Donnerstag, 9. Januar 2020

Historische Perspektiven Impulsvortrag von Prof. Dr. Thomas Großbölting beim Symposium „Anstrengende Vielfalt. Kirche in der pluralen Gesellschaft – historische Perspektiven“

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch von meiner Seite begrüße ich Sie herzlich!

Ich bedanke mich für die freundliche Einführung bei Ihnen, Frau Jarrasch,

Herrn Wissing für die Einladung hier zu sprechen

Herrn Winkler, dem Organisator, für die Geduld und Ausdauer im Vorfeld!

„Anstrengende Vielfalt. Kirche in der pluralen Gesellschaft“ – so haben Sie den heutigen und
den morgigen Tag überschrieben, und sich damit zweifelsohne einen der ebenso
drängendsten wie spannendsten Prozesse aktuell wie auch der kommenden Jahre
vorgenommen. Wenn Sie einen Blick in den Mailverkehr werfen, den wir vor unserem
Treffen hatten, dann sehen Sie rasch, wie vielfältig und aufgeladen das Thema ist:

Die Tagungsregie hat nicht weniger vorgesehen als einen historisch-analytischen Zugang, der
nicht nur klärt, wie sich der Verlust der gesellschaftlichen Dominanz der Kirchen vollzog,
dabei Bruchstellen, Kontinuitäten, aber auch Integrationsdefizite und Integrationsleistungen
benennt, nebenbei analysiert, für wen die Kirchen heute sprechen können und dann
abschließend klärt, ob Deutschland noch ein – in Anführungszeichen „christliches Land“ sei.
Und all das, meine Damen und Herren, nicht nur in Abstimmung zu Pater Mertes, der stärker
in Gegenwart und Zukunft schauen wird, sondern vor allem

in 20 Minuten! Chapeaux!

Ich will dieser Frage nicht ausweichen, gebe Ihnen aber zunächst nur eine ganz geraffte
Antwort:

Der Megatrend im religiösen Feld Deutschland ist der der Säkularisierung: Für immer weniger Menschen ist das Leben mit einer Transzendenz attraktiv. Das ist erstaunlich und läuft doppelt gegen den Trend:

- Weltweit trifft dieses nicht zu, Religion ist im Boom, und das sowohl in der
islamischen wie auch in der christlichen Welt.
- Das ist mit Blick auf die deutsche Situation auch deshalb erstaunlich, weil es
angesichts der Abnahme von Religion in den bisherigen Formen nur wenig oder nur
bescheidene Ansätze von Pluralisierung gibt. Kurz gesagt: Die großen Anbieter –
Katholiken und Protestanten – schwächeln, daneben kommt aber wenig Neues. Das
heißt: Die spezifische Konstellation in Deutschland führt dazu, dass insgesamt die
Attraktivität religiöser Lebensentwürfe als geringer eingestuft wird.
- In den kirchlichen Großgemeinschaften haben wir den Megatrend der
Entkirchlichung, speziell seit Ende der 1960er Jahre. Die beiden Großkirchen stehen
dieser Entwicklung hilflos gegenüber und wirken phlegmatisch. Der
Veränderungsdruck wird erst dann größer und unausweislich, wenn die
Kirchensteuereinnahmen wegbrechen. Zum Glück gehört die Abgrenzung gegenüber
dem religiös Anderen wie zum Beispiel gegenüber den Muslimen nicht zu dieser
Strategie.
- Das bundesdeutsche System als Ganzes ist schlecht dafür ausgestattet, stärkere
religiöse Pluralität zu integrieren. Zu stark ist nicht unbedingt die gesetzliche, wohl
aber die politisch-praktische Bindung an die beiden Großkirchen. Was „richtige
Religion“ ist, ist im common sense stark vom Christentum geprägt – und dies zieht
zugleich eine gläserne Decke ein, die den Islam und seine Gemeinschaften anders
behandelt. Der Staat steht diesem Problem recht hilflos gegenüber, aktive
Religionspolitik gibt es kaum.

