Donnerstag, 13. September 2018

Schaltstelle im katholischen Milieu. 150 Jahre Zentralkomitee der deutschen Katholiken

"Die Stadt", so stand es später im amtlichen Bericht über den Katholikentag in Bamberg 1868, "prangte in schönstem Schmucke. Von allen Thürmen wehten riesige Flaggen, auch die Schiffe des Flusses waren beflaggt. An mehreren Plätzen standen Triumpfbögen mit sinniger Inschrift, (..) die Häuser waren mit schönen Draperien, Guirlanden, Kränzen, Inschriften, großen und kleinen weißblauen (bayer. Farbe), weißrothen (Farbe der Stadt Bamberg), weißgelben (päpstliche Farbe) und schwarz-roth-gelben Fahnen geschmückt. Der höchst imposante Zug setzte sich um 8 Uhr von der Aula her in Bewegung und ging über den Maxplatz, den grünen Markt und die obere Brücke zum Dom. Alle Glocken läuteten."

Der Zug, der soeben in umgekehrter Richtung vom Dom zur Aula zog, war nicht ganz so imposant wie der vom 31. August 1868, hat aber doch einen imposanten Anlass: "150 Jahre ZdK" stand auf den Einladungskarten aus der Bonner Hochkreuzallee. War doch am 3.9.1968 im Rahmen der damaligen Generalversammlung der deutschen Katholiken in Bamberg unter der Rubrik "Formalien" beschlossen worden, ein "Central-Comitée" einzurichten. Gemessen an dieser beeindruckenden Zahl – 150 ist nun wirklich ein stolzes Alter – nimmt sich allerdings der protokollarische Aufwand heute nachgerade bescheiden aus. Womöglich spiegelt sich darin eine gewisse Verunsicherung, ob man wirklich schon wieder groß feiern solle, schließlich hatte man erst 2016 den 100. Katholikentag begangen und schon 1998 auf 150 Jahre Katholikentage angestoßen.

Wie fügt sich nun in diese Festtageskette "150 Jahre ZdK"? Die Verunsicherung wächst weiter, wenn man sich näher mit diesem Geburtstagskind beschäftigt, und feststellt, dass dieses höchst interessante Wesen eigentlich nicht nur einen, sondern drei Geburtstage hat, die mit Fug und Recht gefeiert werden könnten: 1848, 1868 und 1952. Dabei ist es keineswegs unbedeutend, welcher dieser Momente als Geburtsstunde gilt, die der Institution eine besondere Prägung verleihen konnten.

Welches nun ist der "richtige" Geburtstag und wozu wuchs das jeweilige Gebilde heran? Wenn man die Geschichte des ZdK zurückverfolgt, stellt sich bald heraus, dass es gar nicht so einfach ist, das "Proprium" der Institution heraus zu präparieren und diesem Faden nachzugehen. (Man sehe mir diese Metaphern nach, aber ich musste nach Bildern suchen, um selbst zu verstehen, warum es so schwer ist, eine eingängige Geschichte des ZdK zu erzählen.) Denn erstens gibt es da diverse Verästelungen, zweitens wird aus dem dicken Faden plötzlich ein dünner Zwirn, an die Stelle der Institution tritt eine einzelne Person, dann wieder reißt der Faden ganz ab, wie in den Weltkriegen, um anschließend plötzlich wieder aufzutauchen. Drittens gibt es zuweilen solche Verflechtungen, dass es nachgerade unmöglich wird, das ZdK als eigenen Akteur herauszulösen, ohne dabei einen Funktionszusammenhang zu zerstören.

Das ergibt sich a) gegenüber den Katholikentagen, die mit dem ZdK verbunden sind wie siamesische Zwillinge. Das ergibt sich b) gegenüber den zahlreichen Vereinen, die aus den Katholikentagen heraus gegründet wurden und c) gegenüber der Politik, war doch das ZdK aufs Engste zunächst mit der Zentrumspartei, in der frühen Bundesrepublik, dann mit der CDU verknüpft.

All das zeigt, dass sowohl die chronologische Entwicklung als auch die horizontale Verflechtung es schwer machen, eine konzise Geschichte dieser Institution zu erzählen, die so unentwirrbar mit Gesellschaft und Politik verflochten war. Ich hoffe, es ist inzwischen allen klar: Es ist unmöglich, den 150 Jahren dieser Institution in 30 Minuten gerecht zu werden, wenn es doch eigentlich eines Forschungsprojektes bedürfte.

Daher möchte ich hier nur holzschnittartig erstens einen Parforceritt durch die Geschichte wagen, wobei ich mich auf die Ursprünge und damit auf das unbekanntere 19. Jahrhundert konzentriere, und zweitens nach einigen Spannungsbögen fragen: zwischen Freiheit und Demokratie einerseits und Autorität andererseits, zwischen Laien und Klerikern, zwischen Kirche und Welt und zwischen Einheit und Vielfalt. Und natürlich: Das ist nicht l’art pour l’art. Historische Kenntnis dient der Selbstvergewisserung.

