Donnerstag, 9. Januar 2020

Evangelische und Katholische Kirche - Zwei Stimmen unter vielen? Impulsvortrag von Pater Klaus Mertes SJ beim Symposium "Anstrengende Vielfalt. Kirche in der pluralen Gesellschaft" am 30. September 2019

1. Verzweiflung

Die Frage, die mir im Titel gestellt wird, zielt auf den Relevanzverlust kirchlicher Stimmen in der säkular-pluralen Kultur. Der Relevanzverlust ist unbestreitbar. Meine größere Sorge ist allerdings nicht der Relevanzverlust an sich, sondern die Verzweiflung der Kirche über ihren Relevanzverlust.

Die Verzweiflung enthält zwei geistliche Fallen: Entweder die Verzweiflung an sich selbst wegen des Relevanzverlust – diese führt dazu, sich auch selbst tatsächlich bloß für eine immer schwächer werdende Stimme unter vielen zu halten. Soziologisch mag das stimmen, vor dem Hintergrund der monotheistischen Gottesrede aber nicht. Oder das verzweifelte Bemühen um Relevanz, das kontraproduktiv Relevanzverlust beschleunigt, zum Beispiel in Form von Selbstlob – ich meine, etwas von diesem Ton verzweifelten Bemühens wieder einmal vergangene Woche in Fulda vernommen zu haben, im Kontext bischöflicher Kommentierung des neu vorgestellten Entschädigungskonzeptes. Es waren auch ähnliche Töne vo9n Bischöfen während der Monate der Flüchtlingskrise zu hören, wegen des hervorragenden Engagements vieler Katholiken bei der Aufnahme von Flüchtlingen.

„Verzweiflung“ ist bekanntlich der zentrale Terminus in Kierkegaards „Krankheit zum Tode“. Beides, Verzweiflung an sich selbst auf Grund von Relevanzverlust und verzweifeltes Bemühen um Rückeroberung von Relevanz sind Krankheitsbeschleuniger. Am Ende droht die Implosion.

2. Narzisstische Drehung

Wie gesagt: Der Relevanzverlust in unbestreitbar. Die kirchliche Stimme wird immer mehr als nur eine Stimme unter vielen wahrgenommen. Das stimmt. Es gelingt der Kirche immer weniger, Themen für die gesamte Gesellschaft zu setzen. Sie erlebt vielmehr das Scheitern solcher Versuche umso schmerzlicher, je strategischer und planvoller, ja „professioneller“ sie versucht, mit eigenen Themen gesamtgesellschaftliche Öffentlichkeit zu besetzen. Jüngstes Beispiel dafür waren der Familienkongress in Irland und die Veröffentlichung der MHG-Studie in Deutschland, beides im Herbst letzten Jahres. Weder gelang es, das Thema Familie zu setzen – stattdessen setzte die Kirche dem Papst andere Themen; noch gelang es, die eigene PR-Strategie zur Präsentation der MHG-Studie zum Erfolg zu führen – die Studie wurde vorher an die Presse durchgestochen.

Noch gibt es allerdings auch gelungene Beispiele für Themensetzung: Kein Text hat so sehr eine globale Öffentlichkeit erreicht wie das Schreiben Laudato Si von Papst Franziskus. Aber vielleicht hat es ja gerade deswegen so viel Öffentlichkeit erreicht, weil das Schreiben sich nicht in der Verzweiflungsspirale um sich selbst dreht, sondern aus einer allgemein relevanten Verantwortung heraus spricht, die eben nicht nur eine Sorgen und Verantwortung von viele vielen ist – sondern eine herausragende Sorge, und die nicht nur eine Sorge und Verantwortung von Christgläubigen ist – sondern von der ganzen Menschheit.

