Salzkörner

Donnerstag, 23. August 2018

25 Jahre Renovabis

Eine bleibende Verantwortung für Europa

Am 3. März 1993 beschloss die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Frühjahrs-Vollversammlung in Mülheim/Ruhr, "die Aktion Renovabis als Aktion der partnerschaftlichen Solidarität der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa ins Leben" zu rufen. Damit waren die äußeren Voraussetzungen für eine wichtige Antwort geschaffen, die Kirche und Gläubige in Deutschland auf die großen Veränderungen in Europa seit 1989 gaben. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, namentlich sein Generalsekretär Dr. Friedrich Kronenberg, hatte den entscheidenden Anstoß gegeben.[1]

Unvergessen bleibt dem Autor aus jener Zeit seine eigene Zusammenarbeit mit dem Gründungsbeauftragten Weihbischof Leo Schwarz (Trier), ohne dessen Einsatz das noch zarte Pflänzchen keine starken Wurzeln geschlagen hätte. In dem seit der Gründung von Renovabis vergangenen Vierteljahrhundert haben sich das östliche Europa und unser Verhältnis zu ihm von Grund auf verändert. Den "alten Osten" gibt es nicht mehr. Die kommunistische Herrschaft ist Objekt der zeitgeschichtlichen Forschung, der landläufig eingebürgerte Osteuropabegriff unscharf geworden.

Ereignisse und Entwicklungen sind seither eingetreten, die das Hoffnungsbild des "neuen Europas" von 1989/90 in Frage stellten: die Annexion der Krim und die Destabilisierung der Ukraine; das Verblassen der Attraktivität der Europäischen Union durch die Währungskrise und die Unfähigkeit, einen gemeinsamen Standpunkt gegenüber den weltweiten Migrationsbewegungen zu finden; die fortdauernde negative Bilanz vieler osteuropäischer Länder in Wirtschaft und Demographie; wachsende Differenzen auch im kirchlichen Raum in der grundlegenden Frage, wie Kirche und Christentum in der offenen Gesellschaft der Moderne ihre Sendung erfüllen sollen und in welchem Verhältnis dies zu den gewachsenen Formen kirchlicher Identität steht.

Der Auftrag von Renovabis hat sich also nicht erledigt, wie viele es erwartet haben. Neue Herausforderungen erweisen sich bei näherem Hinsehen als die bleibenden.

Gründe erkennen, Voraussetzungen und Zusammenhänge wahrnehmen

Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind uns die Länder im Osten Europas noch nicht genügend bekannt, ja oft fremd geblieben. Dazu tragen immer noch Gleichgültigkeit und westliche Selbstüberschätzung bei. Oft gerade dann, wenn mit bester Absicht und manchmal auch mit gutem Grund an einer Art nachholender Entwicklung der Partner im Osten gearbeitet wird. Lange blieb es unbemerkt, dass sich die Abwehr von unwillkommenen Ratschlägen aus dem Westen auch zur Verhärtung und Überhöhung der eigenen Positionen steigern konnte. Fundamental trennend wirkt immer noch die lange und intensive Erfahrung Osteuropas von Gewalt, Terror, Diktatur und Unfreiheit im 20. Jahrhundert, an der Deutschland seinen eigenen unheilvollen historischen Anteil hat.

Wenn man sich von der Erwartung löst, dass gesellschaftliche Entwicklungen und mit ihnen auch der Weg von Kirche und Religion sich in West und Ost unter dem Einfluss von "Europäisierung" immer mehr aneinander angleichen, dann muss die Bereitschaft wachsen, Verschiedenheiten zunächst zu ertragen und schließlich auch anzunehmen. Dabei gilt es andererseits, bleibende gemeinsame Grundlagen zu bewahren und auch Grenzen der Akzeptanz von Verschiedenheit zu bestimmen. Gleichzeitig mit diesen Einsichten wird das Bedürfnis nach europäischer Zusammenarbeit in der Kirche neuerdings wieder dringlicher empfunden. Die in 25 Jahren von Renovabis gesammelten Erfahrungen der Vermittlung und das erworbene Vertrauenskapital werden in Zukunft für die Kirche in Deutschland und für das kirchliche Gespräch auf europäischer Ebene noch wertvoller sein als bisher.

Sich solidarisch erweisen

Die am sichtbarsten wahrgenommene Ausdrucksform der "Solidaritätsaktion Renovabis" ist die "konkrete Hilfe bei der Erfüllung des pastoralen und gesellschaftlichen Dienstes der Kirche in Mittel- und Osteuropa" (vgl. Statut, Art.1, 5). Künftige Herausforderungen für die Projektarbeit werden wie schon bisher im jeweiligen Länderkontext zu sehen und entsprechend unterschiedlich zu definieren sein. An der Priorität der Bedürfnisse der Partner und am Grundsatz der Hilfe zur Selbsthilfe sollte überall festgehalten werden.

