Samstag, 24. November 2018

IN ERWARTUNG Ökumene vor dem 3. Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt (Prof. Dr. Dorothea Sattler)

Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholken am 23./24. November 2018

Liebe Schwester Limperg, liebe Geschwister in der christlichen Ökumene,

sehr geehrte Damen und Herren!

Die Zahl drei hat in der gesamten Kulturgeschichte – und auch in der Theo-Logie, der Rede von Gott – einen ganz besonderen Klang, eine hohe Bedeutung; eine Verheißung ist mit ihr verbunden, eine frohe Erwartung: die Zahl drei steht für die Möglichkeit, dass das Eine, das Bestimmte, das Gemeinsame nicht in der Dualität, nicht in der Zerrissenheit der zwei, der Entzweiung verbleibt, sondern auf höherer Ebene wieder miteinander verbunden wird, zur Versöhnung findet, im Austausch neue Lebendigkeit erfährt. Die Zahl drei ist dem Wesen Gottes ganz nahe.

Gemeinsam gehen wir auf den 3. Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt zu. Der dritte Ökumenische Kirchentag nun bereits – sehr gerne erinnere ich mich daran, wie groß die freudige Verwunderung war, als sich in der Berichterstattung über den Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin in den Medien gar nicht mehr vermeiden ließ, von einem ersten Ökumenischen Kirchentag zu sprechen. Die eins steht für einen Beginn mit Entschiedenheit, mit Erkenntnis und Wille. Wer eins sagt, wird auch zwei sagen - so waren wir 2003 gewiss - und es geschah ja auch 2010 in München. Ein Segen wollen wir noch immer sein – so uns zugesprochen als Sendung, als Auftrag von Gott und gemeinsam versprochen in Berlin 2003. Die Hoffnung wecken, sie leben – das möchten wird auch nach 2010 in München. Damit ihr Hoffnung habt – so war das Leitwort des 2. Ökumenischen Kirchentags. Ein Segen sein – Hoffnung schenken – große Worte sind dies. Sind wir Kirchen wirklich so? Was wird uns nun in den Sinn kommen für 2021, welches Leitwort wird uns geschenkt werden? Welcher Gedanke ist stimmig heute? Wird es ein Wort der Besinnung auf die Schuldverstrickung sein, in denen die Kirchen verfangen sind? Wie bringen wir erneut die Hoffnung auf Gott und den Segen Gottes zur Sprache - das sind offene Frage, die vor uns liegen.

Hat sich die Welt verändert in den vergangenen fünfzehn Jahren nach 2003? Aufmerksamer sind wir geworden auf Vieles, was in der Welt geschieht – lange schon geschieht und zu wenig im Bewusstsein war, inzwischen mehr Beachtung findet: Gemeinsam teilen wir tiefe die Erschütterung darüber, dass kirchliche Strukturen den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen begünstigt haben. Ich empfinde es als eine große ökumenische Geste, dass die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland vor wenigen Tagen in Würzburg kritisch auf sich selbst schaute, ohne mit dem Finger auf andere Kirchen, auf uns vor allem, zu zeigen. Anlass hätte es dazu gegeben. Nein, Zahlen sind nicht verglichen worden. Jedes einzelne Geschöpf Gottes, dem Gewalt angetan wird, ist zu beklagen. In der Ökumene leben wir Gemeinschaft auch im Blick auf unsere Schuldgeschichte. Gemeinsam erforschen wir die Hintergründe, geloben Umkehr – tätige Umkehr in einem neuen Handeln.

Auch 2003 und 2010 gab es Kriege in der Welt - das Ausmaß der Bedrohung vieler Menschen durch den Tod scheint mir heute stärker im Bewusstsein zu sein;  die Ratlosigkeit ist gewachsen; das Empfinden der Ohnmacht ist stark; die Verstrickungen in die Weltzusammenhänge liegen offen vor Augen. Was wäre zu tun? Welche Stimme hat die Christenheit in diesem Zusammenhang? Wer hört auf uns. Vielleicht – so hoffen wir – vielleicht finden wir mehr Gehör, wenn wir gemeinsam aufschreien und klagen und mahnen.

Der Klimawandel, die Bedrohung vieler Regionen in der Welt durch Überschwemmungen, Feuersgluten und Stürme – um all das wissen wir gemeinsam seit langem, die Phänomene haben sich jedoch verstärkt, die Gewissheit ist gewachsen, dass es nicht immer so weitergehen wird mit dem Leben auf diesem blauen Planeten Erde, die so einzigartig ist in dem unfasslich großen Weltall, das wir bisher überschauen – überhaupt Instrumente haben, in diese Weite des Alls zu schauen. Noch könnte es Lebensraum für jeden und jede geben auf unserem blauen Planeten. Niemand müsste verdursten, kein Kind verhungern, niemand im Meer ertrinken. Die Wirklichkeit ist – Gott sei es geklagt – die Wirklichkeit ist anders.

