Salzkörner

Freitag, 29. Juni 2018

Aktuell und politisch

Eine kurze Bilanz des Katholikentags in Münster

Nicht nur die mehr als 90.000 Teilnehmer – seit dem Berliner Katholikentag 1990 sind nicht mehr so viele gekommen – haben diesen 101. Deutschen Katholikentag in meiner Heimatstadt Münster zu einem besonderen gemacht. Vielmehr war es auch die Qualität und Dichte des Programms mit seinen politischen und kirchlichen Themen, den liturgischen und geistlichen Angeboten, den Festen und nicht zuletzt einem profilierten Kulturprogramm mit mehr als 300 Veranstaltungen.

Es würde den Rahmen dieser Bilanz sprengen, wollte ich auf alle Aspekte eingehen, und ganz sicher müssen wir im Zentralkomitee auch manch kritische Rückmeldung noch einmal bewerten. Trotzdem werde ich hier versuchen, meine Bilanz in sechs Thesen zusammenzufassen:

1. Mit seinem Leitwort "Suche Frieden" war der Katholikentag so aktuell wie selten.

Das Leitwort "Suche Frieden" hat mit seiner kaum vorhersehbaren Aktualität den Katholikentag geprägt. Durch die unmittelbar vor der Eröffnung bekannt gewordene Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, das Atomabkommen mit dem Iran aufzukündigen, drohen der krisengeschüttelten Region im Nahen Osten neue Unsicherheiten. Die aktuelle, innergesellschaftliche Kontroverse zum bayerischen Kreuzerlass hat das Verhältnis von Staat, Kirche und Gesellschaft auf den Prüfstand gestellt. Und der gerade offensichtlich gewordene Streit unter den deutschen Bischöfen über die Zulassung evangelischer Ehepartner zum Kommunionempfang, warf ein schlechtes Licht auf die Diskussionskultur unter den Hirten. Es sind drei Beispiele aus völlig unterschiedlichen, aber aktuellen Zusammenhängen. Jedes von ihnen hat die Aktualität des Leitwortes unterstrichen: Die Suche nach Frieden ist nie abgeschlossen. Darüber hinaus hat der Katholikentag deutlich gemacht, dass Frieden etwas ist, was die Menschen in der Gesellschaft, gerade auch in ihrer nächsten Nähe und für sich selbst suchen. Nicht umsonst war der meistgenannte Begriff bei der Internetabstimmung im Rahmen der Eröffnung "Familie". Ich finde deshalb: "Suche Frieden" – das Leitwort als Regel für ein gelingendes Leben nach Psalm 34 und als ein persönliches Eingeständnis "Ich suche Frieden" hat einen Nerv getroffen. Durch die erstmalig erprobte Konzentration auf das Leitwort im Vorfeld der Themenformulierungen war das Motto alles andere als bloße Verpackung.

2. Es war ein hochpolitischer Katholikentag.

Alle Diskussionsveranstaltungen waren durchweg gut oder sehr gut besucht. "Suche Frieden" – das Leitwort hat dabei auch die Atmosphäre auf den Podien bestimmt: Der Ton war eher nachdenklich als kämpferisch, eher fragend als bestimmend. Katholikentagsteilnehmer sind nicht auf der Suche nach einfachen Antworten, sondern nach differenzierter Argumentation und respektvoller Auseinandersetzung. Herausragende Beispiele dafür waren die Veranstaltungen mit dem Bundespräsidenten, der Bundeskanzlerin und dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos. Beispiele sind aber auch viele Podien, die andere Themen aufgriffen, die die Menschen bewegen: Ich nenne nur die Veranstaltung zur Frage "Wie gerecht ist Deutschland?". Dass Kirche auch politisch ist, das hat sich beim Katholikentag in Münster vorbildlich widergespiegelt.

3. Es war ein Katholikentag des interreligiösen Dialogs und der Ökumene.

In einer Zeit, in der die Religionen vordergründig oftmals als Ursache für Konflikte und Kriege herhalten müssen, ist der Dialog besonders wichtig. Der Katholikentag in Münster ist diesem Anspruch gerecht geworden. Allein schon in der Systematik hat er Zeichen gesetzt: Dadurch, dass die Themen zum Dialog der Religionen mit denen aus (katholischer) Kirche und Theologie in einem Bereich zusammengefasst waren, wurde ihr Stellenwert zusätzlich betont. Nicht nur die aktuell ins Programm aufgenommene Veranstaltung zur Füllung des "Weißen Fleck" hat gezeigt, dass die Katholiken bereit sind, sich aktiv gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zu stellen.