I. Geschichte des ZdK – eine (grobe) Chronologie

Bei der Rekonstruktion der Vorgeschichte bleibt zunächst festzustellen: eine Institution, die sich ZdK nennt, gibt es erst seit 1952. Das, was 1868 gegründet wurde, war ein "CC" – ein "Central-Comitée". Doch auch die Größe – fünf bis sieben Personen – verweist auf einen erheblichen Unterschied zum heutigen ZdK. Dieses setzt sich – wie wir wissen – zusammen aus den drei Säulen: den Vertretern der Räte (die es so erst seit den 1970er Jahren gibt),  den Vertretern der Verbände sowie Einzelpersönlichkeiten. Die Kontinuität der beiden letzten Säulen führt wiederum zurück zum Jahr 1848. Damals trafen sich anlässlich des Dombaufestes in Köln Vertreter der seit März 1848 gegründeten rund 400 "Piusvereine für religiöse Freiheit" und Mitglieder des Katholischen Clubs der Paulskirche. Es war – symbolisch gesprochen – eine Zusammenkunft von Kölner Dom und Frankfurter Paulskirche: und damit ein Zusammenschluss von religiösen, nationalen und demokratischen Elementen – was sich noch 1868 in Bamberg spiegelte, als neben den regionalen und päpstlichen Fahnen auch die schwarz-rot-goldenen zu sehen waren.

Auf diesem Treffen in Köln entstand die Idee eines organisatorischen Zusammenschlusses in Mainz, wo im Oktober 1848 die erste Versammlung des katholischen Vereins Deutschlands stattfand – das, was später als erster Katholikentag gelten sollte. Es war insofern ein Katholikentag, als hier bereits die Öffentlichkeit teilnahm, schließlich wurden mehr als 1300 Eintrittskarten verkauft. Es war aber insofern auch die Geburtsstunde – eine der Geburtsstunden – des ZdK, als abends separat die Repräsentanten der katholischen Vereine zusammenkamen. Es musste "jedem einsichtsvollen Katholiken einleuchten", hieß es in dem amtlichen Bericht von 1848, "daß jetzt die Zeit gekommen sei, sich zu vereinigen und mit vereinter Kraft zu handeln". Der Wunsch nach Bündelung der Kräfte ging mit einer Institutionalisierung einher, die sich in der Vereinsgründung und der fortan jährlichen Zusammenkunft niederschlug. Angesichts der damit verbundenen logistischen Herausforderungen wurde schon 1864 vorgeschlagen, ein Zentralkomitee zu gründen, welchem die Vorbereitungen dieser Versammlungen obliegen sollte. Vorerst aber wurde der Antrag abgelehnt. Erst 1868 rief die Generalversammlung ein solches "Central-Comitée" ins Leben und übertrug ihm die Aufgabe, "in jeder Weise überhaupt für das katholische Vereinsleben in Deutschland thätig zu sein" und vor allem, für das kommende Jahr einen "vollständigen durchgearbeiteten Plan zur Organisation der katholischen Partei Deutschlands vorzulegen". Auch wenn zwei Jahre später das Zentrum gegründet werden sollte, war hier noch nicht an eine politische Partei gedacht, sondern an eine organisatorische Einbindung des katholischen Deutschlands – das in dem Kampf für die Interessen der Katholiken eben "Partei" war.

Das "Comitée" machte sich sofort an die Arbeit, im November 1868 zirkulierten die ersten Reformpläne. Als ein Jahr später das Ergebnis dieser Überlegungen in Düsseldorf diskutiert wurde, galt es als "einer der wichtigsten Gegenstände, welche wir noch je zur Discussion gehabt" haben: es gehe um nichts Geringeres als "den Lebensnerv" unserer Versammlung. Im Ergebnis wurde das "Comitée", welches sich nach den Worten der Delegierten "nun bereits in ausgezeichnetster Weise bewährt" habe, komplett umgekrempelt. An die Stelle von sieben Mitgliedern trat ein Gremium, das sich aus bis zu drei Abgeordneten aus jeder deutschen Diözese zusammensetzte und durch weitere Kooptationen ergänzt werden konnte. Das "Central-Comitée" expandierte: von sieben Männern im Jahr 1868 auf 40 im Folgejahr und auf 270 Personen 1871. Zusammengehalten wurden diese von einem "leitenden Bureau", den Geschäftsführern und fünf Referenten. Schon jetzt staunten die Zeitgenossen über die "so große, so viele Mühe, Zeit und Geld kostende Organisation".

In Anbetracht dieses Booms steht man rätselnd vor den Entscheidungen des Jahres 1872: Die Generalversammlung beschloss die Auflösung des "Comitées". Zwei Motive lassen sich aus den Quellen herauslesen: Erstens war im Juli 1872 aus dem "Comitée" heraus ein neuer Verein gegründet worden: Der "Verein der deutschen Katholiken", der fortan die Koordination der Katholiken im Kulturkampf und daher so Manches übernehmen sollte, wofür bislang das "Central-Comitée" zuständig gewesen war. Für die Katholikentage bedeutete dies zweitens, dass sie weniger im Fokus der Kulturkampfgesetze standen, weil sie als "Versammlung" weniger der Repression ausgesetzt waren als der Verein, der tatsächlich 1875 von der preußischen Regierung verboten wurde. 1890 erfolgte dann ein zweiter Anlauf mit der Gründung des "Volksvereins für das katholische Deutschland", der den Vorstellungen einer zentralen Dachorganisation als "Verein der Vereine" entsprach, der alle möglichen Initiativen bündelte und binnen Kurzem zum größten Massenverein Deutschland avancierte. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs hatte er mehr als  800.000 Mitglieder.