All diese Punkte ließen sich weiter ausbuchstabieren. Damit wäre aber die Frage nach dem
angemessenen Umgang mit Pluralität nicht wirklich aus einer historischen Perspektive
beantwortet.
Um die Größe der Fragen angemessen in den Blick zu nehmen,
Ihnen auf diese Weise etwas Neues, Anregendes, einen Impuls eben zu präsentieren,
gestatten Sie mir einen geschichtswissenschaftlichen Taschenspielertrick:

Wir gehen zunächst ganz weit zurück – 200 bis 250 Jahre
Und wir abstrahieren stark: Um den Preis, dass wir viele Details aus dem Blick verlieren,
gewinnen wir auf diese Weise dennoch einen Blick fürs große Ganze:

Ich möchte Ihnen vorführen, wie sich seit circa Ende des 18. Jahrhunderts: die Form der
Vergesellschaftung von Religion
- also die ganz spezielle Organisationsform Kirche, ausgebildet hat,
in der und um die wir heute ringen und streiten

Die alte, die vormoderne Kirche – ich fasse das ganz grob zusammen – spielte sich
wesentlich in der Interaktion der Pfarrgemeinde ab und damit in der Gesellschaft der
Anwesenden.
Hier gingen die soziale Differenzierung, die weltliche und die ökonomische Machtverteilung
Hand in Hand, mit der religiösen Form. Nur wer katholisch war, gehörte im Dorf dazu. Und
wer im Dorf dazugehörte, war katholisch. Mess- und Abendmahlfeiern, Kirchenzucht,
Kirchenstuhlwesen, Prozessionen und Bruderschaften und vieles mehr standen für diese
Verbindung von sozialer Inklusion, sozialer Stratifikation und pfarrgemeindlich gestalteter
Frömmigkeit. Individualität war nicht wichtig: Nicht die Bekehrung, sondern das
Hineingeborenwerden in eine Religionsgemeinschaft war der normale Modus der Existenz.
Das entsprach der Praxis und dem Denken einer geburtsständischen Ordnung.
Cuius regio, eius religio – die Konsensformel des Westfälischen Friedens fasste diesen
Zustand noch einmal in politische Dimensionen.

Ab dem 19. Jahrhundert wird das anders. Gesellschaft entsteht anders, konstituiert sich
anders:
Die Orte, die Medien und die Modi ändern sich frappant im Vergleich zum Ancien Regime:

1. Die Raumstruktur der Gesellschaft verschob sich, weil sich die Gesellschaft immer
weniger lokal vernetzte, sondern immer mehr überregional wie auch in politischen
und ökonomischen Handlungszusammenhängen vollzog. Die Nation wird in vielen
Dimensionen gleichbedeutend mit Gesellschaft.

2. Nicht mehr die Kommunikation unter Anwesenden dominierte, sondern die
Massenmediale Kommunikation gewann zunehmend an Bedeutung. Post, Reisen,
Zeitung – um nur wenige Stichworte für diese Medienrevolution zu benennen.

3. Dann die Modi: Integrationsprozesse verschoben sich von verherrschafteten und
korporativ geordneten sozialen Einheiten – da bin ich reingeboren! - zu solchen, die
sich organisationsförmig gestalteten: Ich bin prinzipiell freiwillig dabei und, wenn ich
mich der Organisation anschließe, habe ich bestimmte Regeln zu befolgen und
Überzeugungen zu teilen.

Für das Christentum und seine Zuordnung zur Gesellschaft änderte sich damit vieles, wenn
nicht gar alles: Mit dem Reichsdeputationshauptschluss fiel nicht nur die bisherige Finanzund
Machtgrundlage weg, sondern der Katholizismus erfand sich auch als Sozialform und in
seiner Hinordnung zur Gesellschaft neu.

Drei Punkte auf drei verschiedenen Ebenen will ich hier benennen:

Religion wird zur Privatsache, indem sich der Staat davon prinzipiell absetzt. Der
Katholizismus erfindet sich in dieser Situation neu als Familienreligion und damit als eine
Bastion gegen die Moderne. Die Betonung der Familie ist zunächst als Kompensation für
verlorene Sicherheit, Einheit und Orientierung gedacht und verspricht, die Gemeinschaft
gegen die moderne Gesellschaft und ihre Anonymität stark zu halten. Für den Mann wurde
der Beruf zum ersten Medium der sozialen Inklusion, für die Frau die Familie und – eng
damit verbunden – die Religion. Religion und Kirche wird hier zum Spezialgebiet. Zugleich
setzt die Feminisierung des Christentums hier ein, ohne dass sie sich organisatorischmachtpolitisch
weiter niederschlägt.

Für den oder die Einzelne wird Religion jetzt tendenziell zur Identitätssache. Wer nicht mehr
hineingeboren ist in den Zusammenhang, der kann sich entscheiden, dafür oder dagegen.
Teilnahme an Gottesdiensten oder sonstige Formen der Gottesverehrung taugen ab dem
Moment als überaus brauchbares Element für die Gestaltung moderner Individualität, wenn
sie als Entscheidung betrachtet wird.