Keine neuen, sondern schon lange bekannte Herausforderungen, die freilich permanenten Charakter haben, stellen diejenigen mit Renovabis verbundenen Ortskirchen, die in ihren Ländern in einer strukturellen Diasporasituation leben und im Wesentlichen auf dauerhafte Unterstützung von außen angewiesen sind. Dabei ist etwa an den südlichen Balkanraum und die katholische Kirche in Russland zu denken. Renovabis wird immer wieder das Ausmaß der an seine Adresse gerichteten Erwartungen reflektieren sowie die Last der Verantwortung zusammen mit anderen abwägen und teilen müssen. Neben dauerhaften Verpflichtungen braucht die Fördertätigkeit von Renovabis aber immer wieder Impulse durch neue Partner, frische Ideen und Projektansätze, die mehr als manche eingefahrenen Wege auf die veränderten Anforderungen der Zeit reagieren; jedoch muss die Initiative aus dem jeweiligen Land kommen, damit Projekte Wurzeln schlagen können.

Das Kapital des Vertrauens pflegen und vermehren

Tätige Solidarität, die Kernaufgabe von Renovabis, bedarf einer soliden materiellen Grundlage. Diese in Zeiten veränderter gesellschaftlicher und kirchlicher Rahmenbedingungen zu bewahren, wird für Renovabis nicht die geringste Herausforderung der kommenden Jahre sein.

In den letzten Jahren ist die Verständigung zwischen Ost und West in Europa schwieriger geworden. Die Gefahr ist nicht zu leugnen, dass daraus auch in der Kirche bleibende Polarisierungen entstehen, die gegenseitige Entfremdung befördern. Renovabis genießt das Vertrauen vieler kirchlicher Partner auf allen Ebenen, aber auch auf den verschiedenen Flügeln. Es ist also besonders befähigt, Gesprächsfäden zu bewahren und Erfahrungen aus dem Ost-West-Dialog der vergangenen Jahrzehnte zu beherzigen. Der Austausch darf nicht zu kopflastig werden: Ebenso wichtig wie thematische Diskurse ist die Gemeinschaft stiftende Wirkung von Personen, Orten, Erinnerungen, Erfahrungen von Verbundenheit im Gebet und im Sakrament.

Das Interesse aneinander lebendig erhalten

Nach der Enttäuschung vieler allzu hochgespannter Erwartungen gewannen an vielen Stellen hartnäckig tradierte Stereotype über "den Osten" wieder Raum. Es bleibt zu hoffen, dass die Verärgerung über die neue Welle der Re-Nationalisierung im Osten Europas hierzulande das Desinteresse breiter Schichten an der Region nicht noch weiter verstärkt. Ignoranz und Gleichgültigkeit vergrößern heute in der Tat die Distanz ebenso wie die frühere Herablassung, und dies in einer Zeit, in der ganze Wirtschaftszweige, gar nicht zu reden von medizinischer Versorgung und Pflege, ohne die Arbeitskräfte aus Osteuropa vor großen Schwierigkeiten stünden. In dieser paradoxen Situation gleichzeitiger großer Nähe und fortdauernder Distanz kann Renovabis mit dem Netz seiner Partner an vielen Stellen grundlegende Kategorien menschlichen Miteinanders in Erinnerung rufen: mit Vernunft und Rücksicht gestaltete Nachbarschaft, persönliche Begegnung, Austausch von Erfahrungen, Bemühen um ein gemeinsames Ziel, schließlich dauerhafte Freundschaft.

Bei der Niederschrift dieser Überlegungen gingen die Gedanken des Autors mehr als einmal zurück zu den Jahren vor 1989: Wer sich der Erinnerung an Marginalisierung, Gängelung und Schikane der Kirchen stellt und sich gleichzeitig vergegenwärtigt, in welcher Freiheit sich heute der Glaube an Jesus Christus in unseren Nachbarländern öffentlich bekennen und seine Werke vollbringen darf, der wird diese Wiedergeburt und Entfaltung des christlichen Lebens auch jetzt und immer wieder neu als ein Gottesgeschenk erfahren – allen Enttäuschungen, Fehlentwicklungen und Schwächen zum Trotz: "Das hat der Herr vollbracht. Vor unseren Augen geschah dieses Wunder" (Ps 118,23).

 



[1]       Zu den Einzelheiten vgl. Friedrich Kronenberg: Lebendige Solidarität und Partnerschaft. Zum 20. Geburtstag von Renovabis. In: Salzkörner 19. Jg. 2013, Nr. 2; Gerhard Albert: Der Glücksfall. In: Veronika Kyll, Martin Lörsch, Michael Meyer, Bruno Sonnen (Hrsg.): Aufbrechen zu den Menschen. Leo Schwarz und das Abenteuer Konzil. Trier 2014, S. 168-175

 

 

Autor: Dr. Gerhard Albert Geschäftsführer von Renovabis

zurück zur Übersicht