Montag, 6. Mai 2019

Macht Kirche zukunftsfähig! (Statement von Prof. Dr. Margit Eckholt)

Tag der Diakonin 2019 Zentrale Veranstaltung in Mainz, Montag, 29. April 2019

1. Warum kann die Kirche auf den Diakonatsdienst für Frauen nicht verzichten?

Wir begehen heute einen wichtigen Tag: die lebendige Erinnerung an eine Frau, die – zusammen mit vielen anderen Frauen in der Geschichte und heute – dafür steht, dass Frauen als Diakoninnen gewirkt haben und wirken, und dass dies eine sakramentale Repräsentanz des Christus „diakonos“ ist.

Bei allen Debatten heute, ob historisch-, dogmatisch- oder pastoraltheologisch: Kirche (ob Entschei­dungsträger, Theologinnen oder ehrenamtlich tätige Männer und Frauen in der Kirche) dreht sich im Kreise und bleibt auf einem „Holzweg“, wenn sie nicht bereit ist, den „Umkehr­prozess“ Wirklichkeit werden zu lassen im Blick auf ihre institutionelle Verfasstheit; den Prozess, der aus der Tiefe der Glaubenser­fahrung – dem Ostergeschehen – auch heute erwächst: Maria von Magdala, Petrus, Johannes und die vielen anderen haben ihn durchlebt, und er hat sie zu Zeugen und Zeuginnen des Evangeliums werden lassen.

Mit dem 2. Vatikanischen Konzil ist dieser Umkehrprozess Programm für das geworden, was Kirche überhaupt ist: dass sie sich immer wieder zu erneuern hat aus der Tiefe der Rückbindung an das Evangelium, Jesus Christus, diesen Jesus von Nazareth, der der Barmherzigkeit des Gottes Israels eine neue und – so unsere christliche Überzeugung – einmalige Ausdrucksgestalt gegeben hat: den Armen das Evangelium zu verkün­den, die Kranken zu heilen, den Blinden das Augenlicht zu geben, die Gefangenen zu be­freien, ein Gnadenjahr des Herrn zu verkünden. Ohne diese je neue Bin­dung an den Nächsten, vor allem an die, die Not leiden, die nach Befreiung schreien, Junge und Alte, Männer und Frauen, ist Kirche nicht das, was sie zu sein hat: insofern ist sie in ihrem Wesen diakonische Kirche und als solche missio­nari­sch, weil sie stets auf der Suche bleibt, den zu finden, der ihr diese Barmherzigkeit und Liebe ins Herz geschrieben hat und den sie auf allen Wegen der Welt, vor allem dort, wo physische und seelische Not zum Him­mel schreien, finden kann. Das ist ein Prozess des Aufbruchs, des Aufbrechens, der Einsicht in Holzwege und in Schuld, und es ist auch ein steter Prozess der Erneuerung gerade durch die, an die Kirche sich bindet. In dieser Tiefe der Offenbarung, an die Paulus in seinen Briefen immer wieder gerührt hat, gibt es nicht Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau (vgl. Gal 3,28), diesen Weg der Nachfolge gehen in gleicher Weise Männer und Frauen. Nur aus den ge­mein­samen Praktiken im Dienst des Evangeliums der Barmherzigkeit wird Kirche. Und genau darum kann Kirche nicht auf Frauen im Diakonat verzichten, weil sie damit mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder ausblendet und sich damit selbst um die „Gnaden­chance“ bringt, die der Dienst der Frauen bedeutet.

2. Welcher „Mehrwert“ bedeutet die Öffnung dieses Dienstes für Frauen für die Kirche heute?

Das ist die geistliche – im Evangelium der Barmherzigkeit gründende – und theologische Tiefendimension, die auch den Osnabrücker Thesen zugrunde liegt und in denen wir for­muliert haben: „Nicht der Zugang von Frauen zu den kirchlichen Diensten und Ämtern ist begründungspflichtig, sondern deren Ausschluss“, so These 3, und im 1. Punkt der Selbst­verpflichtung notiert haben: „Wir werden die  Geschlechtergerechtigkeit bei der Über­nahme und der Ausübung kirchlicher Ämter zum Prüfstein der Glaubwürdigkeit der Ver­kündigung des Evangeliums machen. Das ist unverzichtbar für die apostolische Sendung der Kirchen.“[1]

