Salzkörner

Montag, 5. Juli 2004

Beten und Arbeiten

Katholikentage sind fromm – das ist gut so.
Katholikentage sind aber auch politisch: Orte des
Dialogs und des ernsthaften Ringens um die Themen der Zeit. Ihre Antworten passen nicht in parteipolitische Schubladen, ihre Positionen sind für Überraschungen gut.
Wer hätte gedacht, dass ein Verfassungsrichter den Ulmer Katholikentag nutzt, um die so genannten Hartz-Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit zu überprüfen? Ihm erschließe sich "bisher noch nicht", ob die Umsetzung der nächsten Stufe der Reformgesetze "mit der Überführung von wenigstens einer Million Menschen in die ‘Sozialhilfe’ den verfassungsrechtlichen Vorgaben gerecht" werde, so Siegfried Broß in Ulm. Können die Eigenleistungen, die die Betroffenen zum Teil über Jahrzehnte in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, in einem auf Vertrauen und Beitragsgerechtigkeit aufbauenden Sozialstaat von heute auf morgen abgeschrieben werden? Oder sollte die Bezugsdauer der Arbeitslosenhilfe nach der Dauer der Beitragszahlung gestaffelt werden, wie es Hermann Kues, Sprecher des ZdK für gesellschaftspolitische Fragen, kurz nach dem Katholikentag angeregt hat? In jedem Fall stellt die Sanierung des Bundeshaushalts aus Mitteln der Bundesanstalt für Arbeit einen Missbrauch von Beitragsleistungen dar.
Auf Katholikentagen treffen sich Menschen, die Politik daran messen, ob sie die Menschenwürde sichert, Beziehungsfähigkeit schützt und dem Gemeinwohl dient. Es treffen sich Menschen, die unbequeme Fragen stellen und neue Antworten suchen.
Gut, dass Katholikentage auch politisch sind.

Autor: Stefan Vesper

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