Dienstag, 28. September 2021

Ansprache von Prof. Dr. Thomas Sternberg bei der Übergabe der Preisurkunde anlässlich der Verleihung des Kunst- und Kulturpreises der deutschen Katholiken

Verehrte Senhora Rodrigues,
sehr geehrte Damen und Herren,

kommen jetzt zur der bereits zehnten Verleihung des „Kunst- und Kulturpreises der deutschen Katholiken“: zehn Verleihungen an zehn außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeiten, die je auf ihre Weise entscheidend und nachhaltig zum Dialog von Kultur und Kirche beitragen!

Bevor ich die Preisurkunde mit der Jury-Begründung verlese, gestatten Sie mir bitte eine kleine persönliche Randbemerkung: Während meiner langen Mitgliedschaft im Zentralkomitee der deutschen Katholiken – zunächst als Sprecher für kulturpolitische Grundfragen, später dann als Präsident –, während dieses Vierteljahrhunderts gehörten die Verleihungen des „Kunst- und Kulturpreises der deutschen Katholiken“ zu meinen schönsten Verpflichtungen! Bei der Hälfte davon habe ich als Juror die Preisträger-Auswahl mitbestimmen dürfen.

Heute nun habe ich zum zweiten Mal die große Freude, diese höchste Auszeichnung, die die Kirche im Kulturbereich zu vergeben hat, gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz überreichen zu dürfen. Viele von Ihnen wissen, dass ich mich im November nicht für die Wiederwahl als Präsident zu Verfügung stellen werde. So ist das für mich heute Abend schon eine der letzten großen – und schönen – Aufgaben in meinem Amt.

Meine Damen und Herren, in der Bibel wird beim Propheten Jesaja erzählt, wie die Bewohner der Stadt zu nächtlicher Stunde ihren Nachtwächter fragen: „Wächter, wie lang noch ist die Nacht?“ Und der Wächter antwortet so merkwürdig: „Der Morgen ist gekommen und doch ist es Nacht.“ (Jes 21,11–12) Die Figur dieses Wächters kann man als Allegorie für die Künstlerinnen und Künstler deuten: Wach-Sein, während die anderen noch schlafen; die Zeichen der Zeit erkennen, während die anderen die Augen geschlossen halten; während andere sich dem Dunkel längst ergeben haben. In diesem Sinne sind die zwölf bislang Ausgezeichneten als hervorragende Persönlichkeiten ihrer Kunstsparten tätig. Ein Wirken, in dem die Nacht nicht negiert wird, das aber dennoch nach dem Anbruch des Tags Ausschau hält.

Lia Rodrigues ist die erste Tanzchoreografin in der Spartenfolge unseres Kulturpreises. Es wurde – Bischof Bätzing hat es schon angedeutet – allerhöchste Zeit, dass die Kirche damit erstmals die großartige Kunst des Tanztheaters würdigt. Es handelt sich um eine Kunstform, die längst die Gattungsgrenzen des klassischen Balletts überwunden hat und als eine der „performing arts“ zwischen den Ausdruckformen eines „postdramatischen Theaters“ changiert. Die Tänzerinnen und Tänzer sind besonders von der gegenwärtigen Corona-Pandemie betroffen. Und das, wo der Tanz, der den vollen Einsatz aller Kräfte erfordert, ein prekärer künstlerischer Beruf ist: Er ist kaum sozial abgesichert, nur wenige Jahre der Ausübung sind möglich. Wir wollen als Kirche auch Lobby für diese Kunst sein.

Es wurde aber nicht nur allerhöchste Zeit, das Tanztheater zu würdigen. Es wurde auch höchste Zeit, dass das Wirken von Frauen im Schnittfeld von Kirche und Kunst endlich einen angemessenen Stellenwert erhält. Es hat sich so ergeben, dass heute erst zum zweiten Mal eine erstklassige Künstlerin mit unserem Preis gewürdigt wird.

