Salzkörner

Freitag, 28. Februar 2020

„schaut hin“

Das Leitwort des 3. Ökumenischen Kirchentags fordert uns zum kritischen Blick auf

Das Leitwort des 3. ÖKT gründet sich auf das Markusevangelium 6,38, auf die Speisung der Fünftausend. Die Jünger sagen Jesus, dass sie nicht genug Geld haben, um allen Menschen, die gekommen waren, Essen kaufen zu können. Und Jesus fordert sie auf „seht nach was ihr habt und es wird reichen“. Er gibt sich nicht mit der Feststellung der Jünger zufrieden, und siehe da, es fanden sich fünf Brote und drei Fische und alle wurden satt.

„schaut hin“, das Leitwort fordert uns auf, hinter die vordergründigen Erklärungen und Muster zu sehen, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und sich nicht zu schnell zufriedenzugeben. Eigenschaften, die wir in der heutigen Zeit dringend nötig haben.

Der Ökumenische Kirchentag findet 2021 in Frankfurt statt. Eine Stadt mit 770.000 Einwohner*innen, über 50 Prozent haben ausländische Wurzeln. Wenn man genauer hinschaut, ist Frankfurt eine Stadt, die angesichts ihrer hohen Diversität und sozialen Herausforderungen einen belastbaren sozialen Frieden lebt und immer wieder austarieren kann. Gleichzeitig kann man an dieser Stadt exemplarisch gesellschaftliche Entwicklungen ablesen, wie sie auch in anderen Ballungsräumen in Deutschland geschehen: Die Verknappung von bezahlbarem Wohnraum ist zu einer sozialen Frage geworden, nicht nur für ökonomisch schlechter gestellte Bürger*innen, sondern auch schon für mittlere Einkommen. EU-Bürger*innen, die kein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis finden, sind von ausbeuterischer Beschäftigung bedroht und finden sich häufig in Wohnsitzlosigkeit wieder. Frankfurt gilt als Single-Hauptstadt in Deutschland, das prägt das Zusammenleben in der Stadt. Und als Ort, an dem einer der weltweiten Internetknotenpunkte liegt, ist Frankfurt Sinnbild für die digitale Transformation der Gesellschaft.

Diese Entwicklungen sind nicht unbekannt, und es lassen sich weitere dazulegen. Und auch hier sollten wir genauer hinschauen. Stimmen die bisherigen Erklärungsmuster? Fragen wir uns ehrlich, was die Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen sind? Diese Entwicklungen sind nicht neu, Änderungen oder Abmilderungen von negativen Konsequenzen sind jedoch nur sehr unterschiedlich zu spüren. Gehen wir eine Verbesserung mit ausreichender Konsequenz an? Oder will die Mehrheits-Gesellschaft die sozialen Ungerechtigkeiten vielleicht gar nicht mindern, weil sie befürchtet, den eigenen Wohlstand minimieren zu müssen.

Ich würde mir wünschen, dass wir uns genau solche Fragen stellen in den verschiedenen Themenfeldern des ÖKT. Wir sollten vor einer ehrlichen Analyse nicht zurückscheuen, nicht nur bei den sozialen Themen, sondern auch bei unseren Kirchen, der Bewahrung der Schöpfung, der internationalen Gerechtigkeit, einem verantwortbaren und nachhaltigen Wirtschaften, der gleichen Teilhabe von Männern und Frauen und einer gelebten Wertegemeinschaft. Uns geht es mehrheitlich gut in Deutschland, wir leben in Frieden und Wohlstand. Das gibt uns die Möglichkeit und die Sicherheit, Fragen zu stellen und vielleicht unangenehme Wahrheiten aufzudecken. Vielleicht kann ich es an einem Beispiel erläutern: Seit Beginn der Armutsberichtserstattung in Deutschland stellen wir fest, dass die Alleinerziehenden mit ca. 40 Prozent das höchste Armutsrisiko tragen. Viele Maßnahmen wurden entwickelt, um dies zu bekämpfen, letztendlich bleiben die Zahlen jedoch konstant. Wir verfügen über das Wissen und auch die Ressourcen, um eine Verbesserung zu erzielen. Welche Fragen müssen wir uns ehrlich stellen und welche daraus folgenden, vielleicht schmerzlichen, aber hilfreichen Konsequenzen sollten wir ziehen? In diesem Sinne sollten wir auf dem ÖKT arbeiten und damit wahrhaftig ein Zeugnis von Jesus geben.

     

Autor: Gaby Hagmans Direktorin beim Caritasverband Frankfurt e. V.

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