Salzkörner

Donnerstag, 9. April 2020

Corona: Eine Wertefrage?!

Die Verknüpfung der medizinethischen Perspektive mit individual- und sozialethischen Aspekten

Die aktuelle Corona-Pandemie ist nicht nur eine gesellschaftliche, politische und ökonomische Herausforderung, sondern wirft auch eine ganze Reihe ethischer Fragen, vor allem medizinethischer Natur, auf. In Großbritannien und den Niederlanden beispielsweise haben utilitaristische Abwägungen eine lange Tradition. Gemäß diesem Ansatz ist das ausschlaggebende Kriterium nicht der Einzelne, sondern der größtmögliche Nutzen für die größtmögliche Zahl. Entsprechend wurden in diesen Ländern Stimmen laut, keine extremen Schutzmaßnahmen gegen eine Corona-Epidemie zu ergreifen, sondern eine möglicherweise große Anzahl von Toten in Kauf zu nehmen, um so den ökonomischen Schaden und damit die gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen möglichst gering zu halten – diese Überlegungen wurden von den dortigen Regierungen aber inzwischen weitgehend wieder aufgegeben.

In der deutschen Gesellschaft steht dagegen eher der einzelne Mensch mit seiner Würde und Vulnerabilität (Verletzlichkeit) im Fokus ethischer Erwägungen. Entsprechend hat der Schutz jeder einzelnen Person (und damit auch jedes kranken und/oder älteren „Risikopatienten“) höchste Priorität. Ein streng tutioristisches (die sicherste Variante wird gewählt) Vorgehen, wie Kontaktverbote und Ausgangssperren, dienen genau diesem Ziel, wobei sich gleichzeitig die Frage aufdrängt, warum ein solch strenges Vorgehen zum Wohle schutzbedürftiger Personen in anderen Bereichen (z. B. im Umgang mit Alkohol) kaum auf gesellschaftliche Resonanz stößt. Gänzlich wird man aber auch aus dieser Perspektive nicht auf Folgenabschätzungen verzichten können: Beim Prinzip der Triage beispielsweise, das in Italien in manchen besonders betroffenen Gegenden angewendet wird, geht es darum, aus medizinischer Sicht abzuschätzen, welche/r PatientIn die größten Überlebenschancen hat.
Aber was sind hierfür ethisch gerechtfertigte Kriterien (Vorerkrankungen, das Alter oder eher die Lebenserwartung)? Wenn nicht genügend Intensivbetten zur Verfügung stehen, müssen die MedizinerInnen Entscheidungen treffen, wer ausreichend behandelt werden soll und wer nur mit absoluten Notmaßnahmen versorgt werden kann. Handlungsleitend sollten hier nicht finanzielle Möglichkeiten des einzelnen Patienten (z. B. als Privat-Patient), sondern Gerechtigkeitsabwägungen sein.

Solidarität erhält eine ganz neue Bedeutung

Neben der Frage nach der grundlegenden ethischen Perspektive sind in der aktuellen Lage individual- und sozialethische Aspekte miteinander verknüpft: der Schutz des Einzelnen vor Ansteckung (besonders von ÄrztInnen und Pflegekräften), eine verantwortliche Reduzierung persönlicher Kontakte oder die persönliche Prävention (wie Händewaschen). Die Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitssystems oder dessen ökonomischer Zusammenbruch sowie die Bewahrung des gesellschaftlichen Friedens sind ebenso zu bedenken. Die Aspekte verschränken sich aber, weil beispielsweise sehr junge Menschen offenbar nur ein minimales Risiko einer ernsthaften Erkrankung durch den Corona-Virus tragen, dennoch aber die massiven gesellschaftlichen Einschränkungen solidarisch für ältere und/oder kranke MitbürgerInnen mittragen sollten bzw. müssen.


Was bedeutet dies aus ethischer Sicht, wenn man auf andere Herausforderungen unserer Zeit blickt? Ließen sich dann beispielsweise in der Klimadebatte ebenfalls Zwangsmaßnahmen rechtfertigen, gerade auch gegenüber älteren Menschen, die von den Folgen des Klimawandels nicht mehr so stark betroffen sein werden wie Jugendliche?


Schließlich erhält auch die Solidarität eine ganz neue Bedeutung: zum einen, weil sie in einer Situation, in der viele auf sich allein gestellt sind, neu ins Bewusstsein rückt; zum anderen, weil sie ganz neu zu denken ist, wenn Solidarität eben nicht mit Nähe und Körperkontakt in Einklang steht, sondern im Rahmen eines „social distancing“ zu verstehen ist.

Autor: Alexander Flierl, Pastoralreferent in der Katholischen Hochschulgemeinde Regensburg; Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl, Professorin für Moraltheologie an der Universität Augsburg

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