Salzkörner

Freitag, 29. Juni 2018

CAR€ oder Nächstenliebe?

Kirchliche Pflegeeinrichtungen im Markt

Die Tradition, dass diejenigen, die andere pflegten, eigenes Geld und eigene Zeit einbrachten, ist nicht zu Ende, aber neben ihr hat sich seit Einführung der Pflegeversicherung ein neues Interesse an der Pflege etabliert: Man kann heute mit Pflegeeinrichtungen Geld verdienen. Sie sind zu einer attraktiven "Assetklasse" geworden, wie es in der Investorensprache heißt. Die Sorge für andere kann jetzt auch als "CAR€" bezeichnet werden, wie der Titel eines einschlägigen Fachmagazins zeigt. Das Eurozeichen im Titel ist kein Druckfehler, sondern Programm.

Im vergangenen Jahr wechselten bei den drei größten Transaktionen auf dem deutschen „Pflegemarkt“ mehr als 20.000 Pflegeplätze im Wert von ca. zwei Mrd. Euro den Besitzer. Sie gehören heute  Private-Equity-Unternehmen mit Sitz in Paris, auf den Kanalinseln und in Los Angeles. Sie müssen Profit generieren. Dieses Ziel benennt die französische Korian AG, ein weiterer großer "Player" im deutschen Pflegemarkt, in ihren "Schlüssel-Botschaften" (Key Takeaways 2016) als: "best in class profitability" und "value for our shareholders". Um dies  zu erreichen, will man weiter wachsen: "Grow our market share in European senior care services market." Begleitet wird diese Strategie von Lobbyverbänden, die nicht müde werden zu betonen, dass ohne Wettbewerb und gewinnorientierte Pflegeunternehmen die pflegerische Versorgung alter Menschen heute und in Zukunft undenkbar sei. Inzwischen werden 42 Prozent der stationären Pflegeheime durch private Betreiber geführt (2015). Noch wird zwar der überwiegende Teil alter Menschen in freigemeinnützigen Einrichtungen betreut – aber der Trend könnte sich umkehren.

Kirchliche Einrichtungen: jetzt verkaufen?

In den vergangenen Jahren rieten manche innerkirchlichen Stimmen dazu, sich auf das "Kerngeschäft", d. h. die Gemeinde, die Liturgie, das Ehrenamt und die Hilfe für die "wirklich Armen" zu konzentrieren und die großen caritativen Einrichtungen eher dem Gesundheits- oder Pflegemarkt zu überlassen, der diese Aufgaben ja auch schultern könnte. Der katholische Psychiater Manfred Lütz und der evangelische Gesundheitsökonom Stefan Fleßa legten ähnliche Argumentationen vor. Wenn die Kirchen ihnen folgen wollten, gilt: Noch nie war die Gelegenheit so günstig, sich von den Altenheimen der Caritas oder Diakonie zu trennen. Die Investoren stehen bereit. Warum zögern wir, die kirchlichen Altenheime in die Hände von Finanzinvestoren zu geben?

Grund zum Zögern: Qualität

Einen guten Grund findet das Zögern darin, dass dem Qualitätsanspruch der Hochglanzprospekte die Wirklichkeit nicht standzuhalten scheint. In einer Studie der D&S Healthcare, die nicht im Verdacht steht für die freigemeinnützigen Pflegeeinrichtungen zu sprechen, heißt es: "Neben den vieldiskutierten Pflegenoten gibt es weitere Qualitätsmerkmale, z. B. Anlassprüfungen des MdK, die z. B. durch Beschwerden ausgelöst werden können. Ihr Anteil ist bei den privaten Anbietern sehr hoch (max. 13,4 Prozent). Der Anteil der freigemeinnützigen und kirchlichen Betreiber unter den Top 20 liegt durchschnittlich bei 0,9, der Bundesdurchschnitt bei 3,9 Prozent." (D&S Healthcare: Konsolidierung im Pflegeheimmarkt nimmt weiter zu – große Unterschiede zwischen privaten und gemeinnützigen Betreibern bei Auslastung, Qualität und Preis. Frankfurt am Main 2016). Ohne freigemeinnützige oder kirchliche Träger "heiligsprechen" zu wollen, die großen Pflegeskandale der vergangenen Jahrzehnte fanden nur zu einem geringen Bruchteil in ihren Mauern statt. Dass die gewinnorientierten Betreiber die Spitzenreiter in Sachen Pflegequalität wären, lässt sich über alle Einrichtungen hinweg schwerlich behaupten. Dass nicht wenige einzelne private Betreiber hervorragende Arbeit leisten, soll damit nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Grund zum Zögern: Personal

Einen weiteren Grund hätte das Zögern im Blick auf das Personal. Im ZDF-Jahresrückblick 2017 saß der Pflegeschüler Alexander Jorde neben dem Parteivorsitzenden Christian Lindner auf der Couch und erklärte ihm: "Der größte Klinikkonzern in Deutschland, Helios, hat im Jahr 2016 über 500 Mio. Gewinn erwirtschaftet … auf Kosten der Pflegenden, wenn man das umrechnet sind das 10.000 Pflegekräfte, die man dringend bräuchte. Und wo landen diese 500 Mio Euro … bei ganz wenigen, die sehr viel Geld haben. … Es gibt ganz viele Unternehmen, wo man sich beteiligen muss, und das muss nicht im Gesundheitswesen sein …" So einfach diese Rechnung ist, so wahr ist sie. In Pflegeeinrichtungen ist das Personal der größte Kostenfaktor, also lässt sich dort durch Einsparungen am meisten Gewinn erzielen.

