Salzkörner

Mittwoch, 4. November 2020

„leben teilen“

Das Leitwort des 102. Deutschen Katholikentag 2022 in Stuttgart

So ist das mit den Katholikentagen! Ein starker Impuls muss her, wie ein heller Funke, damit der Motor anspringt, der Maschinenraum Fahrt macht und so das Werk Gestalt annehmen kann. Der helle Funke, das ist das Leitwort. Beschlossen wurde es auf Empfehlung der Katholikentagsleitung Stuttgart 2022 vom Hauptausschuss des ZdK. Beide Gremien sind Motoren. Gestalt nimmt das Event im Maschinenraum des Katholikentags an, durch das Engagement vieler meist ehrenamtlicher Hände.

Dieses Leitwort „leben teilen“ erinnerte mich zuerst an eine Standardformulierung meiner Oma aus Kindertagen. Immer wenn ich etwas – meist Süßes – geschenkt bekam, sagte sie: „Das teilst du aber mit deinem Bruder, sonst …!“ Nach der Devise „lieber einen Spatzen in der Hand, als die Taube auf dem Dach“ teilte ich bereitwillig dieses Lebensmittel.Das Wort „teilen“ weckt also Assoziationen, ausgelöst vielleicht durch Kindheitserinnerung, erfahrene Notsituationen, familiäre Angelegenheiten oder gesellschaftliche Gegebenheiten. Das Wort „leben“ wiederum lässt viel Raum zu, in den es hinein ausdifferenziert werden kann. Auch die Kleinschreibung schafft viele Bezugspunkte zum Alltäglichen der menschlichen Existenz. Verschiedene Kombination beider Begriffe regen die Fantasie an und fördern Kreativität.

In der Bibel taucht der Begriff „teilen“ eher indirekt auf, so in der Abendmahlsszene bei Lukas: „Jesus nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten …“ (Lk 22,19). Besonders prägnant schimmert der Begriff in der Apostelgeschichte als „Kennzeichen“ der jungen christlichen Gemeinden durch: „Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam.“ (Apg 4, 32).

Ein theologischer Kernbegriff der göttlichen Offenbarung ist die Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus: Gott teilt sich den Menschen in Jesus mit, der als Christus bekannt wird. In der Geschichte des Christentums spielt „teilen“ mal mehr, mal weniger trotzdem eine zentrale Rolle. Teilen ist ein Charakteristikum christlicher Existenz. Ein handfestes Bild des Teilens bietet St. Martin. Er ist wohl die berühmteste Ikone des Teilens, und ganz nebenbei auch der Diözesanpatron des Bistums Rottenburg-Stuttgart.

Die Verben „leben“ und „teilen“ sind keine akademischen Instruktionen, sondern bezeichnen ein Erleben, das mit der Existenz des Menschen verknüpft ist.

Das verdeutlicht in großen Zügen dieser Satz, der laut Beschluss mit dem Leitwort verbunden ist: „Teilen als Grundhaltung christlicher Weltverantwortung“. Diese christliche Verantwortung ist spürbar, wenn sie konkrete Menschen betrifft, deren Leben nur gelingen kann, wenn mit ihnen geteilt wird. Das besondere weltkirchliche Engagement im Bistum Rottenburg-Stuttgart ist im Leitwort beinhaltet, und wird in seiner Fortsetzung ein wichtiger Akzent auch über den Katholikentag hinaus sein.

Das Leitwort des Katholikentags kann bereits ein starker Impuls sein in der Qualität des Miteinanders derer, die ihn vorbereiten. „leben teilen“ wird als Herausforderung bald vor jedem einzelnen stehen und anklopfen: Wie hältst du es mit „leben teilen“, lässt du dir das Teilen was kosten? Dabei ist das Leitwort „leben teilen“ weder eine Drohung noch Moralin. Es ist ein froher und frohmachender biblischer Ausruf und Aufruf, der verstanden werden muss als Handwerk. Es wird darauf ankommen, wie spürbar wir das Leitwort werden lassen, nicht nur im karitativen Engagement in der weiten Welt, sondern auch in der kleinen Welt vor unserer Haustür.

So ist das bei Katholikentagen: Ein starker Impuls muss her, wie ein heller Funke! Ja, dieser Funke soll überspringen vom Ich zum Du. Schon auf dem Weg hin zum Katholikentag in Stuttgart, und er wird Corona ein „Wir“ entgegenhalten.

 

 

Autor: Christoph Stender | Geistlicher Rektor im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)

zurück zur Übersicht