Was aber wurde aus dem "Central-Comitée"? An seine Stelle war inzwischen ein "Commissair", also "Kommissar" getreten, in dessen alleiniger Hand fortan die Vorbereitung der Generalversammlungen lag. Das operative Geschäft der Katholikentage blieb in dieser Zeit in den Händen einer einzigen Person: Karl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, der schon 1868 zum Vorsitzenden des "Central-Comitées" gewählt worden war und seitdem die Fäden in der Hand hielt. Ihm wuchs allerdings schließlich die Arbeit über den Kopf, so dass 1898 die Generalversammlung darauf drang, erneut ein "Central-Comitée" einzuberufen. In dieses noch auf der 45. Generalversammlung 1898 in Krefeld neu gegründete "Central-Komitee für die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands" wurden 16 Männer gewählt, die zu den Who is Who`s der dynamischen katholischen Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts zählten, darunter der Mönchengladbacher Unternehmer Franz Brandts und Professor Franz Hitze aus Münster, die beide acht Jahre zuvor den Volksverein gegründet hatten. Dazu kamen Lorenz Werthmann, der federführend an der Gründung des Caritasverbands 1897 in Köln mitwirkte, und Felix Porsch, unter dessen Einfluss Oberschlesien zu einer Hochburg des Zentrums geworden war.

Man ahnt die zahlreichen, ungemein festen Querverbindungen, die u.a. dazu beitrugen, den Katholikentagen einen starken, modernen, sozialpolitischen Akzent zu geben. Vor allem ahnt man, dass das Zentralkomitee dieser Zeit sich gerade nicht darauf beschränkte, "nur" die Katholikentage vorzubereiten, sondern eine Schnitt-, wenn nicht gar Schaltstelle, ein Think Tank, des so ungemein lebendigen Katholizismus dieser Zeit war, der gleichermaßen in Kirche, Gesellschaft und Politik hineinwirkte. Mit Blick auf die Verbindungen zur Politik sei nur erwähnt, dass 1908 mehr als die Hälfte aller Zentralkomitee-Mitglieder dem Zentrum angehörten. Einer von ihnen war Aloys zu Löwenstein, der Sohn des vorherigen Vorsitzenden und Kommissars, der sich nach 30 Jahren an der Spitze dieses Gremiums nicht mehr zur Verfügung gestellt hatte (worüber das Zentrum offenbar mehr frohlockte als der Katholikentag), stattdessen ins Kloster gegangen war und sein Leben als Dominikanerpater Raymundus beenden sollte.

Zum Präsidenten des Central-Comitées wurde auf der konstituierenden Sitzung im November 1898 Graf Clemens Droste zu Vischering-Erbdroste gewählt, dessen betont freundschaftliches Verhältnis zum preußischen Königshaus symptomatisch für das Ende des Kulturkampfes war und für den neuen Schulterschluss von Kaiserreich und Katholiken stand. Aus dem Paria war zumindest ein Untermieter geworden, der sich um ein gutes Verhältnis zum Hausherrn bemühte. Hatten den früheren Vorsitzenden Papstaudienzen nach Rom geführt, reiste Droste zu Vischering zunächst einmal ins Berliner Schloss zur Audienz bei Kaiser Wilhelm II. Dem entsprach die baldige Praxis der Katholikentage, nicht mehr nur dem Papst, sondern auch dem Kaiser ein Huldigungsschreiben zukommen zu lassen. Sukzessive verschoben sich schließlich die Prioritäten. Die "römische Frage" verlor an Bedeutung, d.h. die Frage nach der Stellung des Papstes, der mit der italienischen Reichseinigung sein Herrschaftsterritorium verloren hatte, weshalb sich deutsche Katholiken so vehement für den "Gefangenen im Vatikan" eingesetzt und fleißig Spenden gesammelt hatten. Unumwunden gab der Präsident des Katholikentags von 1904, Felix Porsch, zu: "Die Behandlung der römischen Frage hängt mir schon zum Halse raus." Hingegen wurde Wilhelm II. auf dem Katholikentag von 1911 als der "Kaiser der Katholiken" gefeiert. Der letzte Katholikentag vor dem Ersten Weltkrieg fand 1913 in Metz statt und war von einer Rhetorik des Ausgleichs geprägt, die sich wohltuend vom nationalistischen Säbelrasseln der Zeit abhob. Aber einen Protest der Katholiken gab es zu Beginn des Krieges nicht.