Ein herausragender Ausdruck der ökumenischen Dimension war der Zentrale Ökumenische Gottesdienst im Dom. Dieser hatte einen sehr innovativen Ansatz, den ich mir auch von vielen Gesprächen in der Ökumene wünschen würde. Hier traf man auf die vielen Gäste und Glaubensgeschwister aus den anderen christlichen Kirchen. Das zeigt: Die Ökumene ist kein Auslaufmodell, sie bleibt nicht zuletzt angesichts der 40 Prozent gemischtkonfessioneller Eheschließungen und dem Leben in den Gemeinden vor Ort dringlich.

4. Der Katholikentag hat das junge und frische Gesicht der Kirche gezeigt.

Die katholische Kirche hat in den vergangenen Monaten nicht mit positiven Schlagzeilen geglänzt. Der Katholikentag hat hier einen Kontrapunkt gesetzt: Er hat das frische und aufgeweckte Gesicht der Kirche gezeigt und herausgestellt, welche Potentiale in ihr stecken, jenseits von Finanzskandalen und Missbrauchsfällen. Es waren keine verschüchterten Schafe, die sich hier getroffen haben, sondern ein selbstbewusstes Gottesvolk, das zu den Themen dieser Zeit Stellung nahm und dabei das Feiern und das Gebet nicht vergessen hat. Auch im Gottesdienst – die Liturgien hatten Vorbildcharakter, sie waren ausdrucksstark, tief, spirituell und zeigten eine ganze Reihe neuer Akzente. Die Großgottesdienste waren keine Aktionen auf einer Bühne mit Zuschauern, sondern vermittelten das Erlebnis einer Gemeinschaftsfeier.

5. Münster hat dem Katholikentag gutgetan – und der Katholikentag Münster.

"Suche Frieden" – in einer Stadt wie Münster mit ihrer Geschichte als Ort des Westfälischen Friedens war so ein Leitwort folgerichtig. Die Stadt und ihre Menschen haben den Katholikentag aber auch auf andere Weise geprägt: durch Engagement, Gastfreundschaft und Freundlichkeit. Der Katholikentag hat sich in Münster gut aufgehoben gefühlt – dafür möchte ich allen Beteiligten in Stadt und Region danken. Gleichzeitig hat der Katholikentag aber auch Münster neue Impulse geliefert, die Stadt bereichert – im immateriellen wie auch im materiellen Sinne. Der Katholikentag und Münster sind hier eine perfekte Symbiose eingegangen. Allein schade ist, dass die Menschen hier 88 Jahre darauf warten mussten.

Ein großer Dank gebührt in diesem Zusammenhang dem Bistum Münster. Der Trägerverein legte den organisatorischen Grundstock für die erfolgreiche Durchführung. Die Haupt- und Ehrenamtlichen in Gemeinden und Bistum haben das Ereignis zu ihrer Sache gemacht. Vor allem dadurch, dass sie die Menschen vorbereitet, neugierig gemacht haben, konnten wir eine so große und engagierte Beteiligung verbuchen.

6. Es war ein fröhlicher und beschwingter Katholikentag.

Der Katholikentag in Münster war fröhlich und hatte als Grundstimmung eine heitere Gelassenheit. So brachte der Abend der Begegnung fast italienisches Flair in die Innenstadt. Überall war Musik zu hören, es wurde gesungen und mitgeklatscht, nicht nur bei den großen Konzerten der "Alten Bekannten" und dem großen Chorkonzert auf dem Domplatz sondern auch bei den vielen kleinen Anlässen, dem "Katholikentag unplugged" in den Straßen von Münster und bei manchem spontanem Singen im Bus zum Nachtquartier.

Einen besonderen Dank verdienen die Journalisten. Die Kommunikationsbreite war vorbildlich, die Pressearbeit sehr gut und die Berichterstattung fair und sachlich, manchmal schien auch die Begeisterung jener Tage durch. Als Beispiel dafür möchte ich aus einem der zahlreichen, fast durchweg positiven Pressekommentare zitieren. Joachim Frank zieht im Kölner Stadtanzeiger eine Bilanz, die ich nur unterstreichen kann: "Den Frieden zu finden, das wäre wohl zu viel verlangt von einem Katholikentag. Aber mottogetreu danach gesucht haben die Teilnehmer im westfälischen Münster. Und sie haben etwas gefunden. Ein westfälisches Feeling. Es war der zugleich engagierteste und entspannteste, der fröhlichste und forderndste, politisch wachste und kirchlich entschiedenste Katholikentag seit langer Zeit. … Ohne Zweifel haben die aktuellen Krisen den Imperativ  'Suche Frieden' des Katholikentags intensiviert. In Münster haben die Christen gezeigt, dass Politik sie etwas angeht. Für einen Wohlfühl-Katholizismus sind die Zeiten zu ernst. Zu bewegt aber auch für eine Tiefkühl-Kirche, die ihr Heil in der Erstarrung sucht."

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Prof. Dr. Thomas Sternberg Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

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