Freitag, 17. Mai 2019

Dokumentation zum Hearing im Sachbereich 5 des ZdK Segensfeiern

Handout zum Statement: Pastorale Arbeit I

Ausgangslage

1. Plausibilitätsverlust kirchlicher Sexualmoral
In ihrer Eindimensionalität (Sexualität ist nur legitim, wenn sie innerhalb einer sakramental gültigen Ehe gelebt wird und in jedem einzelnen Akt für Fortpflanzung offen ist) widerspricht sie zum einen den Erkenntnissen der Humanwissenschaften über die verschiedenen Sinndimensionen menschlicher Sexualität und zum anderen der Lebenserfahrung - auch der „ganz normalen“ Gläubigen.

2. Stichwort „Normalität

Auch und gerade aus der Perspektive katholischer Ehe- und Familienpastoral: Wenn man den Begriff der Normalität auch in katholischen Familien oder Beziehungen noch verwenden will, dann nur im Rückgriff auf das Soziologenpaar U. Beck/E. Beck-Gernsheim: Es ist das „ganz normale Chaos der Liebe“, das die Wirklichkeit auch katholischer Menschen, die in Beziehungen leben, bestimmt.1

Einsichten


Es sind nicht allein humanwissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch und gerade die Lebenserfahrungen, die zeigen: Sexualität ist als ein Grundbedürfnis des Menschen zu verstehen – aber nicht analog zu Hunger oder Durst, sondern zu Sprache und Kommunikation.2 Sexualität ist eine Ausdrucksweise des Menschen und in ihrem besten Fall eine Ausdruckweise der Liebe. Menschen erleben sie nicht (nur) als Trieb, sondern als Gestaltungsmittel. Sie erfahren sie mehrdimensional. Sie dient auch im Leben gläubiger Menschen nicht allein der Fortpflanzung, sondern auch der Lustgewinnung, der Beziehungspflege und der Identitätsfindung oder -vergewisserung.3
1 Ulrich Beck/Elisabeth Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt 1990.
2 Vgl. u.a. Vortrag von Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff auf dem Studientag „Die Frage nach der Zäsur. Studientag zu übergreifenden Fragen, die sich gegenwärtig stellen“ zur Frühjahrs-Vollversammlung der DBK am 13.03.19 in Lingen/Ems.
3 Vgl. u.a. jüngst das vorbereitende Papier zur Fachkonsultation: Andreas Lob-Hüdepohl, „Sexualität des Menschen: Wie wissenschaftlich-theologisch erörtern und kirchlich beurteilen?“, geplant für den 04.12.19 in Berlin. Dieses Papier geht allerdings nur von drei Grunddimensionen menschlicher Sexualität aus: Lusterfahrung, Fortpflanzung und zwischenmenschliche Beziehung.

Aufgabe der christlichen Kirchen – konkret einer Beziehungspastoral - ist es, diese Erfahrungen nicht länger zu ignorieren oder lediglich zu reglementieren, sondern zu deuten und damit gestalten zu helfen. Es geht um Orientierung, um Beziehungen gelingend und verantwortet leben zu können.

Dafür sind die Gläubigen selbst die entscheidende Ressource.

1. Erfahrungswissen
Die Gläubigen kennen Sexualität und Intimität - als einen der beglückendsten, ekstatischsten und zugleich verletzlichsten Bereiche menschlichen Lebens.
2. Expert*innenwissen
Sie wissen, wovon sie reden, wenn es um die Gestaltung von sexuellen Beziehungen geht.
Sie können etwas sagen zur Verwirklichung von Werten wie Treue, Ausschließlichkeit, Dauer und nicht zuletzt von Fruchtbarkeit.
3. Glaubenswissen
Gläubige, die sexuelle Beziehungen gestalten, verfügen auch über ein spezifisches Glaubenswissen. Sie sind es, die ihre beglückenden, ekstatischen - oder wie wir derzeit erkennen und diskutieren – auch ihre schmerzhaften und traumatischen Erfahrungen mit ihrem Glauben verknüpfen (müssen) – oder auch nicht. Sie leisten Deutung dieser Erfahrungen im Licht ihres Glaubens.

