Salzkörner

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Arme Kinder – reiches Land

Dringend gesucht: Wege aus der Kinderarmut

Noch vor einigen Jahren bestanden Debatten zu Kin­derarmut vor allem aus Grundsatzdiskussionen, ob man überhaupt in Europa von “Armut” oder gar “Kinderarmut” sprechen kann. Inzwischen ist die Gesellschaft, auch dank fundierter Studien und engagierter Bücher, aufge­schlossener. Das Thema “Kinderarmut” steht regelmäßig politisch und medial auf der Tagesordnung. Mit einer Reihe von Bundesgesetzen, wie dem „Starke-Familien-Gesetz”, dem „Bildungs- und Teilhabepaket” usw. hat man versucht, die Problematik zu entschärfen. Initiativen vor Ort, Kommunalparlamente und Runde Tische haben sich des Themas mit ihren meist bescheideneren Ressour­cen angenommen und versucht, wenigstens einige Folgen der Armut zu lindern. Dabei ist längst klargeworden, dass dies alles, zusammen mit den bisherigen gesetzlichen Regelungen, nicht zu deutlichen Verbesserungen geführt hat. Neue Zahlen zeigen sogar eine weitere Verschlechte­rung benachteiligter Familiensituationen.

Waren es zunächst einzelne Organisationen, wie Cari­tas, Diakonie oder bundesweite Wohlfahrtsverbände, die selbst Studien in Auftrag gegeben haben, um ein Prob­lembewusstsein zu schaffen, so gibt es inzwischen Sozi­alberichte der Länder, genaue Statistiken und zahlreiche Analysen anerkannter Institute, die das Problem der Kin­derarmut beobachten. Aus der Fülle seien nur drei aktuel­le Perspektiven benannt:

Die Bertelsmann-Stiftung hat sich mit Kinderarmut ver­mehrt auseinandergesetzt. Sie attestiert jüngst, dass rund zwei Millionen Kinder in Deutschland in Armut leben –Tendenz weiter steigend. Ohne Hartz IV geht in diesen Familien nichts mehr. Für Städte wie Bremerhaven, Gel­senkirchen oder Berlin bedeutet das, dass mehr als jedes dritte Kind in Armut lebt.

Aus einer ganz anderen Richtung sind die Beobachtun­gen einer aktuellen Studie über “Regionale Einkommens- und Kaufkraftarmut”. Die Studie bestätigt die Wahrneh­mung vieler sozialer Organisationen, dass es in bisher statistisch eher unauffälligen Regionen und Städten ganz erhebliche Armutsrisiken gibt. Abweichend von früheren Studien mit absoluten und bundesweiten Durchschnitts­zahlen, sind nun die regional ganz verschiedenen Kauf­kraft- und Preisindizes gewichtet worden und so für Städ­te wie Köln, Nürnberg oder Bonn kritische Armutsrisiken belegt. – Statt nach klassischer Berechnung 10 Prozent Armutsquote sind z. B. für München nun 18,3 Prozent er­rechnet, was wesentlich von den Wohnkosten in diesen Städten beeinflusst wird.

Schließlich muss bei der Kinderarmutsbekämpfung auch der schulische Erfolg ein wichtiger Indikator sein. Diese Zahlen werden regelmäßig bundesweit durch die Caritas ausgewertet. In diesem Jahr zeigen sie, dass die Quote von Schülern ohne Abschluss bundesweit von 5,9 Prozent im Jahr 2015 auf 6,9 Prozent 2017 gestiegen ist. Auch in den Bundesländern und in den meisten Kreisen und kreis­freien Städten sind die Quoten angestiegen, allerdings auf unterschiedlichem Niveau. Zwar beeinflussen Zuwan­derungseffekte die Zahlen mit, doch zeigen die Zahlen erneut, dass das Ziel einer armutsfesten Bildungspolitik noch lange nicht erreicht ist, wenn bundesweit mehr als jeder zwanzigste Schüler und in manchen besonders ein­kommensarmen Regionen mehr als jeder achte Schüler ohne Abschluss bleibt.

Es geht um Geld  – und mehr

Längst haben sich Runde Tische und viele Institutionen und Verbände intensiv mit der Armut von Kindern und Familien befasst. Ihre Vorschläge und Projekte blicken in­zwischen viel mehr auf “Teilhabe” als auf “Armut”, denn es sind nicht ausschließlich monetäre Themen, sondern viele andere Nöte, die Kinder und Familien “arm” sein las­sen.  Entsprechend darf es nicht ausschließlich um finan­zielle Mittel zur “Alimentierung” gehen, sondern ebenso um Chancen zur Partizipation. Es muss, wie die Studien zeigen, um das Portemonnaie gehen – aber es müssen möglichst viele Lebensbereiche, wie z. B. der Bildungser­folg und die Gesundheit, fest im Blick sein.