Das ständige Klagen über die schlechte Bezahlung und mangelnde Personalausstattung beschädigt das Image des Pflegeberufs massiv. Aber die Klage über zu niedrige Bezahlung hat keinen Grund in der Entlohnung der Caritasmitarbeitenden. Der Caritasverband für die Diözese Regensburg hat auf seiner Webseite einen Vergütungsvergleich zwischen dem Altenpflegeberuf und dem Beruf eines Mechatronikers durchgeführt. Fazit: "Die Fachkraft in der Altenpflege in Bayern verdient bei der Caritas durchschnittlich knapp 3.300 Euro im Monat. Dies entspricht gegenüber dem Branchenschnitt der Altenpflege in Bayern einem Plus von etwa 10 Prozent. … Im Vergleich zu anderen Berufen, auch zum Mechatroniker, liegt die Pflegefachkraft bei der Caritas mindestens gleichauf." (https://www.caritas-regensburg.de/cms/contents/caritas-regensburg.d/medien/dokumente/pflege-verguetungsve/pflege-verguetungsvergl.pdf?d=a). Für die Pflegenden wirft die Privatisierung ihrer Einrichtung keinen Gewinn ab, erst recht nicht, wenn man die zum Teil deutlich geringere Personalausstattung von gewinnorientierten Heimen betrachtet.

Investieren in Menschenwürde und Gemeinwohl!

Wenn die katholische Kirche in Deutschland auf ihre Pflegeeinrichtungen schaut, hat sie das in der Vergangenheit häufig unter der Frage getan, ob sie noch genügend kirchlich geprägtes Personal für diese Aufgabe findet. Die Frage der Gegenwart und Zukunft ist, ob sie dem "Übergreifen von Märkten und marktorientiertem Denken auf Aspekte des Lebens, die bislang von Normen außerhalb des Marktes gesteuert wurden" (Michael Sandel), praktisch etwas entgegensetzen kann und will. Dan Ariely hat gezeigt, dass zwischen Marktnormen und sozialen Normen ein himmelweiter Unterschied besteht – weshalb es z. B. eine große Dummheit wäre, die Freunde, die einem beim Umzug geholfen haben, mit Geld zu entlohnen statt mit einem gemeinsamen Besuch in einer Pizzeria (Ariely, Dan: Denken hilft zwar, nützt aber nichts. München 2010). Es gibt in der Gesellschaft immer weniger Institutionen, die diesen Unterschied und seine Folgen wahrnehmen wollen. Die Kunst einer guten Altenhilfe besteht darin, trotz Wettbewerb, Pflegesätzen, Investitionskostenpauschalen und Tarifwerken den Geist dafür wach zu halten, dass gute Pflege nicht allein nach Marktnormen gesteuert werden kann. Hier kommt das christliche Bild vom Menschen, der nicht auf einen (Markt-)Wert reduziert werden darf, sondern Würde hat, ins Spiel. Soziale Normen basieren auf dem Wissen vom Geschenkcharakter des Lebens, von der Gnade, vom geschwisterlichen aufeinander Angewiesensein. Sie verpflichten zu Zuvorkommenheit, Rücksicht, Geduld, Barmherzigkeit und Selbstlosigkeit und Gerechtigkeit. In der Altenpflege wird sich in den kommenden Jahren entscheiden, wie wir mit Schwachen, Gebrechlichen, Demenzkranken und Sterbenden umgehen. Die Kirche(n) könnte(n) hier zu einem starken Gegenspieler gegen ausufernde, gewinngetriebene Marktlogiken und Marktnormen werden. Hier geht es um den Kern des Evangeliums: um Sorge für die Schwachen, um Gerechtigkeit für die Altersarmen, um Frieden für die Sterbenden und Lebensmut für Angehörige und Pflegende. Hier kann Kirche ein deutliches Zeichen des Widerspruchs gegen einen gefährlichen Trend setzen. Die Kirchensteuer- und Vermögenssituation vieler Diözesen geben der Kirche eine einmalige Möglichkeit, selber in ihre Altenhilfe zu investieren. Der Bedarf ist da. Wenn die Kirche und ihre Caritas sich offensiv für eine gemeinwohlorientierte, menschenwürdige Altenpflege einsetzen, müssen sie sich um begeisterte MitspielerInnen keine Sorgen machen.

 

 

 

 

 

Autor: Dr. Hanno Heil Dozent an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV), Vorsitzender des Verbandes katholischer Altenhilfe in Deutschland (VKAD)

zurück zur Übersicht