Die Katholikentagsgeschichte hat es jetzt einfach: Da es nun einmal keine Katholikentage im Ersten Weltkrieg und im Nationalsozialismus gab, werden diese Jahre in den Darstellungen eben übersprungen. Das Zentralkomitee kann man dagegen nicht so einfach entlassen. Aber die Informationen sind spärlich. Überliefert ist, dass das Zentralkomitee nach Kriegsbeginn noch zweimal zu außerordentlichen Sitzungen zusammenkam: im März 1915 in Berlin und im Juli 1916 in Frankfurt. Dann aber verstummten die Stimmen und umso lauter werden im Rückblick die Fragen: Wie verhielten sich die Mitglieder angesichts eines Nationalismus, der vor den Kirchen nicht Halt machte? Schon gar nicht bei den Katholiken, die kein Interesse daran hatten, die gerade gewonnene Zugehörigkeit zur Nation zu riskieren? Wie reagierten die Mitglieder des Zentralkomitees, das sich einst eine bedingungslose Papsttreue auf die Fahnen geschrieben hatte, auf die Friedensinitiative Benedikts XV. vom August 1917? Die Leerstellen in der Literatur stehen für eine bezeichnende Sprach- und Hilflosigkeit auch der führenden Katholiken angesichts von Nationalismus und Revolution.

Die Schwierigkeiten mit der Revolution 1918/19 zeigten sich in den Katholikentagen der Weimarer Republik. Inzwischen stand Aloys zu Löwenstein an der Spitze des Zentralkomitees. Der Sohn des früheren Vorsitzenden und Kommissars des ZK war 1920 zum Präsidenten gewählt worden. Er trug dazu bei, den Katholikentagen der Weimarer Jahre einen dezidiert "unpolitischen" Charakter zu geben. Ihrer Attraktivität schadete das nicht: Die Teilnehmerzahlen schnellten in die Höhe, bis 1928 in Essen 250.000 Menschen an der Abschlusskundgebung teilnahmen. Als sich das Zentralkomitee 1934 weigerte, den von Göring eingeforderten Treueeid auf den Nationalsozialismus abzulegen, war die Zeit des organisierten Katholizismus abgelaufen. Allerdings bleibt auch hier die Frage: Was wurde aus den Mitgliedern des Zentralkomitees im Nationalsozialismus? Was aus ihren Kontakten? Aus ihren Überzeugungen? Aloys zu Löwenstein zog sich auf seine böhmischen Besitzungen zurück. Weiteres ist der Literatur nicht zu entnehmen. Es bleibt eine Leerstelle.

Nach 1945 setzen bald Überlegungen ein, Katholikentag und Zentralkomitee wiederzubeleben. So wurde 1947 das alte Zentralkomitee wieder einberufen, ohne dass klar war, in welche Richtung sich das Komitee entwickeln sollte. Zunächst einmal nahm es seine wichtigste Aufgabe wieder auf und organisierte den nächsten Katholikentag im September 1948. Gleichzeitig zog sich Aloys zu Löwenstein aus dem Präsidentenamt zurück, das er für seinen Sohn Karl räumte. Vor allem aber war das Komitee mit einer Strukturdebatte beschäftigt, bis schließlich 1952 das neue, jetzt auch tatsächlich so genannte, ZdK aus der Taufe gehoben werden konnte. Es ist der dritte plausible Geburtstag des ZdK. Schließlich heißt es in der Dissertation von Thomas Großmann klipp und klar: "Das ZdK wurde erst im Jahr 1952 gegründet".

Jetzt entstand das ZdK, wie wir es – weitgehend – kennen: Mit der Geschäftsstelle in Bad Godesberg und ihrem Generalsekretär, dem Geistlichen Direktor bzw. Assistenten, und natürlich den drei Säulen von Diözesanvertretern, Verbänden und Einzelpersönlichkeiten – ähnlich, wie es schon einmal um 1870 strukturiert war. Allerdings unterschied sich das neue Gremium von den vorangegangenen Institutionen durch die strikte Unterordnung unter die Autorität des Episkopats, auch wenn dies in dem neuen Statut von 1967 abgemildert wurde. Das verweist auf die eingangs erwähnten Spannungsbögen, auf die ich nun zu sprechen kommen möchte.

II. Spannungsbögen

Die verschiedenen Geburtstage des ZdK sind wichtig, zeigen sie doch beispielhaft die Ambivalenz dieser Institution, also die Unmöglichkeit, sie angesichts der divergierenden, widersprüchlichen Indizien für Fortschritt und Beharren, von Demokratie und Autoritätshörigkeit auf einen einfachen Nenner oder eine simple Fortschrittserzählung zu bringen. So wie 1952 ein Dokument der Subordination der Laien unter die Bischöfe ist, so war 1848 ein Moment von Freiheit, Demokratie, Unabhängigkeit. 1848 zählten die Katholiken zu denjenigen, die sich für eine Verfassung einsetzten, schließlich konnte gerade die Verfassung die Willkür absolutistischer Herrschaft einhegen, unter denen katholische Interessen in der Restaurationsphase nach 1815 zu leiden hatten. Gegen diese staatliche Willkür setzten sich Katholiken ein, die ihre Gesinnung zum Ausdruck brachten, indem sie Bilder des irischen Freiheitskämpfers Daniel O´Connell in die Wohnstuben hängten.