Es könnte vielleicht der eine oder die andere nun meinen, ich „spiritualisiere“ hier die Debatte um den Zugang zu einem sakramentalen Frauendiakonat, wo es doch um „harte“ Fakten der dogma­tisch-theologischen Begründung und des Kirchenrechts gehe, so um die Auseinandersetzung mit can. 1024 des CIC, in dem „festgeschrieben“ ist, die Weihe sei nur getauften Männern vorbe­halten. Diese Position hat Papst Johannes Paul II. in seinem Apo­stolischen Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ vom 22. Mai 1994 unter Rückbezug auf die Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt „Inter insigniores“ vom 15.10.1976 als verbindliche lehramtliche Aussage be­nannt und damit die weitere Debatte um die Priesterweihe von Frauen für beendet erklärt; Kardinal Ladaria hatte sich noch im letzten Jahr darauf bezogen, im Blick auf einen Zugang von Frauen zur Weihe sei alles gesagt, und auch Papst Franziskus spricht unter Rückbezug auf Papst Johannes Paul II. davon, dass die Tür in dieser Frage geschlossen sei.

Wir kommen in diesen „festgefahrenen“ Debatten nur weiter, wenn auch die dogmatisch-theologischen lehramtlichen Be­gründungslinien im Blick auf den Ausschluss von Frauen von der Weihe in den genannten geistlichen Umkehrprozess einbezogen werden und Theologie sich erneuert aus den Dynamiken und stets lebendigen Praktiken des Glaubens. Frauen, deren diakonische Tätigkeiten auf den unterschiedlichen Feldern – die sie de facto ausüben – ernst genommen und die über ein Diakoninnenamt sichtbar werden, werden dazu beitragen, dass genau dieser geist­liche Prozess der Erneuerung konkret wird. Der Prozess zu dem Papst Franziskus immer wieder neue Impulse gibt und der in seine Rede von der „Kirche im Aufbruch“ einge­schrie­ben ist, deren Strukturwandel im Blick auf Gender-Perspektiven er aber ausblendet – Kleri­kalismus und Machismo kritisiert er, aber was Klerikalismus und Machismo im Blick auf Frauen in der Kir­che bedeutet, sieht er nicht, versteht er – vielleicht – nicht. In der in die patriarchale Kultur der Antike eingebetteten Theologie der Kirchenväter und dann in der über Jahr­hunderte wegweisenden scholastischen theologischen Metaphysik eines Thomas von Aquin wurde die geistliche Dynamik des Evangeliums aus der theologi­schen Begriffslogik ausge­klammert, den Frauen ein „status subjectionis“ zugeschrieben und eine Frauen exkludierende Ekklesiologie und Ämter­theologie entfaltet. Die theologischen Begründungsmuster des kirchlichen Lehramtes im Blick auf den Ausschluss von Frauen aus mit einer Weihe verbundenen Leitungsämtern basieren bis heute auf dieser theologischen Grundstruktur. Das bedeutet „Entmächtigung“ von Menschen in der Nachfolge Jesu Christi, während das Evangelium immer mit „Ermächtigung“ zum Dienst an den Nächsten verbun­den ist.