Es gibt in der Ökumenischen Bewegung von ihrer Gründung an einen Gedanken, der sich als höchst bedeutsam erwiesen hat: Die Lehre trennt zwar, der Dienst eint jedoch. Von den ersten Jahrzehnten der institutionalisierten Ökumenischen Bewegung an hat diese so genannte „Sozial – Ökumene“ viel Zuspruch erfahren. Die Lehren über die institutionelle Gestalt der Kirchen, über ihre sakramentalen Feiern und ihre Ämter mögen unterschiedlich und kontrovers sein – das kann aber nicht daran hindern, gemeinsam den Weisungen Gottes, des Schöpfers, zu folgen und in seinem Sinne, in Gottes Sinne das Leben jedes Geschöpfes zu schützen und seine Daseinsbedingungen zu erleichtern. Gemeinsam sind der Deutsche Evangelische Kirchentag und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken diesen sozialethischen Herausforderungen der jeweiligen Gegenwart im gesellschaftlichen Kontext verpflichtet. Dies wird sich - so erwarte ich es - auch in besonderer Weise auch Frankfurt 2021 zeigen.

Ich gehöre zu den Menschen, die sich den 3. Ökumenischen Kirchentag bereits für 2017 – dem Jahr des Reformationsgedächtnisses – gewünscht haben. Die heilige Ungeduld ist eine ökumenische Tugend. Es kam anders – nicht 2017 und nicht 2019 – jetzt 2021. Es mag ja auch – rückblickend betrachtet - gute Gründe dafür gegeben haben, sich die Anstrengungen bei einer gemeinsamen Vorbereitung eines so großen Ereignisses 2017 nicht zuzumuten. In Bochum 2017 haben wir es gespürt: Es ist gar nicht leicht, ein ökumenisches Fest vorzubereiten. Vieles muss dann gut zusammenstimmen.

In der weltweiten Ökumene sind wir gewiss: 2017 war ein gutes Jahr für die christliche Ökumene: Das gemeinsame, achtsame und wertschätzende Gedächtnis der Reformation im 16. Jahrhundert ist weltweit in den vergangenen Jahren zu einem Lernort für den alle Getauften verbindenden christlichen Glauben geworden: Gemeinsam können wir uns heute daran erfreuen, dass Martin Luther und seine reformatorischen Weggefährten - darunter auch viele Frauen - in Wittenberg, Zürich, Straßburg, Basel, Genf und an vielen weiteren Orten ihre Lebenskraft dafür eingesetzt haben, um an die biblische Botschaft von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes allen Sünderinnen und Sündern gegenüber sowie an den erlösenden Glauben an Jesus Christus zu erinnern. Das gemeinsame christliche Evangelium ist ein tiefer Trost in Schuld und Not, in Krankheit und in immer drohender Todesnähe. Die österliche Hoffnung begründet bei allen, die in der Taufe mit Christus Jesus gestorben sind und denen ewiges Leben verheißen ist, eine unverbrüchliche Gemeinschaft, die im Zeugnis und Dienst sowie in der Liturgie sichtbar und erfahrbar wird.

Gemeinsam haben wir der vielen Opfer all der blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen vom 16. Jahrhundert an bis heute gedacht. Getaufte Menschen haben einander wechselseitig getötet, weil sie ein anderes christliches Bekenntnis gelebt haben. Insbesondere die Gemeinschaften, die sich mit biblischer Begründung für die Taufe von bereits persönlich glaubenden Menschen eingesetzt haben, sind vor und nach der Reformation zu Märtyrerinnen und Märtyrern für ihre religiöse Überzeugung und ihre Lebensweise geworden. Soziale Spannungen zwischen Bauern und Fürsten haben vielen Menschen das Leben genommen. Politische Verstrickungen und Neuordnungen der Machtverhältnisse in Europa haben zu Kriegen geführt, bei denen die religiöse Motivation für andere Zielsetzungen missbraucht wurde. Humanistisch geprägte Gelehrte aller Konfessionen waren nicht frei von der Versuchung, Menschen mit einem nicht-christlichen Bekenntnis auszugrenzen und anzufeinden. Religiöse Toleranz dem Judentum und dem Islam gegenüber gab es im 16. Jahrhundert und noch lange Zeiten danach in allen christlichen Konfessionen nicht. Not und Tod so vieler Kinder, Frauen und Männer waren die Folge – vor allem in den Gemeinschaften täuferischer Tradition. Es ist vor diesem Hintergrund sehr wichtig, dass wir beim 3. Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt erneut nicht nur auf die evangelische und die römisch-katholische Kirchen schauen, sondern in Gemeinschaft mit allen christlichen Traditionen in Deutschland diesen 3. Ökumenischen Kirchentag vorbereiten.