Gesellschaftlich bedeutet dies, dass nicht allein der Staat das Problem angehen muss. Teilhabe und die Wahrneh­mung von Armut und Benachteiligung, insbesondere von Kindern und Familien, ist unbedingt eine gesamtge­sellschaftliche Aufgabe. Es gilt zugleich wahrzunehmen, dass Armut von Kindern und Familien ein Abbild einer gespaltenen Gesellschaft ist, in der auch nach aktuells­ten Trends das Vermögen höchst ungerecht verteilt bleibt. Die gesellschaftliche Schere schließt sich auch seit zehn Jahren trotz konjunktureller Höchstleistungen und trotz zurückgehender nomineller Arbeitslosigkeit nicht. Die Hans-Böckler-Stiftung errechnet, dass die reichsten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung über ca. 56 Prozent des gesamten Vermögens verfügen, und dass bei der ärmeren Hälfte der Bevölkerung nur 1,3 Prozent am ge­samten Vermögen verbleiben. Auch im internationalen Vergleich und bei Abzug von Sonderentwicklungen bleibt dieser Unterschied ausgesprochen hoch.

Wie könnte bessere Teilhabe gelingen?

Aus der Erfahrung der vergangenen Jahre – auch mit teils wenig wirksamen Instrumenten – lassen sich dennoch gute Ansätze ableiten. Natürlich gehört das fehlende Geld zu den problematischsten Faktoren. Bis heute bleibt es untragbar, dass es angesichts der familienunfreundli­chen Hartz IV-Regeln keine eigenständige Kindergrund­sicherung gibt. Es wird höchste Zeit, für Kinder einen ei­genständigen angemessenen Grundsicherungsanspruch zu definieren. Zumal in der Fülle familienpolitischer Inst­rumente nur ein bescheidener Teil der Mittel bei den be­dürftigen Familien ankommt. Deshalb gehören in staatli­cher Verantwortung auch wesentlich bessere schulische Unterstützung sowie Gesundheits- und Entwicklungsför­derung zu den vorrangig zu lösenden Herausforderungen im Engagement gegen Kinderarmut.

Gute Erfahrungen mit einem zielgenauen Einsatz begrenz­ter Mittel machen lokale Initiativen, wie Familienfonds, die sich begrenzte Aufgaben setzen und damit systemi­sche Hilfen verbinden. Seit einigen Jahren verstärken Fonds und andere solidaritätsorientierte Projekte neben den Nothilfen auch vielfältig eine direkte Teilhabeförde­rung. Dabei geht es um Sport- und Schwimmkurse, um Schulunterstützung, Koch- und Mahlzeitenprojekte und Ferien- oder Freizeitförderung. Denn all das sind schmerz­liche Teilhabegrenzen, die viele benachteiligte Kinder im Alltag erleben, die sie mittel- und langfristig von Chancen abschneiden und wichtige Erfahrungen und Kompetenzen für ihr Leben verhindern.

... und die Orte der Kirche?

Eine katholische Kirche, die gerade mit synodalen Pro­zessen, Sendungsraumbildungen und Perspektivfragen befasst ist, sollte dabei keineswegs nur ihre eigene Ge­stalt suchen. Vielmehr muss es ihr um die zentrale Frage gehen, wo künftig ihr Ort in der Gesellschaft sein soll. Wir sprechen heute von vielfältigen “Orten der Kirche”, weil es künftig nicht mehr um den Kirchturm allein gehen kann. Künftig muss es um all die Orte gehen, an denen Christen sich für Andere erkennbar machen und wo ihr Glaube spürbar und im Alltag als Frohe Botschaft für die Menschen relevant wird.

In diesem Orientierungsprozess steckt eine großartige Chance, dass Gemeinden sich ganz bewusst wieder auf solche “Orte” und Strukturen konzentrieren, an denen sie Teilhabe für benachteiligte Menschen realisieren können. Kindertagesstätten, Begegnungsräume in neuen Stadt­teilen, zu denen z. B. auch eine Sozialberatung gehören könnte, verschiedenste Caritaseinrichtungen oder Solida­ritätsnetzwerke bieten diese Chance, wenn sie aufmerk­sam wahrnehmen und berücksichtigen, wie die Lebens­verhältnisse der Menschen und ggf. ihre Armut wirklich sind. Solche inkludierenden Orte, zu denen es längst gute Beispiele vom Mittagstisch bis zum Familienzentrum gibt, können wertvolle Bindeglieder zwischen Gemeinden und solchen Familien bilden, die an den Rand gedrängt sind. Mehr teilhabeorientiertes Engagement für Familien und damit Engagement gegen Kinderarmut würde sich dop­pelt auszahlen. Zuallererst natürlich für die Zukunft dieser Kinder und der Gesellschaft. Zugleich aber auch für die Glaubwürdigkeit einer Kirche, die sicher mit einer echten Orientierung am Alltagsleben der Menschen und beson­ders der Benachteiligten auch einen Teil ihrer eigenen Sinn-  und Strukturkrise überwinden kann.

 

Autor: Jean-Pierre Schneider Direktor des Caritasverbands für die Stadt Bonn

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