Vergleichbares kann man wohl auch von den großen Fragen nach dem Anfang und dem Ende des Lebens sagen, die durch die Möglichkeiten der Biotechnologie und die Digitalisierung auf die Menschheit zukommen. Sie haben auch einen Gerechtigkeits-Aspekt, wie ihn Papst Franziskus für die ökologische Frage sehr klar herausarbeitet. Da liegen Relevanz-
Perspektiven – aber man wird sie nicht erfolgreich angehen, wenn man sie nur deswegen angeht, um eigene Relevanz zurückzuerobern. Man könnte es auch so formulieren: Der Relevanzverlust ist eine (wehtuendes) Zeichen des Geistes an die Kirche, komplett aus der narzisstischen Drehung auszusteigen, die alles zum Zwecke der eigenen Relevanzsteigerung instrumentalisiert. Im Sinne der Unterscheidung der Geister (Ignatius von Loyola) wäre hier also die erste Unterscheidungsregel aus der Ersten Woche angemessen für die geistliche Deutung des Relevanzverlust-Schmerzes. (Die erste Regel der Ersten Woche (EB 314) bezieht sich auf diejenigen Personen, die auf dem Weg „vom Schlechten zum Schlechteren“ (EB 335) unterwegs sind. Diesen gegenüber zeigt sich der gute Geist durch unangenehme, störende Interventionen, „durch die Stimme der Vernunft mit Gewissensbissen“ (EB 314), während der „böse Feind“ dieselbe Person bestätigt und anfeuert, weiter in die eingeschlagene Richtung zu gehen.)

3. Religionslosigkeit

Die Religionssoziologie geht heute davon aus, dass die alte Säkularisierungsthese vom Rückzug der Religion so nicht stimmt. Sie „sah ausschließlich Rückgang und hat dabei die religiösen Erneuerungen inmitten den modernen Zusammenlebens in hohem Maße unterschätzt.“ (Staf Hellemans, die große Transformation der Religion, Tilburg 2019)

Ich saß kürzlich an einem Werktag in Duisburg in einer leeren Kirche. Ein Mann mit seinem Sohn kam herein. Der Sohn fragte: „Pappi, wer ist der Mann am Kreuz da?“ Der Vater antwortete: „Das weiß ich auch nicht, mein Sohn.“ Die Szene wirft ein Schlaglicht auf den Zustand der „Religionslosigkeit“, die ich für den angemesseneren Ausdruck halte als „Atheismus“. Atheisten kennen den Theismus und lehnen ab, Religionslose leben in der dritten oder vierten Generation ohne Verbindung zu den Religionen, jedenfalls zu den klassischen.

Der große Irrtum ist zu meinen, die Vermittlung von religiösem Wissen sei die Lösung für dieses Problem – das aus der Perspektive der Betroffenen ja gar kein Problem ist. Vielmehr weißt alles darauf hin, dass im immer größer werdenden Feld der Religionslosigkeit eine neue, religionslose Religiosität wächst. Charles Taylor hat das eindrucksvoll beschrieben. Nicht die Suche der Menschen nach Sinn und Orientierung hat aufgehört. Sie landet nur nicht bei den transzendenzoffenen klassischen Religionen. Es handelt sich hier um eine tektonische Verschiebung. In dieser Situation sind „Glaubensweitergabe“ oder „Evangelisierung“ auch bei hoher Qualität und gut ausgebildetem Fachpersonal wenig erfolgreich. Vermutlich hat es ja vielleicht keine Zeit gegeben, in der es so viel gut qualifiziertes Personal für die Glaubensverkündigung gab. (Über die schlechte Qualität, die es auch gibt, will ich hier nicht weiter lamentieren; sie verschärft zwar das Problem; dennoch wäre es nicht gelöst, wenn es nur gute Qualität in der Glaubensverkündigung gäbe. Das Problem sitzt tiefer.)

Mir scheinen in dieser Situation zwei Dinge wichtig zu sein: Zum einen der Vorrang des Hörens vor dem Reden. Gemeint ist eine bestimmte Form des Hörens. Nicht: Hören, um die Einflugschneise zu finden für das, was ich schon immer sagen wollte; auch nicht Hören in der Haltung des inneren Kapitulation, sondern vielmehr: Hören, um zu antworten – und zwar auf das Gehörte, und so ins Gespräch zu kommen. Und such: Nicht zu antworten, wenn ich die Antwort noch nicht habe. Ein Thomas von Aquin würde sich heute wohl mit analytischer Philosophie befassen. Er würde sich in der mind-and-brain-Debatte kundig machen. Er würde Yuval Hararis transhumanistische Prognosen lesen und die neuen Fragen nach dem Ziel der Evolution aufgreifen, und ebenso die Fragen nach Anfang und Ende des Lebens im Zeitalter von Biotechnologie und Cyborg, nach der Programmierbarkeit von Ethik, und so weiter. Das
sind übrigens die Fragen, die ich gerne mit Jugendlichen bespreche und für die sich interessieren. Am Ende ist es immer wieder die alte Frage: Was ist der Mensch? Und wie hängt die Frage nach dem Menschen mit der Frage nach Gott zusammen – wenn sie damit zusammenhängt.