Eine Thematik möchte ich noch ansprechen: Die Frage der Eucharistie- und Abendmahlsgemeinschaft, die uns unausweichlich – und das ist gut so – wieder einholen wird bei der Vorbereitung des 3. Ökumenischen Kirchentags. Viele von uns werden es begrüßen, dass die Mehrheit der deutschen Bischöfe sich dazu entschlossen hat, die Orientierungshilfe „Mit Christus gehen – Der Einheit auf der Spur“ zu veröffentlichen und damit den Weg frei zu machen für einen Hinzutritt auch evangelischer Christinnen und Christen, die in konfessionsverbindenden Ehen leben, zur Feier der Eucharistie. Ein erster Schritt ist dies – ein wichtiger. Und wir wissen: Die pastorale Praxis war und bleibt diesbezüglich weit voraus.

In der ökumenischen Theologie sind wir der Überzeugung, dass wir bereits mehr erreicht haben. Über Jahrzehnte haben wir gesprochen über das konfessionelle Verständnis von Eucharistie und Abendmahl, über Fragen der liturgischen Praxis, über Formen der amtlichen Ordination, über alles. Wir sind in der Theologie einig geworden – doch wo bleibt die lehramtliche Rezeption der theologischen Erkenntnisse? Ich wünsche mir von Herzen, dass es in Frankfurt 2021 Räume dazu gibt, erneut darüber zu sprechen. 2003 haben wir „Menschenstimmen zu Abendmahl und Eucharistie“ gesammelt und veröffentlicht – persönliche Zeugnisse zu der Frage: Was bedeutet für mich die Feier von Abendmahl und Eucharistie in meinem Leben? 2010 haben wir uns bemüht, mit der Feier des Brotbrechens in der Tradition der Orthodoxie die Sehnsucht nach dem gemeinsamen Mahl wach zu halten. Eine Handreichung ist erschienen, die unter dem Titel „Ökumenisch sensibel Abendmahl und Eucharistie feiern“ auf Möglichkeiten aufmerksam macht, heute schon ökumenisch zu handeln: durch die Feier mit Brot und Wein, durch die Austeilungsform in Kreisgestalt, durch den sorgsamen Umgang mit den Mahlgaben und durch ein Gedächtnis der Toten.

Was könnten wir gemeinsam thematisieren beim 3. Ökumenischen Kirchentag im Hinblick auf die gemeinsame Feier von Eucharistie und Abendmahl? Ich denke an zwei Aspekte: Zum einen: Das Verhältnis von Liturgie und Diakonie ist zu vertiefen; zum anderen: Theologisch begründet ist mehr als bloß der geprüfte und dann geduldete Hinzutritt evangelischer Christinnen und Christen zur Feier der Eucharistie. Wir brauchen eine Offenheit für die Wechselseitigkeit in der Einladung zu Abendmahl und Eucharistie. Wir können dabei – aus meiner Sicht – darauf vertrauen, dass Jesus Christus Wege weiß in seinem Heiligen Geist, sich auch in der Feier des evangelischen Abendmahls präsent zu setzen – selbst dann, wenn Frauen dieser Feier vorstehen. Auch und besonders unter dem Vorzeichen der Stärkung der Diakonie in den Kirchen wünsche ich mir mutige, nicht von kirchlichen Sanktionen bedrohte und im Ergebnis offene Gespräche über die Teilhabe auch von Frauen an den kirchlichen Dienstämtern. Wir brauchen diese Dialoge, um zur sichtbaren Einheit der Kirchen finden zu können. Ich hoffe diesbezüglich auf den 3. Ökumenischen Kirchentag.

Aller guten Dinge sind drei – so sagen wir. Stimmt das? Sollten wir nicht lieber sagen: Aller guten Dinge sind vier oder fünf – gar sieben. Jedoch: Müssen wir bis zum 7. Ökumenischen Kirchentag warten, bis die in der einen Taufe begründete, an vielen Orten gelebte Ökumene ihren Ausdruck in der eucharistischen Gemeinschaft findet? Wer weiß? Sieben ist die Zahl der Fülle, der Vollendung.  Den 7. Ökumenischen Kirchentag werden viele von uns vermutlich nicht mehr erleben - es sei denn, wir entscheiden uns, von 2021 an alle zwei Jahre einen Ökumenischen Kirchentag vorzubereiten ... Unrealistisch ist dies, ich weiß es – und gleich werden wir sehr dankbar die Einladung zum Katholikentag 2022 annehmen. Lasst uns daher die Gelegenheit 2021 ergreifen und in den kommenden Jahren alles dafür tun, dass die Sehnsucht nach eucharistischer Gemeinschaft Wirklichkeit wird. Auch wer bereits in eucharistischer Gemeinschaft miteinander lebt, hat noch offene Fragen zu besprechen – das lässt uns hoffen auf viele Jahre, viele Jahre.

Prof. Dr. Dorothea Sattler