Salzkörner

Montag, 29. Oktober 2001

Altes Testament

Auge um Auge, Zahn um Zahn
Über den ursprünglichen Sinn eines antijüdischen Klischees

Wie weit verbreitete und tief sitzende Klischees das Urteilsvermögen fehlleiten, dafür geben Kommentare zu den jüngsten Terrortaten das Beispiel. "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ist keine Rache-Formel, sondern die Formulierung für die ausgewogene Rechtsprechung im Israel des Alten Testaments.
Wenn israelische Politiker und Militärs auf terroristische Bomben und Selbstmordattentäter mit Gegenschlägen reagieren, heißt es bei uns in vielen Kommentaren, das entspreche dem typisch "alttes- tamentarischen Racheprinzip" nach der Formel "Auge um Auge" ("alttestamentarisch" statt "alttestamentlich" ist übrigens Nazisprache). Und wenn nach dem 11. September dieses Jahres bei der Diskussion über den notwendigen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus zu Recht das Prinzip Vernunft gegen die Irrationalität der Rache eingefordert wird, bemühen viele gerne das Alte Testament als Kontrast- und Schreckensfolie.
Ulf Poschardt hat beispielsweise am 23. September auf der Titelseite der Welt am Sonntag in einem Kommentar mit der Überschrift "Vernunft statt Rache" unter anderem geschrieben: "Das Bedürfnis nach Vergeltung ist menschlich. Wie viele archaische Verhaltensmuster spürt man Rachegelüste auch als moderner Mensch in sich pochen, hat aber dank der Zivilisation gelernt, sie zu beherrschen. Mit modernem Rechtsempfinden hat diese Form der Vergeltung nichts zu tun. In Hollywood wird die Rache oft heroisiert und in ihrer wüsten Allgewalt inszeniert. Selbst in der Bibel, genauer im Alten Testament, finden sich mit dem Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn racheähnliche Gedanken."

Ein Quantensprung der rechtsgeschichtlichen Entwicklung

Es soll nicht bestritten werden, dass sich im Alten Testament Passagen finden lassen, in denen Rachegedanken durchschlagen oder durchzuschlagen scheinen. Aber die Formel "Auge um Auge, Zahn um Zahn" hat mit Rache nichts zu tun. Deshalb sollte man aufhören, diese Formel nach dem vorherrschenden Klischee weiterhin zu deuten und damit zugleich die beispielsweise bei den Nazis gezielt antijüdische Verwendung dieser Formel fortzuschreiben.
Die Formel "Auge um Auge, Zahn um Zahn" war zur Zeit ihrer Entstehung und ihrer juristischen Anwendung in biblischer Zeit genau das Gegenteil von Legitimation der Rache. Sie drückte vielmehr ein Rechtsprinzip aus, das nach meiner Meinung einen rechtsgeschichtlichen Quantensprung bedeutet: Das Prinzip der Angemessenheit und der Gleichheit aller vor dem Recht. Allerdings darf man dabei die Formel nicht so gebrauchen, wie dies umgangssprachlich meist der Fall ist: Wie du mir, so ich dir.
Beeinflußt ist dieses Vulgärverständnis der Formel durch die Bergpredigt des Matthäusevangeliums, wo es in der fünften der sogenannten Antithesen (eine unglückliche Bezeichnung!) heißt: "Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Auge um Auge und Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Wehrt euch nicht gegen den Bösen, sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin. Und wer mit dir vor Gericht gehen will und dir dein Untergewand nehmen will, dem laß auch den Mantel ..." (Mt 5,38-40).

Der Textzusammenhang lässt den Rechtsfortschritt erkennen

Meist wird gesagt: Jesus fordere hier Verzicht auf Rache, wie sie das Alte Testament fordere. Er verlange Gewaltverzicht als Zeichen der Friedensbereitschaft und der die Gewalt überwindenden Liebe. Der jüdische Gott der Rache werde hier durch den christlichen Gott der Liebe überwunden. Das ist nicht der präzise Sinn von Mt 5,38ff. Dieser ist vielmehr: Jesus fordert in metaphorischer Sprache vom Geschädigten sowohl den Verzicht auf Vergeltung als auch auf Wiedergutmachung, wie Mt 5,40 unterstreicht, sogar den Verzicht darauf, das zugefügte Unrecht rechtlich zu klären durch Bestrafung des Täters und durch Schadenersatzregelung.
Das ist die radikale Forderung Jesu: Rechtsverzicht im Fall von Unrecht, um so die Spirale des Bösen durch die Liebe zu durchbrechen, wie dies auch im Römerbrief gefordert wird: "Laß dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute." (Röm 12,21). Das ist eine ethische Provokation, auf die sich nur wenige Individuen einlassen.
Und was ist mit Institutionen wie Staat und Kirche? Kann beziehungsweise darf der Staat auf die Durchsetzung der Rechtsordnung verzichten? Kann man dem Terrorismus "die andere Wange hinhalten" und darauf verzichten, sich gegen das Böse zu wehren? Vor dem Hintergrund solcher Fragen, die wir aus der vor Jahren geführten Diskussion über Gesinnungs- und Verantwortungsethik kennen, lässt sich verstehen, inwiefern ein Rechtsfortschritt gegeben ist, wenn diese Formel in ihrem alttestamentlichen Textzusammenhang betrachtet wird.