Von Seiten der katholischen Kirche kommt bislang für diese Lebensaufgabe wenig Hilfestellung. Dazu einer der berührendsten Abschnitte aus dem Familienpapier Amoris laetitia (Abschnitt 37) von Papst Franziskus – berührend in seiner Selbstkritik und im Eingeständnis eines tiefsitzenden kirchlichen Argwohns der Liebe gegenüber und zugleich berührend im Vertrauen, das den Gläubigen zugesprochen wird:


„Lange Zeit glaubten wir, dass wir allein mit dem Beharren auf doktrinellen, bioethischen und moralischen Fragen […] die Familien bereits ausreichend unterstützten, die Bindung der Eheleute festigten und ihr miteinander geteiltes Leben mit Sinn erfüllten. Wir haben Schwierigkeiten, die Ehe vorrangig als einen dynamischen Weg der Entwicklung und Verwirklichung darzustellen und nicht so sehr als eine Last, die das ganze Leben lang zu tragen ist. Wir tun uns ebenfalls schwer, dem Gewissen der Gläubigen Raum zu geben, die oftmals inmitten ihrer Begrenzungen, so gut es ihnen möglich ist, dem Evangelium entsprechen und ihr persönliches Unterscheidungsvermögen angesichts von Situationen entwickeln, in denen alle Schemata auseinanderbrechen. Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen.“4


In Ehe- und Familienpastoral ist eine Sehnsucht danach und/oder ein ungläubiges Staunen darüber zu entdecken, wenn diese Mehrdimensionalität von Sexualität anerkannt wird – nicht nur in ihrer humanwissenschaftlichen Perspektive, nicht nur in ihrer Erfahrungsdimension sondern auch in ihrer Gottgewolltheit. Die Einsicht, dass humane
4 Papst Franziskus, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris laetitia, 19.03.2016, Abschnitt 37.
Sexualität vom Schöpfergott in ihrer Mehrdimensionalität gewollt ist, wirkt befreiend und zugleich orientierend in der Frage, wie gelingendes (christliches) Leben in Partnerschaft und Familie aussehen kann.


Pastorale Perspektiven


Aufgabe einer Ehe- und Familienpastoral ist es, sich als Beziehungspastoral zu verstehen und Deutungsangebote und Orientierungshilfen zur Verfügung stellen, um Menschen zu unterstützen, Beziehungen, die ihnen kostbar sind, gelingend und beglückend zu gestalten.

Was finden Menschen, die Orientierung suchen, derzeit vor?
Auf Seiten der Kirche - katholische Sexualmoral
Bestimmt wird, was ein gelungener bzw. legitimer Geschlechtsakt ist. Das Kriterium ist nicht das „Maß der gelebten Liebe“ (B. Fraling), sondern die unbedingte Verknüpfung von Sexualität und Fruchtbarkeit. Wenn bzw. wo es auch um die Liebe geht, ist im Rückgriff auf AL 37 zu ergänzen, dass die katholische Kirche ebenfalls Schwierigkeiten hat, die Ehe (die auch sexuell zum Ausdruck gebrachte Liebe) als einen Weg des christlichen Glaubens darzustellen. Wo sie das derzeit versucht bzw. versucht hat (Johannes Paul II., „Theologie des Leibes“), führt sie in die Sackgasse der Überhöhung.


Auf Seiten der Gesellschaft - Verhandlungsmoral
Erlaubt ist heute, was gefällt oder differenzierter gesagt: Erlaubt ist, was ausgehandelt wird.5 Wozu zwei (oder auch drei, vier) vermeintlich frei einwilligen, das ist moralisch legitim. Es gibt Minimalbedingungen (keine Gewalt etc.) aber ansonsten herrscht diese Konsens- oder Verhandlungsmoral vor, die gerade keine inhaltliche Orientierung vorsieht, sondern von Aushandlungsprozessen ausgeht.
Die entstehende inhaltliche Leerstelle besetzen machtvoll kommerzielle Kräfte, deren Bilder oder Postulate als Quelle für Gestaltung von Sexualität dienen. Und auch wenn eine Konsensmoral grundsätzlich sensibel ist für das Gerechtigkeitskriterium, ist sie anfällig für „vermeintlich“ freie Entscheidungen und deshalb immer gefährdet, auf Kosten von Schwächeren, Jüngeren und Bedürftigeren zu gehen.