Hier liegt auch der Kern dafür, dass Religion nun als soziale Bewegung und systemsprengend
funktionieren kann: Die Greta Thunbergs des 19. Jahrhunderts, deren einsamer Schulstreik
bis hin zu einer weltumspannenden Bewegung avancierte, waren oftmals religiös motivierte
Menschen.

Umgekehrt beginnt die Organisation nun, die Mitgliedschaft zu dramatisieren. Es braucht die
ständige Abfrage. Die Häufigkeit von religiöser Kommunikation wird zur Kernfrage für die
Reproduktion von Religion als eines sozialen Systems. Entscheidung dafür und Engagement
in diese Richtung müssen immer wieder abgefragt und inszeniert werden. Was glaubt Du?
Wer bist Du? Mit wem verkehrst Du? Und so weiter und so fort. Gottesverehrung und
Abendmahlfeier werden jetzt beobachtet mit Blick auf Frequenz und Teilnehmerzahlen. In
den 1950er Jahren ist es die sogenannte Mischehendebatte – wen heiratest Du? - , die diese
Tendenz noch mal aufscheinen lässt.

Von der Sozialform her gestaltete sich Religion nun als Organisation. Prägend waren der
Verein und die soziale Bewegung. Vergesellschaftung als Gnadenanstalt verband sich mit
professionalisierten Expertenrollen und einer sakral überhöhten Hierarchie. Rom wurde zum
Zentrum der Lehrautorität, das Nuntiaturwesen zu einem den modernen Regierungen
nachgebildeten Berichts- und Überwachungsinstrument. Die Wiederzulassung des
Jesuitenordens 1814 war der spektakuläre Beginn einer Politik der Privilegien und
Gnadenmittel, mit der sich die römische Kirche seit dem 19. Jahrhundert verstärkt als von
Christus eingesetzte, alleinige Mittlerin zwischen den sündigen Seelen und Gott zur
Sichtbarkeit brachte. Die Dogmen päpstlicher Unfehlbarkeit beispielsweise sind dann vor
allem Dramatisierung, die Respezifizierung von Mitgliedschaft: Wenn Du katholisch bist,
dann gehört dieser Glaube an die Infallibilität zwingend in Deinen Kopf!

Der große Trend des ausgehenden 18., des 19. und des 20. Jahrhunderts bis in sein letztes
Viertel hinein ist nicht die Pluralisierung, sondern das Gegenteil: Es herrscht das soziale
Prinzip der Uniformität, der Standardisierung und damit verbunden der Rationalisierung. I
Damit steht die Kirche nicht alleine, sondern ist vielmehr eingebunden in einen säkularen
und umfassenden Trend. Idealbild für den oder die Katholikin ist es, ein Glied in der
acies bene ordinata zu sein, in der „wohlgeordneten Schlachtreihe“ der Gläubigen also, die
dann nicht nur auf dem Katholikentag national, sondern auch in der
Fronleichnamsprozession lokal vorgeführt wird. Das ist die Welt der Moderne und
Hochmoderne. In dieser bewegen wir uns bis heute – und haben doch eine immer stärkere
Ahnung davon, dass sich diese so nicht hält!

Das war der erste Schritt dazu, meine Damen und Herren, die Medaille zu wenden. Sie sitzen
ja nicht in einem historischen Proseminar, Wir handeln uns mit der systemtheoretischen
Beschreibung einen tendenziell konservativen, da auf den gegenwärtigen Wandel nicht gut
vorbereiteten und vor allem nicht politisch argumentierenden Zugriff ein. Und generell gilt,
dass die Vergangenheit "nicht klug für ein andermal macht, wohl aber – so Jacob Burckhardt
– „weise für immer".

Welche Form von Weisheit steckt in diesem historischen Rückblick für heute und speziell für
die Frage nach dem Umgang mit Vielfalt und Pluralität?

- Die erste Einsicht ist ebenso banal wie grundlegend: Christentum und auch das
Christentum in seiner katholischen Variante ist wandelbar. Ungeachtet von
Pfadabhängigkeiten und im Katholizismus so hochgeschätzter Tradition gilt es, den
Formen- und Variantenreichtum, den die Geschichte und aktuelle Vorbilder bieten,
tatsächlich auch kreativ zu nutzen und in diesem Sinne auch beherzt an der
Veränderung zu arbeiten.