Vom petrinischen und paulinischen Prinzip der Kirche ist oft die Rede gewesen, nicht be­nannt wurde das magdalenische Prinzip, die Sendung, das Evangelium zu verkünden, die aus der „Diakonia“ erwächst, auch wenn die biblischen Texte gerade von den Frauen sagen, dass sie Jesus Christus „nachfolgten“ und ihm „dienten“ (Lk 8,1-3), und Maria von Magdala und die anderen Frauen „wohlriechende Öle“ kauften, „um damit zum Grab zugehen und Jesus zu salben“ (Mk 16,1) und dem zu Grabe gelegten Leichnam Jesu den Dienst der Nächsten­liebe leisten wollten und dann zu den er­sten Zeuginnen der Auferstehung wurden. Petrini­sches, paulinisches und magdalenisches Prinzip verstehe ich nicht als mit statischen Ge­schlechterbeziehungen verbundene Prinzi­pien, sondern als aufeinander bezogene Grund­vollzüge der Kirche (der Leitung, Verkündigung und Diakonie), die jeweils von Män­nern und Frauen wahrgenommen werden können. Dabei kommt dem diakonischen Dienst – und mit ihm dem magdalenischen Prinzip – eine besondere Bedeu­tung zu: Christus zu „re­prä­sentieren“, das Evangelium zu verkünden, die Gemeinde zu leiten, zu heilen und aufzu­rich­ten, ist immer an die Dynamik der Kenosis Christi rückzubin­den, an eine vorurteilslose und unbe­dingte Liebe für die, denen Lebensmöglichkeiten ge­nommen sind, mit der „Option für die Armen“, um die Formulierung der lateinamerikani­schen Kirche und Theologie aufzu­greifen.

3. Was bedeutet dies für die gesamte Kirche und ihre Zukunftsfähigkeit?

Wenn Frauen, die bereits heute die vielfältigsten diakonischen Dienste ausüben, in Gemein­den, Einrichtungen von Diözesen, der Bischofskonferenz, kirchlicher Hilfswerke, auf Leitungs­ebene von Caritas, Krankenhäusern, Flüchtlingshilfe usw., das Diakoninnenamt erschlossen würde und damit ihre „diakonia“ eine amtlich anerkannte Repräsentanz erfährt, wird das magdalenische Prinzip in der Kirche zur Entfaltung kommen und auch dem petri­nischen und paulinischen den Horizont des Evangeliums neu erschließen können. Aufgedeckt werden Machtstrukturen, die ausgrenzen und abwerten, und sichtbar wird die Ermächtigung, die aus dem Dienst an den Nächsten in der Nachfolge Jesu Christi erwächst. Verändern wird sich eine abstrakte, von den dynamischen Glaubenspraktiken losgelöste Theologie, und der Bo­den wird bereitet für den Perspektivwechsel, den das Ernstnehmen der Gender-theoreti­schen Ansätze für Theologie und weitergehende Strukturreformen der Kirche bedeutet: weil Kirche gar nicht anders zu verstehen ist, als eine „Ekklesiogenese“ aus und in den vielfältigen Glaubenspraktiken, in die die vorurteilsfreie und anerkennende und versöhnende Liebe Jesu Christi eingeschrieben ist. So werden Männer und Frauen, Bischöfe, Priester, Diakone und Frauen in den verschiedenen Diensten und Ämtern, sakramental, nicht-sakramental, haupt- oder ehrenamtlich, gemein­sam den notwendigen Verände­rungs­prozess der Kirche anstoßen können.

Erst wenn wir uns alle auf diese Umkehrdynamik des Evangeliums einlassen, wird die Reali­tätsblindheit von der Kirche abfallen. Es gab Diakoninnen in der Nachfolge Jesu und in der Ge­schichte der Kirche, Phoebe, Olympias, Radegundis und die vielen anderen, es gab sie auch im sakramentalen Amt, und es gibt heute Diakoninnen, ohne dass sie die offizielle Aner­kennung über die Weihe und Hineinnahme ins Amt haben. Sakramentale Repräsentanz des „Christus diakonos“ ereignet sich auch dort, und gerade darum ist der konkrete Schritt dringend angesagt: Die Weihe von Frauen betrifft nicht allein die Frauen, sondern sie steht für die „Kirche im Aufbruch“. Geweihte Diako­nin­nen haben Anteil am Leitungsamt der Kirche, und so wird die Tür geöffnet in die Zukunft, in der uns Christus immer schon erwartet.

 

 

[1] Vgl. dazu: Margit Eckholt/Ulrike Link-Wieczorek/ Dorothea Sattler/Andrea Strübind (Hg.), Frauen in kirchlichen Ämtern. Reformbewegungen in der Ökumene, Freiburg/Göttingen (Herder/Vandenhoeck & Ruprecht) 2018, 465-476.

Prof. Dr. Margit Eckholt, Statement (Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Universität Osnabrück)