Salzkörner

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Adieu, Stefan Vesper

Zwei Jahrzehnte im Dienste des ZdK

Auf dem Katholikentag in Hamburg, der unter dem Leitwort stand „Sein ist die Zeit“, habe ich Dr. Stefan Vesper zum ersten Mal richtig kennengelernt. Das war im Jahr 2000. Im Jahr zuvor war er zum Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken gewählt worden. Jetzt geht er nach 20 Jahren in den Ruhestand.

Zwei Dinge sind mir damals schon aufgefallen: Zunächst einmal ist Stefan Vesper ungeheuer neugierig auf die Menschen um ihn herum. Er interessiert sich für sie. Und ehe man sich versieht, ist man mitten drin in einem Ge­spräch. Wenn man ihn etwas näher kennengelernt hat, kommt noch eine zweite Sache hinzu: Stefan Vesper ist eigentlich immer geradeheraus. Zugegeben: Das ist nicht immer bequem, aber es ehrt ihn. Wenn er den Eindruck hat, dass etwas nicht ganz stimmt oder dass es verbes­serungswürdig ist, dann sagt er das auch – meistens freundlich, aber dennoch sehr bestimmt. Stefan Vesper ist ein Mensch, der ein festes Koordinatensystem hat und der daraus immer seine Konsequenzen zieht.

Stefan Vesper wurde 1956 in Düsseldorf geboren. Er stu­dierte Geschichte und Katholische Theologie in Köln und Bonn und promovierte im Fach Religionspädagogik/Er­wachsenenbildung. Parallel dazu war er Mitarbeiter am Katholisch-Sozialen Institut in Bad Honnef. Stark geprägt hat ihn seine Auslandstätigkeit beim Sekretariat der Euro­päischen Bischofkonferenzen (CCEE) in St. Gallen. Er war dort Versammlungssekretär für die Zweite Ökumenische Versammlung in Graz.

Brücken bauen

Ökumene ist für Stefan Vesper ein absolutes Schlüssel­wort. Sicher: Er ist beheimatet in der katholischen Kirche. Aber er weiß auch, dass links und rechts von seiner Kir­che noch viel Raum ist. Das bedeutet für ihn: Vortasten, Verabredungen treffen, Brücken bauen auf manchmal un­sicherem Terrain. Ihm war es immer wichtig, dass er dem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet. So gelang es ihm, verlässliche Wege zu finden in die evangelische und in die orthodoxe Kirche hinein, Wege zu einem lebendigen Aus­tausch, bei dem beide Seiten voneinander lernen können: Das war und ist ihm immer ein besonderes Anliegen ge­wesen. Immer einen fairen Kompromiss suchen, der nie­manden überfordert und dennoch neue Räume eröffnet für die konkrete Glaubensgestaltung der Menschen: Das war sein erklärtes Ziel.

Gleichzeitig wusste er – wie viele andere –, wie weit man in der konkreten Situation gehen konnte. Es war mitunter ein Balanceakt. Herausgekommen sind starke Bilder, die für sich selbst sprechen, und bleibende Eindrücke: „Ihr sollt ein Segen sein“ beim 1. Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin. Oder die Agape-Feier an tausenden ein­gedeckten Tischen beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München. Jetzt sind wir auf dem Weg zum 3. Ökumeni­schen Kirchentag, der 2021 in Frankfurt stattfinden wird. Sein Leitwort heißt: „schaut hin“.

Neben den beiden Ökumenischen Kirchentagen fanden in seiner Amtszeit insgesamt acht Deutsche Katholiken­tage statt. Sie erstreckten sich geographisch von Ham­burg bis Regensburg, von Leipzig bis Saarbrücken. Vom programmatischen „Suche Frieden“ in Münster bis hin zu dem fast beschwörenden Leitwort des Katholikentags in Mannheim: „Einen neuen Aufbruch wagen“.

Synodaler Weg

Tatsächlich hat sich Stefan Vesper um „heiße Eisen“ nie gedrückt: Im Missbrauchsskandal, der die Kirche in den letzten Jahren zutiefst erschüttert hat, stand ganz oben auf seiner Agenda die schonungslose Aufklärung. Für Stefan Vesper war sehr schnell klar, dass mit diesem Skandal und seiner jahrelangen Tabuisierung zugleich ein fundamentales Glaubwürdigkeitsproblem der Kirche ein­herging. Die einzige Lösung war, dass jetzt alle Dinge auf den Tisch gehörten. Auch wenn es schmerzte. Dass das ZdK die Einladung (oder sollte man sagen: den Hilferuf?) der Deutschen Bischofskonferenz annahm und sich jetzt gemeinsam mit ihr auf den Synodalen Weg macht, war für Stefan Vesper in seiner letzten Vollversammlung in gewisser Weise das vielleicht größte Geschenk. Wichtig ist ihm beim Synodalen Weg, dass alles auf die Tagesord­nung gehört: Der immer lautere Ruf der Frauen nach vol­ler Gleichberechtigung genauso wie die weit verbreitete Kritik am Zwangszölibat für Männer.