- Die zweite Einsicht nimmt das religiöse Feld als Ganzes in den Blick: Löst man sich
von der spezifisch deutschen oder – eigentlich muss man das noch enger fassen –
altbundesrepublikanischen Variante der christlichen Meistererzählung, dann scheint
rasch durch, dass die Pluralität von religiösen Optionen als der
„religionsgeschichtliche Normalfall erscheint. Die Idee von sich ausschließenden
religiösen Optionen ist das Ergebnis eines langen europäischen Prozesses der
Normatisierung religiöser Dynamik durch die europäischen Theologien und Kirchen.
„Auf das Ganze gesehen ist die Auffassung der religiösen Welt als Konkurrenz
einander ausschließender Religionen darin ein artifizieller Sonderfall“. Die Situation
vor der Konfessionalisierung, in der der Einzelne ganz selbstverständlich Formen der
Magie und der Volksfrömmigkeit mischte mit den pastoralen Angeboten des
katholischen Pfarrers, finden sich heute in den religiös viel pluraleren und vitaleren
Vereinigten Staaten wieder: Der Religionssoziologe Peter Berger trug dieses Beispiel
immer wieder vor: Natürlich betet die wiedergeborene fundamentalistische Christin
für ihren Mann in der festen Überzeugung, damit eine direkte Heilshandlung Gottes
zu bewirken – und zugleich schickt sie doch nach einem Arzt, der mit ganz profanen
medizinischen Mitteln der Gesundheit auf die Sprünge hilft. Heute sind Theologen
wie Michael Seewald und andere dabei, die denkerischen und dogmatischen
Voraussetzungen dafür zu prüfen und weiterzudenken, wie die
Religionsgemeinschaft ein höheres Maß an Ambiguitätstoleranz aufbauen kann.

- Ein dritter Punkt buchstabiert diese Folgerung aus für den Katholizismus – und leitet
her, was viele von uns unterschwellig immer schon ahnen: Die besondere Zuspitzung
auf das Amt und die Hierarchie, die Formulierung und das Durchpraktizieren von
Unvereinbarkeitsbeschlüssen – also allen in allem die Vergesellschaftung von Religion
als Organisation, die Geschlossenheit will und deshalb ihren Mitgliedern
Regelbefolgung abverlangt, ist eine Form von Vergesellschaftung, in der Moderne
erfolgreich war, dieses aber in Zukunft nicht mehr sein wird. Katholizismus heute ist
ungemein plural – und das wird sich nicht mehr in eine neue alte Geschlossenheit
bringen lassen.
Klerikalismus ist nicht das einzige, aber ein wichtiges Stichwort im Zusammenhang
mit dem Missbrauchsskandal. Es ist nicht allein, aber auch die Ausgestaltung und die
sakrale Überhöhung des Amtes in der Sozialform Organisation, die die sexuellen
Übergriffe und Gewalttaten mit ermöglicht haben.

Das ist nur ein Aspekt davon, dass es um ein Comeback der Kirche, so der
ostdeutsche Religionsphilosoph Eberhard Tiefensee, nicht mehr gehen kann, sondern
nur um „die anderen“.
Die Vorstellung, dass der Kirche Menschen verloren gehen, ist der falsche Ansatz in
den Gegenden, wo die wenigsten je dazugehörten. Das bedeutet aber auch, dass wir
uns von einer Fixierung auf statistische Parameter lösen müssen. Zahlen lügen nicht,
ja das stimmt, aber sie lügen vor allem deshalb nicht, weil sie auch nicht viel
erzählen, sondern ihrerseits gedeutet werden müssen.

Mit einer ganz grundsätzlichen Bemerkung möchte ich schließen, der sich noch einmal
stärker wegbewegt aus den so gewohnten Denkbahnen:

- Bleibt man im Gehäuse der Systemtheorie, dann sieht man einen fortschreitenden
Prozess der funktionalen Differenzierung, der sehr folgenreich ist: Es gibt valide
Hinweise darauf, dass in allen reichen Ländern dieser Welt, in denen die
Sozialordnung ausreichend Sicherheit und Planbarkeit des Lebens garantiert,
praktizierte Religion stetig abnimmt. Diese Gesellschaften haben immer weniger
Anlässe, in denen Menschen zwingende Gründe für religiöse Sinnbildung in den
jeweils überkommenen sozialen Gestaltungen sehen.
Theoretisch gibt es einen naheliegenden Schluss: Religion ist kein universales, sprich:
kein per se immerwährendes, sondern ein historisches, eventuell auch zeitlich
begrenztes Phänomen. Für die Religionsgemeinschaften wirft das weitreichende
Fragen auf: Auf welche Problemlagen wird künftig mit religiöser Sinnbildung reagiert
werden? Und wie nutzen das die Religionsgemeinschaften für ihre eigene Form der
Vergesellschaftung und Systembildung?

Prof. Dr. Thomas Großbölting