Doch der revolutionäre Moment war höchst flüchtig. Erstens schlug sich auch bei den Katholiken das nieder, was sich in der Revolutionsentwicklung in den Staaten des Deutschen Bundes 1848 zeigte: Nach dem revolutionären Aufbruch obsiegten Kräfte der Ordnung. So sind schon die Berichtsbände von 1849 in einem anderen Duktus verfasst. Zweitens waren die Katholiken der Kirchentage, die so vehement gegen staatliche Bevormundung ins Feld zogen, ohnehin erstaunlich eilfertig bereit, den absolutistischen Anspruch des Papstes zu akzeptieren. Die Frage nach dem Verhältnis des ZdK zu Freiheit und Demokratie schließt also zweierlei ein: die Einstellung gegenüber staatlicher und gesellschaftlicher Ordnung einerseits und die gegenüber der kirchlichen Hierarchie andererseits. Dass beides eng miteinander gekoppelt ist – ohne deckungsgleich zu sein – ist in der Überzeugung begründet, dass sich in den vermeintlichen Gesetzen von Welt und Natur Gottes Wille erkennen ließe.

Autoritäre und patriarchalische Gottesbilder und Ordnungsvorstellungen wurden somit – bei Laien und Klerikern, bei Arbeitern und Aristokraten – zum Leitbild von Formen staatlicher, familiärer, beruflicher und kirchlicher Über- und Unterordnung. Was hier im 19. Jahrhundert ausgeprägt und entwickelt wurde, hat Nachwirkungen bis auf den heutigen Tag. Zu einigen Aspekten nur ganz kurze Bemerkungen, die vor allem eines andeuten sollen: Die Aktualität dieser Fragen.

1)      Spannungen zwischen Demokratie und Autorität

Die katholische Kirche gilt allgemein ja nicht als Hort der Demokratie, mit umso größerer Freude registriert man das Engagement der Katholiken für eine Verfassung 1848 und liest vom "Demokratievorsprung" der Katholiken am Ende des Kaiserreichs – bedingt durch das langjährige Einüben demokratischer Verhaltensmuster in Gremien und Vereinen. Gerade das Zentralkomitee kommt als Vorreiter infrage sein, schließlich mussten Mitglieder und Präsidium gewählt werden. Aber – so fragt man unwillkürlich – was für Wahlen waren das, wenn über hundert Jahre lang, von 1868 bis 1968 (bis auf eine Zwischenzeit von rund 20 Jahren) der Vorsitz in den Händen der Familie zu Löwenstein lag, wo der Stab vom Vater Karl Heinrich über den Sohn Aloys auf Enkel Karl Friedrich weitergegeben wurde. Mehr als 100 Jahre lang blieb das Präsidium in den Händen der katholischen Hocharistokratie, und es verwundert vor diesem Hintergrund nicht, dass sowohl Kardinal Faulhaber, als auch der ZK-Präsident Aloys von Löwenstein 1922 nicht nur mit der Republik, sondern auch mit dem Katholikentagspräsidenten Konrad Adenauer haderten, der sich vehement für die Republik ausgesprochen hatte und damit auch der Revolution positive Seiten abgewinnen konnte.

Wie positionierten sich die Männer des "Central-Komitees" am Ende der Weimarer Republik und zu Beginn des Nationalsozialismus? Dass auch die Katholiken nicht nur aufrechte Widerstandskämpfer gewesen waren, zeigte sich im Übrigen – auch hier sind Katholikentage Spiegel der Zeit – in den 1960er Jahren: So stellte sich heraus, dass Willi Geiger, Verfassungsrichter in Karlsruhe und Präsident des Bamberger Katholikentags 1966, nicht nur eine regimetreue Dissertation geschrieben, sondern in den 1940er Jahren als Staatsanwalt an Todesurteilen des Bamberger Sondergerichts beteiligt gewesen war. Schließlich musste 1968 der Präsident des ZdK Karl Friedrich zu Löwenstein zurücktreten, als herauskam, dass er einen NS-kritischen Verwandten denunziert hatte.

Das Verhalten seines Vaters Aloys allerdings gilt als untadelig, schließlich hatte er kompromisslos die Forderungen Görings nach einem Treueid abgewiesen. Aber wie hatte er sich gegenüber jenen katholischen, vorwiegend westfälischen Adeligen verhalten, die 1931 offen für eine Annäherung auch der katholischen Kirche an den Nationalsozialismus eingetreten waren? Hätte es nicht doch mehr Gelegenheiten gegeben, die aufkommende Gefahr von rechts zu problematisieren? Sich stärker für die Demokratie – ungeachtet all ihrer Schwächen - einzusetzen?

2)      Spannungen zwischen Laien und Klerikern

Dabei fanden sich Spannungen eher im Verhältnis zwischen Laien und der Kirchenhierarchie. Von Anfang an gab es in der Bewegung des Laienkatholizismus eine unkomplizierte Kooperation mit Geistlichen, die auch zahlreich auf Katholikentagen und im "Central-Komitée" vertreten waren, aber eben nicht in ihrer Rolle als Geistliche, sondern als Delegierte ihrer Verbände. Komplexer ist das Verhältnis zur Hierarchie. Hier kam es zu signifikanten Veränderungen. Im 19. Jahrhundert waren die Generalversammlungen der deutschen Katholiken schon deshalb unabhängige Veranstaltungen, weil sich die deutschen Bischöfe erst NACH den Laien zusammengeschlossen hatten, wobei die Unterwürfigkeitserklärungen, die in dieser Zeit von den Laienkatholiken an die Bischöfe geschickt wurden, kaum auf Renitenz schließen lassen.

