Freitag, 24. November 2023

„Der 7. Oktober markiert einen Zivilisationsbruch“: ZdK-Präsidentin fordert Widerstand gegen Erstarken des Antisemitismus

Die Ermordung von mehr als 1200 Jüdinnen und Juden durch Hamas-Terroristen am 7. Oktober hat die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Dr. Irme Stetter-Karp, zum Auftakt der ZdK-Vollversammlung in Berlin als „Zivilisationsbruch“ bezeichnet. „Der Terror der Hamas hat unermessliches Leid über Israel, über Jüdinnen und Juden gebracht.“ Auf den Gewaltakt folge eine Welle des Antisemitismus. „Es erschüttert uns als ZdK zutiefst, zu erleben, dass antisemitische Übergriffe, Beleidigungen und Diffamierungen seit dem 7. Oktober massiv zunehmen. In Deutschland und weltweit erleben wir heftige Auseinandersetzungen, die Politik und Gesellschaft vor teils schwere Zerreißproben stellen.“

Vor der Vollversammlung diskutierte Shimon Stein, der bis 2008 Botschafter Israels in Deutschland war, mit den Journalist*innen Kristin Helberg und Dr. Heinrich Wefing sowie Dorothee Klüppel vom internationalen Hilfswerk Misereor über Wege zum Ende der Gewalt.  

Zur Situation in Israel sagte Shimon Stein, seit dem Ende seiner Berufstätigkeit im diplomatischen Dienst als Senior Research Fellow am Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) der Universität Tel Aviv tätig: „Der 7. Oktober war für mich ein grausamer Weckruf. Was wir erlebt haben, übertrifft alle Vorstellungen. Der Überfall der Hamas war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Folgen dieses Verbrechens werden uns noch lange beschäftigen. In Israel, in der Region und global.“ Stein erklärte: „Die Befreiung der israelischen Geiseln hat jetzt höchste Priorität. Der Staat hat am 7. Oktober versagt. Er hat die Aufgabe, seine Bürger zu schützen, nicht erfüllt. Nun ist er verpflichtet, das Vertrauen seiner Bürger wieder herzustellen. Er muss bereit sein, dafür jeden Preis zu zahlen.“ Der Botschafter a.D. sagte weiter, ein Sieg sei erst dann erreicht, „wenn wir mindestens achtzig Prozent der Struktur der Hamas ausgeschaltet haben. Wie lang der Weg ist, bleibt abzuwarten.“

Über den neu aufkeimenden Antisemitismus hierzulande zeigte sich Stein erschüttert: „Die Juden sind in Deutschland generell nicht sicher. Der Antisemitismus grassiert seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach dem 7. Oktober sind wir nun in eine qualitativ und quantitativ neue Phase eingetreten, was die Sicherheit der Juden betrifft. Die Deutschen haben ihren Teil der moralischen Vereinbarung zum „Nie wieder!“ bis heute nicht erfüllt.“

Kristin Helberg, freie Journalistin für ARD, ORF und das Schweizer Fernsehen, lange Jahre als Korrespondentin in Syrien tätig, sagte: „Jede zukünftige Lösung für Gaza muss die Sicherheit der Menschen in Israel und bessere Perspektiven für die Bewohner von Gaza garantieren. Dafür braucht es Vertrauen, das kurzfristig nur internationale Akteure wie die USA, Europa und arabische Staaten herstellen können." Israel könne der Hamas „den Nährboden nur entziehen, indem man den Palästinenserinnen und Palästinensern in Gaza und im Westjordanland gleiche Rechte und ein Leben in Würde ermöglicht." Im Blick auf Deutschland sagte Helberg: "Damit sich Jüdinnen und Juden hier sicher fühlen können, müssen wir Zugewanderte als Verbündete im Kampf gegen Antisemitismus begreifen. Dafür bräuchte es mehr Weitsicht im Nahostkonflikt, eine präzisere Staatsräson und eine inklusive Holocaust-Erinnerungskultur. Nur wenn wir Rassismus, Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit gemeinsam bekämpfen, überwinden wir gesellschaftliche Gräben und verhindern, dass Extremisten die Eskalation in Nahost für ihre demokratiefeindlichen Ziele missbrauchen."

Dr. Heinrich Wefing, Co-Ressortleiter Politik der Wochenzeitung Die Zeit, zeigte sich überzeugt:Israel hat jedes Recht, sich gegen den mörderischen Überfall der Hamas vom 7. Oktober zur Wehr zu setzen, auch durch den Einmarsch in Gaza. Dieser Einmarsch ist jedoch mit enormen militärischen, politischen und humanitären Risiken verbunden und führt unweigerlich in furchtbare Dilemmata. Die militärische Operation in Gaza gefährdet potenziell das Leben der Geiseln. Sie kostet israelische Soldaten das Leben, sie bringt Leid und Tod für die palästinensische Zivilbevölkerung. Und je größer die zivilen Opfer, desto mehr schwindet weltweit die Solidarität mit Israel - oder befeuert noch weiter Antisemitismus und Hass auf Israel. Für alles das trägt zuerst und vor allem die Hamas die Verantwortung. Die Folgen jedoch treffen unweigerlich auch Israel.“ 

Dorothee Klüppel, Abteilungsleiterin Afrika/Nahost beim internationalen Hilfswerk Misereor, sagte, Misereor arbeite in Israel, im Gazastreifen und in der Westbank mit kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen. „In etlichen dieser Partnerorganisationen arbeiten Israelis und Palästinenser*innen zusammen. Dies ist in der aktuellen Situation enorm herausfordernd. Wir spüren den Schmerz der anderen in uns selbst und streben nach Gerechtigkeit.“ Klüppel berichtete von „Gesprächen mit ehemaligen Soldaten, die bei früheren Kriegen selbst im Gazastreifen im Einsatz waren und sich jetzt für Friedensarbeit engagieren. Sie sagen: Militärische Gewalt allein wird unsere Probleme nicht lösen. Wir müssen die Verantwortung für unsere Zukunft übernehmen und einen Plan, eine Vision für den Tag danach einfordern.“ Klüppel zeigte ich überzeugt: „Jeder Tag, an dem wir unseren moralischen Kompass beibehalten, uns gegen die Schädigung unschuldiger Zivilisten wehren, an die Menschlichkeit jedes Menschen glauben und auf einer Politik der Versöhnung bestehen, ist ein Tag des Lebens und der Hoffnung.“

„Nie wieder ist jetzt!“ – An diesen Aufruf, der als Schriftzug am 9. November 2023 auf das Brandenburger Tor projiziert war, hatte die Präsidentin des ZdK zuvor in ihrem Bericht zur aktuellen Lage erinnert. Die Mitglieder der Vollversammlung hielten nach der Debatte noch einmal Schilder mit diesen Worten in die Höhe. „Der 85. Jahrestag der Reichspogromnacht hat uns in einer Weltlage vorgefunden, die den Schock des Zivilisationsbruchs zu verarbeiten hat. Es ist an uns, dem wachsenden Antisemitismus in unserem Land ein klares ‚Nie wieder‘ entgegenzusetzen“, sagte Stetter-Karp. „Als ZdK stehen wir an der Seite unserer jüdischen Freunde und Freundinnen, im Gesprächskreis ‚Juden und Christen‘ hat der Dialog mit ihnen seit mehr als 50 Jahren einen festen Ort. Der Antisemitismus ist auch ein Angriff auf unsere Demokratie, dem wir uns entgegenstellen müssen.“