumen soll, dem Ruf zum priesterlichen Dienstamt folgen zu können, die sich zugleich zur Ehelosigkeit berufen fühlen.

Wenn Verheiratete und Unverheiratete zum Priesteramt zugelassen würden, könnte dies eine Bereicherung für die Kirche sein.

- Nicht wenige empfinden es als nur schwer mit dem hohen Wert von Ehe und Sexualität und der Würde der Frau vereinbar, daß Verheiratete nicht Priester werden können.

- In immer mehr Gemeinden und in weiten Bereichen der übergemeindlichen Seelsorge fehlen Priester, so daß auch bei voller Ausschöpfung der möglichen Laiendienste das Leben in der Gemeinde, insbesondere die Feier der Eucharistie, zu verkümmern droht.

Auch wenn die Zulassung verheirateter Priester kein Allheilmittel für die pastoralen Nöte ist, weil auch die verpflichtend vorgeschriebene Ehelosigkeit nicht allein die Ursache des Priestermangels ist, würde die Weihe Verheirateter den Zustand doch wesentlich mildern.

8. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken bittet die deutschen Bischöfe, dem Heiligen Vater eindringlich zu empfehlen, im Kontext der heutigen pastoralen Situation in gewissen Ländern oder Teilen der Weltkirche die Frage der kirchenrechtlich zwingenden Verbindung von Ehelosigkeit und Priestertum neu zu bedenken und die Weihe von Verheirateten bald - zumindest für den Bereich von Bischofskonferenzen, die darum bitten, - zu ermöglichen.

Es unterstützt damit nachdrücklich entsprechende diözesane Voten.

Das Zentralkomitee bittet die Deutsche Bischofskonferenz, das Zueinander von priesterlichem Dienst und Laiendiensten - seien sie hauptamtlich oder ehrenamtlich - dahingehend zu verändern, daß Laien auch Leitungsaufgaben in Gemeinden übernehmen können.

9. Unabhängig davon appelliert das Zentralkomitee an alle Glieder der Kirche und an die Gemeinden, den Sinn freiwillig übernommener Ehelosigkeit tiefer zu erfassen und die Priester sowie die Ordensleute, die diese Lebensform gewählt haben und wählen, zu unterstützen und ihre Entscheidung mitzutragen.

Das Zentralkomitee fordert die diözesanen Räte (Priesterrat, Diözesanrat, Diözesanpastoralrat) auf, das Gespräch darüber zu suchen, wie christliche Ehelosigkeit und christliche Ehe heute menschlich und geistlich besser gelingen können. Wir erwarten von einem solchen Dialog Impulse, die den Stellenwert der christlichen Berufung zu Ehe und Ehelosigkeit neu herausstellen.

10. Das Zentralkomitee ermutigt alle Verantwortlichen in den verschiedenen Ebenen der Kirche, auf ein ganzheitliches Profil des priesterlichen Dienstes zu achten, damit dieser eine anziehende Lebensperspektive bleibt, unabhängig von der gewählten Lebensform.

Die Priesterausbildung muß verstärkt eine ganzheitliche Entfaltung der Persönlichkeit gewährleisten und dadurch eine reife und tragfähige Entscheidung ermöglichen.

Die Vollversammlung beauftragt den Geschäftsführenden Ausschuß und die Vertreter des Zentralkomitees in der Gemeinsamen Konferenz, auf der Grundlage dieses Beschlussess intensive Gespräche mit der Deutschen Bischofskonferenz zu führen. Nach diesen Gesprächen wird die Vollversammlung des Zentralkomitees erneut über diese Thematik beraten. In diese Beratungen sollen auch die Ergebnisse des Gesprächs zwischen dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und der Deutschen Bischofskonferenz Eingang finden.


Beschlossen von der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 18.11.1994