Konflikte gab es vermutlich deshalb nicht, weil man im Kampf gegen den gemeinsamen Feind aufeinander angewiesen war. Nichts mobilisierte die deutschen Katholiken so sehr wie ein vom preußischen Staat in Bedrängnis gebrachter Bischof. Je mehr jedoch die Gemeinsamkeit stiftenden Feindbilder (preußischer Staat und Sozialismus) erodierten, desto mehr traten Konflikte zwischen Kirchenhierarchie und Laien zutage. Nachdem in den Weltkriegen die Strukturen des Laienkatholizismus gelitten hatten bzw. zerschlagen worden waren, nutzten die Bischöfe dieses Vakuum und ihr in der Orientierungslosigkeit der Nachkriegszeit gewachsenes Prestige, um der Laienarbeit ihren Stempel aufzuprägen. Davon zeugt die Debatte um die Katholische Aktion in der Nachkriegszeit, und davon zeugt das Statut des ZdK von 1952, das in Paragraph 1 die Verhältnisse klärt: "Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist der von der Autorität der Bischöfe getragene Zusammenschluß der im Laienapostolat der katholischen Kirche in Deutschland tätigen Kräfte." Liest man die in diesem Umfeld entstandenen Texte, fällt erstens auf, wie oft die Kleriker betonen, dass das ZdK dem "Rufe unserer Oberhirten" folge. Zweitens wird in den Texten des zum Generalsekretär des ZdK ernannten Priesters und späteren "Ruhrbischofs" Franz Hengsbach kaum etwas dermaßen intensiv unterstrichen, wie "das Vertrauen der Hierarchie zur Mitarbeit der Laien". "Die Gründung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken", so Hengsbach im April 1953, "ist ein kühner Versuch und ein Beweis großen Vertrauens seitens des Episkopats zu den Kräften des Laienapostolates." Wer derart Kühnheit und Vertrauen beschwört, löst automatisch Fragen danach aus, wer eigentlich welche Angst und welches Misstrauen hatte und warum?

Seitdem ist viel passiert. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Rolle von Laien auf eine andere Basis gestellt, und nach dem neuen Statut von 1974 ist das ZdK nicht mehr von "der Autorität der Bischöfe getragen", sondern ein von der Deutschen Bischofskonferenz  "anerkanntes Organ", mit dem im Rahmen der Gemeinsamen Konferenz regelmäßige Kontakte bestehen.

Aber immer noch scheint es immer wieder Haltungen und Emotionen zu geben, die einer Kooperation auf Augenhöhe entgegenstehen. Inwieweit beeinträchtigt dieser Webfehler von 1952, der den Laienkatholizismus unter die Autorität der Bischöfe stellte, ein kooperatives Agieren in wechselseitigem Respekt, welches doch gerade in diesen Zeiten so wichtig wäre? Die massiven, persönlichen Verletzungen, die damit zu tun hatten, dass die Laien 1999 einen Verein gründeten, der nicht das Gefallen von Bischöfen und Vatikan fand, nämlich Donum vitae, hätten wohl unterbleiben können, wenn man den Laien grundsätzlich ein unabhängiges Urteilen und Handeln zugestanden hätte. Dass sogar Präsidentenwahlen des ZdK von den Bischöfen torpediert werden können oder dass jede Änderung des Status der Zustimmung der Bischofskonferenz bedarf, scheint jedenfalls nicht in die Gegenwart zu passen.

3)      Die Frauenfrage

Ähnliche Schwierigkeiten bei der Erklärung des Katholizismus im säkularen Berlin habe ich mit Blick auf die Stellung der Frauen. Hier hat zumindest das ZdK seinen ursprünglichen Webfehler beseitigt, der ein Webfehler beider Ursprungsinstitutionen gewesen ist: der Kirche und des Parlamentarismus. Frauen waren die Verliererinnen der Entwicklung von Gendervorstellungen in Klerus und Bürgertum. Insofern waren Frauen auch auf den Generalversammlungen der Katholiken im 19. Jahrhundert zwar zugelassen, aber nur als Zuhörerinnen, und selbst das nicht in den internen Sitzungen. Die Katholikentags- und ZK-Geschichte des 19. Jahrhunderts ist eine Geschichte von Männern. Allerdings hatte schon ein Redner auf der Generalversammlung 1899 in Neiße die "Frauenfrage" thematisiert und gemahnt: "Die katholischen Männer Deutschlands müssen die Frauenbewegung ernster nehmen und mehr mit ihr rechnen." Angesichts des grassierenden Antifeminismus im Kaiserreich hebt es sich nachgerade irritierend ab, wenn der Redner in Neiße August Bebel bemüht und den katholischen Männern ins Stammbuch schreibt: "Auf welcher Seite in der großen Bewegung der Gegenwart die Frau steht, dort ist der Sieg." Die meisten weiblichen Wählerstimmen gingen während der Weimarer Republik jedenfalls an das Zentrum.