Es geht um das rechte Maß der Strafe und der Wiedergutmachung

Die Formel kommt dreimal im Alten Testament vor, und zwar in den drei Rechtsbüchern, die in der Bibelwissenschaft Bundesbuch (Ex 20,22-23,33), Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26) und Deuteronomisches Gesetzbuch (Dtn 5-26.28) heißen. Schon dieser Kontext legt nahe: Es geht hier um Fragen des Rechts. Es geht um die juristische Klärung von drei Fällen, die man als Präzedenzfälle beziehungsweise als Musterprozesse beurteilen kann: Angemessenheit der Wiedergutmachung im Falle von fahrlässig verursachter Körperverletzung (Ex 21,22-25), Angemessenheit der Schadenersatzleistung im Falle von Sachbeschädigung oder von vorsätzlicher Körperverletzung (Lev 24,17-22) und Entsprechung in der Strafzumessung im Fall von Meineid und dem vom Meineidigen beeidigten Verbrechen (Dtn 19,16-19) - alles also Problemfälle, mit denen sich auch unsere Gerichte befassen.
Im Alten Testament geht es an diesen Stellen immer um die Vorgabe, solche Fälle nach dem Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme" zu lösen. Dabei ist keine Verstümmelungspraxis gefordert (sie gab es in Israel nachweislich nie), sondern hier wird in metaphorischer(!) Sprache das Prinzip der Angemessenheit und der Gleichheit aller vor dem Recht formuliert, wie Lev 24,22 sogar ausdrücklich festhält: "Gleiches Recht soll für den Fremden wie für den Einheimischen gelten!"
Gegenüber der bis zur Einführung dieses Rechtsprinzips im 8.Jh. v.Chr. meist auch in der Umwelt Israels geübten Praxis war dieses Prinzip ein juristischer Meilenstein: Der Schaden, der "dem Auge" eines Sklaven zugefügt wurde, musste danach ebenso beurteilt werden, wie der Schaden, der "dem Auge" des Königs angetan wurde. Und der Meineid, der im Gerichtsverfahren gegen einen Kleinbauern geschworen wurde, war nicht weniger schlimm als der gegen einen Dorfältesten.

Die Formel ist Ausdruck der Forderung nach Ausgeglichenheit des Urteils

Dass die Formel meilenweit von Rache entfernt ist, zeigt die Textpassage in Ex 21,22-25, wo es um folgenden Fall geht: Zwei Männer geraten auf der Straße miteinander in Streit. Es kommt zu einer Schlägerei. Eine Frau, eventuell die Ehefrau eines der am Streit beteiligten Männer, stellt sich zwischen die Kampfhähne, um zu schlichten. Als Frau genoss sie eine gewisse Immunität. Es war schändlich, wenn einer der streitenden Männer auf die Frau einschlug. Aber es konnte relativ leicht geschehen, dass die Frau, während sie sich zwischen die Männer stellte, aus Versehen einen Stoß mit abbekam.
Im Normalfall dürften daraus keine schlimmeren Folgen entstanden sein, es sei denn, die Frau war schwanger. In einem solchen Fall konnte ein relativ harmloser Stoß auf den Unterleib zu schlimmen Folgen führen, wie beispielsweise zu einer Fehlgeburt - der Fall, der in Ex 21,22-25 juristisch abgehandelt wird. Dabei ist wichtig, dass es im Text heißt: "... dann sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn...". Es heißt nicht: "dann sollst du dir nehmen", sondern "dann sollst du geben ... Auge um Auge, Zahn um Zahn ..." Angeredet ist nicht der beziehungsweise die Geschädigte, sondern der Verursacher des Schadens. Es geht also um die Wiedergutmachung eines angerichteten Schadens, und zwar nach differenzierter Prüfung des Schadens (Auge, Zahn, Hand ...). Das hat mit Rache schlechterdings nichts zu tun, sondern mit Konfliktregelung auf dem Boden einer Rechtsordnung.

Gegen Rache, für Vernunft

Das Recht dient dem geordneten Zusammenleben, und seine Durchsetzung ist die Außenseite der Versöhnung. Es geht um Gerechtigkeit für Opfer und für Täter. Denn für den Täter fordert das Prinzip: Nur Auge für Auge, nur Zahn für Zahn ... Die Formel ist also eine Formel gegen die Rache und ein Prinzip des Rechts und der abwägenden Vernunft. Bei den derzeitigen Diskussionen sollte es um die Gegenwehr nach den Maßstäben des Rechts und im Dienste des Rechts gehen.

Autor: Prof. Dr. Erich Zenger, Ordinarius für Altes Testament an der Universität Münster, Mitglied im Gesprächskreis Juden und Christen beim ZdK

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