Salzkörner

Montag, 5. Juli 2004

"Es gibt nicht Mann und Frau …"

Gender Mainstreaming und katholische Kirche
Geschlechtlichkeit gehört zur Würde des Menschen. Darum hat es sich der Staat zur Aufgabe gemacht, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern (GG Art. 3 Abs. 2). Eine Aufgabe, die gemäß biblischem Verständnis (Gal 3,28) auch der katholischen Kirche gestellt ist.

"Gender Mainstreaming" – eine Strategie mit dem Ziel Geschlechtergerechtigkeit - ist für die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union rechtlich verankert im Amsterdamer Vertrag und bedeutet, die Gleichstellung und Gleichwertigkeit von Frauen und Männern effektiv zu verwirklichen. Dies betrifft die gesamte Gesellschaft: Gender Mainstreaming ist eine Aufgabe von Frauen und Männern und setzt bei Frauen und Männern an.

Chancengleichheit

Was ist mit Gender Mainstreaming gemeint? Es bedeutet die Einbindung der Chancengleichheit in alle politischen Konzeptionen und Maßnahmen. "Gender" kommt aus dem Englischen und beschreibt die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägten Geschlechterrollen, die erlernt und damit auch gestaltbar sind. Die Zugehörigkeit zur Kategorie "männlich" oder "weiblich" beeinflusst unser Denken, Erleben und Handeln und ist nicht nur biologisch bedingt, sondern auch das Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibungen und Werte. Mainstreaming (von engl. "Hauptströmung") heißt bezogen auf den Genderansatz, dass ein bestimmtes Handeln, nämlich ein geschlechterbewusstes, selbstverständlich wird.

Aktuell finden in verschiedenen Organisationen, Institutionen und Praxisfeldern Implementierungsprozesse statt, doch die Umsetzung ist sicherlich keine kurzfristige Angelegenheit. Dabei geht es um einen doppelten Ansatz: "Gender Mainstreaming" und spezifische Maßnahmen. Gender Mainstreaming löst weder Frauenförderpolitik noch Mädchen- und Jugendarbeit bzw. die Frauen- und Männerarbeit ab, sondern wirkt in der Ergänzung zum Erreichen desselben Ziels, nämlich der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern.

Der katholischen Kirche wird seit längerem vorgeworfen, zur Diskriminierung der Frauen und zum Androzentrismus beigetragen zu haben. Frauen und Männer wissen sich aber auch befreit durch die Botschaft des Evangeliums. Grenzen und Reibungsflächen existieren ebenso wie geschlechtergerechte Ansätze und Implementierungsprozesse von Gender Mainstreaming in verschiedenen Praxisfeldern wie Beratung, Frauen- und Männerarbeit, Bildung, Eine Welt Arbeit und Jugendarbeit. Gender Mainstreaming tangiert alle Bereiche einer Organisation: Arbeitsstrukturen, Führungsverhalten, das strukturelle Eingebundensein von Frauen und Männern, Leitbild, Personalentscheidungen, finanzielle Ressourcen, Work-Life-Balance, Kommunikation – um nur einige zu nennen. Auf diözesaner Ebene wird an vielen Orten im Kontext eines Entwicklungsprozesses an der Gleichstellung von Frauen und Männern gearbeitet. Der 95. Deutsche Katholikentag hat diese Thematik aufgegriffen.

Bedürfnissen beider Geschlechter
gerecht werden

(Kirchen)Frauen und (Kirchen)Männer brauchen die Bereitschaft zum Dialog. Sie brauchen Sachkenntnis, Mut und neue Lernfelder im Miteinander. Geschlechtergerechtigkeit als Vision bedeutet, das transformierende Potenzial der Zukunft in die Gegenwart zu bringen mit tief greifenden individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen. Die Aufgabe der katholischen Kirche liegt darin, ein gerechtes Miteinander der Geschlechter zu ent- wickeln und zu leben, Sensibilisierung und Bewusstseinsprozesse zu initiieren, Kompetenzen, Maßnahmen und Erprobungsfelder zu fördern, die dazu beitragen, Geschlechtergerechtigkeit mit Leben zu füllen und den Bedürfnissen beider Geschlechter gerecht zu werden ohne zu uniformieren.
Gender Mainstreaming als Anliegen christlicher Sozialethik
Gender Mainstreaming ist keine Ideologie, sondern mehr als eine rechtlich vereinbarte Verpflichtung – Geschlechtergerechtigkeit ist ein Anliegen der christlichen Sozialethik.

Autor: Ulrike Gentner, Stellvertretende Leiterin des Bildungsbereiches im Heinrich Pesch Haus, Ludwigshafen und Gendertrainerin

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