Der Tanz in seinen vielen Ausdrucksweisen hat viel mit Liturgie zu tun, wie wir sie in unseren Kirchen in unterschiedlicher Komplexität vollziehen. Es geht um die Bewegung, um Personen-Arrangements im Raum, um Ortswechsel, Schreiten, Knien, Stehen, gar am Boden liegen, darum, das Knie zu beugen, die Hände zu falten oder zu erheben. Manchmal täte es unseren liturgisch Beteiligten gut, sich die Bedeutung der Gestaltung solcher Performances deutlicher zu machen.

Natürlich geht es beim Tanztheater um eine extrem viel komplexere Kunst des Einsatzes der Körper und ihrer Bewegungen als Ausdrucksmittel. Wo sage ich das! – Hier in Solingen, wo Pina Bausch aufwuchs. Gleich nebenan, in Wuppertal, sorgte sie mit dem Tanztheater Pina Bausch für eine der der bedeutendsten Innovationen ihrer Zeit. In Wuppertal hat sie mehr als dreieinhalb Jahrzehnte ihr weltbewegendes Werk geschaffen.

1998 sagte sie auf die Frage, ob sich im Tanz das Leben verdichte: „Ich glaube, wir sind uns in unseren Körpern am nächsten, und jeder Mensch drückt sich dauernd aus, einfach indem er ist.“ (Interviewband 2016, S. 214) – Dieser alltäglichen Körpererfahrung wollte Pina Bausch und will Lia Rodrigues Ausdruck geben.

Mit Lia Rodrigues zeichnen wir heute nicht nur eine der mutigsten, energetischsten und begabtesten Frauen des zeitgenössischen Tanztheaters aus, sondern auch eine besonders sensible und sozial kompetente Persönlichkeit. Mich hat eingangs bei dem kurzen Trailer sehr beeindruckt, wie Frau Rodrigues sagte, sie sei mit ihrem Tanztheater-Programm nicht als Lehrende, sondern als Lernende in die Favela Maré gegangen. Vor diesem Hintergrund ist es absolut authentisch und berechtigt, dass Rodrigues – wie es auch unser Papst aus Argentinien immer wieder fordert – für die katholische Kirche die Vision hat, sie solle eine hörende Kirche sein, die nicht zuletzt auf die Stimme der Armen hört. Dieses genaue, aufmerksame und offene Hören und Sehen kann uns – Bischöfen wie Laien – eine Inspiration für die Synodalversammlung am Ende dieser Woche werden.

Ich möchte aus dem Schaffen von Lia Rodrigues und ihrer Kompagnie noch eine weitere Impression hervorheben: Es sind die Sequenzen schutzloser und zugleich selbstbewusster, völlig natürlicher Nacktheit in der Choreografie „For the Sky not to fall“, die wir auch ausschnittsweise im zweiten Trailer gesehen haben. Das hat nichts mit einer selbstreferenziellen Provokation zu tun, sondern es zeigt, dass die Tänzerinnen und Tänzer aus der Favela Maré tatsächlich alles, einschließlich ihrer ganzen Leiblichkeit einsetzen, um Menschen zum Nachdenken über sich selbst zu bewegen, um sich selbst und die Welt zu verändern.

Meine Damen und Herren, es ist große, gültige, bedeutende Kunst, die Frau Rodrigues mit ihrer Kompagnie macht – Kunst, die ihre „Systemrelevanz“ nicht erst beweisen muss, sondern die in sich selbst wertvoll und wichtig ist! Insofern hoffe ich, dass über das Wirken der „Companhia de Danças“ und deren heutige Auszeichnung die Wahrnehmung dieser so bedeutenden Sparte der Kunst noch intensiver wird.

Wir wollen als katholische Kirche in Deutschland neugierig und offen auf diese besondere Preisverleihung 2021 hierher nach Solingen blicken: Integre, integrierte Leiblichkeit, ein freier, bejahender, kreativer Umgang mit dem eigenen Körper und dessen Ausdrucksmöglichkeiten ist eine, wenn nicht gar die wesentliche Voraussetzung für eine offene Wahrnehmung alles Körperlichen!

Liebe, verehrte Lia Rodrigues, es ist mir eine Ehre, Ihnen jetzt die offizielle Würdigung der Jury vortragen zu dürfen!