Seine erste „Großbaustelle“ war die von „donum vitae“. Drei Wochen nach seinem Amtsantritt wurde der Verein ge­gründet – wohl gemerkt: außerhalb des ZdK. Das Ziel des Vereins war und ist es, dass Schwangere weiterhin auch nach dem von Rom erzwungenen Ausstieg aus der Schwan­gerenkonfliktberatung im Umfeld der katholischen Kirche Beraterinnen finden, von denen sie sich ergebnisoffen be­raten lassen können. Ein Mitglied des ZdK hat das damals wie folgt auf den Punkt gebracht: „Wir stehen am Ufer und sehen, dass Menschen in Seenot sind. Wir müssen uns ent­scheiden: Sollen wir weiter zusehen, oder fahren wir hinaus zu ihnen und versuchen, sie zu retten?“ Nach leidenschaftli­cher Debatte stimmte damals eine breite Mehrheit der ZdK-Vollversammlung für das Rettungskonzept – und man begab sich in offenen Widerspruch zu Papst Johannes Paul II., der den Ausstieg angeordnet hatte.

Viele Skeptiker gaben „donum vitae“ maximal ein oder zwei Jahre. Doch sie sollten sich gründlich täuschen: Der Verein besteht inzwischen 20 Jahre lang. Die ersten Kinder, deren Mütter in einem Schwangerschaftskonflikt bei „donum vitae“ um Rat suchten und die letztlich „ja“ gesagt haben zum Kind, haben inzwischen das Erwach­senenalter erreicht. Der Verein leistet auch nach Auffas­sung der zuständigen Bundesbehörden hervorragende Ar­beit und hat inzwischen 210 Niederlassungen quer durch die Republik. Ach ja: Die Bischöfe haben im vergangenen Jahr ihr Kriegsbeil nun auch offiziell begraben. Was wie­derum beweist, dass man in der Kirche mitunter einen sehr langen Atem haben muss.

Dankeschön!

20 Jahre ist Stefan Vesper Generalsekretär des ZdK – und diese Rolle ist ihm gewissermaßen wie auf den Leib ge­schneidert. Er tut das wohltuend geräuschlos, immer vo­rausschauend und vor allem mit großer Umsicht. Stefan Vesper hat drei Präsidenten gedient: Prof. Dr. Hans Joa­chim Meyer aus den damals noch „neuen Ländern“, Alo­is Glück aus Bayern und Prof. Dr. Thomas Sternberg aus Nordrhein-Westfalen. Beim ZdK sind der Präsident und seine Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten ehrenamt­lich tätig. Gleichzeitig können sie auf einen Stab zurück­greifen, der ausgezeichnet arbeitet. Das „Scharnier“ zwi­schen beiden ist der Generalsekretär Dr. Stefan Vesper. Hier läuft alles zusammen.

Das Team der Geschäftsstelle liegt ihm besonders am Herzen. Und nicht wenige der hauptamtlich Mitarbeiten­den haben nach dem Ausscheiden aus dem ZdK an an­derer Stelle Karriere gemacht. Das ist auch ein Verdienst von Stefan Vesper.

Stefan Vesper hat ziemlich genau 114 Salzkörner-Editori­als geschrieben. Wahrscheinlich gibt es kaum einen Be­reich, über den er sich noch nicht Gedanken gemacht hat. Nur ein paar Kostproben: Schon 2005 setzte er sich mit „Europa im Gegenwind“ auseinander. Das war – aus heu­tiger Sicht – fast schon prophetisch. 2006 stellte er sich und uns die bange Frage „Jugendliche ohne Chancen?“ 2012 ging er mit sich selber ins Gericht, weil in einer Aus­gabe alle Artikel von Männern und keiner von einer Frau stammte. Es sollte nicht wieder vorkommen. Schließlich widmete er sich 2016 der sogenannten „postfaktischen Politik“. Vespers Stellungnahme fiel ziemlich hart und für seine Begriffe sehr eindeutig aus: „Das ist eine radikal andere Vorstellung als die der Katholischen Soziallehre, die nach Sehen, Urteilen und Handeln vorgeht.“ Auch das ist heute noch ein starker Text, der leider nichts von sei­ner Sprengkraft eingebüßt hat.

Wir werden Stefan Vesper ernsthaft vermissen. Seine Einwürfe, die klug geschliffenen Reden und seine ehrli­che Zugewandtheit zu den Menschen, auch solchen, die ernstlich krank waren oder die am Rande standen. Über beides hat er nie viel geredet. Er war einfach da, wenn man ihn brauchte. Noch etwas: Er konnte aus dem Steg­reif heraus reimen. Und zwar nicht irgendwelche „Knit­telverse“, sondern mitunter beinahe poetisch. Auch das werden wir vermissen.

Seinen Nachfolger hat er bereits vorgestellt. Er heißt Marc Frings, kommt von der Konrad-Adenauer-Stiftung und seine letzte Station war Ramallah im Westjordanland. Wir sind gespannt und freuen uns auf die Zeit mit ihm. Bei Dr. Stefan Vesper bedanken wir uns sehr herzlich für sein großartiges Wirken im ZdK und wünschen ihm einen guten Un-Ruhestand!

 

 

Autor: Dr. Christoph Braß Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

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