Freitag, 18. November 1994

Zur seelsorglichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und wiederverheirateten Geschiedenen

Stellungnahme zum Hirtenwort der Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz

"Zur seelsorglichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und wiederverheirateten Geschiedenen"

Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Die Auseinandersetzung um die kirchliche Integration von wiederverheirateten Geschiedenen ist für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ein Ernstfall des innerkirchlichen Dialogs. Darin ist die Bedeutung des Gewissens ebenso angesprochen wie der Umgang der Kirche mit Scheitern und Versöhnung sowie das Verhältnis zwischen Universalkirche und Ortskirchen. Der angemessene Weg, diese Thematik einer Klärung näherzubringen, ist der Weg eines Dialogs, der keine Frage ausklammert und nicht auf sofortige Lösungen fixiert ist.

Wir danken den Bischöfen der oberrheinischen Kirchenprovinz sehr für ihr Hirtenwort zur seelsorglichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und wiederverheirateten Geschiedenen. Die Bischöfe halten unmißverständlich an der katholischen Lehre von der Unauflöslichkeit und Sakramentalität der Ehe fest und berücksichtigen zugleich die ganze Breite der Glaubenstradition der Kirche. Es ist ihnen gelungen, Wege aufzuzeigen, wie Geschiedene und Wiederverheiratete glaubwürdiger als bisher in das Leben der Kirche eingebunden werden können. Den Prinzipien der Epikie und der kanonischen Billigkeit folgend, die der Tatsache Rechnung tragen, daß das gesetzte Recht nicht jedem Einzelfall gerecht wird, haben die Bischöfe darauf hingewiesen, daß eine persönliche, verantwortliche Gewissensentscheidung, zum eucharistischen Mahl hinzuzutreten, von der Kirche und von der Gemeinde zu respektieren sei, zumal wenn sie im Gespräch mit einem kompetenten Priester getroffen werde.

Wir danken den Bischöfen dafür, daß sie auf ein Problem reagiert haben, das den Gemeinden und den der Kirche verbundenen Familien vielfach zu schaffen macht. Gibt es doch kaum eine katholische Familie, die nicht in ihrer Verwandtschaft wiederverheiratete Geschiedene hätte; gibt es doch fast keine Feier der Erstkommunion, bei der Kinder aus geschiedenen Ehen nicht erleben müssen, wie sie am Tisch des Herrn von ihrer Mutter bzw. von ihrem Vater getrennt sind. Mit ihrem Schreiben haben sich die Bischöfe auf eine Situation eingelassen, die viele Gemeinden und Familien aufs äußerste belastet. Sie haben den Versuch unternommen, die Treue zum Jesus-Wort "Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen" zu verbinden mit der Treue zur vom selben Herrn gebotenen Barmherzigkeit und Zuwendung zu jedem Menschen, besonders zu denen in materieller und geistlicher Not. Dieser Versuch verdient unseren tiefsten Respekt.

Das jüngste Schreiben der Kongegration für die Glaubenslehre vom 13. Oktober 1994 über den Kommunionempfang von geschiedenen, wiederverheirateten Gläubigen mit seinem kategorischen Nein zu sorgfältig erwogenem pastoralen Handeln im Einzelfall darf nicht das letzte Wort der Kirche bleiben. Wir stehen im Konsens mit der Glaubenskongegration, wenn es um die Überzeugung von der Unauflöslichkeit der Ehe geht, so wie dies auch die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz bekräftigt haben. Und wir wissen, daß die entsprechenden Lebensregeln gerade in Zeiten wichtig sind, in denen die Ehe kritisch befragt wird. Wir können aber nicht nachvollziehen, daß ein so hartes Nein zum Hinzutreten zur Kommunion gesprochen wird, das unserer Auffassung nach dem Auftrag des Herrn widerspricht, seine Kirche solle als Ort des Heils und der Heilung für die Welt erfahrbar sein. Wir sind erschrocken darüber, wie mit der alten katholischen Tradition von der Würde und Bedeutung des Gewissens umgegangen wird. Ist doch das Gewisssen "die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist" (Gaudium et spes, Nr. 16). Dies schließt ein, daß sich der einzelne Gläubige, der sein Gewissen an der durch die Kirche bezeugten Norm orientiert, nach reiflicher Prüfung auch zu einem vom Lehramt abweichenden Urteil kommen kann.

Wir bitten die Glaubenskongegration dringend, das Gespräch mit unseren Bischöfen neu zu suchen und den in der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland nachdrücklich gewünschten Dialog über diese Fragen wieder aufzunehmen. Ebenso erwarten wir für die weitere Erörterung dieser Problematik in unserem Land von allen Beteiligten Dialogbereitschaft, die eine Polarisierung verhindert und den Respekt vor der Überzeugung Andersdenkender einschließt.


Beschlossen von der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 18.11.1994