Mit der Zulassung zu Wahlen und Vereinen stand auch plötzlich den Frauen der Weg in das Zentralkomitee offen. Vier von ihnen, die jeweils die wichtigsten katholischen Frauenverbände repräsentierten, wurden 1920 hinein gewählt. Auch gab es zwei Frauen, die 1921 und 1922 Vizepräsidentinnen der Katholikentage waren. Immerhin standen hinter ihnen bzw. ihren Verbänden hunderttausende Frauen.

Wirklich ausgewogen war das Geschlechterverhältnis – anders als angekündigt – auch nach 1952 lange nicht. Es solle, hieße es in den Planungen 1952, "peinlich" auf ein Gleichgewicht geachtet werden: "zwischen Klerikern und Laien, zwischen Männern und Frauen, zwischen Nord und Süd". Nirgends ist dieses Soll erfüllt worden, aber bei dem Genderverhältnis tat sich am meisten: Mit Rita Waschbüsch gab es immerhin eine Präsidentin, inzwischen ist das Präsidium gendergerecht aufgestellt, und vor den Vollversammlungen eruieren ZdK-Frauen die für sie wichtigen Themen.

Die Frauenthematik zeigt zweierlei: Erstens, dass es unmöglich ist, "weltliche" und "binnenkirchliche" Fragen strikt voneinander zu trennen – auch wenn dies die Laien schon 1848 vollmundig zugesichert hatten. Vorstellungen von Gender- und Familienordnungen tangieren Welt und Kirche. Und gerade deshalb werden Männer und Frauen, die von der Gleichberechtigung der Geschlechter überzeugt sind, nicht ruhen, bis auch innerkirchlich diese volle Gleichberechtigung hergestellt ist. Das ZdK spielt hier eine wichtige Rolle, könnte aber – für meinen Geschmack – noch mutiger sein.

Die "Frauenfrage" verweist aber ihrerseits auf einen weiteren Aspekt: den nicht immer unproblematischen Umgang des Zentralkomitees mit Vielfalt.

4)      Spannungen zwischen "Einheit" und "Vielheit"

Es gelang schon im 19. Jahrhundert dadurch besonders gut als "Einheit" aufzutreten, dass divergierende Stimmen ausgeschlossen wurden. Das galt für die 1840er Jahre für die Deutschkatholiken, was nicht unwichtig ist, weil sich hier besonders viele Frauen artikulierten. Und das galt in den 1870er Jahren für die Altkatholiken. Beide Bewegungen speisten sich aus der katholischen Aufklärung und dem Widerstand gegen römischen Zentralismus bzw. Unfehlbarkeitsanspruch. Auf den Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands waren sie unerwünscht. Eine Debatte fand nicht statt. Dabei hatten  nicht nur viele deutsche Bischöfe, sondern auch das inzwischen arrivierte katholische Bürgertum in Deutschland mit dem Unfehlbarkeitsdogma größte Schwierigkeiten, das "Central-Comitee" dagegen nicht. In einer Resolution bekannten die Mitglieder der Generalversammlung von 1871 in "unerschütterlichem Gehorsam" ihren "freudigen Glauben an das Dogma des unfehlbaren Lehramts des Papstes in Sachen des Glaubens und der Sitten".

Gerade dem Vorsitzenden des "Central-Comités", Karl Heinrich zu Löwenstein, war die Papsttreue ein persönliches Anliegen. Die erste Aktivität dieses Gremiums bestand in der Organisation einer Pilgerfahrt nach Rom anlässlich des 50. Priesterjubiläums Pius IX., dem der Fürst im Namen der "Delegation des Zentralkomitees der Katholischen Vereine Deutschlands" 250.000 Unterschriften und 1 Million Franken überreichte. Fünf weitere, vom ZK organisierte kollektive Pilgerfahrten folgten. Die unstrittige Solidarität mit dem Papst ließ keinen Platz für Dissidenten oder diejenigen, die man dafür hielt. Reformtheologen wurden in den 1920er Jahren ebenso wenig zu den Katholikentagen eingeladen wie Politiker, deren polarisierende Wirkung gefürchtet wurde – selbst wenn sie, wie Josef Wirth, als katholischer Reichskanzler der Republik amtierten. Noch in der Debatte über den NATO-Doppelbeschluss in den 1980er Jahren wurden Pax Christi und der BDKJ offenbar wegen ihrer oppositionellen Haltung nicht eingeladen. Katholikentage, so galt offenbar immer noch die Devise von Aloys zu Löwenstein, sollten die Einheit des deutschen Katholizismus stärken und nicht stören.

Daraus ist erstens die Frage abzuleiten, ob es nicht wichtig wäre, auch im ZdK zu einer Kultur der offenen Debatte zu kommen, in der divergierende Ansichten noch stärker deutlich werden? Dies führt weiter zu dem ungleich problematischeren Aspekt der Repräsentation im ZdK: Was oder wen repräsentiert das Gremium überhaupt? Spiegelt es die Meinungsvielfalt im deutschen Katholizismus? Wer fühlt sich noch vom ZdK vertreten? Wie viele Katholiken kennen es überhaupt? Was tun, wenn die Basis bröckelt, weil der Zulauf zu den Verbänden schwindet und die Attraktivität der Räte schwindet, so dass sich die Katholiken in den Diözesen dort gar nicht repräsentiert sehen? Das leitet über zu meinem letzten Punkt.