Zum anderen: Wo das Evangelium so radikal in die Krise der Nicht-Notwendigkeit geraten ist, fundamentaler als in der atheistischen Bestreitungen der letzten beiden Jahrhunderte, kann es gerade wieder das Differenzangebot sein, dass den Glauben attraktiver macht. Ich treffe immer wieder Menschen – und mit geht es auch selbst in der Selbstvergewisserung so - deren Hinwendung zum Glauben mit einem Prozess zu tun hat, den Charles Taylor am Ende seines Monumentalwerkes mit dem Wort „Bekehrung“ beschreibt, und zwar Bekehrung auf Grund einer Erfahrung. Auch hier sind die Geister zu unterscheiden. Ich nenne nur zwei Kriterien dafür: 1. Differenz darf nicht Teil einer PR-Strategie sein, sondern sie wirkt nur, wenn sie im gelebten Leben der Christenheit im Sinne des Sauerteigmodells real existiert. 2. Erfahrungen, die mit der Frage nach Gott verbunden werden und zu Bekehrungen führen, müssen die Transzendenz des Erfahrenen hüten. Niemand „hat“ Gott.

4. Missbrauch

Warum steckt in der Frage des Missbrauchs so viel Dynamit? Weil alle Fragen tangiert sind, die das Selbstverständnis des Christentum in seiner Substanz betreffen, und weil dies wiederum Fragen sind, die auch die säkulare Öffentlichkeit umtreiben – weswegen sie ja zurzeit so gebannt zusieht, was sich in der Kirche zu dem Thema tut. Für den anstehenden synodalen Weg wurden Schlüsselthemen ausgemacht: Geschlechtergerechtigkeit, Sexualmoral, Umgang mit Macht. Sie haben auch allgemeine Relevanz. Aktuell möchte ich zwei weitere Themen nennen:

Versöhnung: Das von der Arbeitsgruppe im Auftrag der DBK vorgelegte Entschädigungskonzept, welches in Fulda als Grundlage für weitere Verhandlungen akzeptiert wurde, begeht m. E. mehrere Irrwege. Die Abgründigkeit dieser Irrwege zeigt zugleich, wie abgründig tief das Problem ist, um das es geht: Die Beziehung zwischen Opfer und Täter, und zwar sowohl auf der individuellen als auch auf der institutionell-allgemeinen Ebene. Das ist nicht nur ein Kirchenthema, sondern ein Menschheitsthema. Genau hier hat aber das Evangelium eine anspruchsvolle Lösung einschließlich einer „Rettung“ anzubieten. Diese enthält alle Ingredienzen von Sühne und Freikauf bis hin zu Umkehr und Frieden, die man auch in falscher Ordnung zusammenfügen kann. Im Spiegel von Irrwegen bei der Aufarbeitung von Missbrauch lässt sich also das Evangelium von der Versöhnung neu entdecken.

Nähe: Viel Gutes ist in den letzten Jahren für Kinderschutz und Prävention erreicht worden. Doch es erreichen mich auch immer mehr Hinweise darauf, dass sich in den seelsorglichen Beziehungen eine methodische Verdächtigung von Nähe einschleicht, die diese Beziehungen zu vergiften droht. Im Spiegel einer angstgesteuerten Kultur der Distanz (deren Ziel weniger der Schutz von Kindern ist, dafür umso mehr der Selbstschutz von Seelsorgern vor möglichen Vorwürfen) kommt ein weiteres Schlüsselthema christlicher Theologie zum Tragen: Gott will der Menschheit nahe sein, so nahe wie möglich, berührbar. Deswegen Menschwerdung. Von der Inkarnation her gedacht geht es im Kirche-Welt-Verhältnis also gerade um Nähe – man könnte auch sagen: Um Distanz, die eine Nähe ermöglicht, die es ohne diese Distanz gar nicht gibt. Daraus ergeben sich wiederum inspirierende Perspektiven auch für die Frage nach der Präsenz von Kirche in der säkularen Gesellschaft.

Pater Klaus Mertes SJ