„Pastoral der Lebensformen
Der Pastoraltheologen Rainer Bucher hat einen Vorschlag für eine „Pastoral der Lebensformen“ noch vor dem Erscheinen von Amoris laetitia, ja noch vor dem Pontifikat von Papst Franziskus formuliert:
„Pastoral der Lebensformen, das hieße für kirchliches Handeln, Menschen zu helfen, die Liebe an einem ihrer schönsten und ekstatischsten, gefährdetsten und unvermeintlichen Orte zu leben.
5 Vgl. u.a. Gunter Schmidt, Das neue Der Die Das, Über die Modernisierung des Sexuellen, Gießen 22005. Vgl. Elmar Kos, Sexualität, Begehren, Geschlechterrollen. Psychosoziale Erkenntnisprozesse, in: Konrad Hilpert/Sigrid Müller (Hg.), Humanae vitae – die anstößige Enzyklika. Eine kritische Würdigung, Freiburg i. Br. 2018, 166-183.
Es hieße, ihnen zu helfen, die eigene Lieblosigkeit und jene des Partners auszuhalten, es hieße ihnen zu helfen, verzeihen zu können und Verzeihung annehmen zu können, es hieße, ihnen zu helfen, sich der eigenen Schuld zu stellen, dem anderen nie das geben zu können, was er verdient und was man sich von ihm paradoxerweise erhofft. Es hieße endlich aufzuhören mit den unrealistischen Diskursen über Ehe und Familie, unrealistisch in idealistischer Überhöhung wie rechtlicher Normierung. Und es hieße, wofür man steht, Treue, Kreativität und den Glauben an die Unverbrüchlichkeit von Gottes Liebe in heutigen Zeiten und ihren Lebensformen zu entdecken.“6


Konkrete Unterstützung


Eine veränderte Sicht der katholischen Kirche auf Sexualität muss für die „ganz normalen Gläubigen“ spürbar werden. Dazu braucht es konkrete Maßnahmen. Es wird eine pastorale Zukunftsaufgabe sein, diesbezüglich Ideen zu entwickeln. Einige wenige seien kurz genannt:


Abschied von der Rhetorik der Normalfamilie
z.B. Wörter wie „LGBT Community“ oder „Transidentität“ üben

Sprachfähigkeit gewinnen
z.B. Fortbildungen in Sexualpädagogik, sexueller Bildung, Fachtagungen

Erfahrungen einholen und Glaubenszeugnisse entdecken
z.B. gezielte Ansprache von Menschen in verschiedenen Lebensformen mit der Bitte um Unterstützung der Kirche: Was kann/muss sie von euch lernen?

Spirituelle Ressourcen in allen Lebensformen entdecken und nutzen
z.B. die unermüdliche Geduld, mit der Paare um einen Segen bitten,
die Treue, die sie sich nicht absprechen lassen und/oder die Kraft ihrer Gewissenerforschungen und –entscheidungen würdigen

Themen- und Resonanzräume schaffen: „Let’s talk about“
z.B. in Filmvorführungen, Buchvorstellungen, Aktionen im Social Media Bereich

Schuld eingestehen - Versöhnung anbieten: „Healing of Memories“
z.B. Rituale finden und Gottesdienste feiern

Der Liebe Respekt entgegenbringen und ihr vertrauen lernen
z.B. der Bitte nach Partnerschaftssegnungen nachkommen
6 Rainer Bucher, Kirche, Macht und Körper, in: “Guter“ Sex: Moral, Moderne und die katholische Kirche, hrsg. v. Regina Ammicht Quinn, Paderborn 2013, 123-137,137.

Dr. Martina Kreidler-Kos, Bistum Osnabrück, Fachbereichsleitung Übergemeindliche Pastoral Ehe- und Familienpastoral