5)      Formen und Inhalte

Verbände und Vereine stellten DIE modernen Organisationsformen des 19. Jahrhunderts dar. Rätestrukturen waren im Katholizismus DIE moderne Partizipationsform des 20. Jahrhunderts. Was aber sind die Rekrutierungs-, Arbeits- und Manifestationsformen des 21. Jahrhunderts? Bezüglich der Dynamik kann man erneut vom 19. Jahrhundert lernen: Was da innerhalb kürzester Zeit mit dem Volksverein auf den Weg gebracht wurde mit den modernsten Mitteln der Zeit ist beeindruckend. Etwas davon blitzte erst bei der Gründung von Donum Vitae und jüngst bei dem Engagement der Hamburger Schulgenossenschaft auf. Vielleicht geht der Weg in Richtung von Initiativen wie dieser.

Im Übrigen erinnert auch das Schulthema an das 19. Jahrhundert, so wie man ohnehin erstaunt feststellt, wie sehr die damaligen Konfliktfelder auch heute noch aktuell sind. Die brennendste Thematik im Sachbereich "Kultur" war damals ohne jeden Zweifel die "Schulfrage". Nur eben unter umgekehrtem Vorzeichen. Laien und Bischöfe, die damals Seit an Seit für die Expansion der Bekenntnisschule stritten, würden sich heute im Grab umdrehen, wenn sie den Erklärungen lauschen müssten, mit denen Gremien und Bischöfe Schulschließungen rechtfertigen. Es ist sicher nicht verkehrt, sich über die Bedeutung katholischer Schulen in Deutschland noch einmal ernsthaft Gedanken zu machen.

Nicht minder aktuell ist heute die "soziale Frage". Wenn etwas die Katholikentage des 19. Jahrhunderts wie ein roter Faden durchzieht, dann ist es die Hinwendung zu den in Bedrängnis Geratenen, den sozial Marginalisierten, den Armen. Entscheidende Impulse zur Entwicklung dessen, was als "katholische Soziallehre" bekannt werden sollte, kamen aus diesem Kreis. Die Caritas wurde als Institution begründet, aber auch als gelebte Praxis immer wieder angemahnt. Bei der Entwicklung der Sozialversicherungsgesetzgebung wirkten Vertreter des Zentralkomitees an entscheidender Stelle mit. Zahlreiche Initiativen des Volksvereins richteten sich an die unteren Gesellschaftsschichten. Zwar gelang es nicht, den Aufstieg der Sozialdemokratie zu verhindern, aber diese Ansätze trugen doch dazu bei, eine sozial gerechtere Welt zu gestalten. Es bleibt zu überlegen, wie man heute Caritas gestaltet und wie man diejenigen Gesellschaftsgruppen erreicht, die marginalisiert sind oder sich für abgehängt halten.

Auch das Verhältnis zwischen Staat und Kirche ist ein Dauerthema des Laienkatholizismus, für das man heute ebenso Spezialisten braucht, wie für das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Religionen. Im interkonfessionellen und interreligiösen Dialog hat das ZdK bereits erhebliche Expertise gewonnen, die es einzusetzen gilt in den kommenden Debatten, die ohne Zweifel das 21. Jahrhundert prägen werden. Schon jetzt ist es unabdingbar, aus dem Auftrag einer Religion der Liebe heraus einen Kontrapunkt gegen die aktuelle Unkultur des Hasses zu setzen. Dabei ist die Stimme des ZdK vermutlich wichtiger denn je. Wenn die Bischöfe sich nicht einig sind, wenn die päpstliche Autorität infrage gestellt wird und der Klerus durch den sexuellen Missbrauchsskandal als Moralagentur diskreditiert ist, dann schlägt womöglich jetzt die "Stunde der Laien".

Im Februar 1968 schrieb Kardinal Döpfner anlässlich des damaligen Jubiläums: "Hundert Jahre Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist Anlaß genug, dieser Einrichtung besinnlich und in Dankbarkeit zu gedenken". "Besinnlich" ist wohl eines derjenigen Adjektive, die man am wenigsten mit 1968 in Verbindung bringen würde. Auch 50 Jahre später ist wohl für Dankbarkeit, nicht aber für Besinnlichkeit Platz. Die Zeiten sind zu ungemütlich. Es sind genau diese Zeiten, in denen sich das ZdK bewähren muss.

In den Debatten um die Neugründung des ZdK 1952 legten die Beteiligten besonderen Wert auf den Hinweis, es gehe "im Zentralkomitee nicht um die Verteilung von Ehre, sondern um die Zuteilung von Arbeit". So ist es wohl. Es gibt viel zu tun.

Eine gekürzte Version des Vortrags ist in der Zeitschrift Herder Korrespondenz erschienen, vgl. Birgit Aschmann: Die Stunde der Laien? 150 Jahre Zentralkomitee der deutschen Katholiken, in: Herder Korrespondenz, 72. Jg., November 2018, S. 21-25. Eine Version mit wissenschaftlichem Anmerkungsapparat erscheint demnächst im Historischen Jahrbuch.

 

Prof.'in Dr. Birgit Aschmann | Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin