Samstag, 23. November 2002

Nachhaltige Landwirtschaft ist Schlüssel zur Armutsbekämpfung

Eine nachhaltig wirtschaftende Landwirtschaft ist der Schlüssel zur Bekämpfung von Hunger und Armut. Dies betonte Christa Nickels, Sprecherin des Sachbereiches "Umwelt und Technik" im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) während der Vollversammlung des obersten katholischen Laiengremiums am Samstag, dem 23. November 2002 in Bonn-Bad Godesberg. Gerade der Landwirtschaft komme bei der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung in den Bereichen Armutsbekämpfung, Tierschutz sowie Boden-, Wasser- und Artenschutz eine zentrale Rolle zu, betonte Nickels.

Die Delegierten des ZdK debattieren am Wochenende über die von einer Arbeitsgruppe entworfenen "Leitthesen", die als Grundlage für die Erarbeitung einer Erklärung zum Thema "Perspektiven für eine nachhaltige Landwirtschaft" dienen sollen. Ziel dieser Erklärung wird es laut Nickels sein, im Anschluss an den Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg (vom 26. August bis zum 4. September 2002) Christinnen und Christen zu ermutigen, selbst zum Beispiel für einen "Johannesburg+10-Prozess" zu werden. Dazu biete gerade die Landwirtschaft große Chancen, da diese als Urproduktion direkt an die natürlichen Bedingungen Klima und Boden gebunden sei, so Nickels.

Für eine zukunftsfähige Entwicklung bedarf es einer Neuausrichtung der nationalen und gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in Europa, heißt es in dem am Samstag debattieren Thesenpapier. Dabei müsse die über Jahrzehnte verfolgte Agrarpolitik der Europäischen Union und der USA mit dem dominierenden Ziel der Ertragssteigerung überwunden werden; denn die entwickelten Länder bringen ihre Überproduktion an Nahrungsmitteln mittels Exportsubventionen auf den Weltmarkt und nehmen den Entwicklungsländern den Anreiz zur eigenen Nahrungsmittelerzeugung. Darum sei eine konsequente Neuausrichtung der Agrarpolitik notwendig, bei der Exportsubventionen abgebaut und eine multifunktionale Landwirtschaft Ziel sein müssten, da diese für die Landwirte zusätzlich zur Nahrungsmittelerzeugung neue Einkommensquellen erschließen könne.

Nickels erinnerte daran, dass die Weltbevölkerung jährlich etwa um die Einwohnerzahl Deutschlands zunehme. Zugleich aber verringere sich die Ackerfläche auf der Welt pro Jahr um fünf bis sieben Millionen Hektar. Dies mache deutlich, dass enorme Kraftanstrengungen notwendig seien, wenn das auf dem Welternährungsgipfel in Rom formulierte Ziel, die Zahl der Hungernden weltweit bis 2015 zu halbieren, erreicht werden soll. Die Möglichkeiten der Gentechnik bewertet Nickels dabei kritisch: Zwar wurde den neuen Technologien, vor allem der Gentechnik, in den letzten Jahren sehr große Bedeutung beigemessen, aber die bisherigen Erfahrungen dämpften die Erwartungen an eine grundlegende Verbesserung der Ertragssituation in den vom Hunger am meisten betroffenen Regionen der Erde. Der Hunger weltweit werde daher, so Nickels, eher durch die Förderung solcher agrarwirtschaftlicher Strukturen reduziert werden können, die mit möglichst wenig Kapital und einem Minimum an externen Betriebsmitteln auskomme.

Unabdingbare Voraussetzung für eine Wende hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft sei jedoch eine angemessene Wertschätzung von Lebensmitteln bei den Verbrauchern, betonte die Sprecherin vor den Mitgliedern des ZdK. Dort wo einzig der niedrige Preis als Kaufanreiz zähle, hätten fair gehandelte und regionale Produkte kaum eine Chance. Der seit Jahrzehnten besonders in Deutschland festzustellende Preiskrieg der marktbeherrschenden Supermärkte habe hierzulande zu den europaweit niedrigsten Grundlebensmittelpreisen geführt, beklagte Nickels. Hier müsse das Bundeskartellamt dringend eingreifen, falls Unternehmen mit überlegener Marktmacht regelmäßig unter Einstandspreis verkaufen.

Von den christlichen Kirchen forderte Nickels, diese sollten alle ihre Ressourcen und ihr Personal nutzen, um selbst zum Reformmotor für einen "Johannesburg+10-Prozess" zu werden. Möglichkeit dazu böten etwa die Nutzflächen in kirchlichem Besitz, die nur solchen landwirtschaftlichen Betrieben zur Verfügung gestellt werden sollten, die gemäß dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung wirtschaften. Auch den Einsatz fair gehandelter Produkte gelte es gerade in kirchlichen Einrichtungen erneut zu fördern.

Nach Rio, so stellte Nickels in Bad Godesberg abschließend fest, seien eine Vielzahl von ermutigenden Initiativen in Pfarrgemeinden und Verbänden ergriffen worden. An diese Erfahrungen wolle das ZdK anknüpfen, sie intensivieren und planvoll voran treiben.